Im Mulmloch

Blaumeisenkopf im Baum

Dass der Strauß den Kopf in den Sand steckt, ist genauso unwahr wie die Geschichte, dass Newton die Gravitation entdeckt hat, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Wahr ist vielmehr, dass Blaumeisen ihren Kopf in den Apfelbaum stecken und die Geschichte der Gravitation mehr mit Nüssen zu tun hat als mit Äpfeln. Nicht nur, dass der erste namenlose Physiker höchstwahrscheinlich die Erdanziehungskraft entdeckt hat, als ihm eine Kokosnuss auf den Kopf fiel, und er diese Erkenntnis nur deshalb nicht weitergeben konnte, weil er unmittelbar danach an den durchschlagenden Folgen dieser Einsicht verstorben ist, auch heute noch ist der Werdegang so einer Nuss geprägt von ihrem Verhältnis zur Gravitation.

Bei uns im Garten folgen die Walnüsse zunächst der Erdanziehungskraft auf ihrem Weg zu Boden. Um den Weitertransport in entgegengesetzter Richtung kümmern sich dann unter anderem Eichhörnchen und Eichelhäher, die man anscheinend vergessen hat, in Walnusshörnchen und -häher umzubenennen, als die Römer die Nussbäume in Mitteleuropa verbreiteten. Die Bezeichnung ihrer Beute ist da schon akkurater – Welschnuss hieß die Walnuss früher, weil sie eben von den Römern kommt.

Diese Beute wird dann herumgeschleppt, versteckt, gehortet und irgendwann auch verspeist. Normalerweise wird sie dabei in zwei Hälften geteilt, von denen man im Moment nur eine brauchen kann, weswegen die zweite wieder zu Boden fällt, wo sie schließlich für den Buntspecht interessant wird. Der schleppt sie zu seiner Schmiede, dem Mulmloch im Apfelbaum. Und da er beim Fressen eher schlampig ist, landen Teile der Nuss am Ende doch noch dort, wo – zumindest nach Meinung der Blaumeise – von Anfang an immer schon ihre höhere Bestimmung war, nämlich im Magen derselben.

Die Rückkehr der Fischer

Kormoran Portrait

Kormorane sind in Wien immer noch selten. Man sieht sie einzeln oder paarweise an der Donau oder am Donaukanal. Kaum zu glauben, dass es laut Wikipedia vor 100 Jahren in der Lobau noch eine stattliche Kolonie mit 300 Brutpaaren gab. Die Vögel genießen einen schlechten Ruf als Fischereischädlinge und wurden in ganz Europa zuerst bis zur Ausrottung bejagt und dann, bei der Rückkehr in ihre angestammten Siedlungsgebiete, als invasive Art verleumdet. Tatsächlich ist der Kormoran ein Kosmopolit und in verschiedenen Unterarten überall dort anzutreffen, wo es fischreiche Gewässer gibt.

In Wien ist die Kormoranjagd mittlerweile verboten, im umliegenden Niederösterreich ist sie nur in ausgewählten Gebieten als letzte Maßnahme erlaubt, um die Fischerei zu schützen. Dabei zeigen die meisten Untersuchungen, dass die Fischbestände in erster Linie von der Wasserqualität abhängen und nicht von der Zahl der jagenden Kormorane, aber da kann man forschen so viel man will – der Kormoran wird seinen schlechten Ruf nicht los.

Die Vögel scheinen das zu wissen. Sie bleiben scheu. Mehrfach habe ich auf der Donauinsel beobachtet, dass sich Kormorane verziehen, wenn sie merken, dass sie beobachtet werden – und die Tiere haben ein sehr scharfes Auge, sie bemerken einen sofort.

Die besseren Fotos macht man wie so oft in der Innenstadt. Es gibt nicht viele Kormorane, die sich bis in den ersten Bezirk vorwagen, um im Donaukanal zu fischen, aber diese Exemplare haben dann deutlich weniger Scheu und sind an Fußgänger und Radfahrer gewöhnt.

Das Gefieder des Kormorans hat eine Eigenheit, es wird nass. Ist der Vogel gerade erst ins Wasser gegangen, schwimmt er noch obenauf wie eine Ente, aber sobald er Flüssigkeit im Gefieder eingelagert hat, liegt er deutlich tiefer. Nur so kann er effizient tauchen und erfolgreich nach Fischen jagen.

An Land sieht man dann oft Kormorane mit ausgebreiteten Flügeln. Das ist kein Imponiergehabe, sondern hilft, das Gefieder schneller trocken zu bekommen. Hat man so ein Foto im Kasten, sollte man die Kamera übrigens nicht gleich wieder im Rucksack verstauen. Der Vogel hat ja die Absicht, abzuheben, und mit etwas Glück fliegt er anschließend in die Richtung des Betrachters. Da ärgert man sich nur, wenn die Kamera schon weggepackt ist und einem die Chance auf ein gutes Foto entgeht. Das entsprechende Bild denken wir uns mit etwas Fantasie an dieser Stelle einfach dazu.

Die meiste Zeit fotografiert man aber sowieso nur leere Wasseroberflächen, wenn man Kormorane abbilden möchte. Typischerweise sieht der Vogel nämlich so aus wie auf dem nächsten Bild. Und was sich dann unter Wasser abspielt, entzieht sich endgültig unserer Beobachtung. Zirka eine Minute dauert so ein – oft erfolgloser – Tauchgang. Kaum zu glauben, dass man im trüben Donaukanal überhaupt erfolgreich fischen kann, aber das wird wohl irgendwie mit diesen türkisgrünen Radaraugen und dem nach unten gebogenen Hakenschnabel zusammenhängen.

Die Halbhöhle

Gartenrotschwanz-Weibchen in Halbhöhle

Mein erster Nistkasten war für Kohlmeisen und wurde relativ schnell angenommen. Später habe ich eine kleinere Variante gebastelt, in der seit Jahren die Blaumeisen brüten. Lange Zeit waren Nistkästen für mich künstliche Höhlen mit einer kleinen Einflugöffnung. Irgendwie entspricht das am ehesten unserer Vorstellung einer schützenden Behausung.

Dabei bevorzugen viele Arten die offene Variante. Die Halbhöhle ist ein Nistkasten, auf den gern vergessen wird, dessen Anbringung sich aber lohnt, weil man damit ausgefallenere Gäste in den Garten locken kann. Meine Variante hat eine Grundfläche von zwölf mal zwölf Zentimetern. Das kann man aber von den Holzresten abhängig machen, die man zur Verfügung hat. Ich richte mich auch noch nach der Dachneigung unseres Schuppens, denn die Nistkästen montiere ich am liebsten witterungsgeschützt unter dem Vorsprung eines Gebäudedachs. In die Bodenplatte bohrt man noch zwei Ventilationslöcher, und wenn man die Teile mit Holzdübeln verleimt, sollte man nicht vergessen, eine Platte abnehmbar mit Schrauben zu befestigen, sonst hat man im Herbst beim Säubern Probleme. Wie jeder Nistkasten wird auch dieser vor dem Winter mit klarem Wasser ausgewaschen.

Anschließend braucht man vielleicht ein wenig Geduld. Bei uns hat es zwei Jahre gedauert, bis die Konstruktion angenommen wurde. Und dann sollte man sich nicht erwarten, dass man das Nest besser einsehen kann, nur weil die Halbhöhle vorne offen ist. Das überstehende Dach schützt nicht nur vor plündernden Krähen, sondern auch vor neugierigen Fotografen. Die Elternvögel konnte ich trotzdem zuordnen, es waren diese hier:

Gartenrotschwänze sind eher unauffällige Vögel, die ihre Jungen groß ziehen, ohne dass man viel mitbekommt. Man beobachtet sie aus der Distanz und freut sich, dass sie da sind. Diese Art ist in ihrem Bestand gefährdet und ein Indikator für intakte Umweltbedingungen. Vor allem unsere naturbelassene Wiese hatte es ihnen angetan. Von einem kleinen Ansitz aus haben sie sich hier immer wieder Spinnen und Insekten geholt und sind anscheinend gut satt geworden. Ich hoffe, dass sie auch den Zug über die Sahara erfolgreich überstehen und im nächsten Jahr wiederkommen. Die Halbhöhle ist jedenfalls frisch geputzt und wartet.

Gartenrotschwanz in Halbhöhle

Die erste Mauser

Jungstieglitz

Im Moment tummeln sich bei uns im Garten die Singvögel. Die ersten Wintergäste wie die Buchfinken sind schon da, die Sommergäste sind noch nicht alle weg, und zusätzlich gibt es die Durchreisenden wie die Bergfinken, die man in unseren Breiten sonst so gut wie nie sieht.

Vor allem aber plündern die Stieglitze unsere ungemähte Wiese, auf der gerade die Samenstände der Wildpflanzen reifen. Die Jungvögel werden dabei in ihren Bewegungen immer geschickter und langsam bekommen sie auch ihre gewohnte, auffällig bunte Färbung. Wenn man aufmerksam schaut, sieht man an einem Tag alle Abstufungen der ersten Mauser.

Jetzt erkennt man auch am Äußeren eindeutig, dass das einmal Stieglitze werden. Ihre rote Gesichtsfärbung hat ja sicher Signalcharakter und soll den Artgenossen zeigen, hier bin ich, ich bin einer von euch. Vielleicht beeindruckt sie auch und hilft bei der Partnerwahl.

Dem Schutz vor Fressfeinden dient es weniger, wenn man mit so einer auffälligen Gefiederzeichnung unterwegs ist. Deshalb haben die meisten Singvögel dieses unauffällige Jugendkleid. Und es ist von der Natur klug gewählt, dass sie erst gegen Herbst ihre endgültige Färbung bekommen, wenn sie im Flug bereits so geschickt sind, dass sie für Sperber und Co nur noch schwer zu kriegen sind.

Wofür Pfaffenhütchen gut sind

Pfaffenhütchen Früchte

Pfaffenhütchen setzt man nicht, die hat man, und normalerweise wird man sie auch nie wieder los. Dieses Gewächs, das von der Größe her ein Strauch und vom Wuchs her ein Baum ist, heißt mit bürgerlichem Namen Gewöhnlicher Spindelstrauch und zeichnet sich durch eine gewisse Fruchtbarkeit aus. Die Blüten sind unscheinbar und von Mai bis Juni zahlreich. Aus diesen Blüten entwickeln sich im Oktober genauso zahlreiche, dunkelrosa Früchte. Sie haben die namensgebende Form eines kleinen Pfaffenhuts, und wenn sie aufplatzen, werden die orangen Samen sichtbar, die im Jahr darauf im ganzen Garten keimen. Sie sind zwar giftig, aber anscheinend nicht für Vögel, von denen sie gern im Umland verteilt werden – wegen seiner Attraktivität als Herbsfutter heißt das Pfaffenhütchen auch Rotkehlchenbrot.

Faszinierend, dass ein Strauch, der in allen Teilen giftig ist, so viele Fressfeinde anzieht wie das Pfaffenhütchen. Im Herbst sind es die Singvögel, die immer wieder vorbei schauen und sich die orangen Samen aus den aufplatzenden Früchten picken. Dabei ist ihre Körpertemperatur deutlich höher als unsere, dadurch sollten sie eigentlich anfälliger sein für die Wirkung des Giftes, aber die kürzere Verweildauer der Nahrung im Darm hilft ihnen offensichtlich.

Von den Blättern ernährt sich wiederum die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte. Im Mai finden sich im Blattwerk der Pfaffenhütchen zahlreiche Spinnweben, die nur auf den ersten Blick so aussehen, aber in Wirklichkeit gar keine sind. Im Inneren dieser Gespinste fressen sich kleine gelbe Raupen mit braunen Punkten am Laub der Sträucher satt. Das spinnwebenartige Gewebe rundum soll wahrscheinlich Fressfeinde abhalten, denn die Raupen werden gern von parasitären Fliegen befallen. Sonst hilft es ihnen aber wenig.

Im Mai sind Proteine ein gefragtes Aufzuchtfutter. Im Minutentakt fliegen die Kohlmeisen zwischen Nistkasten und Pfaffenhütchen-Strauch hin und her. Die kleinen Raupen haben die ideale Größe und werden gern verfüttert. Sollten doch ein paar durchkommen, freuen sich die Fledermäuse über die geschlüpften Nachtfalter. Allerdings nicht über alle, denn im nächsten Frühjahr geht alles wieder von vorne los.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte gilt als Schädling. Zur Bekämpfung werden die befallenen Äste herausgeschnitten, die restliche Pflanze mit Insektengift besprüht. Wahrscheinlich von den gleichen Leuten, die sich dann beschweren, dass die Zahl der Singvögel und Fledermäuse ständig abnimmt. Entweder verhungern die Fressfeinde der Raupen, oder sie werden ebenfalls vergiftet. In beiden Fällen braucht man ein Jahr später eine höhere Dosis Gift.

Zugegeben, so ein Nest mit kleinen gelben Raupen sieht ziemlich eklig aus. Die Gespinste können zahlreich werden. Angeblich fressen die Schädlinge sogar ganze Sträucher kahl. Bei uns war das noch nie der Fall, dafür sind die keinen Kohlmeisen viel zu hungrig. Und selbst wenn der Befall einmal ausufert, stirbt der Strauch nie ab, denn die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte entwickelt immer nur eine Generation pro Jahr. Wahrscheinlich brauchen die Jungen Raupen das zarte Grün der frischen Blätter, älteres Laub hätte eine stärkere Giftwirkung, und so ist der Spuk im Juni wieder vorbei.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte ist einer der nützlichsten Schädlinge, die ich kenne. Sie liefert den Singvögeln wertvolles Proteinfutter genau dann, wenn sie es für die Aufzucht ihrer Jungen am dringendsten brauchen. Und der angerichtete Schaden ist minimal. Er besteht mehr oder weniger nur in unserer Einbildung. Wenn wir uns an den Anblick der Raupen im Mai erst einmal gewöhnt haben, lösen sie kaum noch Ekel aus, stattdessen liefert uns die Natur Vogelfutter gratis, CO2-neutral und frei Haus.