Der Hamster und die Rote Liste

Feldhamster

In den letzten Tagen sind mir zwei Meldungen über den Feldhamster ins Auge gestochen: Die Art wurde von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf die Rote Liste gesetzt. Das mag verwundern, da der Feldhamster in der EU schon länger streng geschützt ist. In Deutschland schätzt man die verbliebene Individuenzahl beispielsweise auf magere 10.000. Bislang ging man aber davon aus, dass in Osteuropa noch reichliche Bestände vorhanden sind. Dem ist nicht so, und jetzt ist es auch amtlich: Der Feldhamster ist eine weltweit vom Aussterben bedrohte Spezies.

Für den Artenschwund ist diese Meldung eher eine belanglose Randnotiz: Angesichts der Tatsache, dass die meisten Arten unmittelbar nach ihrer Entdeckung aussterben, weil ihre Bedrohung mit dem Eindringen des Menschen in ihren Lebensraum zusammenfällt, führt man Rote Listen eher für Agenturmeldungen als aus wissenschaftlichen Gründen. Den Kampf um die Artenvielfalt verlieren wir ganz unauffällig in den tropischen Regenwäldern, wo wahrscheinlich mit jedem gefällten Baum mehrere endemische Insektenarten für immer verschwinden, aber die Tiere unserer Kindheit gehen uns halt näher, und wenn es aufrüttelt, hat so eine Schlagzeile auch ihre Berechtigung: Der Hamster läuft Gefahr, in den nächsten 30 Jahren für immer von diesem Planeten zu verschwinden!

Die zweite Meldung fand ich bemerkenswerter: Der Europäische Gerichtshof hat ein Urteil des Wiener Magistrats gegen einen Bauarbeiter bestätigt, der im Rahmen eines Bauprojekts einen leeren Hamsterbau beschädigt hatte. Das Wiener Verwaltungsgericht war der Auffassung, dass die Bauten der Tiere auch dann zu schützen sind, wenn ihre Bewohner nicht zu Hause sind, und ließ sich diese Rechtsmeinung vom EuGH bestätigen.

Im Grunde genommen ist das nur konsequent und logisch: Wenn wir wollen, dass Gesetze auch etwas bewirken, müssen wir die bedrohten Tierarten und ihre Lebensräume gleichermaßen unter Schutz stellen. Bei der Bauordnung ist es ja ähnlich: Wer ein neues Gebäude errichtet, muss dieses barrierefrei gestalten, auch wenn es sich dabei um einen Bürokomplex für eine Firma handelt, die gar keine Behinderten beschäftigt. Fehlende Blindenleitsystem und Rollstuhlzugänge sind eine Barriere und somit Diskriminierung für all jene, die sich vielleicht in Zukunft bei dieser Firma bewerben wollen.

Ich weiß, dass dieser Vergleich ganz schrecklich hinkt, aber es geht mir auch nicht darum, Behinderten- und Tierschutz einander gegenüber zu stellen. Das Rechtsprinzip dahinter sollte das gleiche sein: Wenn wir ein Gesetz nicht nur zum Spaß einrichten, sondern damit auch etwas bewirken wollen, müssen wir es auch entsprechend konsequent anwenden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Wiese, auf der wir bauen wollen, von geschützten Tieren bewohnt wird, sondern ob sie einen geeigneten Lebensraum für diese Arten darstellt. Und deshalb wurde der Bauarbeiter vom Magistrat der Stadt Wien für die Zerstörung eines leeren Hamsterbaus bestraft.

Fragt sich nur noch, warum die gleiche Gemeinde Wien auf dem Gelände des ehemaligen Heeresspitals Wohnungen errichtet und dafür ein großangelegtes Projekt zur Absiedelung der dort ansässigen Ziesel initiiert hat. Im Idealfall bleiben am Ende so eines Projektes doch auf dem Baugrund leere Zieselbauten zurück, die jahrelang als ideale Wohnstätte für die geschützten Nager gedient hatten, und für die Zerstörung eines leeren Hamsterbaus hat die gleiche Gemeinde – vom EuGH abgesegnet – gerade einen Bauarbeiter bestraft. Der Widerspruch will mir irgendwie nicht in den Kopf.

Den Feldhamstern vom Meidlinger Friedhof sind so komplizierte Gedanken glücklicherweise Fremd. Die Fotos sind von gestern Nachmittag. Es war der bislang heißeste Tag des Sommers mit Temperaturen bis zu 35 Grad. Zuerst war weit und breit kein Hamster zu beobachten, schließlich lässt sich die ärgste Hitze ganz gut in den Erdbauten aussitzen. Als ich um sechs wieder gegangen bin, knabberte aber fast hinter jedem Grabstein einer der Nager in der Wiese. Mein Liebling war der auf dem ersten Foto. Der hat so einen herrlichen Silberblick – er scheanglt, wie man bei uns sagt, als hätte er gerade ein ziemlich gutes Kraut gefuttert.

Am Ende habe ich mich keine zwei Meter neben einen Hamster auf den Weg gesetzt, der sich dadurch nicht stören ließ. Warum die Tiere so ruhig bleiben, sieht man auf den letzten beiden Bildern: Im Zweifelsfall ist immer irgendwo ein Loch in der Nähe, in das man verschwinden kann.



Weiterführende Links:

 

Umweltschutz für Schilderbürger

Violette Sommerwurz Schild

Am Rande einer Brachfläche im 11. Bezirk hat die MA 42, die umgangssprachlich immer noch Stadtgartenamt heißt, obwohl sie sich längst in „Wiener Gärten“ umbenannt hat, vor einiger Zeit zwei Schilder aufgestellt, mit denen sie über die Violette Sommerwurz informiert.

Diese Pflanze kann etwas Besonderes: Sie bringt schöne Blüten hervor ohne dafür Blätter zu benötigen. Für dieses Kunststück setzt sie sich einfach auf die Schafgarbe und zapft diese an. Die Schafgarbe ist weit verbreitet und deshalb als Wirtspflanze eine gute Wahl, aber mit dem Rückgang nährstoffarmer Wiesen tut sich die Violette Sommerwurz immer schwerer, geeignete Unterlagen zu finden, weshalb sie in Österreich unter Schutz steht.

Baustelle HyblerparkUmso mehr hat mich gewundert, dass das Erdreich hinter den Schildern in den letzten Tagen tiefgreifend abgetragen wurde. Aus der „Gstätten“, wie man in Wien zu ungenützten Brachflächen sagt, wurde eine Baustelle, und in den nächsten Monaten wird hier die rundum fleißig tätige Stadterweiterung ein weiteres Gebäude aus dem Boden schießen lassen. Aber was ist mit der Violetten Sommerwurz?

Baustelle Hyblerpark/Modecenterstraße Die lebt, ich habe nachgefragt, jetzt auf dem schmalen Grünstreifen neben der Baustelle. Behutsam umgesetzt von der MA 42 unter der Aufsicht der MA 22, das ist der Umweltschutz. So kann die Violette Sommerwurz auch weiterhin ihre zahlreichen Samen vom Wind verbreiten lassen, wie auf dem Schild steht. Auf dass sie irgendwo auf dem umliegenden Asphalt eine neue Heimat finden.

Der Vorteil des sechsten Artensterbens ist, dass es vor unserer Haustür stattfindet. So können wir zu Fuß hingehen und uns den ganzen Trubel CO2-neutral aus der ersten Reihe ansehen. Und die Ursache ist auch unübersehbar. Ich habe keine Ahnung, ob in Österreich wirklich jeden Tag zwanzig Fußballfelder versiegelt werden, wie es heißt, aber die genauen Zahlen brauche ich auch nicht. Ein Teil dieser Fußballfelder war hier früher einmal die Simmeringer Haide – schreibt man mit a und spricht man auch mit drei: simaringahad, ein Wort, das letzte a etwas länger. Es lohnt sich aber nicht, die genaue Aussprache zu lernen. Die ehemalige „Gstätten“, Stichwort Magerwiese, ist längst unter Häuserblöcken verschwunden, denn die wachsende Bevölkerung braucht Platz. Dagegen kann man wahrscheinlich gar nichts machen.

Was mich am meisten ärgert, sind komischerweise die Schilder, die uns weismachen wollen, dass in diesem Zusammenhang auch auf die Umwelt Rücksicht genommen wird. Statt uns Gedanken zu machen, wie wir auf dem knapper werdenden Lebensraum trotzdem ein funktionierendes Miteinander von Mensch und Natur erwirken können, beschäftigen wir uns lieber mit PR-Maßnahmen und Schönheitskosmetik.

Ein tierfreier Garten im Stadion

Wörthersee Stadion For Forest

Klagenfurt hat 100.000 Einwohner und ein Fußballstadion mit 30.000 Sitzplätzen, das so überdimensioniert ist, dass der Zweitligist Austria Klagenfurt auch dann noch vor leeren Rängen spielt, selbst wenn einmal alle Fans zum Match kommen. Nach der EURO 2008 hätte der Neubau eigentlich auf eine vernünftige Größe verkleinert werden sollen, aber irgendwie war das Geld plötzlich weg, also leistet man sich seither lieber die Erhaltung eines Stadions, das so gut wie nie ausgelastet ist.

Das kostet deutlich mehr und mag nach Schildbürgerstreich klingen, hat aber den Vorteil, dass sich mit so einem leeren Stadion recht witzige Dinge anstellen lassen. So kann man zum Beispiel eine Bleistiftzeichnung von Max Peintner aus den 1970er Jahren in die Realität umsetzen, wie das der Basler Künstler Klaus Littmann gemacht hat. Seine Kunstinstallation „For Forest“ ist noch bis zum 27. Oktober 2019 bei freiem Eintritt zu besichtigen, was dazu führt, dass das Wörthersee Stadion zurzeit so voll ist wie schon lange nicht mehr. Besucher aller Altersstufen spazieren über die Ränge des Stadions und werfen einen Blick auf einen künstlich gestalteten Mischwald, der sich von Max Peintners phantastischer Zeichnung eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass man ihn nicht begehen kann – aber das würde dieses fragile Gebilde wahrscheinlich auch nicht lange überleben.

For Forest

16 verschiedene, für die Region typische Baumarten hat das Team um den Landschaftsarchitekten Enzo Enea so angeordnet, dass ein möglichst natürlicher Eindruck entsteht. Ja, es ist sogar geplant, diese Waldskulptur nach der Installation auf einem stadtnahen Gelände tatsächlich zu verpflanzen und so dauerhaft in der Erinnerung zu verwurzeln.

Aber was ist das jetzt eigentlich: Kunstinstallation oder Wald? Oder beides? Wird der Wald zur Kunst, sobald man ihn in einem Stadion ausstellt? Und ist es überhaupt möglich, einen naturnahen Wald künstlich aus verschulten Bäumen zusammen zu stellen? Was mich betrifft, so war der Anblick äußerst beeindruckend. Ich war überrascht, wie real der Wald im Stadion gewirkt hat, wie ein hyperrealistisches 3D-Gemälde im Großbildformat. Auch der Zeitpunkt ist perfekt gewählt, man kann den Bäumen richtig zusehen, wie sie sich herbstlich verfärben und täglich ihr Erscheinungsbild wechseln.

Nur die Fauna hat sich nicht täuschen lassen. Ich habe während meiner Besichtigung keinen einzigen Singvogel entdeckt, wenn man von ein paar Stadttauben auf dem Stadiondach absieht, aber die wohnen sicher dort und hätten sich ein Match auch angesehen. Das Rotkehlchen, das mich später aus dem Holunder angeblinzelt hat, als ich wieder zu Hause im Garten war, hätte über den Stadionwald ein eindeutiges Urteil gefällt: Das ist eine Kunstinstallation, die mit einem richtigen Wald wenig gemeinsam hat. Macht aber auch nichts. Das wird sich schon noch ändern, wenn die 299 Bäume Ende Oktober tatsächlich in der Nähe von Klagenfurt ausgewildert werden, und die Natur den Rest erledigt. Dann wird aus der Kunstinstallation, die zurzeit im Wörthersee Stadion die Besucher erstaunt und zum Nachdenken anregt, schon noch sehr schnell ein ganz normaler Wald.

Meine neuen Zähne

Rechen

Zahnersatz ist traditionell zunächst etwas heller als die leicht bräunlichen, benachbarten Zähne. Das ändert sich mit der Zeit. Dafür muss man die Zähne aber auch benützen, und an den Spinnwebresten, die in den Zahnzwischenräumen hängen, merkt man, dass das bei mir nicht allzu oft der Fall ist.

Wir besitzen drei dieser alten Holzrechen. Es sind allesamt Erbstücke, wahrscheinlich schon seit mehreren Generationen. Sie sind quasi unverwüstlich. Nur die Zähne brechen manchmal aus. Diesen Sommer habe ich mir die Mühe gemacht, und die fehlenden Zähne aus verschiedenen Stäben und Ästen nachgeschnitzt. Es ist eine archaische Arbeit, die Ruhe und Geduld verlangt. Schnitzen, Einpassen, Klopfen, Nachfeilen. Allzu genau muss man nicht arbeiten. Ganz gerade sind die anderen Zähne ja auch nicht. Die wenigsten sind noch originale, präzise Handwerksarbeit. Die meisten sind nachgeschnitzt, und in vielen Lücken sitzen mindestens schon die dritten Zähne.

Ich mag diese Arbeit. Sie ist genau das Richtige für laue Sommerabende, weil man sich dafür in der abklingenden Hitze nicht zu sehr bewegen muss. Ich mag auch die alte Sense, die ebenfalls zum geerbten Hausinventar gehört. Ein- bis zweimal im Jahr mähe ich damit die Wiese hinterm Haus, wo nicht nur die Obstbäume stehen, sondern auch Wilde Möhre, Schafgarbe, Natternkopf und Wegwarte. Ich mähe nicht alles auf einmal, sondern immer nur ein kleines Stück von maximal 50 Quadratmetern. Ungeübt reißt es einem bei dieser Tätigkeit sonst nämlich das Kreuz ab.

Früher wäre ein Tagwerk ein Vielfaches gewesen, aber die Zeiten, in denen mit der Hand gemäht wurde, sind sowieso längst vorbei und kommen auch nicht wieder. In unserer Gegend werden mittlerweile auch ungedüngte Wiesen dreimal im Jahr mit dem Traktor gemäht, habe ich mir sagen lassen. Und ja, es gibt bei uns noch ungedüngte Wiesen. Das sind die, die direkt hinter dem Wohnhaus anfangen, weil sich auch der moderne Landwirt nicht gern die frisch gewaschene Wäsche mit Jauche verstinkt. Außerdem sieht er dann den Unterschied zur „guten“ Wiese weiter hinten, die er doppelt so oft mähen kann, weil er dort regelmäßig düngt.

Dem Bauern kann man keinen Vorwurf machen. Er hat seinen Stall von Plumpsklo auf Wasserklo umgestellt. Das ist hygienischer und macht weniger Arbeit. Die Jauche, die er so erhält, ist aber mehr oder weniger Sondermüll. Sie erzeugt Treibhausgase, und ganz nebenbei ist der Wegfall der Magerwiesen hauptverantwortlich für das Insektensterben.

Bei uns ist die Wiese hinterm Haus ein Paradies für Grashüpfer und Co. Wenn ich durchgehe, habe ich Kindheitserinnerungen. Früher sprang im Sommer bei jedem Schritt etwas weg. Nicht nur im naturbelassenen Garten, sondern auch auf dem Weg neben dem konventionell bewirtschafteten Feld. Ich habe eine kindliche Freude damit, dass sich diese kleinen Freunde mittlerweile auch in unserem Garten wieder breit machen.

Die meiste Freude habe ich allerdings, wenn die Heuschrecken auch noch für ein Foto ruhig sitzen bleiben, obwohl ich dann bei nachträglicher Betrachtung der Details feststelle, dass einige meiner Fotomodelle bereits am Ende ihrer Lebensspanne angekommen waren. Es hüpft sich nicht mehr so gut, wenn einem ein Bein fehlt.

Würden die Bauern noch so wirtschaften wie früher, hätten wir deutlich mehr dieser Insekten, die sich in den Wiesen der Umgebung tummeln. Das würde aber auch den wirtschaftlichen Bankrott für die meisten Landwirte bedeuten. Mir hingegen bietet diese Vorgangsweise ein deutliches Mehr an Freizeit. Ich habe nicht aus Gründen des Naturschutzes damit angefangen, die Wiese nur noch einmal im Jahr zu mähen, sondern weil mir die wöchentliche Arbeit einfach auf die Nerven gegangen ist. Bei mir bleibt seit einiger Zeit der Benzinmäher stumm. Den von der Straße einsehbaren Teil des Gartens mähe ich mit einem händischen Spindelmäher. Das ist zwar schweißtreibender Sport, aber die Fläche ist nicht groß, und Spindelmäher sind eine andere Kindheitserinnerung, die ich mag.

Aufs Rasenmähen großteils zu verzichten, hat für mich nur Vorteile. Dem Bauern kann man das, wie gesagt, nicht zumuten, der muss seine Wiese nach wirtschaftlichen Kriterien bewirtschaften, und das inkludiert Düngung und häufigen Schnitt. Aber was ist eigentlich mit den Kommunen? Ist da der soziale Druck wirklich so hoch, dass ständig gemäht werden muss? In jeder Gemeinde gäbe es zahlreiche Flächen, auf denen man gut und gern eine Blumenwiese sich selbst überlassen könnte, ohne dass es die Verkehrssicherheit oder die Lebensqualität der Bürger beeinträchtigen würde – ganz im Gegenteil, es ließen sich damit sogar Benzin- und Personalkosten sparen. Ein besonderer Umstellungsaufwand wäre auch nicht nötig, man müsste nur aufhören zu mähen, und trotzdem laufen irgendwo immer Rasentraktor und Kantentrimmer – wie in dem Lied von Reinhard Mey.

Und dann verstehe ich die Bürgermeister ja. Ich mähe auch den vorderen, von der Straße einsehbaren Teil des Gartens und lasse nur hinter dem Haus die Wiese hüfthoch stehen, weil mich sonst die Nachbarn darauf ansprechen würden, ob sie mir den Rasen mähen sollen, wenn ich keine Zeit dafür habe. Bevor man sich als Gemeinde auf eine Diskussion einlässt und dann am Ende zwischen den Stühle sitzt, macht man es lieber wie immer und wirft den Aufsitzmäher an. Vielleicht sollte man ein geeignetes Gesetz andenken, das die Kommunen dazu zwingt, dort, wo es nicht notwendig ist, das Mähen einzustellen. Sonst werden wir auf zusätzliche naturbelassene Flächen im öffentlichen Raum unter Umständen noch lange warten können. Und dabei sind sie doch eine so schöne, vielfältige Wildnis, diese hohen Wiesen, in denen sich die Insekten tummeln.

Nicht jeder läuft hier

Reh zwischen Gräbern

Der Wiener Zentralfriedhof ist schon etwas ganz Besonderes. Er ist mit 2,5 km2 und 330.000 Gräbern nicht nur einer der größten Friedhöfe Europas, sondern auch ein einzigartiges Naherholungsgebiet am Rande der Stadt. Man muss ihn nicht per Gesetz als Naturschutzgebiet definieren, er ist für alle Ewigkeit letzte Ruhestätte und blühender Lebensraum zugleich.

Laufroute am ZentralfriedhofDie Wildtiere haben den Zentralfriedhof genauso selbstverständlich „zweckentfremdet“ wie zahlreiche Jogger, die hier seit Jahrzehnten zwischen den endlosen Grabreihen ihre Runden drehen. Die Friedhofsverwaltung hat dem Rechnung getragen und im März zwei neue Laufstrecken mit GPS ausgemessen und beschildert. Die gut gemeinte Geste hat den Verantwortlichen eine Beschwerde der Volksanwaltschaft eingetragen. Dort steht man auf dem Standpunkt, der Friedhof müsste als „Parkanlage“ oder „Sportplatz“ und somit als „Erholungsgebiet“ ausgewiesen sein, um Laufstrecken anbieten zu dürfen. Streng nach Josef Weinheber: „War net Wien, wenn net durt, wo ka Gfrett is, ans wurdt.“

Der Zentralfriedhof ist nicht irgendein Friedhof. Es gibt eine eigene Buslinie und mit Genehmigung kann man sogar mit dem Auto zum Grabbesuch fahren, so groß ist das Areal. Bis in die 1980er Jahre war hier sogar ein Jagdgebiet. Heute laufen nur noch die Jogger. Die Rehe bleiben einfach stehen. Wo andere ihre ewigen Jagdgründe verbringen, ist längst auch die ewige Schonzeit eingekehrt.

Mir persönlich ist die Position der Volksanwaltschaft ja egal. Ich laufe nicht, ich fotografiere nur, und ein Grab mit meinem Familiennamen drauf gibt es natürlich auch – diesen Bezug zum „Zentral“ hat wahrscheinlich jeder Bewohner dieser Stadt. Aber eines muss ich als regelmäßiger Besucher schon anmerken: Von den Joggern hat sich noch kein einziges meiner Fotomotive aufscheuchen lassen. Die stören hier nicht einmal die Rehe, nur die Volksanwaltschaft. Aber die Wiener Mentalität ist halt auch für Ewigkeit.