Lob der Landwirtschaft

Rehe

Heute in der Früh hatte ich das Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft. Knapp zwei Stunden war ich mit dem Fahrrad über den Laaer Berg zwischen dem Kurpark Oberlaa und dem Zentralverschiebebahnhof unterwegs. In den Weingärten habe ich dort schon einmal Rehe fotografiert.

Meine heutige Ausbeute an Säugetieren war: Ein Rudel mit acht Rehen, ein Eichhörnchen im Gestrüpp, ein unscharfer Feldhasenhintern (ein Jäger hätte es durch die Blume gesagt) und ein kleiner Kerl im Weingarten, der für den Moment noch anonym bleiben möchte, weil er demnächst einen eigenen Beitrag bekommt.

Das Areal besteht nur aus Feldern und kleinen Weingärten. Vereinzelt findet man Häuser oder Lagerplätze. Rundum wächst die Stadt. Gebäude werden hochgezogen. Und dazwischen bieten diese Felder mit kleinteiliger Landwirtschaft einen wunderbaren Rückzugsraum für Wildtiere.

In letzter Zeit liest man oft über die Umweltschäden, die die Landwirtschaft verursacht: Herbizide, Pestizide, Feinstaubbelastung durch die Gülle – und die Randstreifen für die Feldlerche und die Schmetterlinge werden auch immer weniger. Die moderne Agrarindustrie verursacht sicher viele Problem, aber mit dem, was ich heute gesehen habe, hat das nichts zu tun. Dieses Areal ist ein Naherholungsgebiet vom feinsten, und es besteht nur deshalb noch, weil es hier seit Generationen Bauern gibt, die lieber mühsam ihre Felder bestellen als durch Grundstücksverkäufe schnell reich zu werden.

Und die Begehrlichkeiten waren sicher da. Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele Gärtnereien verschwinden und stattdessen Wohn- und Bürohäuser aus dem Boden wachsen sehen. Wien ist im deutschsprachigen Raum die am schnellsten wachsende Großstadt, hat in den letzten Jahren Hamburg an Einwohnerzahl überholt und liegt hinter Berlin auf Platz zwei. Und wir sprechen hier von Feldern, keiner Parkanlage, die in den Augen der Öffentlichkeit etwas zählt.

Nein, ich kann mir eigentlich nur einen Grund vorstellen, warum hier noch Grün ist statt verbauter Fläche: Da sind einige Bauern ziemliche Sturschädel, die lieber Landwirte bleiben wollen als Grundstücksspekulanten zu werden. Und sie machen einen tollen Job, auch im Sinne des Naturschutzes. Es braucht mehr Bauern wie diese, und wir sollten dazu übergehen, auch sprachlich genauer zwischen Landwirtschaft und Agrarökonomie zu differenzieren. Das haben sich die Landwirte verdient.

Wilder Feger in der Stadt

Rehbock beim Fegen

Manchmal macht sich ein kurzer Spaziergang bezahlt, wenn man in der Früh auf dem Weg ins Büro ist. Heute Morgen habe ich einen kleinen Abstecher nach Oberlaa gemacht. Die kleinteilige Landwirtschaft auf dem Wiener Stadtgebiet, zwischen Wohnsiedlungen und Industrieanlagen, ist mittlerweile ein sehr wichtiger Rückzugsbereich für viele Wildtiere, vor allem wenn diese Bereiche noch Anbindung an das Umland haben, wie das am Oberlaaer Goldberg der Fall ist.

In einem kleinen Weingarten bemerkte ich eine Bewegung im Gras. Zuerst hielt ich es für einen Hasen, aber durchs Teleobjektiv entdeckte ich einen Rehbock, der gerade dabei war, die Basthaut seines Geweihs zu verlieren. Die linke Hälfte war bereits frei gelegt, die rechte noch von den leicht blutigen Resten der Haut überzogen.

Daneben lagerten zwei weibliche Rehe. Die Tiere ließen sich durch mich nicht stören und fraßen seelenruhig weiter. Was will man auch von Rehen anderes erwarten, die ihr Quartier mitten im besiedelten Gebiet gewählt haben. Im Hintergund liegt der Wiener Zentralverschiebebahnhof, wo permanent die Güterzüge durchrattern, und hinter meinem Standpunkt ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Während ich fotografierte, ging ein Mann mit Hund hinter mir vorbei, und ein anderer joggte in die Gegenrichtung. Ein äsendes Stadtreh hebt in so einem Fall nicht einmal den Kopf. Erst wenn man das Teleobjektiv in Stellung bringt, wird man kurz inspiziert, aber gleich danach wird das Frühstück fortgesetzt.

Invasive schwarze Boxen

Amsel vor Rattenköderbox

In letzter Zeit tauchen in Wiener Parks immer wieder schwarze Köderboxen auf, die offensichtlich der Rattenbekämpfung dienen. Selten ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer für die Ausbringung verantwortlich ist und warum sie veranlasst wurde.

Es gibt Tiere, da fällt einem der Naturschutzgedanke schwer. Zecken sind so eine Spezies, auch Gelsen gehören dazu. Oder Ratten, wenn sie in großer Zahl auftreten. Vor einigen Jahren gab es im Haus meiner Schwiegereltern eine kleine Abstellkammer – wenn man da die Tür öffnete, blickten einem immer mehrere neugierige Augenpaare entgegen. Die Ratten, die sich dort einquartiert hatten, waren gar nicht scheu. Wenn man ihnen ein kleines Baumwollsäckchen mit Rattengift zuwarf, liefen sie nicht davon, sondern holten sich das vermeintliche Leckerli. Obwohl mir der Einsatz von Gift zuwider ist, halte ich es als Notfallmaßnahme bei massivem Rattenbefall für sinnvoll. Ich hätte es wohl kaum fertig gebracht, die Rattenkammer leer zu räumen, wären mir dabei ständig die unerwünschten Bewohner um die Füße gehuscht. Andererseits wären wir die Ratten aber auch nicht los geworden, hätten wir uns nur auf den Einsatz von Gift beschränkt.

Die Situation schien damals aussichtslos. Tatsächlich war es aber gar nicht so schwer, die Ratten nachhaltig wieder los zu werden. Montageschaum hat mir geholfen, die Bausubstanz gründlich abzudichten. Außerdem mussten wir die eigentliche Ursache für den Rattenbefall entfernen. Meine Schwiegereltern hielten Laufenten, und damit die Tiere nur ja nicht Hunger leiden mussten, stand im Garten ständig eine Schüssel mit Futter herum. Ratten siedeln sich bevorzugt dort an, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist beziehungsweise ihnen von Menschen zur Verfügung gestellt wird. In der freien Natur findet man hingegen kaum noch Populationen, oder wie ein namenloser Rattenphilosoph deshalb einmal gesagt hat: „Wenn der letzte Mensch von der Erde verschwindet, haben die Ratten nur noch vier Jahre zu leben!“

Aber wie sieht die Situation in einer Stadt wie Wien aus, wo mit der großen Zahl an Menschen auch reichlich Nahrung für Ratten vorhanden ist? Die Wiener Rattenverordnung schreibt vor, dass alle Liegenschaften mehrmals pro Jahr durch einen professionellen Schädlingsbekämpfer auf Befall zu kontrollieren sind. Gegebenenfalls sind Maßnahmen zu treffen. Es gibt deshalb kaum einen Wiener Keller, in dem nicht Gift herum liegt. Früher waren das violette Körner in kleinen Schüsseln, mittlerweile sind flächendeckend die kinder- und haustiersicheren Köderboxen im Einsatz.

Diese technische Neuerung verdanken wir der EU-Verordnung 528 aus dem Jahr 2012. Moderne Rattengifte, die Antikoagulanzien der zweiten Generation, sind nämlich alles andere als harmlos. Ihre gerinnungshemmende Wirkung ist für andere Säugetiere und den Menschen gleichermaßen gefährlich und sie sind schwer abbaubar, sammeln sich also mit der Zeit in der Umwelt an wie der Klassiker DDT. Die meisten Fischproben in Fließgewässern enthalten deshalb mittlerweile Rattengifte, die höchstwahrscheinlich vom Einsatz in der Kanalisation stammen.*) Zusätzlich gelten Rodentizide als reproduktionstoxisch, das heißt, sie schädigen die Fruchtbarkeit. Der einzige Grund, warum sie nicht komplett verboten wurden, liegt darin, dass es keine Alternative gibt und Ratten auch zahlreiche Krankheiten übertragen können. Frei erhältlich sind Rattengifte der zweiten Generation aber nicht mehr. Sie dürfen nur noch von ausgebildeten Schädlingsbekämpfern unter strikter Einhaltung von Sicherheitsauflagen eingesetzt werden.

Und dann ist da noch der Hyblerpark bei mir um die Ecke im elften Wiener Gemeindebezirk, benannt nach Wenzel Hybler (1847–1920), ehemals Direktor des Stadtgartenamtes. Seit einigen Wochen drängen sich da mindestens zehn dieser schwarzen Boxen auf engstem Raum. Keine Hinweistafel, kein roter Aufkleber mit Warnungen und Informationen zum Gegengift. Ganz verschämt unter den Hecken und im Gestrüpp stehen die Rattenköderboxen in der freien Natur, teilweise umgeworfen und beschädigt. Das scheint niemanden zu kümmern. Singvögel wie Amseln, Meisen und Buntspechte tummeln sich im Park. Sogar ein Eichhörnchen ist an einem sonnigen Wintermorgen unterwegs. Nur Ratten sieht man keine, was vermutlich an der Omnipräsenz dieser schwarzen Plastikboxen liegt.

Das alles fiel mir vor ziemlich genau einem Monat zum ersten Mal auf. In der Zwischenzeit war ich stur, habe Fotos verschickt, E-Mails geschrieben und mit Anrainern gesprochen. Es ist schwer zu durchschauen, an wen man sich in so einem Fall wenden kann. Eine Millionenstadt wie Wien hat unzählige Servicestellen und Magistratsabteilungen, deren Zuständigkeiten und Aufgabengebiete für einen Außenstehenden nur schwer zuzuordnen sind. Und was will ich eigentlich? Ratten gehören bekämpft, und zum Gift gibt es doch keine Alternative, oder?

Zuerst wende ich mich an die MA 32, Wiener Stadtgärten, ehemals Stadtgartenamt (wir erinnern uns, Herr Hybler, der Namensgeber des Parks, war hier mal Direktor). Dort teilt man mir mit, die Köder seien in Wachsblöcke gegossen, eine Abgabe des Giftes in den Umweltkreislauf somit nicht möglich. Hunde, Katzen und Vögel gehen nicht an die Köder, und selbst wenn Kinder davon abbeißen würden, wäre die Giftmenge viel zu gering, um Schaden anzurichten.

Überquellender Mülleimer mit RattenköderboxAls nächstes spreche ich mit einem Anrainer, der unmittelbar neben dem Park wohnt. Das heißt, eigentlich spricht er mit mir. Wenn jemand herumspaziert und Mistkübel fotografiert, erregt das Aufmerksamkeit. Dann wird man angesprochen.

Die Ratten seien eine Plage, die Gegenmaßnahmen bringen nichts, das würde er schon seit Jahren beobachten. Die Ratten kommen immer wieder, das Problem sei der Dreck. Die Krähen räumen die Mistkübel leer, überall liegt Abfall herum, und dann ist da noch der Türke, der ständig die Tauben füttert. Überhaupt, die Ausländer. Und die Hundebesitzer. Aber was nützt es, sich aufzuregen, man kann eh nichts machen.

Taubenfütterung im ParkLangsam lichten sich die Nebel und ich sehe ein Bild vor meinen Augen. Die Ausländer lasse ich beiseite, vielleicht weil ich auf 50 Jahre Erfahrung zurück blicken kann und weiß, dass das Zusammenleben in der Stadt noch nie friktionsfrei war. Aber die Überquellenden Abfallkübel und das Taubenfüttern sind mir auch schon aufgefallen. Manchmal liegt kiloweise Weißbrot unter den Bäumen, und die Vögel stürzen sich in großen Schwärmen über das Nahrungsangebot. Leicht vorstellbar, dass hier auch für die Ratten der eine oder andere Leckerbissen abfällt.

Es ist wie ein Stellvertreterkrieg. Die einen füttern die Ratten und die anderen vergiften sie. Kaum ist die Rattenplage eingedämmt, wird schon die nächste Generation aufgepäppelt. Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Tierliebe trifft auf Ordnungsliebe. Kann man diesen Kreislauf überhaupt durchbrechen?

In meiner Verzweiflung wende ich mich an die Wiener Umweltanwaltschaft, und die rücken zügig einige Punkte dieser Schräglage wieder gerade. Taubenfüttern ist in Wien verboten und wird mit 50 Euro bestraft. Die Magistratsabteilung 48, zuständig für die Abfallwirtschaft, wird verständigt, um in unserem Park die Kontrollen der WasteWatcher zu verstärken und eventuell Verwaltungsstrafen einzuheben. Außerdem werden Hinweisschilder aufgestellt. Mistkübel mit Deckel bringen oft keine Verbesserung, weil dann nur mehr Müll daneben landet. Punkt für Punkt geht man auf mein Problem ein und stimmt mir zu, dass man sich mit dem Nahrungsangebot beschäftigen muss, um das Auftreten von Ratten einzudämmen. Die Aufgabe ist schwierig, aber man bemüht sich, die Situation zu verbessern und hofft, dass durch Aufklärung und Verwaltungsstrafen weniger Ratten angelockt werden und der Einsatz von Giften in Zukunft nicht mehr nötig ist.

Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber Wunder hatte ich ja sowieso nicht erwartet. Umweltschutz besteht immer aus vielen kleinen, mühsamen Schritten und funktioniert nur, wenn alle gemeinsam mitarbeiten. Und die entscheidende Botschaft lese ich auch zwischen den Zeilen: Hier spricht jemand vom Eindämmen des Vorkommens. Ziel ist es, weniger Ratten anzulocken. Keine Rede vom Vernichtungskrieg, den die Schädlingsbekämpfer so gern ins Auge fassen.

Die totale Vernichtung der Ratten macht nämlich keinen Sinn. Das weiß man, weil es Budapest in den 1970er Jahren gelungen ist, rattenfrei zu werden. Danach haben sich die Kakerlaken ungezügelt vermehrt. Irgendwer muss den Dreck ja entsorgen. Und dann sind da noch die Marder, die ich bei uns immer wieder durch die Gassen huschen sehe. Die brauchen auch ihr Futter, und Natur in Teilen gibt es nicht. Die rattenfreie Stadt werden wir nicht zuwege bringen, aber vielleicht ein natürliches Gleichgewicht, das übermäßiges Aufkommen verhindert.

Dazu kann jeder von uns seinen Teil beitragen: Essensreste gehören weder in einen öffentlichen Mistkübel, noch in den Kanal. Wer seine Mittagsabfälle die Toilette runter spült, füttert die Ratten. Da ist kein Unterschied zum Taubenfüttern im Park. Und von der Öffentlichen Hand würde man sich wünschen, dass sie vorab und selbständig nach den Ursachen einer Rattenplage forscht, bevor sie den Schädlingsbekämpfer beauftragt. Außerdem sollten nur solche Firmen zum Zug kommen, die sich auch an die Gesetze halten. Auf die Köderboxen gehört ein witterungsbeständiger Warnhinweis und selbstverständlich auch die Adresse des Schädlingsbekämpfers, damit mündige Bürger wissen, wo sie beschädigte Boxen melden können.

Und persönlich habe ich in den letzten Wochen gelernt, dass es schon mal erlaubt sein muss, den kleinen Querulanten nach außen zu kehren, wenn es die Aufgabe wert ist. Nicht überall wird man als lästiger Bittsteller empfunden, wenn man an eine zuständige Serviceadresse schreibt. Manchmal sind die richtig dankbar für Fotos und Hinweise. Die wissen ja auch nicht immer, wo sie kontrollieren sollen. Lohnen tut sich das Einmischen in jedem Fall, denn wir haben nicht so viel Natur und Grünraum in der Stadt, dass wir sie den Rattenfütterern überlassen können.

Bleibt nur noch, mich für eure Geduld beim Lesen des heute ungewöhnlich langen, textlastigen Beitrags zu bedanken. Aber das erste, was ich gemacht habe, war natürlich, im Netz nach Informationen zu suchen, und da findet man wenig über die invasiven Rattenköderboxen in unseren Parks. Die Schädlingsbekämpfer passen sich anscheinend an ihre Opfer an und agieren gern unaffällig. Das Gift landet still und heimlich dort, wo es nicht auffällt, unterm Gestrüpp und im Kanal. Aber sobald es in den Kreislauf gelangt, betrifft es uns alle, und dann ist Transparenz gefragt.

Spuren im Wald

Reh-Fußabdruck im Schnee

Letzte Woche habe ich „Gebrauchsanweisung für den Wald“ von Peter Wohlleben gelesen. Das war nicht nur eine kurzweilige, witzige und informative Lektüre, es hat mir auch nach Jahren wieder einmal Lust auf einen Waldspaziergang gemacht. Seit ich keinen Hund mehr habe, fehlt mir diesbezüglich nicht nur die Motivation, sondern auch das dritte Auge, die feine Nase des Vierbeiners, die mich vieles entdecken hat lassen, an dem ich jetzt unwissend vorüber gehe.

Leere FutterkrippeIn den letzten Jahren hat sich im nahen Wald einiges geändert. Die Futterkrippe ist zum Beispiel leer. Hier waren früher immer viele Rehe auf einem kleinen Hügel beinahe in der Mitte des Ortes. Mittlerweile scheint sich herum gesprochen zu haben, dass die Wildfütterung in Kärnten nur in Notfällen und mit behördlicher Genehmigung erlaubt ist. Vielleicht haben die Waldbesitzer auch festgestellt, dass Füttern nichts bringt außer mittelfristig noch mehr Rehe und somit auch mehr Schaden durch Verbiss.

Früher hatte ich beim Spaziergang immer den Blick erhoben. Die Fläche vor meinen Füßen hatte der Hund für mich im Geruchsfeld. Er wusste genau, welche Spur wie alt war und in welche Richtung sie verlief. Manchmal sah ich in der Ferne ein Reh über den Weg laufen. Kaum waren wir an der Stelle angekommen, blieb der Hund prompt stehen und zeigte die Richtung an, in die sich das Reh fortbewegt hatte. Richtig, dachte ich dann bei mir, das habe ich ausnahmsweise einmal vor dir bemerkt.

RehspurHeute muss ich die Spuren selber lesen. Auf meine Nase kann ich mich dabei nicht verlassen, aber der Schnee hilft. Hunde, Spaziergänger und Hasen sind vorbei gekommen. Aber vor allem jede Menge Rehe. Überall sind Abdrücke von Paarhufern, aber die Tiere sind nirgends zu sehen.

Der Schnee ist alt. Die meisten Spuren sind leicht verweht. Ich suche nach den scharfen, frischen Abdrücken. Die Spitzen der Hufe zeigen mir die Richtung, aber zwischen den Bäumen fällt es schwer, den Blick schweifen zu lassen. Und dann ist da plötzlich eine Bewegung, ganz hinten. Ein Rehbock blickt mir direkt in  die Augen. Er steht knapp hundert Meter entfernt auf einem Weg, der parallel zu meinem verläuft.

Ich krame langsam meine Kamera hervor und richte das Teleobjektiv aus. Der Rehbock rührt sich nicht. Vielleicht weiß er, dass in Kärnten seit Monatsbeginn Schonzeit ist, vielleicht hat er mich auch längst als harmlos eingeschätzt, wahrscheinlich sieht er aber auch nicht so gut. Der Sehsinn ist im Wald weniger von Nutzen. Da sind wir als ehemalige Steppenbewohner besser ausgestattet.

Rehbock im Winter

Die Distanz ist an der Grenze zum technisch Möglichen, auch das Licht im Wald lässt zu wünschen übrig. Aber der Rehbock hält geduldig still. Er lässt mich fünf Fotos machen, von denen die meisten unscharf und verwackelt sind. Auch die Kamera tut sich im Wald schwer. Unter Bäumen ist nicht der richtige Ort für optische Wahrnehmung.

Irgendwann beschließt der Rehbock, mich zu ignorieren, senkt seinen Kopf und trottet gemächlich seinem Trupp hinterher. Ich habe anscheinend keinen Eindruck auf ihn gemacht. Gut so! Dann brauche ich wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. Stören wollte ich nicht. Aber wahrscheinlich ist das auch nur etwas, was uns die Jäger einreden wollen. Als Spaziergänger gehört man zum Wald dazu, und man stört die Rehe deutlich weniger als ein Waidmann auf der Jagd.

Hamster im Novemberglück

Hamster unter Erde

Nicht jedes Tier kann man im eigenen Garten haben, deshalb gibt es heute einen Besuch im „Garten“ meiner Großmutter. Sie liegt seit 2003 auf dem Meidlinger Friedhof in Wien. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich unweit von ihrem Grab aufgenommen.

Im November wird ja traditionell der Toten gedacht – wahrscheinlich, weil dieser Monat so nass, kalt und dunkel ist wie die Erde, in der die Verstorbenen ruhen. In Wien ist der Herbst besonders grau und verregnet, der Himmel ist normalerweise wolkenbedeckt und ein steifer Wind drückt einem die Kälte in die Knochen. Nur am ersten November ist alles anders. Da scheint immer die Sonne und jeder geht auf den Friedhof. Es ist wie ein großer Jahrmarkt – man trifft die Verwandtschaft, legt ein paar Blumen nieder und geht anschließend zum Wirten.

Sobald Allerheiligen und Allerseelen vorüber sind, hat man auf dem Friedhof wieder seine Ruhe. Ich bin heute aus zwei Gründen hier: Erstens ist der November für jemanden, der einen Blog über Tiere im Garten schreibt, eine relativ trostlose Zeit. Man muss schon gezielt nach ganz besonderen Arten suchen, die jetzt noch aktiv sind. Und zweitens hat Lutz Prauser in seinem Blog die Frage nach dem Novemberglück gestellt: Gibt es Gründe, den November zu genießen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann beim besten Willen keine positive Antwort geben. Der November ist für mich wie ein graues Loch in der Zeit zwischen Herbsternte und Winterfreude. Und weil das kein sehr geistreicher Beitrag zum Thema Novemberglück wäre, kommt die Antwort auf Lutz Prausers Frage heute von den kleinen Freunden auf dem Meidlinger Friedhof.

HamsterportraitDer Feldhamster war noch bis in die 1970er Jahre in landwirtschaftlichen Gebieten weit verbreitet und galt als Ernteschädling. Im ländlichen Bereich ist er wahrscheinlich noch immer nicht gern gesehen und gilt mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Ganz anders ist die Situation in der österreichischen Bundeshauptstadt. Viele Stadtgärten verfügen in Wien über ansehnliche Hamsterpopulationen.

Normalerweise sind die Tiere nacht- und dämmerungsaktiv. Hier auf dem Meidlinger Friedhof hat man aber kein Problem damit, die scheuen Tiere am Nachmittag vor die Linse zu bekommen. An das Fotografieren sind sie mittlerweile gewöhnt.

Hamster zwischen GräbernDie neugierigen Menschen halten die wenigen innerstädtischen Fressfeinde auf Distanz. Gleichzeitig ist die Zahl der Artgenossen groß und man muss deshalb auch untertags schauen, dass man satt wird. Wie bei vielen anderen Tierarten ist auch bei den Feldhamstern der Unterschied zwischen Stadt- und Landpopulation wie Tag und Nacht. Vor allem im Herbst sind die kleinen Nager hier zwischen den Gräbern überall und machen das, wofür sie bekannt sind: Hamstern was die Backen hergeben.

Hamster und BlumenUnd Futter findet man auf einem Friedhof genug. Aus einem unerfindlichen Grund gibt es fast das ganze Jahr über frische Blumen, von denen einige überaus wohlschmeckend sind. Nicht immer bringt diese Naschsucht den kleinen Nagern Glück. Dieses Jahr haben Anrainer über zahlreiche tote Hamster auf dem Friedhof berichtet. Die genauen Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Streunerkatzen, Füchse und Krankheiten kämen in Betracht. Es könnten aber auch Friedhofsbesucher oder -bedienstete sein, die für das Treiben der Tiere kein Verständnis haben. Kontrollen und eine Infokampagne haben geholfen, die Zahl der Kadaverfunde einzudämmen. Zusätzlich wurde eine ausführliche Hinweistafel aufgestellt, die für Akzeptanz wirbt:

Hinweistafel über Hamster am Friedhof

Meine Großmutter hat früher immer jede Natursendung angesehen, die im Fernsehen lief. Wenn heute die Feldhamster rund um ihr Grab herum tollen, kann ich nur sagen: Der Kreis schließt sich. Am Ende fügt sich im Leben eines zum anderen – vielleicht nicht immer im Leben, manchmal auch erst danach. Meine Großmutter hätte sich jedenfalls genau so eine Ruhestätte gewünscht – auf einem Friedhof voller Feldhamster.

Stehender HamsterDie Nager haben dieses Jahr besonderes Glück. Eigentlich sollten sie längst unter der Erde verschwunden sein, aber die Witterung ist diesen November besonders mild. Gleichzeitig haben die Tiere ihre Ruhe. Nur hie und da kommt ein Fotograf vorbei, um für seinen Blogbeitrag zu recherchieren. Wenn sich die Feldhamster belästigt fühlen, richten sie sich auf. Die dunkle Unterseite wirkt angeblich bedrohlich, und die Nager schrecken ihre Fressfeinde gleichzeitig durch lautes Fauchen. Bei uns Menschen zieht das irgendwie nicht. Auf uns wirken die wuscheligen Tiere einfach nur putzig. Sie lassen sich auch nicht lange von ihrer Tätigkeit abhalten. Sobald man einen Schritt zurück macht, stopfen sie sich wieder die Backen voll. Man kann halt nie genug Futter einlagern.

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, wofür der November gut ist. Eigentlich könnte der Oktober ja gleich in den Winter übergehen. Stattdessen hält die kalte Jahreszeit noch einmal inne, und die Hamster haben genügend Zeit, ihre Vorräte einzulagern. Mindestens zwei Kilo Futter braucht so ein Hamster für die kalte Jahreszeit, und wer im Oktober noch nicht genug eingelagert hat, der kann das jetzt nachholen.

Ich halte es mit den Hamstern und frage mich im November immer, welche Besorgungen dieses Jahr noch anstehen. Die erledige ich dann tunlichst, und im Dezember bringt mich außer für Lebensmittel niemand mehr in ein Warenhaus, denn es gibt etwas, was noch schlimmer ist als der grau-nasse November, und das ist einkaufen bei Weihnachtsmusik…