Invasive schwarze Boxen

Amsel vor Rattenköderbox

In letzter Zeit tauchen in Wiener Parks immer wieder schwarze Köderboxen auf, die offensichtlich der Rattenbekämpfung dienen. Selten ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer für die Ausbringung verantwortlich ist und warum sie veranlasst wurde.

Es gibt Tiere, da fällt einem der Naturschutzgedanke schwer. Zecken sind so eine Spezies, auch Gelsen gehören dazu. Oder Ratten, wenn sie in großer Zahl auftreten. Vor einigen Jahren gab es im Haus meiner Schwiegereltern eine kleine Abstellkammer – wenn man da die Tür öffnete, blickten einem immer mehrere neugierige Augenpaare entgegen. Die Ratten, die sich dort einquartiert hatten, waren gar nicht scheu. Wenn man ihnen ein kleines Baumwollsäckchen mit Rattengift zuwarf, liefen sie nicht davon, sondern holten sich das vermeintliche Leckerli. Obwohl mir der Einsatz von Gift zuwider ist, halte ich es als Notfallmaßnahme bei massivem Rattenbefall für sinnvoll. Ich hätte es wohl kaum fertig gebracht, die Rattenkammer leer zu räumen, wären mir dabei ständig die unerwünschten Bewohner um die Füße gehuscht. Andererseits wären wir die Ratten aber auch nicht los geworden, hätten wir uns nur auf den Einsatz von Gift beschränkt.

Die Situation schien damals aussichtslos. Tatsächlich war es aber gar nicht so schwer, die Ratten nachhaltig wieder los zu werden. Montageschaum hat mir geholfen, die Bausubstanz gründlich abzudichten. Außerdem mussten wir die eigentliche Ursache für den Rattenbefall entfernen. Meine Schwiegereltern hielten Laufenten, und damit die Tiere nur ja nicht Hunger leiden mussten, stand im Garten ständig eine Schüssel mit Futter herum. Ratten siedeln sich bevorzugt dort an, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist beziehungsweise ihnen von Menschen zur Verfügung gestellt wird. In der freien Natur findet man hingegen kaum noch Populationen, oder wie ein namenloser Rattenphilosoph deshalb einmal gesagt hat: „Wenn der letzte Mensch von der Erde verschwindet, haben die Ratten nur noch vier Jahre zu leben!“

Aber wie sieht die Situation in einer Stadt wie Wien aus, wo mit der großen Zahl an Menschen auch reichlich Nahrung für Ratten vorhanden ist? Die Wiener Rattenverordnung schreibt vor, dass alle Liegenschaften mehrmals pro Jahr durch einen professionellen Schädlingsbekämpfer auf Befall zu kontrollieren sind. Gegebenenfalls sind Maßnahmen zu treffen. Es gibt deshalb kaum einen Wiener Keller, in dem nicht Gift herum liegt. Früher waren das violette Körner in kleinen Schüsseln, mittlerweile sind flächendeckend die kinder- und haustiersicheren Köderboxen im Einsatz.

Diese technische Neuerung verdanken wir der EU-Verordnung 528 aus dem Jahr 2012. Moderne Rattengifte, die Antikoagulanzien der zweiten Generation, sind nämlich alles andere als harmlos. Ihre gerinnungshemmende Wirkung ist für andere Säugetiere und den Menschen gleichermaßen gefährlich und sie sind schwer abbaubar, sammeln sich also mit der Zeit in der Umwelt an wie der Klassiker DDT. Die meisten Fischproben in Fließgewässern enthalten deshalb mittlerweile Rattengifte, die höchstwahrscheinlich vom Einsatz in der Kanalisation stammen.*) Zusätzlich gelten Rodentizide als reproduktionstoxisch, das heißt, sie schädigen die Fruchtbarkeit. Der einzige Grund, warum sie nicht komplett verboten wurden, liegt darin, dass es keine Alternative gibt und Ratten auch zahlreiche Krankheiten übertragen können. Frei erhältlich sind Rattengifte der zweiten Generation aber nicht mehr. Sie dürfen nur noch von ausgebildeten Schädlingsbekämpfern unter strikter Einhaltung von Sicherheitsauflagen eingesetzt werden.

Und dann ist da noch der Hyblerpark bei mir um die Ecke im elften Wiener Gemeindebezirk, benannt nach Wenzel Hybler (1847–1920), ehemals Direktor des Stadtgartenamtes. Seit einigen Wochen drängen sich da mindestens zehn dieser schwarzen Boxen auf engstem Raum. Keine Hinweistafel, kein roter Aufkleber mit Warnungen und Informationen zum Gegengift. Ganz verschämt unter den Hecken und im Gestrüpp stehen die Rattenköderboxen in der freien Natur, teilweise umgeworfen und beschädigt. Das scheint niemanden zu kümmern. Singvögel wie Amseln, Meisen und Buntspechte tummeln sich im Park. Sogar ein Eichhörnchen ist an einem sonnigen Wintermorgen unterwegs. Nur Ratten sieht man keine, was vermutlich an der Omnipräsenz dieser schwarzen Plastikboxen liegt.

Das alles fiel mir vor ziemlich genau einem Monat zum ersten Mal auf. In der Zwischenzeit war ich stur, habe Fotos verschickt, E-Mails geschrieben und mit Anrainern gesprochen. Es ist schwer zu durchschauen, an wen man sich in so einem Fall wenden kann. Eine Millionenstadt wie Wien hat unzählige Servicestellen und Magistratsabteilungen, deren Zuständigkeiten und Aufgabengebiete für einen Außenstehenden nur schwer zuzuordnen sind. Und was will ich eigentlich? Ratten gehören bekämpft, und zum Gift gibt es doch keine Alternative, oder?

Zuerst wende ich mich an die MA 32, Wiener Stadtgärten, ehemals Stadtgartenamt (wir erinnern uns, Herr Hybler, der Namensgeber des Parks, war hier mal Direktor). Dort teilt man mir mit, die Köder seien in Wachsblöcke gegossen, eine Abgabe des Giftes in den Umweltkreislauf somit nicht möglich. Hunde, Katzen und Vögel gehen nicht an die Köder, und selbst wenn Kinder davon abbeißen würden, wäre die Giftmenge viel zu gering, um Schaden anzurichten.

Überquellender Mülleimer mit RattenköderboxAls nächstes spreche ich mit einem Anrainer, der unmittelbar neben dem Park wohnt. Das heißt, eigentlich spricht er mit mir. Wenn jemand herumspaziert und Mistkübel fotografiert, erregt das Aufmerksamkeit. Dann wird man angesprochen.

Die Ratten seien eine Plage, die Gegenmaßnahmen bringen nichts, das würde er schon seit Jahren beobachten. Die Ratten kommen immer wieder, das Problem sei der Dreck. Die Krähen räumen die Mistkübel leer, überall liegt Abfall herum, und dann ist da noch der Türke, der ständig die Tauben füttert. Überhaupt, die Ausländer. Und die Hundebesitzer. Aber was nützt es, sich aufzuregen, man kann eh nichts machen.

Taubenfütterung im ParkLangsam lichten sich die Nebel und ich sehe ein Bild vor meinen Augen. Die Ausländer lasse ich beiseite, vielleicht weil ich auf 50 Jahre Erfahrung zurück blicken kann und weiß, dass das Zusammenleben in der Stadt noch nie friktionsfrei war. Aber die Überquellenden Abfallkübel und das Taubenfüttern sind mir auch schon aufgefallen. Manchmal liegt kiloweise Weißbrot unter den Bäumen, und die Vögel stürzen sich in großen Schwärmen über das Nahrungsangebot. Leicht vorstellbar, dass hier auch für die Ratten der eine oder andere Leckerbissen abfällt.

Es ist wie ein Stellvertreterkrieg. Die einen füttern die Ratten und die anderen vergiften sie. Kaum ist die Rattenplage eingedämmt, wird schon die nächste Generation aufgepäppelt. Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Tierliebe trifft auf Ordnungsliebe. Kann man diesen Kreislauf überhaupt durchbrechen?

In meiner Verzweiflung wende ich mich an die Wiener Umweltanwaltschaft, und die rücken zügig einige Punkte dieser Schräglage wieder gerade. Taubenfüttern ist in Wien verboten und wird mit 50 Euro bestraft. Die Magistratsabteilung 48, zuständig für die Abfallwirtschaft, wird verständigt, um in unserem Park die Kontrollen der WasteWatcher zu verstärken und eventuell Verwaltungsstrafen einzuheben. Außerdem werden Hinweisschilder aufgestellt. Mistkübel mit Deckel bringen oft keine Verbesserung, weil dann nur mehr Müll daneben landet. Punkt für Punkt geht man auf mein Problem ein und stimmt mir zu, dass man sich mit dem Nahrungsangebot beschäftigen muss, um das Auftreten von Ratten einzudämmen. Die Aufgabe ist schwierig, aber man bemüht sich, die Situation zu verbessern und hofft, dass durch Aufklärung und Verwaltungsstrafen weniger Ratten angelockt werden und der Einsatz von Giften in Zukunft nicht mehr nötig ist.

Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber Wunder hatte ich ja sowieso nicht erwartet. Umweltschutz besteht immer aus vielen kleinen, mühsamen Schritten und funktioniert nur, wenn alle gemeinsam mitarbeiten. Und die entscheidende Botschaft lese ich auch zwischen den Zeilen: Hier spricht jemand vom Eindämmen des Vorkommens. Ziel ist es, weniger Ratten anzulocken. Keine Rede vom Vernichtungskrieg, den die Schädlingsbekämpfer so gern ins Auge fassen.

Die totale Vernichtung der Ratten macht nämlich keinen Sinn. Das weiß man, weil es Budapest in den 1970er Jahren gelungen ist, rattenfrei zu werden. Danach haben sich die Kakerlaken ungezügelt vermehrt. Irgendwer muss den Dreck ja entsorgen. Und dann sind da noch die Marder, die ich bei uns immer wieder durch die Gassen huschen sehe. Die brauchen auch ihr Futter, und Natur in Teilen gibt es nicht. Die rattenfreie Stadt werden wir nicht zuwege bringen, aber vielleicht ein natürliches Gleichgewicht, das übermäßiges Aufkommen verhindert.

Dazu kann jeder von uns seinen Teil beitragen: Essensreste gehören weder in einen öffentlichen Mistkübel, noch in den Kanal. Wer seine Mittagsabfälle die Toilette runter spült, füttert die Ratten. Da ist kein Unterschied zum Taubenfüttern im Park. Und von der Öffentlichen Hand würde man sich wünschen, dass sie vorab und selbständig nach den Ursachen einer Rattenplage forscht, bevor sie den Schädlingsbekämpfer beauftragt. Außerdem sollten nur solche Firmen zum Zug kommen, die sich auch an die Gesetze halten. Auf die Köderboxen gehört ein witterungsbeständiger Warnhinweis und selbstverständlich auch die Adresse des Schädlingsbekämpfers, damit mündige Bürger wissen, wo sie beschädigte Boxen melden können.

Und persönlich habe ich in den letzten Wochen gelernt, dass es schon mal erlaubt sein muss, den kleinen Querulanten nach außen zu kehren, wenn es die Aufgabe wert ist. Nicht überall wird man als lästiger Bittsteller empfunden, wenn man an eine zuständige Serviceadresse schreibt. Manchmal sind die richtig dankbar für Fotos und Hinweise. Die wissen ja auch nicht immer, wo sie kontrollieren sollen. Lohnen tut sich das Einmischen in jedem Fall, denn wir haben nicht so viel Natur und Grünraum in der Stadt, dass wir sie den Rattenfütterern überlassen können.

Bleibt nur noch, mich für eure Geduld beim Lesen des heute ungewöhnlich langen, textlastigen Beitrags zu bedanken. Aber das erste, was ich gemacht habe, war natürlich, im Netz nach Informationen zu suchen, und da findet man wenig über die invasiven Rattenköderboxen in unseren Parks. Die Schädlingsbekämpfer passen sich anscheinend an ihre Opfer an und agieren gern unaffällig. Das Gift landet still und heimlich dort, wo es nicht auffällt, unterm Gestrüpp und im Kanal. Aber sobald es in den Kreislauf gelangt, betrifft es uns alle, und dann ist Transparenz gefragt.

Spuren im Wald

Reh-Fußabdruck im Schnee

Letzte Woche habe ich „Gebrauchsanweisung für den Wald“ von Peter Wohlleben gelesen. Das war nicht nur eine kurzweilige, witzige und informative Lektüre, es hat mir auch nach Jahren wieder einmal Lust auf einen Waldspaziergang gemacht. Seit ich keinen Hund mehr habe, fehlt mir diesbezüglich nicht nur die Motivation, sondern auch das dritte Auge, die feine Nase des Vierbeiners, die mich vieles entdecken hat lassen, an dem ich jetzt unwissend vorüber gehe.

Leere FutterkrippeIn den letzten Jahren hat sich im nahen Wald einiges geändert. Die Futterkrippe ist zum Beispiel leer. Hier waren früher immer viele Rehe auf einem kleinen Hügel beinahe in der Mitte des Ortes. Mittlerweile scheint sich herum gesprochen zu haben, dass die Wildfütterung in Kärnten nur in Notfällen und mit behördlicher Genehmigung erlaubt ist. Vielleicht haben die Waldbesitzer auch festgestellt, dass Füttern nichts bringt außer mittelfristig noch mehr Rehe und somit auch mehr Schaden durch Verbiss.

Früher hatte ich beim Spaziergang immer den Blick erhoben. Die Fläche vor meinen Füßen hatte der Hund für mich im Geruchsfeld. Er wusste genau, welche Spur wie alt war und in welche Richtung sie verlief. Manchmal sah ich in der Ferne ein Reh über den Weg laufen. Kaum waren wir an der Stelle angekommen, blieb der Hund prompt stehen und zeigte die Richtung an, in die sich das Reh fortbewegt hatte. Richtig, dachte ich dann bei mir, das habe ich ausnahmsweise einmal vor dir bemerkt.

RehspurHeute muss ich die Spuren selber lesen. Auf meine Nase kann ich mich dabei nicht verlassen, aber der Schnee hilft. Hunde, Spaziergänger und Hasen sind vorbei gekommen. Aber vor allem jede Menge Rehe. Überall sind Abdrücke von Paarhufern, aber die Tiere sind nirgends zu sehen.

Der Schnee ist alt. Die meisten Spuren sind leicht verweht. Ich suche nach den scharfen, frischen Abdrücken. Die Spitzen der Hufe zeigen mir die Richtung, aber zwischen den Bäumen fällt es schwer, den Blick schweifen zu lassen. Und dann ist da plötzlich eine Bewegung, ganz hinten. Ein Rehbock blickt mir direkt in  die Augen. Er steht knapp hundert Meter entfernt auf einem Weg, der parallel zu meinem verläuft.

Ich krame langsam meine Kamera hervor und richte das Teleobjektiv aus. Der Rehbock rührt sich nicht. Vielleicht weiß er, dass in Kärnten seit Monatsbeginn Schonzeit ist, vielleicht hat er mich auch längst als harmlos eingeschätzt, wahrscheinlich sieht er aber auch nicht so gut. Der Sehsinn ist im Wald weniger von Nutzen. Da sind wir als ehemalige Steppenbewohner besser ausgestattet.

Rehbock im Winter

Die Distanz ist an der Grenze zum technisch Möglichen, auch das Licht im Wald lässt zu wünschen übrig. Aber der Rehbock hält geduldig still. Er lässt mich fünf Fotos machen, von denen die meisten unscharf und verwackelt sind. Auch die Kamera tut sich im Wald schwer. Unter Bäumen ist nicht der richtige Ort für optische Wahrnehmung.

Irgendwann beschließt der Rehbock, mich zu ignorieren, senkt seinen Kopf und trottet gemächlich seinem Trupp hinterher. Ich habe anscheinend keinen Eindruck auf ihn gemacht. Gut so! Dann brauche ich wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. Stören wollte ich nicht. Aber wahrscheinlich ist das auch nur etwas, was uns die Jäger einreden wollen. Als Spaziergänger gehört man zum Wald dazu, und man stört die Rehe deutlich weniger als ein Waidmann auf der Jagd.

Hamster im Novemberglück

Hamster unter Erde

Nicht jedes Tier kann man im eigenen Garten haben, deshalb gibt es heute einen Besuch im „Garten“ meiner Großmutter. Sie liegt seit 2003 auf dem Meidlinger Friedhof in Wien. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich unweit von ihrem Grab aufgenommen.

Im November wird ja traditionell der Toten gedacht – wahrscheinlich, weil dieser Monat so nass, kalt und dunkel ist wie die Erde, in der die Verstorbenen ruhen. In Wien ist der Herbst besonders grau und verregnet, der Himmel ist normalerweise wolkenbedeckt und ein steifer Wind drückt einem die Kälte in die Knochen. Nur am ersten November ist alles anders. Da scheint immer die Sonne und jeder geht auf den Friedhof. Es ist wie ein großer Jahrmarkt – man trifft die Verwandtschaft, legt ein paar Blumen nieder und geht anschließend zum Wirten.

Sobald Allerheiligen und Allerseelen vorüber sind, hat man auf dem Friedhof wieder seine Ruhe. Ich bin heute aus zwei Gründen hier: Erstens ist der November für jemanden, der einen Blog über Tiere im Garten schreibt, eine relativ trostlose Zeit. Man muss schon gezielt nach ganz besonderen Arten suchen, die jetzt noch aktiv sind. Und zweitens hat Lutz Prauser in seinem Blog die Frage nach dem Novemberglück gestellt: Gibt es Gründe, den November zu genießen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann beim besten Willen keine positive Antwort geben. Der November ist für mich wie ein graues Loch in der Zeit zwischen Herbsternte und Winterfreude. Und weil das kein sehr geistreicher Beitrag zum Thema Novemberglück wäre, kommt die Antwort auf Lutz Prausers Frage heute von den kleinen Freunden auf dem Meidlinger Friedhof.

HamsterportraitDer Feldhamster war noch bis in die 1970er Jahre in landwirtschaftlichen Gebieten weit verbreitet und galt als Ernteschädling. Im ländlichen Bereich ist er wahrscheinlich noch immer nicht gern gesehen und gilt mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Ganz anders ist die Situation in der österreichischen Bundeshauptstadt. Viele Stadtgärten verfügen in Wien über ansehnliche Hamsterpopulationen.

Normalerweise sind die Tiere nacht- und dämmerungsaktiv. Hier auf dem Meidlinger Friedhof hat man aber kein Problem damit, die scheuen Tiere am Nachmittag vor die Linse zu bekommen. An das Fotografieren sind sie mittlerweile gewöhnt.

Hamster zwischen GräbernDie neugierigen Menschen halten die wenigen innerstädtischen Fressfeinde auf Distanz. Gleichzeitig ist die Zahl der Artgenossen groß und man muss deshalb auch untertags schauen, dass man satt wird. Wie bei vielen anderen Tierarten ist auch bei den Feldhamstern der Unterschied zwischen Stadt- und Landpopulation wie Tag und Nacht. Vor allem im Herbst sind die kleinen Nager hier zwischen den Gräbern überall und machen das, wofür sie bekannt sind: Hamstern was die Backen hergeben.

Hamster und BlumenUnd Futter findet man auf einem Friedhof genug. Aus einem unerfindlichen Grund gibt es fast das ganze Jahr über frische Blumen, von denen einige überaus wohlschmeckend sind. Nicht immer bringt diese Naschsucht den kleinen Nagern Glück. Dieses Jahr haben Anrainer über zahlreiche tote Hamster auf dem Friedhof berichtet. Die genauen Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Streunerkatzen, Füchse und Krankheiten kämen in Betracht. Es könnten aber auch Friedhofsbesucher oder -bedienstete sein, die für das Treiben der Tiere kein Verständnis haben. Kontrollen und eine Infokampagne haben geholfen, die Zahl der Kadaverfunde einzudämmen. Zusätzlich wurde eine ausführliche Hinweistafel aufgestellt, die für Akzeptanz wirbt:

Hinweistafel über Hamster am Friedhof

Meine Großmutter hat früher immer jede Natursendung angesehen, die im Fernsehen lief. Wenn heute die Feldhamster rund um ihr Grab herum tollen, kann ich nur sagen: Der Kreis schließt sich. Am Ende fügt sich im Leben eines zum anderen – vielleicht nicht immer im Leben, manchmal auch erst danach. Meine Großmutter hätte sich jedenfalls genau so eine Ruhestätte gewünscht – auf einem Friedhof voller Feldhamster.

Stehender HamsterDie Nager haben dieses Jahr besonderes Glück. Eigentlich sollten sie längst unter der Erde verschwunden sein, aber die Witterung ist diesen November besonders mild. Gleichzeitig haben die Tiere ihre Ruhe. Nur hie und da kommt ein Fotograf vorbei, um für seinen Blogbeitrag zu recherchieren. Wenn sich die Feldhamster belästigt fühlen, richten sie sich auf. Die dunkle Unterseite wirkt angeblich bedrohlich, und die Nager schrecken ihre Fressfeinde gleichzeitig durch lautes Fauchen. Bei uns Menschen zieht das irgendwie nicht. Auf uns wirken die wuscheligen Tiere einfach nur putzig. Sie lassen sich auch nicht lange von ihrer Tätigkeit abhalten. Sobald man einen Schritt zurück macht, stopfen sie sich wieder die Backen voll. Man kann halt nie genug Futter einlagern.

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, wofür der November gut ist. Eigentlich könnte der Oktober ja gleich in den Winter übergehen. Stattdessen hält die kalte Jahreszeit noch einmal inne, und die Hamster haben genügend Zeit, ihre Vorräte einzulagern. Mindestens zwei Kilo Futter braucht so ein Hamster für die kalte Jahreszeit, und wer im Oktober noch nicht genug eingelagert hat, der kann das jetzt nachholen.

Ich halte es mit den Hamstern und frage mich im November immer, welche Besorgungen dieses Jahr noch anstehen. Die erledige ich dann tunlichst, und im Dezember bringt mich außer für Lebensmittel niemand mehr in ein Warenhaus, denn es gibt etwas, was noch schlimmer ist als der grau-nasse November, und das ist einkaufen bei Weihnachtsmusik…

 

Eine kleine Enttäuschung

Manche Geschichten muss man sich regelrecht vom Mist holen. Die sind dann zwar nicht wirklich gut und zwischen Buchdeckel würden sie nicht passen, aber dafür sind sie aus dem Leben gegriffen und für einen Blog eignen sie sich umso mehr.Loch im Komposthaufen

Unser Komposthaufen hat ein Loch. Das hat er seit Monaten und es wird immer größer. Man kann es zudecken und unter Essensresten vergraben – nach einer Weile ist es wieder da.

So etwas kurbelt die Phantasie an. Aus Büchern weiß man ja, dass zahlreiche Tiere die Wärme von vermoderndem organischen Material nützen. Ist es gar eine Schlangengrube? Das Ding hat mittlerweile einen Durchmesser von sieben, acht Zentimetern und es geht tief hinunter. Wer legt sich so einen großen Bau an? Und warum sieht man nichts? Egal, wann ich vorbei gehe, auf dem Komposthaufen regt sich nichts. Hier muss Hightech her.

Mäuse am KompostIch habe eine Überwachungskamera hingestellt und war am nächsten Morgen wirklich gespannt, was ich finden werde. Auf der Speicherkarte waren dann fast 300 Fotos mit Mäusen, die über den Mist huschen.

Im ersten Moment war ich wirklich enttäuscht. Dann habe ich mir gedacht, es hätte schlimmer kommen können. Es hätten auch Ratten sein können, und mit denen hätte ich weit weniger Freude gehabt. Die vertragen sich auch gegenseitig nicht. Wo Ratten sind, ist für Mäuse kein Platz, und insofern ist es ein gutes Zeichen, dass die Mäuse sich auf unserem Kompost wohl fühlen. Solange sie nicht ins Haus abwandern, können sie gerne bleiben.

Aber warum habe ich nie etwas bemerkt? Die Überwachungskamera hat keine fünf Minuten gebraucht, um das erste Foto aufzunehmen. Sie hat auch kurz, bevor ich sie zurückgeholt habe, noch Aufnahmen gemacht. Ich habe das mittlerweile mehrfach ausprobiert. Kaum dreht man sich um, kommen die Mäuse raus, aber live gesehen hat sie von uns noch keiner. Wie machen die das?

Ganz einfach: Die trainieren hart. Und ihre Sparring Partner kennen keine Gnade. Wer nicht aufpasst, den holt die Katze. Und dann fiel mir wieder ein, dass ich vor zwei Monaten einen Beitrag über Streunerkatzen geschrieben habe. Darin steht, dass diese verwilderten Katzen bei uns Komposthaufen plündern. Außerdem habe ich geschrieben, dass man keine Fleischreste wegwerfen sollte, um sie nicht anzufüttern. Sonst würden sie überhand nehmen, und wo zu viele Katzen sind, bleibt meist sonst nichts.

Daran halte ich mich natürlich. Auf meinen Kompost kommen keine Fleischreste. Brauchen die Katzen aber auch nicht. Es gibt ja Mäuse, dicke, fette Mäuse. Früher habe ich den Kompost hinaus getragen. Jetzt sage ich nur noch, ich gehe die Mäuse füttern. Das habe ich früher zwar auch schon getan, nur gewusst habe ich es nicht und die sprachliche Formulierung war deshalb eine andere.

Seit Jahren frage ich mich, wer die verwilderten Streunerkatzen füttert. Ich hatte schon einige Nachbarn im Verdacht. Aber jetzt weiß ich es. Indirekt bin ich es selber, und das Futter ist auch noch artgerecht: Mäuse. Die Geschichte ist fast so wie in „Ein Mord, den jeder begeht“ von Heimito von Doderer, nur halt literarisch nicht gut. Ich habe sie aber auch vom Mist geholt, da kann man nicht so viel erwarten. Eine Moral hat sie trotzdem: Die Natur ist eine große Gleichung mit vielen Variablen. Sie zu steuern ist schwierig. Dreht man an einer Schraube, hat das an einer anderen Stelle Auswirkungen, mit denen man nicht gerechnet hat.

Wie man es macht, ist es falsch – oder richtig. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Die Natur gibt es halt nicht in kleinen Scheibchen. Man kann nur das große Ganze haben mit allen Vor- und Nachteilen. Und solange das System halbwegs im Gleichgewicht ist, ist es auch wieder gut und man kann allem beruhigt seinen Lauf lassen.

Abendliche Flugshow

Wenn sich ein Schwarm Tauben in die Luft erhebt, ist das ziemlich laut. Eine Krähe, die über uns hinweg fliegt, können wir relativ leicht am Geräusch ihrer Schwingen identifizieren. Wenn ich einen Vogel sehe, ohne ihn zu hören, erregt er meine Aufmerksamkeit. Oft ist es ein Falke. Räuber fliegen lautlos.

Die Evolution ist ein permanentes Wettrüsten von Jägern und Gejagten. Will man nicht verhungern, muss man bei der Jagd leise, schnell und wendig sein. Schwalben können in der Luft atemberaubende Haken schlagen, um ihre Beute zu erwischen. Aber ihre Fertigkeiten werden weit übertroffen von dem, was sich an lauen Abenden über unserem Gartenteich abspielt.

Der Teich zieht den ganzen Tag über eine Unzahl von Insekten an. Die einen laichen ab, die anderen steigen auf. In der Nacht ist das nicht anders, und die Fledermäuse der Umgebung wissen das. Ich habe keine Ahnung, welcher Art sie angehören, und ich weiß auch nicht, wo sie hausen. Jeder Versuch, ihnen einen Fledermauskasten zur Verfügung zu stellen, war bislang erfolglos. Vielleicht brauchen sie ja auch eine Höhle oder einen alten Dachstuhl.

Ich weiß nur, was sie machen, wenn die Dämmerung einsetzt. Dann patrouillieren sie durch die Gärten. Sie kommen jeden Abend und fliegen ihre Runde zwischen den Obstbäumen und über dem Teich, um das Nahrungsangebot abzuschätzen. Manchmal sind sie gleich wieder weg. Und manchmal kreisen sie eine halbe Stunde über dem Teich, um die an- und abfliegenden Insekten abzuernten. Wie sie sich dabei durch die Luft bewegen, ist eine bizarre Akrobatik jenseits der physikalischen Grenzen. Sie können Höhe und Richtung beliebig ändern, lassen sich bis auf die Wasseroberfläche hinunter fallen, um im nächsten Moment wieder fast senkrecht nach oben zu steigen. Dabei flattern sie permanent mit den Flügeln, um diese Beweglichkeit zu ermöglichen. Die Gleitflugphasen der Vögel fehlen völlig. Und die Stille ist gespenstisch. Ständig dieses hochfrequente Flügelschlagen und kein einziger Ton.

Aber Moment: Aus dem Physik- und Biologieunterricht wissen wir, dass Fledermäuse sehr wohl Töne erzeugen. Während sie ihre Sonargeräusche ausstoßen, müssen sie sogar kurzfristig ihre eigenen Ohren ausschalten, um nicht selbst taub zu werden. Die Echoortung spielt sich nur in einem Frequenzbereich ab, den wir nicht mehr hören. Aber ist das für ihr Funktionieren zwingend notwendig? – Nein. Auch Menschen können sich mittels Echoortung orientieren, dafür reichen mit der Zunge ausgestoßene Klicklaute. Diese Orientierungstechnik für Blinde wird mittlerweile in vielen Ländern erfolgreich unterrichtet. Der Hochfrequenzbereich kann durchaus Tarnung sein. Schweinswale benützen für ihr Sonar einen Frequenzbereich, der von Killerwalen nicht mehr gehört werden kann. Andernfalls wären sie deren leichte Beute.

Aber wie gut hören Insekten eigentlich? Ist es wirklich von Vorteil, wenn man sie lautlos jagt?

Wenn ich die Kreissäge anwerfe und beobachte, wie eine Hummel daneben ungerührt weiter die Blüten abklappert, würde ich sagen, Insekten sind taub. Tatsächlich kommunizieren viele Arten aber akustisch. Grillenmännchen zirpen sich ihre Partnerinnen über weite Strecken herbei. Also müssen sie auch über geeignete Gehörorgane verfügen. Deren Aufbau ist kompliziert. Im Laufe der Evolution haben die verschiedenen Ordnungen auch unterschiedliche akustische Rezeptoren entwickelt. Die meisten sind auf gewisse Frequenzbereiche spezialisiert. Wahrscheinlich ist es so, dass Grillenweibchen genau jenen Ton hören, den Grillenmännchen ausstoßen. Außerhalb dieses Bereichs sind sie vielleicht taub.

Es gibt übrigens nur eine Insektengruppe, die stumm ist und trotzdem gut hört. Das sind die Nachtfalter. Ihre Gehörorgane sind auf Hochfrequenz ausgelegt und dienen ausschließlich der Feindabwehr. Die Evolution ist ein permanentes Wettrüsten, und wenn die Jäger Ultraschall einsetzen, rüsten einige der Gejagten einfach nach.
Ich sitze am Gartenteich und beobachte, wie die Fledermäuse in völliger Stille Insekten jagen, aber in Wirklichkeit ist das, was ich wahrnehme, nicht das, was sich tatsächlich abspielt. In einer Parallelwelt sind Fledermäuse laut, und das macht sie für einen Teil ihrer Beute wahrnehmbar.

Dass Fledermäuse mit den Ohren sehen, wissen wir seit 1798. Damals hat der Schweizer Forscher Charles Jurine einigen Fledermäusen die Ohren verstopft und beobachtet, dass sie sich anschließend in dunklen Räumen nicht mehr orientieren konnten. Das hat dann 140 Jahre niemanden interessiert. Erst 1938 entwickelte man in Harvard ein Gerät, um die Fledermaustöne hörbar zu machen. Quasi pünktlich zur Eröffnung des zweiten Weltkriegs erfand man das Echolot zur U-Boot-Ortung. Heute werden mit Hilfe von Sonartechnik die Meere leer gefischt und ihr militärischer Einsatz tötet Delfine und Wale. Wie hat schon Heinz Erhardt über die braunsche Erfindung des Fernsehens gesagt: „Wir wär‘n ihm alle sehr verbunden, hätt‘ er was anderes erfunden.“


Literatur:

Carl Safina: Die Intelligenz der Tiere. Wie Tiere fühlen und denken. C.H.Beck: München 2017

die_intelligenz_der_tiereCarl Safinas Buch liefert anhand von Elefanten, Wölfen und Walen eine umfangreiche Darstellung der Gefühls- und Gedankenwelt von Tieren. Es hat dabei nichts gemein mit dem Bauchgefühl, dass der Hund, mit dem wir sprechen, jedes Wort versteht. Carl Safina hat nicht nur den momentanen Stand der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema zusammen getragen, er hat auch noch viele Forschende im Feld besucht und ihnen bei der Arbeit zugesehen. Entstanden ist so auch ein Werk über Menschen, die einem den Glauben an die menschliche Intelligenz zurück geben. Ein umfangreiches, überzeugendes und gut recherchiertes Buch.

Im Kapitel über Wale beschreibt Safina auf den Seiten 386ff. die Erforschung des Sonars. Von dort stammen die oben zitierten Fakten und Jahreszahlen.