Die Rotkehlchen kommen

Rotkehlchen

Seit der Herbst da ist, sind die Rotkehlchen die häufigsten Vögel in unserem Garten. Den ganzen Sommer über habe ich kein einziges gesehen. Rotkehlchen bevorzugen halboffene Höhlen als Nistplätze, und natürlich habe ich einen geeigneten Nistkasten im Garten montiert, aber bislang blieb er unbenützt.

RotkehlchenIm Winter sehe ich fast jeden Tag ein einzelnes Rotkehlchen. Es ist schätzungsweise immer dasselbe. Nicht dass ich ein Rotkehlchen vom anderen unterscheiden könnte, aber es zieht mehrmals am Tag mit einer Bande von, sagen wir, zehn Feldspatzen, zwei Hausspatzen, zwei Blaumeisen und fünf Kohlmeisen vorbei. Während die anderen Vögel die Futtersäule ansteuern, interessiert sich das Rotkehlchen für den Komposthaufen. Es ist ein geschickter Jäger und findet dort auch im Winter verschiedene Krabbeltiere. Das Körnerfutter wird meist verschmäht.

Rotkehlchen gelten als Einzelgänger, die ihr Revier oft aggressiv verteidigen. Wenn der Frühling kommt, sieht man allerdings hie und da einen zweiten Vogel. Welcher von beiden das Männchen und welcher das Weibchen ist, lässt sich leider nicht unterscheiden. Das könnte man maximal am Verhalten erkennen. Im Normalfall kommt das Weibchen ins Revier des Männchens und nähert sich ihm unterwürfig. Irgendwann haben sich dann die Pärchen gefunden, und anschließend sind sie, wie gesagt, den ganzen Sommer über verschwunden.

RotkehlchenMan könnte fast meinen, die Rotkehlchen wären Zugvögel, und zum Teil sind sie das ja auch. Die Populationen aus Nord- und Osteuropa überwintern im Mittelmeerraum. Bei uns in Mitteleuropa sind sie jedoch sesshaft und ziehen maximal über kurze Strecken.  Am wahrscheinlichsten ist, dass die umliegenden Wälder im Sommer ein besseres Nahrungsangebot für die Aufzucht der Jungen bieten. Im Herbst dann, wenn der Speiseplan mit Beeren und anderen Früchten ergänzt wird, zieht es die Familien in die Gärten. Bei uns werden mit Vorliebe der Wilde Wein und die Pfaffenhütchen abgeerntet.

Von Einzelgängern kann im Moment übrigens nicht die Rede sein. Es sind immer mehrere Vögel gleichzeitig unterwegs. Sie sind genauso gesellig und kommunikativ wie die anderen Singvögel, melden sich gegenseitig ihre Position und meiden geschickt jeden Kontakt mit Katzen und anderen Gefahren. Es heißt, Rotkehlchen hätten eine kurze Fluchtdistanz. Von weniger als einem Meter liest man. Ich kann das nicht bestätigen. Unsere Rotkehlchen sind scheu und sie verstecken sich geschickt. Nur manchmal verrät sie ihr orangeroter Latz.

Rotkehlchen

Und sie sind neugierig. Sie beobachten uns genau so aufmerksam wie wir sie. Menschen neigen nämlich im Herbst dazu, ihre Beete umzugraben oder neue Pflanzen einzusetzen. Bei uns kann man im Moment fast sicher sein, dass dann ein Rotkehlchen irgendwo im Gebüsch sitzt und darauf wartet, dass ein Leckerbissen aus der Erde auftaucht.

 

 

Man weiß nie

Ein Nistkasten ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt. In der Fachliteratur und im Netz gibt es zwar viele verschiedene Bauanleitungen und Tabellen, die sich vor allem an Form und Dimension des Einflugloches orientieren, aber damit lässt sich nur begrenzt steuern, wer sich einmietet.

Vor Jahren habe ich einmal einen Nistkasten für Mauersegler geschenkt bekommen. Er ist entsprechend groß – Mauersegler bevorzugen angeblich eine Art Landeplatz im Kasten neben dem eigentlichen Nest – und hat eine abnehmbare Frontplatte mit ovalem Loch.

Jetzt weiß ich zwar ziemlich genau, wie Mauersegler von unten aussehen, wenn sie in gefühlt zwei Kilometern Höhe vorüberziehen, aber auf Dachhöhe eines Einfamilienhauses habe ich noch nie einen gesehen. Ich habe folglich nicht damit gerechnet, dass sie in unseren Nistkasten einziehen werden, aber einem geschenkten Barsch schaut man bekanntlich nicht in die Kiemen.

In den ersten Jahren hat ein Kohlmeisenpärchen für uns den Mauersegler gemacht. Mit einer dicken Schicht Moos findet man sich auch in einem viel zu großen Zimmer zurecht. Letztes Jahr haben den Kasten die Spatzen übernommen. Die nisten auch bei den Nachbarn gegenüber unter dem Dach, und da die Feldspatzen sowieso überhand nehmen, habe ich die Frontplatte über den Winter getauscht. Ich dachte mir, wenn ich das ovale Loch durch ein rundes ersetze, werden sich wieder Kohlmeisen einfinden.

Das hat natürlich nicht funktioniert. Es sind wieder Spatzen eingezogen, und das ist gut so. Diesmal habe ich sie mir genauer angesehen und festgestellt, dass es Hausspatzen sind. Die sind an und für sich bei uns nicht so häufig wie die Kohlmeisen, außerdem sind sie im Rückgang begriffen, also dürfen sie bleiben. Und wenn sie es nicht dürften, wäre es ihnen wahrscheinlich auch egal. Auf mich wird bei solchen Entscheidungen relativ wenig Rücksicht genommen.

Beim zweiten Nistkasten, der auf der anderen Seite des Hauses angebracht, lief es besser. Der war für die kleineren Meisen gedacht, und hier nisten auch seit Jahren nur Blaumeisen. Es gibt wohl nicht so viele Arten, die bei diesen Dimensionen noch durchs Einflugloch passen, und in Menschennähe setzen sich die Blaumeisen gegen ihre Konkurrenten wie Sumpfmeise und Tannenmeise durch.

Die kursierenden Tabelle und Anleitungen kann man maximal als Empfehlung auffassen. Es siedelt sich an, was in der Gegend unterwegs ist und gerade keinen besseren Platz findet. Umso größer die Öffnung ist, desto mehr verschiedene Vögel kommen in Frage und desto weniger genau weiß man vorher, was man kriegt.

Die Innenarchitektur der Singvögel

Vogelnest

Einmal im Jahr werden die Nistkästen geleert und geputzt. Vögel leiden oft unter Milben, Zecken und anderen Parasiten, deshalb ist es wichtig, den Kasten immer sauber zu halten. Viele Arten brauchen auch einen leeren Brutplatz, weil der Nestbau zum Paarungsverhalten dazu gehört.

BlaumeisennestNormalerweise sieht das alte Nest so aus wie bei den Blaumeisen dieses Jahr. Moos und Flaumfedern sind zu einer weichen Mulde verarbeitet. Wir hatten aber bei den Blaumeisen zusätzlich zur gewohnten Unterlage schon einmal einen Kranz feinster rosa Polsterwolle. Man legt als Vogel ja auch Wert auf Dekoration.

Im Nistkasten der Kohlmeisen war einmal eine homogene, fünf Zentimeter hohe Moosschicht. Das Moos schien nach der Brutzeit nicht einmal vertrocknet und wirkte mehr wie lebendiger Waldboden. Nur ganz hinten war eine kleine Vertiefung, die an ein Vogelnest erinnerte.

Richtige Innenarchitekturfreaks sind aber die Hausspatzen. Keine Ahnung, in welchem Einrichtungshaus sie das aufgeschnappt haben, aber seit zwei Jahren besteht ihr Nest ausschließlich aus langen, trockenen Grashalmen und den durchsichtigen Plastikhüllen von Zigarettenpackungen.

Vor allem das Männchen fliegt immer wieder frisches Material herbei. Es ist schon praktisch, dass gegenüber ein Geschäft mit einem Zigarettenautomaten ist. Der Papierkorb davor birgt richtige Schätze. Auf den Kompost kann die Konstruktion jedenfalls nicht. Man muss sie im Restmüll entsorgen. Die Müllsammlung kann seltsame Wege gehen.

Plastiknest

Der kleine Spatzenkrieg

Hausspatz frisst Buchweizen

Der Herbst ist Erntezeit. Ständig raschelt es im Buchweizenbeet, wenn sich die Spatzen ein paar Körner stibizen. Es scheint, dass sie genau wissen, wem sie den Buchweizen weg fressen, denn sie tun das heimlich und ergreifen sofort die Flucht, wenn ich mich mit der Kamera nähere. Es ist wie ein Spiel: Buchweizen gegen Foto, und ich liege aussichtslos hinten. Unser ganz privater, kleiner Spatzenkrieg.

Es ist gar nicht so wenig, was im Laufe des Jahres den Vögeln zum Opfer fällt. Erdbeeren, Brombeeren und vor allem die Weintrauben. Je weiter der Herbst voran schreitet, desto gefräßiger werden die kleinen Gäste. Sollte man da nicht zu Schutzmaßnahmen greifen?

In den 1950ern rief Mao Zedong die Chinesen zum großen Krieg gegen die Spatzen auf. Die Bevölkerung lief durchs Land und scheuchte die Vögel auf, wo sie nur konnte – die Maßnahmen wurden umfangreich dokumentiert und gefilmt. Spatzen sind Kurzstreckenflieger, die sich nicht lange in der Luft halten können. Nach wenigen Tagen fielen die erschöpften Vögel massenweise tot vom Himmel. Anschließend vernichteten nicht mehr die Spatzen, sondern die Insekten einen Großteil der Ernte. Maos Idee hatte eine schreckliche Hungerkatastrophe zur Folge. Als Notfallmaßnahme mussten Spatzen aus Russland importiert werden.

Der chinesische Spatzenkrieg ist übrigens nur der bekannteste. Auf die Idee waren zuvor schon andere gekommen, immer mit dem gleichen Ergebnis. Ohne Spatzen ist die Insektenplage vorprogrammiert. Was immer die Vögel in unseren Gärten ernten, es wäre nicht dort, wenn sie es nicht vorher gegen Raupen und andere Schädlinge verteidigen würden. Insofern ist es nur legitim, wenn sie sich ihren Teil der Ernte holen. Der Herbst ist auch eine Zeit des Überflusses. Egal wie viel es im Buchweizenbeet raschelt, es fällt kaum auf, dass an den übervollen Pflanzen etwas fehlt.

 

Finalstress

Nistkastenfütterung

Bei unseren Hausspatzen herrscht im Moment Hochbetrieb. Die letzte Brut des Sommers wird demnächst flügge und schreit aufgeregt nach Futter. Der Nistkasten ist ein einziger Resonanzraum. Im Minutentakt fliegen die Elternvögel herbei, um die Schreihälse zu stopfen. Gefüttert wird meist nur noch von außen.

Während die Meisen den Brutbetrieb längst eingestellt haben, setzen die Spatzen auf eine weitere Runde, und der Erfolg gibt ihnen Recht. Hausspatzen sind aber auch sehr geschickte Jäger und schleppen an, was sie kriegen können. Spinnen und Käfer kann man in ihren Schnäbeln genauso erkennen wie Raupen, Falter und andere Fluginsekten, die sie teilweise gleich aus der Luft schnappen. Und wenn sich gar nichts mehr findet, tun es auch die Küchenabfälle vom Kompost.

Nur fotografieren lassen sich die Spatzen dabei nicht so gern, aber glücklicherweise kann man das alles automatisieren, und die Kamera alleine stört weit weniger als der neugierige Mensch dahinter.

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