Spuren im Wald

Reh-Fußabdruck im Schnee

Letzte Woche habe ich „Gebrauchsanweisung für den Wald“ von Peter Wohlleben gelesen. Das war nicht nur eine kurzweilige, witzige und informative Lektüre, es hat mir auch nach Jahren wieder einmal Lust auf einen Waldspaziergang gemacht. Seit ich keinen Hund mehr habe, fehlt mir diesbezüglich nicht nur die Motivation, sondern auch das dritte Auge, die feine Nase des Vierbeiners, die mich vieles entdecken hat lassen, an dem ich jetzt unwissend vorüber gehe.

Leere FutterkrippeIn den letzten Jahren hat sich im nahen Wald einiges geändert. Die Futterkrippe ist zum Beispiel leer. Hier waren früher immer viele Rehe auf einem kleinen Hügel beinahe in der Mitte des Ortes. Mittlerweile scheint sich herum gesprochen zu haben, dass die Wildfütterung in Kärnten nur in Notfällen und mit behördlicher Genehmigung erlaubt ist. Vielleicht haben die Waldbesitzer auch festgestellt, dass Füttern nichts bringt außer mittelfristig noch mehr Rehe und somit auch mehr Schaden durch Verbiss.

Früher hatte ich beim Spaziergang immer den Blick erhoben. Die Fläche vor meinen Füßen hatte der Hund für mich im Geruchsfeld. Er wusste genau, welche Spur wie alt war und in welche Richtung sie verlief. Manchmal sah ich in der Ferne ein Reh über den Weg laufen. Kaum waren wir an der Stelle angekommen, blieb der Hund prompt stehen und zeigte die Richtung an, in die sich das Reh fortbewegt hatte. Richtig, dachte ich dann bei mir, das habe ich ausnahmsweise einmal vor dir bemerkt.

RehspurHeute muss ich die Spuren selber lesen. Auf meine Nase kann ich mich dabei nicht verlassen, aber der Schnee hilft. Hunde, Spaziergänger und Hasen sind vorbei gekommen. Aber vor allem jede Menge Rehe. Überall sind Abdrücke von Paarhufern, aber die Tiere sind nirgends zu sehen.

Der Schnee ist alt. Die meisten Spuren sind leicht verweht. Ich suche nach den scharfen, frischen Abdrücken. Die Spitzen der Hufe zeigen mir die Richtung, aber zwischen den Bäumen fällt es schwer, den Blick schweifen zu lassen. Und dann ist da plötzlich eine Bewegung, ganz hinten. Ein Rehbock blickt mir direkt in  die Augen. Er steht knapp hundert Meter entfernt auf einem Weg, der parallel zu meinem verläuft.

Ich krame langsam meine Kamera hervor und richte das Teleobjektiv aus. Der Rehbock rührt sich nicht. Vielleicht weiß er, dass in Kärnten seit Monatsbeginn Schonzeit ist, vielleicht hat er mich auch längst als harmlos eingeschätzt, wahrscheinlich sieht er aber auch nicht so gut. Der Sehsinn ist im Wald weniger von Nutzen. Da sind wir als ehemalige Steppenbewohner besser ausgestattet.

Rehbock im Winter

Die Distanz ist an der Grenze zum technisch Möglichen, auch das Licht im Wald lässt zu wünschen übrig. Aber der Rehbock hält geduldig still. Er lässt mich fünf Fotos machen, von denen die meisten unscharf und verwackelt sind. Auch die Kamera tut sich im Wald schwer. Unter Bäumen ist nicht der richtige Ort für optische Wahrnehmung.

Irgendwann beschließt der Rehbock, mich zu ignorieren, senkt seinen Kopf und trottet gemächlich seinem Trupp hinterher. Ich habe anscheinend keinen Eindruck auf ihn gemacht. Gut so! Dann brauche ich wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. Stören wollte ich nicht. Aber wahrscheinlich ist das auch nur etwas, was uns die Jäger einreden wollen. Als Spaziergänger gehört man zum Wald dazu, und man stört die Rehe deutlich weniger als ein Waidmann auf der Jagd.

Möwen in Wien

Möwen in der Stadt

Heute Morgen schien zum zweiten Mal hintereinander von in der Früh weg die Sonne. Für Wien ist das im November eine Seltenheit. Dementsprechend frostig war es auf dem Weg zur Arbeit.

Als ich mit dem Fahrrad am Donaukanal entlang gekommen bin, habe ich kurz die Handschuhe ausgezogen und ein paar Fotos von den Möwen geschossen, die mich dort seit einiger Zeit jeden Morgen erwarten. Das habe ich auf dem weiteren Weg bereut, weil es mir gründlich die Finger abgefroren hat, aber mit den Fotos hatte ich dann doch meine Freude. Wenn ich Möwen so eng beieinander sitzen sehe, quasi Emma neben Emma, fällt mir immer das Möwenlied von Christian Morgenstern ein:

Möwen in der StadtDie Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

LachmöweIch hatte weder Brot noch Rosinen dabei und hätte die Möwen auch dann nicht gefüttert, wenn dem so gewesen wäre. Sie sind zahlreich genug und kommen ohne falsches Futter besser zurecht.

Möwen scheinen an karge Landschaften mit Felsen gewöhnt zu sein und alles zu akzeptieren, wo Wasser in der Nähe ist. Der Donaukanal ist jener Arm der Donau, der am Zentrum vorbei fließt, und er ist seit über hundert Jahren so gut wie naturbefreit. Das Wasser ist an beiden Seiten von einer mehrere Kilometer langen Kaimauer reguliert. Im Sommer dominiert hier die Gastronomie mit ihren Schanigärten, im Winter übernehmen die Lachmöwen. Den ganzen Winter über sitzen sie am Abgrund über dem Wasser und warten, dass es wieder wärmer wird, um in die Brutregionen zu ziehen.

Möwen vor GraffitiDass diese künstlichen Felsen großteils mit Graffitis überzogen sind, stört sie genauso wenig, wie die Tatsache, dass ständig Radfahrer vorbeiziehen. Und sie werden von Jahr zu Jahr mehr, kommt mir vor. Es gibt sogar eine kleine Population, die auch im Sommer hier bleibt. Die meisten sind aber Zugvögel, die neben den Saatkrähen in Wien zu den auffälligsten Wintergästen gehören. Und sie eignen sich gut als Fotomotiv. Ich hätte noch viele Fotos schießen können, wenn meine Finger nicht nach einiger Zeit völlig taub gewesen wären. Im Büro verging eine gute halbe Stunde, bis sich meine Hände wieder normal anfühlten. Schon komisch, dass die Natur das Wärmegefühl so unterschiedlich verteilt hat. Die Möwen landen ungerührt auf dem Wasser, und ich bin sicher, sie haben den heutigen Morgen für einen der wärmeren gehalten.

Möwen in der Stadt

Hamster im Novemberglück

Hamster unter Erde

Nicht jedes Tier kann man im eigenen Garten haben, deshalb gibt es heute einen Besuch im „Garten“ meiner Großmutter. Sie liegt seit 2003 auf dem Meidlinger Friedhof in Wien. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich unweit von ihrem Grab aufgenommen.

Im November wird ja traditionell der Toten gedacht – wahrscheinlich, weil dieser Monat so nass, kalt und dunkel ist wie die Erde, in der die Verstorbenen ruhen. In Wien ist der Herbst besonders grau und verregnet, der Himmel ist normalerweise wolkenbedeckt und ein steifer Wind drückt einem die Kälte in die Knochen. Nur am ersten November ist alles anders. Da scheint immer die Sonne und jeder geht auf den Friedhof. Es ist wie ein großer Jahrmarkt – man trifft die Verwandtschaft, legt ein paar Blumen nieder und geht anschließend zum Wirten.

Sobald Allerheiligen und Allerseelen vorüber sind, hat man auf dem Friedhof wieder seine Ruhe. Ich bin heute aus zwei Gründen hier: Erstens ist der November für jemanden, der einen Blog über Tiere im Garten schreibt, eine relativ trostlose Zeit. Man muss schon gezielt nach ganz besonderen Arten suchen, die jetzt noch aktiv sind. Und zweitens hat Lutz Prauser in seinem Blog die Frage nach dem Novemberglück gestellt: Gibt es Gründe, den November zu genießen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann beim besten Willen keine positive Antwort geben. Der November ist für mich wie ein graues Loch in der Zeit zwischen Herbsternte und Winterfreude. Und weil das kein sehr geistreicher Beitrag zum Thema Novemberglück wäre, kommt die Antwort auf Lutz Prausers Frage heute von den kleinen Freunden auf dem Meidlinger Friedhof.

HamsterportraitDer Feldhamster war noch bis in die 1970er Jahre in landwirtschaftlichen Gebieten weit verbreitet und galt als Ernteschädling. Im ländlichen Bereich ist er wahrscheinlich noch immer nicht gern gesehen und gilt mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Ganz anders ist die Situation in der österreichischen Bundeshauptstadt. Viele Stadtgärten verfügen in Wien über ansehnliche Hamsterpopulationen.

Normalerweise sind die Tiere nacht- und dämmerungsaktiv. Hier auf dem Meidlinger Friedhof hat man aber kein Problem damit, die scheuen Tiere am Nachmittag vor die Linse zu bekommen. An das Fotografieren sind sie mittlerweile gewöhnt.

Hamster zwischen GräbernDie neugierigen Menschen halten die wenigen innerstädtischen Fressfeinde auf Distanz. Gleichzeitig ist die Zahl der Artgenossen groß und man muss deshalb auch untertags schauen, dass man satt wird. Wie bei vielen anderen Tierarten ist auch bei den Feldhamstern der Unterschied zwischen Stadt- und Landpopulation wie Tag und Nacht. Vor allem im Herbst sind die kleinen Nager hier zwischen den Gräbern überall und machen das, wofür sie bekannt sind: Hamstern was die Backen hergeben.

Hamster und BlumenUnd Futter findet man auf einem Friedhof genug. Aus einem unerfindlichen Grund gibt es fast das ganze Jahr über frische Blumen, von denen einige überaus wohlschmeckend sind. Nicht immer bringt diese Naschsucht den kleinen Nagern Glück. Dieses Jahr haben Anrainer über zahlreiche tote Hamster auf dem Friedhof berichtet. Die genauen Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Streunerkatzen, Füchse und Krankheiten kämen in Betracht. Es könnten aber auch Friedhofsbesucher oder -bedienstete sein, die für das Treiben der Tiere kein Verständnis haben. Kontrollen und eine Infokampagne haben geholfen, die Zahl der Kadaverfunde einzudämmen. Zusätzlich wurde eine ausführliche Hinweistafel aufgestellt, die für Akzeptanz wirbt:

Hinweistafel über Hamster am Friedhof

Meine Großmutter hat früher immer jede Natursendung angesehen, die im Fernsehen lief. Wenn heute die Feldhamster rund um ihr Grab herum tollen, kann ich nur sagen: Der Kreis schließt sich. Am Ende fügt sich im Leben eines zum anderen – vielleicht nicht immer im Leben, manchmal auch erst danach. Meine Großmutter hätte sich jedenfalls genau so eine Ruhestätte gewünscht – auf einem Friedhof voller Feldhamster.

Stehender HamsterDie Nager haben dieses Jahr besonderes Glück. Eigentlich sollten sie längst unter der Erde verschwunden sein, aber die Witterung ist diesen November besonders mild. Gleichzeitig haben die Tiere ihre Ruhe. Nur hie und da kommt ein Fotograf vorbei, um für seinen Blogbeitrag zu recherchieren. Wenn sich die Feldhamster belästigt fühlen, richten sie sich auf. Die dunkle Unterseite wirkt angeblich bedrohlich, und die Nager schrecken ihre Fressfeinde gleichzeitig durch lautes Fauchen. Bei uns Menschen zieht das irgendwie nicht. Auf uns wirken die wuscheligen Tiere einfach nur putzig. Sie lassen sich auch nicht lange von ihrer Tätigkeit abhalten. Sobald man einen Schritt zurück macht, stopfen sie sich wieder die Backen voll. Man kann halt nie genug Futter einlagern.

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, wofür der November gut ist. Eigentlich könnte der Oktober ja gleich in den Winter übergehen. Stattdessen hält die kalte Jahreszeit noch einmal inne, und die Hamster haben genügend Zeit, ihre Vorräte einzulagern. Mindestens zwei Kilo Futter braucht so ein Hamster für die kalte Jahreszeit, und wer im Oktober noch nicht genug eingelagert hat, der kann das jetzt nachholen.

Ich halte es mit den Hamstern und frage mich im November immer, welche Besorgungen dieses Jahr noch anstehen. Die erledige ich dann tunlichst, und im Dezember bringt mich außer für Lebensmittel niemand mehr in ein Warenhaus, denn es gibt etwas, was noch schlimmer ist als der grau-nasse November, und das ist einkaufen bei Weihnachtsmusik…