Der Schlafbaum der Kormorane

Der vielleicht lebendigste Teil der Donauinsel heißt Toter Grund. Paradox ist in Wien halt ein Attribut, das man noch mit Ehrfurcht vergibt. Der Tote Grund ist ungefähr einen Kilometer lang und von einem breiten Wassergraben durchzogen, der am unteren Ende mit der neuen Donau verbunden ist. Hier hat man in den 1970er-Jahren bei der Aufschüttung der Donauinsel das ehemalige Überschwemmungsgebiet in seinem Urzustand belassen. Dementsprechend stehen noch große, alte Bäume am Wasser, die im November jeden Nachmittag von zahlreichen schwarzen Vögeln angeflogen werden.

Wenn man sie so in der untergehenden Sonne sitzen sieht, denkt man zuerst an die üblichen Saatkrähen, die im Winter aus dem Osten Europas in die Stadt ziehen. Tatsächlich sind es Kormorane, die hier ihren Schlafplatz gefunden haben.

In der Früh sind sie sehr schnell weg und verteilen sich über die Gewässer der Stadt. Man sieht sie dann zum Beispiel am Donaukanal bei der Jagd oder bei der Gefiederpflege.

Manche bleiben auch einfach auf ihrem Schlafbaum sitzen, um im Nebel vor sich hin zu dösen oder mit Imponiergehabe die Flügel zu trocknen. Fisch scheint es in der Donau reichlich zu geben, und da es in der Stadt nicht mehr so kalt wird, dass der Fluss zuzufrieren droht, haben die Vögel anscheinend wenig Stress.

Ich habe mich immer gefragt, wie viele Kormorane im Winter Wien bevölkern. Am Nachmittag zwischen drei und vier, wenn die letzten Sonnenstrahlen des Tages den Toten Grund in Rot tauchen, kann man sie zählen. Es sind weit über hundert, die sich hier versammeln, und das hat mich doch einigermaßen überrascht.

Nicht jeder Wurm zählt

Amselmännchen

Unser Amselpärchen gönnt sich keine Pause. Das zweite Nest der Saison ist immer noch auf Nachbars Grundstück, aber diesmal auf unserer Seite der Hecke. Die Jungen sehe ich zwar immer noch nicht, aber ich will auch nicht stören und bleibe auf Distanz.

Dem scheuen Männchen passt das so, aber das Weibchen ist eindeutig von der geselligeren Sorte. Es hüpft einem direkt vor die Füße und ist mittlerweile in der ganzen Nachbarschaft als „Die freche Amsel“ bekannt.

Neulich habe ich sie in der Morgensonne beim Einsammeln von Würmern fotografiert, und als ich dann am Nachmittag die Kohlrabi eingesetzt habe, ist mir genauso ein Wurm untergekommen, den ich ihr in die Wiese gelegt habe. Kommunikativ wie sie ist, hat die Amsel meine auffordernden Gesten verstanden, ist näher gehüpft, hat sich den Wurm angesehen – und ihn liegen gelassen.

Für dieses Verhalten habe ich nach Tagen immer noch keine hinreichende Erklärung gefunden. War der Wurm doch nicht von der gleichen Sorte? Gibt es genießbare und ungenießbare Würmer? Oder werden Amseljunge nach einem strengen Diätplan groß gezogen, der Würmer nur fürs Frühstück und am Nachmittag leichtere Kost vorsieht, weil die Kinder sonst in der Nacht nicht schlafen können? Ist es vielleicht gar so, dass selbst gesellige Amseln von fremden Männern keine Würmer annehmen dürfen, weil ihnen das von ihrer Mutter, in diesem Fall also eigentlich schon der Großmutter, so beigebracht wurde? Oder war mein Wurm einfach nur nicht sauber genug? Die Amsel hat den Kopf geschüttelt und gedacht, der kann ja nicht einmal einen Regenwurm so aus dem Boden ziehen, dass keine Erde daran haftet.

Wer hätte gedacht, dass so eine einfache, freundschaftlich gemeinte Geste so viele komplizierte Fragen aufwirft. Und weit und breit wieder einmal keine Antwort in Sicht.

Zeit der Hamsterer

Eichelhäher

Neulich wollte ich am Nachmittag in den Garten, um die Sonne zu genießen, da sitzt vor mir ein Eichelhäher auf dem Boden. Ich also zurück ins Haus, mit den Schuhen  unauffällig durchs Wohnzimmer – aus China habe ich gehört, dass sich Frauen nach zwei Monaten Quarantäne gern scheiden lassen, das will Mann nicht riskieren – ich greife mir die Kamera vom Schreibtisch, zurück durchs Wohnzimmer – hier gehört wieder einmal aufgewaschen – durch die Tür ins Freie, und da sitzt überraschenderweise noch immer der Eichelhäher und wartet.

Der Vogel bearbeitet eifrig eine Walnuss und lässt sich dabei nicht stören. Laut hörbar hämmert er mit dem Schnabel auf die Schale ein. Die Nuss muss aus einem seiner Depots stammen, denn ich füttere schon seit einiger Zeit nicht mehr. Was da vor mir abläuft, ist gleichsam das Ergebnis jahrtausendelanger Evolution: Der Baum hat seine Samen mit immer härterer Schale haltbar gemacht. Das macht sie für den Eichelhäher als Vorräte attraktiv. Und weil er nicht alles verbraucht, was er im Herbst versteckt hat, wachsen rundum zahlreiche Nussbäume weit weg von ihren Vorfahren. Symbiose pur.

Zum Hamstern muss man aber auch geboren sein. Bei mir funktioniert das gar nicht. Wenn mein Kühlschrank doppelt so voll ist, heißt das nicht, dass die Vorräte doppelt so lange halten – ich fresse einfach nur mehr. Das kann dem Eichelhäher auch passieren, im Gegensatz zu mir nimmt er aber nicht zu. Sein Organismus arbeitet auf einem Temperaturniveau, mit dem unsereiner zur Zeit besser nicht aus dem Haus gehen sollte, und sein Körper verbrennt die fette Kost sofort wieder. Für Vögel wäre Übergewicht aber auch eine wirklich schlechte Idee.

Die Botschaft bunter Eierschalen

Amselmännchen

Seit einer Woche ist das Amselpärchen schwer beschäftigt. Aufgeregt hüpfen die Vögel durch Wiese und Beete und schnappen alles, was sie vor den Schnabel bekommen. Letzten Samstag sind irgendwo in Nachbars Hecke die Jungen geschlüpft, und seither kann es einfach nicht genug Futter geben.

Die Geburtsanzeige hat mir das Weibchen quasi direkt vor die Nase getragen. Ich dachte zuerst, sie hätte irgendeinen Schaumstoff gefunden, den sie für den Nestbau verwenden wollte, aber dann ließ sie das Stück plötzlich fallen, und es entpuppte sich als Rest einer Eischale. So etwas deponiert das kluge Tier natürlich nicht in der Nähe des Nestes, sondern fliegt es aus – freundlicherweise mir direkt vor die Kamera. Jetzt müssten in der letzten Aprilwoche die Jungen nur noch diesem Beispiel folgen. Ich werde jedenfalls auf dem Posten sein.

Im Baumarkt

Amselweibchen

Bei den Amseln hat im Moment die Frühlingsstimmung das Kommando übernommen. Das Amselweibchen hat jetzt einen Lieblingsplatz am Teichrand. Dort wird nicht nur regelmäßig gebadet, sondern auch das Baumaterial geholt. Offensichtlich ist nasses Moos mit Schlamm ideal für den Nestbau.

Der Ausdruck auf den Fotos täuscht übrigens. Allzu argwöhnisch behält die Amsel mich nicht im Auge. Zwischen uns waren gut neun Meter und sehr viel kaltes Wasser. Anschließend flog der frech schimpfende Vogel ganz knapp an meinem Kopf vorbei und hinüber zu den Nachbarn. Als wollte sie mir zeigen, dass sie nicht nur das Baumaterial sondern auch den Nistplatz mit bedacht gewählt hat. In Nachbars Hecke sind ihre zukünftigen Nachkommen vor dem neugierigen Fotografen sicher, und unser Garten bleibt der Baumarkt. Eine kluge Wahl, kann ich da nur sagen.