Im Nebel

Ich möchte nicht wissen, wie viele faszinierende Sichtungen mir schon entgangen sind, weil ich achtlos an ihnen vorbei gegangen bin. Es gibt aber auch Wildtiere an Orten, wo man nie mit ihnen rechnen würde. Heute Morgen ging ich beispielsweise durch den Rathauspark.

Hier ziehen jeden Abend die Eisläufer ihre Runden. Es ist einer der frequentiertesten Plätze in Wien. Was würde man hier vermuten? Amseln, Kohlmeisen, in der Nacht vielleicht die eine oder andere Maus oder Ratte. Wie wahrscheinlich ist es, an diesem Ort folgende Aufnahme zu machen?

Waldohreule

Die Waldohreule schläft tief und fest hoch oben in der Baumkrone. Mit dem freien Auge ist sie kaum zu erkennen, und auch das Teleobjektiv hat im Nebel Schwierigkeiten. Den Kontrast habe ich nachträglich hochgedreht. Was macht dieses faszinierende Geschöpf im Zentrum der Stadt?

Die Natur passt sich an. Zuerst folgen Mäuse und Ratten dem Menschen, dann ziehen ihre Jäger nach. Jede Nische wird genützt. Umso wichtiger ist, dass wir der Natur nicht dazwischen pfuschen. Jeder Kammerjäger, der in den städtischen Parks Köderboxen ausbringt, sollte wissen, dass er damit auch den Eulen ihr Futter vergiftet. Die meisten Rodentizide werden schwer abgebaut, sie reichern sich an und wirken irgendwann auch bei größeren Tieren, die sich von vergifteten Nagern ernähren. Außerdem ist diese Form der Schädlingsbekämpfung nicht nachhaltig. Mit der Zeit werden die Mäuse und Ratten nur resistent. Gescheiter wäre es, Turmfalken, Eulen und Steinmarder auch in der Stadt zu unterstützen. Sie erledigen den Job viel besser, weil sie von der Evolution seit vielen Jahrtausenden dafür optimiert wurden, ihre Beutetiere zahlenmäßig in Schach zu halten.

Winter am Heustadelwasser

Heustadelwasser

Wer in unseren Breiten im Dezember Naturbeobachtungen machen möchte, muss seinen Ausflug gut planen. Nicht nur das Licht ist oft schlecht, auch die Natur macht Pause. Dafür hat die Stadt jetzt Saison, weil es hier wärmer ist als im Umland, und gerade die Wasservögel schätzen dieses bequeme Winterquartier.

Am Heustadelwasser im Wiener Prater sieht man zur Zeit nicht nur eine Vielzahl an Wintergästen, sondern auch zahlreiche Hobbyfotografen mit beeindruckenden Teleobjektiven, die nach geeigneten Motiven Ausschau halten.

Hier kann man neben den üblichen Stadtvögeln wie Stockente und Lachmöwe auch eine Gruppe von gut zwanzig Mandarinenten bewundern, deren buntes Gefieder im winterlichen Grau gut zur Geltung kommt.

Daneben scheinen sich die Gänsesäger von ganz Ostösterreich ein Stelldichein zu geben. Die Männchen haben ihr Prachtkleid angelegt und sind am dunklen Kopf von den graubraunen Weibchen leicht zu unterscheiden.

Mit etwas Glück sieht man einen blau leuchtenden Farbtupfer im Schilf sitzen. Das ist der Eisvogel, der sich hauptsächlich für das Geschehen unter der Wasseroberfläche interessiert. Im Heustadelwasser findet er nicht nur genug Fisch, um durch den Winter zu kommen. Die Beute bleibt auch in der kalten Jahreszeit zugängig, weil sich unter den Brücken selten eine geschlossene Eisschicht bildet.

Für die größeren Fische interessieren sich die Graureiher, die alle paar Meter im Wasser stehen oder sich vom nächsten Baum herab einen guten Überblick verschaffen.

Mit etwas Fantasie kann man am Heustadelwasser aber auch die Vergangenheit rekonstruieren. Im Westen wird Wien von einer Hügelkette begrenzt. Durch diese zwängt sich der Fluss zwischen Bisamberg und Kahlenberg, um sich anschließend in die Ebene zu ergießen. Von den zahlreichen Donauarmen sind heute nur noch Reste übrig wie die Alte Donau oder eben das im Plan orangerot markierte Heustadelwasser.

Stadtplan Wien
Quelle: OpenStreetMap

Die mittelalterliche Stadt lag früher am Wiener Arm, dort wo der Wienfluss mündet. Der Wiener Arm der Donau wurde über die Jahrhunderte hinweg zur Schifffahrtsrinne umgestaltet und heißt heute Donaukanal. Dahinter war Überschwemmungsgebiet, im Plan heller hervorgehoben. Der Bogen im Nordosten ist die Alte Donau, das frühere Flussbett.

Die expandierende Stadt wurde aber nicht nur hier in den Fluss hineingebaut. Zusätzlich gibt es noch eine Unzahl an Wienerwaldbächen, die aus dem umliegenden Hügelland in den Wienfluss und den Donaukanal münden. Im 19. Jahrhundert wurden diese Bäche, die den Unrat aus der Stadt transportierten, dann überbaut und in das Kanalsystem integriert.1 Einige Gründerzeithäuser, die damals errichtet wurden, stehen auf Holzpfählen wie in Venedig.

Das Ergebnis dieser Ingenieursleistungen ist, dass die Großstadt, die über Generationen hinweg immer weiter ins Wasser und in Überschwemmungsgebiete hinein gebaut wurde, heute besser vor Extremwetterereignissen geschützt ist als das Umland. Nach den Unwettern Mitte September war die Westbahnstrecke für drei Monate gesperrt und konnte erst diese Woche wiedereröffnet werden. Von den Schäden an der Bausubstanz in den Siedlungsgebieten und den Todesopfern ganz zu schweigen.

In Wien mussten nur einige U-Bahnstationen während der kritischen Phase mit Platten verschlossen und die betroffenen Linien kurzfristig stillgelegt werden. An der U-Bahnbaustelle bei der Pilgramgasse entstand erheblicher Sachschaden. Sonst ging das städtische Leben weiter wie gewohnt.

Der Hochwasserschutz wurde bei der Errichtung Wiens über die Jahrhunderte hinweg immer mitentwickelt. Einen der letzten Schritte, den Bau der Donauinsel, habe ich in den 1970er-Jahren miterlebt, und ich staune heute, wie sehr sich das Konzept von damals mit dem Entlastungsgerinne Neue Donau bewährt hat.

Bei einem Winterspaziergang am Heustadelwasser kann man aber auch ahnen, wie viel Natur früher dort war, wo heute eine Großstadt steht, die mehrere Generationen lang einen nicht unerheblichen Teil ihrer Fläche dem Wasser abgerungen hat. Vor diesem Hintergrund ist das idyllische Rückzugsgebiet der Vögel mitten in der Stadt nur der domestizierte, letzte Rest einer Aulandschaft, die vor Jahrhunderten noch die ganze Ebene bedeckte.


  1. Details dazu unter:
    https://magazin.wienmuseum.at/einwoelbung-der-baeche-und-fluesse-von-wien
    Ein schöner Plan über die Einzugsgebiete der Wienerwaldbäche findet sich in:
    https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gew%C3%A4ssernetzwerk_von_Wien ↩︎

Filmpremiere: Die letzten Feldhamster

Feldhamster am Meidlinger Friedhof

Wien hat eine der weltweit letzten stabilen Feldhamsterpopulationen. Über die Tiere, die hauptsächlich die Friedhöfe besiedeln, habe ich hier bereits mehrfach berichtet.1 Diese Blogbeiträge haben mich in Kontakt gebracht mit den Naturfilmern David Cebulla und Heide Moldenhauer. Sie haben für ihren Film über die letzten Feldhamster nach einem Wien-Scout gesucht, und ich habe ihnen einen Freund vermittelt, der direkt neben dem Meidlinger Friedhof wohnt und die dortige Hamsterpopulation kennt wie kaum ein anderer.

Feldhamster am Meidlinger Friedhof

Das war im August 2021. Sie hatten damals wirklich Glück mit ihren Aufnahmen. Das Wetter war perfekt, und die Hamsterkolonie, die auch auf dem Meidlinger Friedhof im wahrsten Sinne ums Überleben kämpft, war damals auf einem Höhepunkt. So viele Hamster wie im Sommer 2021 leben dort längst nicht mehr. David und Heide wussten das natürlich. Sie haben in der mehrjährigen Arbeit an ihrem Film fantastische Bilder über das Leben einer Art eingefangen, die im Schwinden begriffen ist. Von Anfang an war ihnen klar, dass sie nicht nur den ersten Film drehen, der sich weltweit auf die Suche nach den Hamstern macht, sondern vielleicht auch den letzten, der diese Tiere noch in ihrer natürlichen Umgebung antrifft.

Solche Naturfilme sind immer auch eine Gratwanderung zwischen Dokumentation der Wirklichkeit und dem Erzeugen einer Illusion. Die Filmemacher, die auf der Suche nach den letzten Hamstern bis in die Steppen Kasachstans gereist sind, wissen, wie schwer es ist, diese Tiere zu finden. Anschließend konzentrieren sie das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit in einem zweistündigen Film, der den Hamster immer noch als allgegenwärtigen Hauptdarsteller zeigt, obwohl diese Art von unseren Feldern längst verschwunden ist.

David Cebulla und Heide Moldenhauer gehen diese Gratwanderung bewusst. Entstanden ist ein außergewöhnlicher Film, für den sie jetzt auch einen ungewöhnlichen Vertriebsweg wählen. Premiere ist am 17. Jänner 2025 um 19 Uhr auf YouTube. Die Einladung dazu leite ich hier gern weiter. Das ist selbstverständlich keine Werbung, sondern eine glasklare Filmempfehlung – und ein kleiner Anflug von Komplementärnarzissmus, weil dieser Blog ein Bisschen dazu beigetragen hat, die Location auf dem Meidlinger Friedhof zu vermitteln.

Filmposter: Die letzten Feldhamster

Mit Klick aufs Poster kommt ihr direkt zu YouTube. Hintergrundinfos zum Film findet ihr unter: https://www.feldhamster.eu/die-letzten-feldhamster/, und wer schon vorher schnuppern möchte, dem sei der Trailer empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=R1E1wcmwxmw&t=2s.


  1. Die Blogbeiträge über Wiener Hamster zum Nachlesen sind:
    Hamster im Novemberglück
    Sommermorgen mit Hamster
    Der Hamster und die Rote Liste
    Mozarts Hamster ↩︎

Die Decke schließt sich

Eis auf dem Teich

Seit ein paar Tagen zeigt sich die erste Eiskruste auf dem Gartenteich. Um die Mittagszeit ist das Wasser am Rand noch frei, aber in kalten Nächten friert die gesamte Fläche zu. In einem normalen Winter bleibt diese Decke für zwei bis drei Monate durchgehend geschlossen.

Eis auf dem Teich

Letztes Jahr habe ich Amphibien unter dem Eis entdeckt. Zu dieser Geschichte versuche ich diesmal den Anfang zu finden. Vor allem Bergmolche und Springfrösche kann man im kalten Wasser entdecken. Sie werden Geduld brauchen, bis Ende Februar, Anfang März die Paarungssaison beginnt.

Nicht alle werden durchkommen. Das folgende Foto stammt von Mitte Februar. Dieses Bergmolchmännchen hat den letzten Winter im Teich nicht überlebt.

Bergmolch

Was für das eine Exemplar im Frühling ein trauriges Ende genommen hat, ist für seine Kollegen der Beginn einer neuen Geschichte, in der sie um die Weibchen werben und eine neue Generation Bergmolche in die Welt setzen werden.

Die kalte Jahreszeit ist immer ein Einschnitt für Amphibien und Reptilien. Auch in einer Erdhöhle an Land überwintert man nicht ohne Risiko. Frostgefahr gibt es dort genauso, und manche Fressfeinde wie der Maulwurf ruhen nie. Trotzdem ist der Verbleib im Wasser unter der Eisschicht noch einmal etwas Besonderes. Ich vermute, dass es Bergmolche in unserem Teich gibt, die diesen Lebensraum nie verlassen. Sie werden dem Namen Amphibium nicht mehr gerecht, weil sie eben nicht in zwei Bereichen leben, wie die griechische Bedeutung nahelegt.

Wenn man die Tiere im Winter unter der Eisdecke herumkriechen und schwimmen sieht, fragt man sich unwillkürlich, wie sie ohne Atemluft genügend Sauerstoff bekommen können, aber Lurche brauchen nicht unbedingt eine Lunge zum Atmen. Im Wasser nehmen sie den Sauerstoff über die Haut auf. In feuchter Umgebung geht das sogar an Land. Die an Artenzahl größte Gruppe der Schwanzlurche sind die hauptsächlich in Amerika verbreiteten Lungenlosen Salamander.

Gemeinsame Ernte

Großer Kohlweißling Raupe

Fünf stattliche Brokkolipflanzen stehen bei uns noch im Beet in der Herbstsonne. Pro Woche ernten wir eine Schüssel Röschen, die herrlich schmecken und beim Kochen kaum Kohlgeruch entfalten, weil sie ganz frisch im Topf landen.

Auch der auf dem ersten Bild im Hintergrund platzierte Kohlrabi hat es bis zur Erntereife geschafft. Die in einem früheren Beitrag geschilderte Attacke durch Raupen des Kleinen Kohlweißlings haben die Pflanzen gut weggesteckt. Moderates Abklauben hat als kleine Hilfestellung gereicht.

Der Brokkoli beherbergt mittlerweile die größeren Kollegen. Im Gegensatz zu den einfärgig grünen Raupen des Kleinen Kohlweißlings ist die Larvenform des Großen Kohlweißlings gelb mit dunklen Flecken.

Das Abklauben spare ich mir in diesem Fall. Die Brokkolipflanzen sind groß genug, um die Schäden zu verkraften, und die Raupen interessieren sich hauptsächlich für die Blätter, während wir die jungen Blüten ernten.

Im Moment haben die zukünftigen Falter kaum Fressfeinde. Die Singvögel interessieren sich im Herbst weniger für Proteine und mehr für fettige Samen und Früchte. Damit kommen die Vögel gut genährt durch den Winter, und im nächsten Frühjahr werden sie die Nachkommen dieser Kohlweißlinggeneration als Wachstumsfutter an ihre Jungen verfüttern. Die Raupen, die jetzt noch auf unseren Gemüseresten unterwegs sind, überwintern wahrscheinlich als Puppe und bilden dann im nächsten Jahr die erste Generation der Schmetterlinge.