Kleiber in Kleingruppe

Kleiber

Einzelne Kleiber, die unseren Garten besuchen, fallen mir eigentlich jeden Winter auf. Sie sind auch von weiter weg und in einer größeren Vogelansammlung unverkennbar. Durch den gedrungenen Hals und den kurzen Schwanz weiß man aus dem Augenwinkel nicht gleich, wo vorne und hinten ist, und dieser Eindruck wird oft noch dadurch verstärkt, dass der Vogel kopfüber den Baumstamm hinunter läuft. Das können die anderen Singvögel nicht.

Zwischen erkennen und fotografieren ist beim flinken Kleiber aber ein Unterschied, den ich gern Klavier spielen können würde. Diesen Winter habe ich es etwas leichter, denn die Vögel kommen nicht einzeln, sondern in einer kleinen Gruppe von vier bis fünf Tieren. Vielleicht haben sie es durch den zunehmenden Borkenkäferbefall in der Gegend etwas leichter, an Futter zu kommen. Es würde mich jedenfalls nicht stören, diese Vögel mit ihrer schwarzen Augenbinde und den witzigen Bewegungen in Zukunft öfter zu sehen.

Die Welt ist ein Knödel

Feldspatz

Der Meisenknödel ist praktischerweise rund. So kann man von oben, von unten und von der Seite daran herumhämmern. Diese Technik beherrscht jede Blaumeise spielend.

Meist sind es bei uns aber die Feldspatzen, die in großen Gruppen über die Futterplätze herfallen. Die Blaumeisen und Kohlmeisen machen dann bereitwillig Platz. Nur eine kleine Tannenmeise hat den Trick raus, wie man sich auf der Unterseite des Meisenknödels versteckt, während der Spatz oben werkelt. Es ist wirklich praktisch, dass das Ding rund ist.

Ich bin froh, dass die Vögel im Laufe ihrer Evolution keine Möglichkeit zum Winterschlaf gefunden haben. Ihre unterhaltsamen Besuche machen mir die kalte Zeit erträglich, wobei der Winter dieses Jahr vergleichsweise mild ist, und das sieht man auch am Vogelfutterverbrauch. Die Meisenknödel werde ich noch loswerden, aber auf einem Sack Streufutter bleibe ich wahrscheinlich sitzen.

Obwohl der Boden bei uns noch hart gefroren ist, zeichnet sich das Ende des Winters schon ab. Die letzte Nacht war die erste ohne Minusgrade, und hie und da sieht man die  Frühlingsknotenblumen zögerlich ihre Blätter aus dem Boden strecken. Das ist gut so, denn langsam wird es Zeit, dass sich das Leben im Garten nicht mehr ausschließlich um Meisenknödel dreht.

Schön und gefräßig

Eichelhäher

Nebelkrähen, Elstern und Eichelhäher sind regelmäßige Gäste in unserem Garten. Trotzdem habe ich von den Krähenvögeln kaum Fotos in meinem Archiv. Sie merken sofort, wenn sie beobachtet werden, und ziehen sich dann zurück.

Sie sind aber auch gefräßig und legen gern Vorräte an. Der Eichelhäher ist regelrecht gierig und kann den Walnüssen nicht widerstehen. Er stopft sich bei seinen Besuchen von den ausgelösten Nüssen so viele in den Schlund, wie er nur tragen kann. Anschließend nimmt er noch eine mit Schale in den Schnabel, und dann verschwindet er wieder.

Ein Gewohnheitstier ist er auch, der Eichelhäher. Er kommt immer am Vormittag, sobald die Sonne etwas höher am Himmel steht. Diese Vorliebe für gute Lichtverhältnisse teilt er mit dem Fotografen. Und er landet immer an der gleichen Stelle auf der Banklehne. Da kann man ihm schon einmal die Kamera daneben stellen. Solange sich der Fotograf nicht zeigt, hat er nichts dagegen.

Meisenspeise

Tannenmeise

Vogelfutter war bei uns dieses Jahr eher ein Ladenhüter. Der Winter zeigte sich bislang von der milden Seite, und die Singvögel haben sich lieber rundum in den Sträuchern und an den Staudenresten bedient.

Seit dem Wochenende ist das anders. Am Freitag Nachmittag legte sich eine fünfzehn Zentimeter dicke Schneedecke über den Boden, und jetzt ist an den Futterstellen Hochbetrieb.

Eine Schüssel mit aufgeknackten Walnüssen war innerhalb von ein paar Stunden leer geräumt. Zuerst kamen die dieses Jahr besonders zahlreichen Kohlmeisen, dann gesellten sich die Blaumeisen dazu.

Besonders frech waren die Tannenmeisen. So viele von denen habe ich überhaupt noch nie im Garten gesehen. Und alle haben sie sich kurz Zeit genommen, um freundlich in die Kamera zu linsen, bevor sie sich eine Walnuss schnappten.

Wobei die Nuss wohl gewählt sein will. Gründlich wird alles umgedreht, bis man endlich das richtige Stück im Schnabel hat. Man will sich ja nicht lächerlich machen und am Ende mit einer Walnuss dazustehen, bei der man sich vielleicht etwas übernommen hat.

Es soll nämlich Nüsse geben, die so groß sind, dass selbst die kräftigste Kohlmeise damit nicht abheben kann, und zur Hoffnung gesellt sich dann schnell die Enttäuschung. Es sei denn, man wechselt kurzerhand auf ein kleineres Exemplar. Als Meise muss man halt nehmen, was man kriegen kann. Das geht uns Menschen ja ähnlich: Wir würden uns auch gern weiße Weihnachten wünschen, aber das wird sich durch den angekündigten Föhn wahrscheinlich wieder nicht ausgehen. Man kann halt nicht alles haben.

Und eines noch, bevor jetzt alle schreiben: Jö, Schnee, ich will auch! Das Zeug schaut nur auf Fotos gut aus. In Wirklichkeit muss man vor allem einmal kräftig schaufeln, und wenn er schwer ist, reißt es einem dabei fast das Kreuz ab.

Im Mulmloch

Blaumeisenkopf im Baum

Dass der Strauß den Kopf in den Sand steckt, ist genauso unwahr wie die Geschichte, dass Newton die Gravitation entdeckt hat, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Wahr ist vielmehr, dass Blaumeisen ihren Kopf in den Apfelbaum stecken und die Geschichte der Gravitation mehr mit Nüssen zu tun hat als mit Äpfeln. Nicht nur, dass der erste namenlose Physiker höchstwahrscheinlich die Erdanziehungskraft entdeckt hat, als ihm eine Kokosnuss auf den Kopf fiel, und er diese Erkenntnis nur deshalb nicht weitergeben konnte, weil er unmittelbar danach an den durchschlagenden Folgen dieser Einsicht verstorben ist, auch heute noch ist der Werdegang so einer Nuss geprägt von ihrem Verhältnis zur Gravitation.

Bei uns im Garten folgen die Walnüsse zunächst der Erdanziehungskraft auf ihrem Weg zu Boden. Um den Weitertransport in entgegengesetzter Richtung kümmern sich dann unter anderem Eichhörnchen und Eichelhäher, die man anscheinend vergessen hat, in Walnusshörnchen und -häher umzubenennen, als die Römer die Nussbäume in Mitteleuropa verbreiteten. Die Bezeichnung ihrer Beute ist da schon akkurater – Welschnuss hieß die Walnuss früher, weil sie eben von den Römern kommt.

Diese Beute wird dann herumgeschleppt, versteckt, gehortet und irgendwann auch verspeist. Normalerweise wird sie dabei in zwei Hälften geteilt, von denen man im Moment nur eine brauchen kann, weswegen die zweite wieder zu Boden fällt, wo sie schließlich für den Buntspecht interessant wird. Der schleppt sie zu seiner Schmiede, dem Mulmloch im Apfelbaum. Und da er beim Fressen eher schlampig ist, landen Teile der Nuss am Ende doch noch dort, wo – zumindest nach Meinung der Blaumeise – von Anfang an immer schon ihre höhere Bestimmung war, nämlich im Magen derselben.