Ziesel in der Stadt

Ziesel

Wenn ich Ziesel sehe, kommen alte Erinnerungen wieder. Die Sommer vor 30 Jahren. Die Liegewiese am Steinbrunner See im Burgenland. Überall waren Löcher im Boden, und man verbrachte endlose Stunden damit, vor sich hin zu dösen und den kleinen Kerlen zuzusehen.

Die Zieselkolonie am Steinbrunner See ist mittlerweile verschwunden. Zumindest konnte ich vor ein paar Jahren keine Spuren mehr finden. Das Artensterben ist oft eine abstrakte Größe, besteht aus Zahlen und Prozentsätzen in wissenschaftlichen Artikeln. Nicht so bei den Zieseln, sie verschwinden populationsweise. Wiese für Wiese stellt eine Kolonie nach der anderen ihr Treiben ein, und man kann dabei zusehen.

Vor ein paar Jahren im Vorfrühling habe ich einen neuen Autobahnrastplatz in der Steiermark angesteuert. Zwischen zwei Asphaltstreifen waren Löcher in der Erde. Zwei Ziesel lugten daraus hervor, wahrscheinlich gerade aus dem Winterschlaf erwacht. Ich habe an der gleichen Stelle seither nie wieder ein Tier gesehen. Die Ziesel sind genügsam, aber ein schmaler Grünstreifen zwischen zwei Fahrbahnen ist ihnen zu wenig. Diese Kolonie ist im günstigsten Fall abgewandert, vielleicht für immer verschwunden.

Ziesel sind Steppenbewohner. Sie stellen ganz spezielle Anforderungen an ihre Habitate. Der Boden muss zum Graben taugen, fast zwei Meter tief geht so ein Bau. Eine bunte Wiese sollte es sein, die viele Samen als Nahrung liefert. Gleichzeitig sollte sie regelmäßig gemäht werden. Ist der Wuchs zu hoch, fehlt den Zieseln die Aussicht und sie wandern ab. Ziesel sind Kulturfolger, die von der Weidewirtschaft profitiert haben, und mit dem Kulturwandel sind auch ihre Lebensräume verschwunden. Wenn aus Wiesen Maisfelder werden, geht es den Zieseln an den Kragen. Die bevorzugen Pflanzen, die ihnen stehend maximal bis zum Hals gehen.

Weltweit schätzt man die Europäischen Ziesel auf 15 Millionen Exemplare, wobei die Zahlen seit über hundert Jahren rückläufig sind. Im Osten Österreichs leben noch zirka 25.000 Stück, davon 30 Prozent in Wien.*) Das ergibt 6.000 Individuen, andere Studien kommen auf bis zu 9.000. Klingt nach viel, ist es aber nicht.

Für eine ausreichende genetische Vielfalt sind 1.500 bis 2.000 Exemplare notwendig. Man spricht dann von einer Quellpopulation. Ist die Zahl darunter, braucht es Austausch mit anderen Kolonien. Nimmt man einer kleinen Ansiedlung die Wanderkorridore, sind die Tiere immer noch niedlich anzusehen, aber nach ein paar Jahrzehnten verschwunden wie die erwähnten Ziesel auf der Liegewiese am Steinbrunner See. Geschützt sind aber immer nur die tatsächlich besiedelten Flächen, nicht die Verbindungsrouten zwischen Kolonien. Und im Zweifelsfall, wenn Areale für den Wohnbau benötigt werden, bestellt man Experten, die dann die Nagetiere schonend absiedeln. Man könnte die Fläche genauso gut verbuschen lassen. Die Ziesel wandern dann von selber ab. Das Ergebnis ist das gleiche, aber ein Zieselbeauftragter erweckt halt den Eindruck, als wäre der Gemeinde der Umweltschutz wichtig.

In Wien kenne ich zwei Populationen. Der Freund auf dem Bild unten links ist Favoritner, die anderen Ziesel in diesem Beitrag sind alle Floridsdorfer. Zwischen den beiden Bezirken liegt der Rest der Stadt. Ziesel bevorzugen anscheinend Randbezirke mit F.

Den kleinen Kerl vom Goldberg in Oberlaa habe ich Ende März schon einmal gezeigt. Dort habe ich seither aber keine Tiere mehr vor die Linse bekommen, nur Bauöffnungen im Boden sind mir aufgefallen. Das ist ein schlechtes Zeichen. Ziesel muss man in Massen finden, über die muss man richtig stolpern. Ein Ausflug zum Heurigen nach Stammersdorf ist da zu empfehlen. Geht man die Kellergasse hinauf und dann weiter die Senderstraße entlang wird man in den Weingärten schnell fündig.

Und das ist die versöhnliche Nachricht zum Schluss. Die kleinen Steppenbewohner sind flexibel und finden zwischen den Weinstöcken der Stadt ein ideales Zuhause. Das ist kleinteilige Landwirtschaft nahe am Siedlungsgebiet, die ohne viel Chemie auskommt. Dazwischen wird regelmäßig aber nicht zu oft gemäht, und das ist genau die Bewirtschaftung, die den kleinen Nagern taugt. Es hat also doch sein Gutes, dass bei uns so viel gesoffen wird – für die Ziesel zumindest, aber dieses Opfer bringt der Wiener gern.

Begegnungen bei Tag

Zu Beginn dieses Beitrags muss ich mich für die Qualität der Fotos entschuldigen. Sie werden, um es diplomatisch zu formulieren, der Wirklichkeit, wie ich sie erlebt habe, nicht gerecht. Es gibt aber weltweit auch nur eine Handvoll Spezialisten, die perfekte Fotos von Fledermäusen hinbekommen, und die arbeiten dann mit Lichtschranken und dressierten Tieren in speziell ausgeleuchteten Zelten, denn Fledermäuse sind klein, schnell, wendig und nachtaktiv – vier überzeugende Gründe, die jeden vernünftigen Menschen davon abhalten sollten, eine handelsübliche Kamera auf sie zu richten.

FledermaussilhoutteDabei sind die Tiere nicht immer nur in der Nacht unterwegs. Meine erste Begegnung mit Fledermäusen am Tag hatte ich dieses Jahr am 25. Februar unter einer Brücke am Donaukanal. Zwei Exemplare waren offensichtlich gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht und jagten in der Abendsonne nach Insekten. Außer mir nahm niemand von ihnen Notiz. Selbst mit der Kamera konnte ich die Aufmerksamkeit der Passanten nicht auf die Fledermäuse lenken. Dafür entdeckte ich dann zu Hause auf den Fotos eine schwarze Silhouette. Nicht wirklich aufregend, aber mehr als ich bei dieser Distanz und Geschwindigkeit erwartet hatte.

Dass in unserem Garten fast täglich Fledermäuse zu Gast sind, habe ich in einem anderen, fotolosen Beitrag schon einmal erwähnt. Über dem Wasser und zwischen den Obstbäumen gibt es immer was zu holen. Wir – also die Fledermäuse und ich – sind dabei gleichermaßen Gewohnheitstiere. Während sie in der späten Abenddämmerung eine halbe Stunde durch den Garten kreisen, sitze ich da und sehe ihnen zu. Also, wirklich viel sehe ich im Finstern nicht, aber mit der Zeit erkennt man die immer wiederkehrenden Flugrouten und kann das eine oder andere Bild gegen den noch nicht ganz dunklen Himmel erhaschen. An lauen Sommerabenden ist das genau das richtige, um nach einem langen Tag wieder zur Ruhe zu kommen.

Ich wusste deshalb am Samstag Nachmittag genau, was da zwischen den Obstbäumen flattert, als ich um die Ecke kam. Ein bisschen überrascht war ich aber, dass die Fledermaus in Wirklichkeit nicht schwarz ist, sondern rotbraun. Und der Körper ist mit Fell überzogen und nicht glatt. Außerdem kann man ihr bei Tageslicht mit dem Blick folgen und verliert sie nicht ständig aus den Augen, zum Beispiel, wenn sie abtaucht und ganz knapp über das Wasser gleitet, um zu trinken. Ich wünschte wirklich, ich hätte das fotografieren können, denn ich verstehe nicht, wie sie es macht, bei diesen Flügelschlägen nicht ins Wasser einzutauchen.

Scheu war sie auch nicht, flog manchmal ganz knapp an mir vorbei. Und dann ging mir durch den Kopf: Natürlich, sie hat mich ja auch in der Nacht immer gesehen. Für sie ist die Situation nicht neu, nur ich habe im Dunkeln nicht so genau mitbekommen, wie nahe sie sich herantraut.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Auch in der Nacht ist das so die Zeitspanne, die sie braucht, um die meisten Insekten abzufangen. Aber wir beide sind ja, wie gesagt, Gewohnheitstiere, und so habe ich einfach am Sonntag mit meiner Kamera noch einmal gewartet. Pünktlich um vier wiederholte sie ihren Besuch. Dass es ein Weibchen ist, vermute ich, weil unser Igel einen ähnlichen Rhythmus an den Tag legte, sobald die Aufzucht der Jungen mehr Muttermilch und damit auch zusätzliche Energie erforderte. Am Nachmittag absolvierte die Igelmutter dann immer eine Extrarunde ums Haus auf der Suche nach Fressbarem.

Ich glaube übrigens, dass Fledermäuse öfters auch untertags herumfliegen. Wir nehmen sie nur nicht wahr, weil uns der Blick dafür fehlt. Alles, was aussieht wie ein großer, schneller Schmetterling, der kaum gleitet, immer flattert und die Richtung wechselt, sollte man sich genauer ansehen, es könnte eine Fledermaus sein. Zum Schluss habe ich noch eine Bewegungsstudie zusammengestellt, damit man sich die Flugbewegungen vorstellen kann. Der Ablauf ist halt in Wirklichkeit siebenmal schneller, wenn ich den Angaben des Kameraherstellers vertrauen kann.

Und wer einen Fotoapparat dabei hat, sollte die Filmempfindlichkeit hochdrehen und die Verschlusszeit möglichst kurz halten. Dann könnten eure Aufnahmen leicht besser werden als meine, das habe ich nämlich vergessen.

Fledermaus Animation

Nicht jeder läuft hier

Reh zwischen Gräbern

Der Wiener Zentralfriedhof ist schon etwas ganz Besonderes. Er ist mit 2,5 km2 und 330.000 Gräbern nicht nur einer der größten Friedhöfe Europas, sondern auch ein einzigartiges Naherholungsgebiet am Rande der Stadt. Man muss ihn nicht per Gesetz als Naturschutzgebiet definieren, er ist für alle Ewigkeit letzte Ruhestätte und blühender Lebensraum zugleich.

Laufroute am ZentralfriedhofDie Wildtiere haben den Zentralfriedhof genauso selbstverständlich „zweckentfremdet“ wie zahlreiche Jogger, die hier seit Jahrzehnten zwischen den endlosen Grabreihen ihre Runden drehen. Die Friedhofsverwaltung hat dem Rechnung getragen und im März zwei neue Laufstrecken mit GPS ausgemessen und beschildert. Die gut gemeinte Geste hat den Verantwortlichen eine Beschwerde der Volksanwaltschaft eingetragen. Dort steht man auf dem Standpunkt, der Friedhof müsste als „Parkanlage“ oder „Sportplatz“ und somit als „Erholungsgebiet“ ausgewiesen sein, um Laufstrecken anbieten zu dürfen. Streng nach Josef Weinheber: „War net Wien, wenn net durt, wo ka Gfrett is, ans wurdt.“

Der Zentralfriedhof ist nicht irgendein Friedhof. Es gibt eine eigene Buslinie und mit Genehmigung kann man sogar mit dem Auto zum Grabbesuch fahren, so groß ist das Areal. Bis in die 1980er Jahre war hier sogar ein Jagdgebiet. Heute laufen nur noch die Jogger. Die Rehe bleiben einfach stehen. Wo andere ihre ewigen Jagdgründe verbringen, ist längst auch die ewige Schonzeit eingekehrt.

Mir persönlich ist die Position der Volksanwaltschaft ja egal. Ich laufe nicht, ich fotografiere nur, und ein Grab mit meinem Familiennamen drauf gibt es natürlich auch – diesen Bezug zum „Zentral“ hat wahrscheinlich jeder Bewohner dieser Stadt. Aber eines muss ich als regelmäßiger Besucher schon anmerken: Von den Joggern hat sich noch kein einziges meiner Fotomotive aufscheuchen lassen. Die stören hier nicht einmal die Rehe, nur die Volksanwaltschaft. Aber die Wiener Mentalität ist halt auch für Ewigkeit.

Lob der Landwirtschaft

Rehe

Heute in der Früh hatte ich das Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft. Knapp zwei Stunden war ich mit dem Fahrrad über den Laaer Berg zwischen dem Kurpark Oberlaa und dem Zentralverschiebebahnhof unterwegs. In den Weingärten habe ich dort schon einmal Rehe fotografiert.

Meine heutige Ausbeute an Säugetieren war: Ein Rudel mit acht Rehen, ein Eichhörnchen im Gestrüpp, ein unscharfer Feldhasenhintern (ein Jäger hätte es durch die Blume gesagt) und ein kleiner Kerl im Weingarten, der für den Moment noch anonym bleiben möchte, weil er demnächst einen eigenen Beitrag bekommt.

Das Areal besteht nur aus Feldern und kleinen Weingärten. Vereinzelt findet man Häuser oder Lagerplätze. Rundum wächst die Stadt. Gebäude werden hochgezogen. Und dazwischen bieten diese Felder mit kleinteiliger Landwirtschaft einen wunderbaren Rückzugsraum für Wildtiere.

In letzter Zeit liest man oft über die Umweltschäden, die die Landwirtschaft verursacht: Herbizide, Pestizide, Feinstaubbelastung durch die Gülle – und die Randstreifen für die Feldlerche und die Schmetterlinge werden auch immer weniger. Die moderne Agrarindustrie verursacht sicher viele Problem, aber mit dem, was ich heute gesehen habe, hat das nichts zu tun. Dieses Areal ist ein Naherholungsgebiet vom feinsten, und es besteht nur deshalb noch, weil es hier seit Generationen Bauern gibt, die lieber mühsam ihre Felder bestellen als durch Grundstücksverkäufe schnell reich zu werden.

Und die Begehrlichkeiten waren sicher da. Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele Gärtnereien verschwinden und stattdessen Wohn- und Bürohäuser aus dem Boden wachsen sehen. Wien ist im deutschsprachigen Raum die am schnellsten wachsende Großstadt, hat in den letzten Jahren Hamburg an Einwohnerzahl überholt und liegt hinter Berlin auf Platz zwei. Und wir sprechen hier von Feldern, keiner Parkanlage, die in den Augen der Öffentlichkeit etwas zählt.

Nein, ich kann mir eigentlich nur einen Grund vorstellen, warum hier noch Grün ist statt verbauter Fläche: Da sind einige Bauern ziemliche Sturschädel, die lieber Landwirte bleiben wollen als Grundstücksspekulanten zu werden. Und sie machen einen tollen Job, auch im Sinne des Naturschutzes. Es braucht mehr Bauern wie diese, und wir sollten dazu übergehen, auch sprachlich genauer zwischen Landwirtschaft und Agrarökonomie zu differenzieren. Das haben sich die Landwirte verdient.

Wilder Feger in der Stadt

Rehbock beim Fegen

Manchmal macht sich ein kurzer Spaziergang bezahlt, wenn man in der Früh auf dem Weg ins Büro ist. Heute Morgen habe ich einen kleinen Abstecher nach Oberlaa gemacht. Die kleinteilige Landwirtschaft auf dem Wiener Stadtgebiet, zwischen Wohnsiedlungen und Industrieanlagen, ist mittlerweile ein sehr wichtiger Rückzugsbereich für viele Wildtiere, vor allem wenn diese Bereiche noch Anbindung an das Umland haben, wie das am Oberlaaer Goldberg der Fall ist.

In einem kleinen Weingarten bemerkte ich eine Bewegung im Gras. Zuerst hielt ich es für einen Hasen, aber durchs Teleobjektiv entdeckte ich einen Rehbock, der gerade dabei war, die Basthaut seines Geweihs zu verlieren. Die linke Hälfte war bereits frei gelegt, die rechte noch von den leicht blutigen Resten der Haut überzogen.

Daneben lagerten zwei weibliche Rehe. Die Tiere ließen sich durch mich nicht stören und fraßen seelenruhig weiter. Was will man auch von Rehen anderes erwarten, die ihr Quartier mitten im besiedelten Gebiet gewählt haben. Im Hintergund liegt der Wiener Zentralverschiebebahnhof, wo permanent die Güterzüge durchrattern, und hinter meinem Standpunkt ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Während ich fotografierte, ging ein Mann mit Hund hinter mir vorbei, und ein anderer joggte in die Gegenrichtung. Ein äsendes Stadtreh hebt in so einem Fall nicht einmal den Kopf. Erst wenn man das Teleobjektiv in Stellung bringt, wird man kurz inspiziert, aber gleich danach wird das Frühstück fortgesetzt.