Invasive schwarze Boxen

In letzter Zeit tauchen in Wiener Parks immer wieder schwarze Köderboxen auf, die offensichtlich der Rattenbekämpfung dienen. Selten ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer für die Ausbringung verantwortlich ist und warum sie veranlasst wurde.

Es gibt Tiere, da fällt einem der Naturschutzgedanke schwer. Zecken sind so eine Spezies, auch Gelsen gehören dazu. Oder Ratten, wenn sie in großer Zahl auftreten. Vor einigen Jahren gab es im Haus meiner Schwiegereltern eine kleine Abstellkammer – wenn man da die Tür öffnete, blickten einem immer mehrere neugierige Augenpaare entgegen. Die Ratten, die sich dort einquartiert hatten, waren gar nicht scheu. Wenn man ihnen ein kleines Baumwollsäckchen mit Rattengift zuwarf, liefen sie nicht davon, sondern holten sich das vermeintliche Leckerli. Obwohl mir der Einsatz von Gift zuwider ist, halte ich es als Notfallmaßnahme bei massivem Rattenbefall für sinnvoll. Ich hätte es wohl kaum fertig gebracht, die Rattenkammer leer zu räumen, wären mir dabei ständig die unerwünschten Bewohner um die Füße gehuscht. Andererseits wären wir die Ratten aber auch nicht los geworden, hätten wir uns nur auf den Einsatz von Gift beschränkt.

Die Situation schien damals aussichtslos. Tatsächlich war es aber gar nicht so schwer, die Ratten nachhaltig wieder los zu werden. Montageschaum hat mir geholfen, die Bausubstanz gründlich abzudichten. Außerdem mussten wir die eigentliche Ursache für den Rattenbefall entfernen. Meine Schwiegereltern hielten Laufenten, und damit die Tiere nur ja nicht Hunger leiden mussten, stand im Garten ständig eine Schüssel mit Futter herum. Ratten siedeln sich bevorzugt dort an, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist beziehungsweise ihnen von Menschen zur Verfügung gestellt wird. In der freien Natur findet man hingegen kaum noch Populationen, oder wie ein namenloser Rattenphilosoph deshalb einmal gesagt hat: „Wenn der letzte Mensch von der Erde verschwindet, haben die Ratten nur noch vier Jahre zu leben!“

Aber wie sieht die Situation in einer Stadt wie Wien aus, wo mit der großen Zahl an Menschen auch reichlich Nahrung für Ratten vorhanden ist? Die Wiener Rattenverordnung schreibt vor, dass alle Liegenschaften mehrmals pro Jahr durch einen professionellen Schädlingsbekämpfer auf Befall zu kontrollieren sind. Gegebenenfalls sind Maßnahmen zu treffen. Es gibt deshalb kaum einen Wiener Keller, in dem nicht Gift herum liegt. Früher waren das violette Körner in kleinen Schüsseln, mittlerweile sind flächendeckend die kinder- und haustiersicheren Köderboxen im Einsatz.

Diese technische Neuerung verdanken wir der EU-Verordnung 528 aus dem Jahr 2012. Moderne Rattengifte, die Antikoagulanzien der zweiten Generation, sind nämlich alles andere als harmlos. Ihre gerinnungshemmende Wirkung ist für andere Säugetiere und den Menschen gleichermaßen gefährlich und sie sind schwer abbaubar, sammeln sich also mit der Zeit in der Umwelt an wie der Klassiker DDT. Die meisten Fischproben in Fließgewässern enthalten deshalb mittlerweile Rattengifte, die höchstwahrscheinlich vom Einsatz in der Kanalisation stammen.*) Zusätzlich gelten Rodentizide als reproduktionstoxisch, das heißt, sie schädigen die Fruchtbarkeit. Der einzige Grund, warum sie nicht komplett verboten wurden, liegt darin, dass es keine Alternative gibt und Ratten auch zahlreiche Krankheiten übertragen können. Frei erhältlich sind Rattengifte der zweiten Generation aber nicht mehr. Sie dürfen nur noch von ausgebildeten Schädlingsbekämpfern unter strikter Einhaltung von Sicherheitsauflagen eingesetzt werden.

Und dann ist da noch der Hyblerpark bei mir um die Ecke im elften Wiener Gemeindebezirk, benannt nach Wenzel Hybler (1847–1920), ehemals Direktor des Stadtgartenamtes. Seit einigen Wochen drängen sich da mindestens zehn dieser schwarzen Boxen auf engstem Raum. Keine Hinweistafel, kein roter Aufkleber mit Warnungen und Informationen zum Gegengift. Ganz verschämt unter den Hecken und im Gestrüpp stehen die Rattenköderboxen in der freien Natur, teilweise umgeworfen und beschädigt. Das scheint niemanden zu kümmern. Singvögel wie Amseln, Meisen und Buntspechte tummeln sich im Park. Sogar ein Eichhörnchen ist an einem sonnigen Wintermorgen unterwegs. Nur Ratten sieht man keine, was vermutlich an der Omnipräsenz dieser schwarzen Plastikboxen liegt.

Das alles fiel mir vor ziemlich genau einem Monat zum ersten Mal auf. In der Zwischenzeit war ich stur, habe Fotos verschickt, E-Mails geschrieben und mit Anrainern gesprochen. Es ist schwer zu durchschauen, an wen man sich in so einem Fall wenden kann. Eine Millionenstadt wie Wien hat unzählige Servicestellen und Magistratsabteilungen, deren Zuständigkeiten und Aufgabengebiete für einen Außenstehenden nur schwer zuzuordnen sind. Und was will ich eigentlich? Ratten gehören bekämpft, und zum Gift gibt es doch keine Alternative, oder?

Zuerst wende ich mich an die MA 32, Wiener Stadtgärten, ehemals Stadtgartenamt (wir erinnern uns, Herr Hybler, der Namensgeber des Parks, war hier mal Direktor). Dort teilt man mir mit, die Köder seien in Wachsblöcke gegossen, eine Abgabe des Giftes in den Umweltkreislauf somit nicht möglich. Hunde, Katzen und Vögel gehen nicht an die Köder, und selbst wenn Kinder davon abbeißen würden, wäre die Giftmenge viel zu gering, um Schaden anzurichten.

Überquellender Mülleimer mit RattenköderboxAls nächstes spreche ich mit einem Anrainer, der unmittelbar neben dem Park wohnt. Das heißt, eigentlich spricht er mit mir. Wenn jemand herumspaziert und Mistkübel fotografiert, erregt das Aufmerksamkeit. Dann wird man angesprochen.

Die Ratten seien eine Plage, die Gegenmaßnahmen bringen nichts, das würde er schon seit Jahren beobachten. Die Ratten kommen immer wieder, das Problem sei der Dreck. Die Krähen räumen die Mistkübel leer, überall liegt Abfall herum, und dann ist da noch der Türke, der ständig die Tauben füttert. Überhaupt, die Ausländer. Und die Hundebesitzer. Aber was nützt es, sich aufzuregen, man kann eh nichts machen.

Taubenfütterung im ParkLangsam lichten sich die Nebel und ich sehe ein Bild vor meinen Augen. Die Ausländer lasse ich beiseite, vielleicht weil ich auf 50 Jahre Erfahrung zurück blicken kann und weiß, dass das Zusammenleben in der Stadt noch nie friktionsfrei war. Aber die Überquellenden Abfallkübel und das Taubenfüttern sind mir auch schon aufgefallen. Manchmal liegt kiloweise Weißbrot unter den Bäumen, und die Vögel stürzen sich in großen Schwärmen über das Nahrungsangebot. Leicht vorstellbar, dass hier auch für die Ratten der eine oder andere Leckerbissen abfällt.

Es ist wie ein Stellvertreterkrieg. Die einen füttern die Ratten und die anderen vergiften sie. Kaum ist die Rattenplage eingedämmt, wird schon die nächste Generation aufgepäppelt. Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Tierliebe trifft auf Ordnungsliebe. Kann man diesen Kreislauf überhaupt durchbrechen?

In meiner Verzweiflung wende ich mich an die Wiener Umweltanwaltschaft, und die rücken zügig einige Punkte dieser Schräglage wieder gerade. Taubenfüttern ist in Wien verboten und wird mit 50 Euro bestraft. Die Magistratsabteilung 48, zuständig für die Abfallwirtschaft, wird verständigt, um in unserem Park die Kontrollen der WasteWatcher zu verstärken und eventuell Verwaltungsstrafen einzuheben. Außerdem werden Hinweisschilder aufgestellt. Mistkübel mit Deckel bringen oft keine Verbesserung, weil dann nur mehr Müll daneben landet. Punkt für Punkt geht man auf mein Problem ein und stimmt mir zu, dass man sich mit dem Nahrungsangebot beschäftigen muss, um das Auftreten von Ratten einzudämmen. Die Aufgabe ist schwierig, aber man bemüht sich, die Situation zu verbessern und hofft, dass durch Aufklärung und Verwaltungsstrafen weniger Ratten angelockt werden und der Einsatz von Giften in Zukunft nicht mehr nötig ist.

Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber Wunder hatte ich ja sowieso nicht erwartet. Umweltschutz besteht immer aus vielen kleinen, mühsamen Schritten und funktioniert nur, wenn alle gemeinsam mitarbeiten. Und die entscheidende Botschaft lese ich auch zwischen den Zeilen: Hier spricht jemand vom Eindämmen des Vorkommens. Ziel ist es, weniger Ratten anzulocken. Keine Rede vom Vernichtungskrieg, den die Schädlingsbekämpfer so gern ins Auge fassen.

Die totale Vernichtung der Ratten macht nämlich keinen Sinn. Das weiß man, weil es Budapest in den 1970er Jahren gelungen ist, rattenfrei zu werden. Danach haben sich die Kakerlaken ungezügelt vermehrt. Irgendwer muss den Dreck ja entsorgen. Und dann sind da noch die Marder, die ich bei uns immer wieder durch die Gassen huschen sehe. Die brauchen auch ihr Futter, und Natur in Teilen gibt es nicht. Die rattenfreie Stadt werden wir nicht zuwege bringen, aber vielleicht ein natürliches Gleichgewicht, das übermäßiges Aufkommen verhindert.

Dazu kann jeder von uns seinen Teil beitragen: Essensreste gehören weder in einen öffentlichen Mistkübel, noch in den Kanal. Wer seine Mittagsabfälle die Toilette runter spült, füttert die Ratten. Da ist kein Unterschied zum Taubenfüttern im Park. Und von der Öffentlichen Hand würde man sich wünschen, dass sie vorab und selbständig nach den Ursachen einer Rattenplage forscht, bevor sie den Schädlingsbekämpfer beauftragt. Außerdem sollten nur solche Firmen zum Zug kommen, die sich auch an die Gesetze halten. Auf die Köderboxen gehört ein witterungsbeständiger Warnhinweis und selbstverständlich auch die Adresse des Schädlingsbekämpfers, damit mündige Bürger wissen, wo sie beschädigte Boxen melden können.

Und persönlich habe ich in den letzten Wochen gelernt, dass es schon mal erlaubt sein muss, den kleinen Querulanten nach außen zu kehren, wenn es die Aufgabe wert ist. Nicht überall wird man als lästiger Bittsteller empfunden, wenn man an eine zuständige Serviceadresse schreibt. Manchmal sind die richtig dankbar für Fotos und Hinweise. Die wissen ja auch nicht immer, wo sie kontrollieren sollen. Lohnen tut sich das Einmischen in jedem Fall, denn wir haben nicht so viel Natur und Grünraum in der Stadt, dass wir sie den Rattenfütterern überlassen können.

Bleibt nur noch, mich für eure Geduld beim Lesen des heute ungewöhnlich langen, textlastigen Beitrags zu bedanken. Aber das erste, was ich gemacht habe, war natürlich, im Netz nach Informationen zu suchen, und da findet man wenig über die invasiven Rattenköderboxen in unseren Parks. Die Schädlingsbekämpfer passen sich anscheinend an ihre Opfer an und agieren gern unaffällig. Das Gift landet still und heimlich dort, wo es nicht auffällt, unterm Gestrüpp und im Kanal. Aber sobald es in den Kreislauf gelangt, betrifft es uns alle, und dann ist Transparenz gefragt.

12 Kommentare zu „Invasive schwarze Boxen

  1. Das war ein richtig guter Text, der die Zusammenhänge klärt, Richard.
    In manchen Bereichen wäre es sinnvoll die Leerung der öffentlichen Mülleimer engmaschiger durchzuführen.
    Ich finde es auch mehr als komisch wenn auf den Köderboxen keinerlei Hinweise stehen.
    Und wie man sieht kann jeder etwas tun und aufmerksam sein.
    LG, Nati

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke. Irgendwie hat mich die Sache einigermaßen genervt, und dann habe ich angefangen zu recherchieren und einigen Leuten auf die Nerven zu gehen. Was ich mir auch noch wünschen würde, wäre, wenn EU-Verordnungen verständlich formuliert wären.
      LG, Richard

      Gefällt 2 Personen

      1. Diesen Wunsch könnte man in vielen Bereichen anbringen.
        Die Bürokratensprache werden sie aber nicht so schnell abschaffen.
        Aber wenn sich in Wien etwas hinsichtlich der Rattenplage täte, wäre es schon ein Erfolg.

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  2. Grandioser Artikel.
    Sehr informativ.
    Ich denke, ein feines austarieren von Maßnahmen ist unumganglich. Mündige bürger wie du tragen jeweils dazu bei, dass die Maßnahmen erneut geprüft und angepasst werden.
    Heute morgen, anderes inneres Thema, aber ähnlich: Denkmaler: Wie schützt man sie, wo stellt man sie auf und wie? In wzbg gibt es Mahnmale für die judendeportation…ich denke, 99 % haben eine der aufstellungen am berliner ring noch nicht gesehen. Würde man es näher an den radweg ranrücken, dann weiß man nicht, was passieren würde. Immer geht es ums feine austarieren.
    Genauso auch kunstwerke: In den öffentlichen raum solten nur objekte, die auch für den kunstfernen Burger akzeptabel sind. Höchst experimentelles jedenfalls nicht.

    Gefällt 1 Person

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