Aroma

Hummel auf blühendem Feuerdorn

Unser Feuerdorn verströmt im Moment unverkennbar den Duft von Mäusedreck. Beim Vorbeigehen atme ich flacher und beschleunige meinen Schritt. Die Bestäuber scheinen das anders wahrzunehmen. Der Geruch lockt sie zahlreich an. Ständig umschwirren sie den Strauch und weiden ihn ab. Vor allem den Hummeln hat es der Feuerdorn angetan. Im Moment sind die ersten Arbeiterinnen unterwegs – deutlich kleiner als ihre späteren Geschwister, weil die Königin sie noch eigenhändig aufgezogen hat und in dieser Phase das Nahrungsangebot begrenzt war.

Was aber, wenn der Geruch gar nicht zufällig entstanden ist? Hummeln nisten ja auch in alten Wühlmausnestern. Jedes Frühjahr suchen sie im Garten den Boden nach verlassenen Bauten ab. Sie müssen empfindliche Rezeptoren für diesen Duft besitzen, und während er mir auf die Dauer Kopfschmerzen verursacht, erzeugt er bei den Hummeln sicher ein angenehmes Wohlbefinden. Was gibt es Schöneres, als bei der mühsamen Arbeit an das wohlige Ambiente von zu Hause erinnert zu werden. Der eine stellt sich ein Foto seiner Liebsten auf den Schreibtisch, der andere hat es gern, wenn es am Arbeitsplatz riecht wie bei Muttern.

Bald werden die kleinen Hummeln sowieso im Nest verbleiben. Mit dem Futter, das sie gerade sammeln, lassen sich größere Arbeiterinnen heranziehen, die die Außeneinsätze übernehmen, während sich die kleineren um die Brutpflege kümmern. Diese Strategie erhöht nicht nur den Umkreis, in dem gesammelt werden kann, weil größere Exemplare halt weiter fliegen, die späteren Arbeiterinnen haben auch größere Augen und das bedeutet mehr Facetten. Jede von diesen nimmt einen Bildpunkt wahr und ihre Anzahl entspricht somit der Bildauflösung. Die Hummel kann damit die Blüte schon aus größerer Entfernung erkennen, und auch das trägt dazu bei, dass die Arbeitsleistung der größeren Artgenossen deutlich höher ist.

Ein Augenblick der Evolution

Segelfalter Augenflecken

Ende Juli ließ sich ein prächtiger Segelfalter auf Augenhöhe im Ringlottenbaum nieder, sodass ich nicht umhin konnte, ihn zu fotografieren. Unbewusst fokussierte ich dabei auf die Augenflecken an den Flügelenden.

Segelfalter

Mit dem auffälligen Blauton und den orangen Augenbrauen sehen sie alles andere als realistisch aus. Von der Position her sollen sie wahrscheinlich Fressfeinde ans falsche Körperende locken, aber reicht dafür diese Darstellung, die mehr an eine Comic-Figur als an echte Augen erinnert? Der ebenfalls zur Familie der Ritterfalter gehörige Schwalbenschwanz hat an derselben Stelle überhaupt nur zwei orange Flecken.

Schwalbenschwanz

Sind skizzenhafte Augen abschreckend genug, um Fressfeinde zu täuschen? Die Evolution hat bei unseren Schmetterlingen eine Vielzahl unterschiedlicher Augenformen hervorgebracht, die trotzdem gewisse Gemeinsamkeiten haben. Sie imitieren zum Beispiel nie Facettenaugen, sondern immer Linsenaugen, wie sie für Wirbeltiere typisch sind, und die Blickrichtung ist im Normalfall gerade nach vorn, das heißt, die Kreise sind konzentrisch positioniert.

Man nennt das etwas großspurig den Mona-Lisa-Effekt, weil diese Darstellung schon bei Leonardo da Vinci bewirkte, dass man sich von La Gioconda auch dann angesehen fühlt, wenn man nicht direkt vor dem Bild steht. Das funktioniert erwiesenermaßen bei Hühnerküken, wie man von Experimenten mit Futterattrappen weiß. Wenn die angebrachten, stilisierten Augenflecken exzentrisch sind, wirken sie nur in Blickrichtung abschreckend. Mittig angeordnet, nähern sich die Versuchstiere dem Köder aus beiden Richtungen zögerlich.1

Jetzt gelten Hühner nicht unbedingt als Geistesriesen unter den Vögeln, aber es ist ja schon ein evolutionärer Vorteil, wenn man den dümmeren Teil der Fressfeinde täuschen kann. Die negative Selektion führt dann Schritt für Schritt dazu, dass die Darstellungen immer realistischer werden.

Auffällig oft sind Glanzflecken vorhanden. Manchmal sind es nur weiße Punkte, oft haben sie aber auch Sichelform, um den dreidimensionalen Eindruck zu verstärken, und da weiß man aus Versuchen, dass die abschreckende Wirkung größer ist, wenn die Öffnung der Sichel nach unten zeigt. Eine möglichst natürliche Darstellung der Lichtreflexion bewährt sich beim Schutz vor Fressfeinden.2

Die oben abgebildete Raupe eines Mittleren Weinschwärmers, die ich letzten Sommer im Garten entdeckte, hat es dabei etwas übertrieben. Die Darstellung wirkt auch hier wie aus einem Comic, und zu allem Überfluss gibt es statt zwei Augen vier, was bei Wirbeltieren eher ungewöhnlich wäre.

Bei Tag mögen viele dieser Augenflecken künstlich wirken, aber vielleicht sind sie ja auch für die Dunkelheit gedacht. Es gibt zahlreiche Nachtfalter wie das Wiener Nachtpfauenauge mit eindrucksvollen, sehr realistisch gezeichneten Augenflecken, die in der Dämmerung jeden täuschen können.

Was sich am Ende durchsetzt, bestimmen die Fressfeinde. Wie in einer makaberen Kunstausstellung belohnen sie realistische Darstellung mit dem Überleben und picken die misslungenen Exemplare heraus. Wenn die Augen vieler Schmetterlinge im Moment noch nicht perfekt sind, dann heißt das nur, dass die Entwicklung noch nicht fertig ist. Tatsächlich lässt sich selbst in dem kurzen Augenblick, den wir von der Evolution wahrnehmen, bereits ein Trend erkennen: Die Augen werden weniger und größer.3

Wir können also darauf wetten, dass in unseren Gärten in ein paar tausend Jahren Schmetterlinge herumflattern, die sogar uns täuschen können, und sollten wir diese Wette verlieren, dann liegt es wohl weniger an den Schmetterlingen, sondern eher daran, dass bis dahin die Gärten dafür fehlen.


  1. https://www.mpg.de/19376368/1018-choe-der-mona-lisa-effekt-155371-x ↩︎
  2. https://www.zobodat.at/pdf/Entomologie-heute_25_0127-0136.pdf ↩︎
  3. https://www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/neues/forschungsnachrichten/forschungsnachrichten-single/newsdetails/farbmuster-als-zeichen-der-evolution ↩︎

Die Seerosenzünslerraupe

Seerosenzünsler Raupe

Die in Europa heimische Weiße Seerose macht sich in Gartenteichen meist unangenehm bemerkbar, indem sie alles überwuchert. Schöner und pflegeleichter sind die bunten Hybridformen, die 1900 auf der Pariser Weltausstellung einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert wurden. Dort hat sie übrigens auch Claude Monet entdeckt und anschließend mehrere Sorten beim Züchter bestellt.

So schön wie auf Monets Bildern sehen Seerosen allerdings selten aus. Was wuchsfreudig ist, findet auch Abnehmer, und so sind die Blüten oft verlaust und die Schwimmblätter zerfressen. Im Sommer treiben zum Beispiel im Gartenteich überall kleine, nierenförmige Blatttaschen, die ein Geheimnis bergen.

Was man hier sieht, ist die Raupe des Seerosenzünslers. Das Falterweibchen heftet die Eier zunächst an die Unterseite eines Schwimmblattes, wobei es nicht sehr wählerisch ist. Neben der Seerose können auch Seekanne, Schwimmendes Laichkraut oder Wasserknöterich betroffen sein. Die Raupe frisst sich dann von unten durch das Blatt und miniert es. In dieser Phase ist die Larve hydrophyl, das heißt, sie wird vom Wasser benetzt und atmet durch die Haut.

Nach der zweiten Häutung wechselt die Raupe nach oben und frisst die wächserne Oberschicht des Blattes. Das Wachs scheidet sie über die Haut wieder aus und wird so hydrophob, also wasserabweisend. Gleichzeitig öffnen sich die Tracheen, und die Larve beginnt, Luft zu atmen. Zum Schutz bastelt sie sich den bereits erwähnten Köcher aus zwei Blattteilen, die sie mit Gespinst verklebt.

Unsereins würde ja in dieser Hülle relativ schnell am eigenen Kohlendioxid ersticken, aber der Seerosenzünsler hat in der Schule in Physik gut aufgepasst. Das ausgeschiedene CO2 löst sich im Wasser, dadurch entsteht ein Unterdruck und der saugt von der anderen Seite frische Luft an. Und weil die Seerose über ihren Stängel die Wurzeln mit Sauerstoff versorgt, funktioniert dieser Trick später auch unter Wasser, wenn die Raupe überwintert oder sich verpuppt. In dieser Phase verbeißt sie sich im Stängel und zapft den Gastransport der Pflanze an.

Das klingt raffiniert aber auch mühsam. Also warum tut sich so ein Seerosenzünsler das an? Diese Lebensweise schützt die Raupen vor Parasiten. Natürlich gibt es auch unter Wasser Fressfeinde, aber gut geschützt und getarnt im Blattköcher halten sich die Ausfälle in Grenzen.1


  1. Eine detaillierte Beschreibung findet sich in: Josef H. Reichholf: Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet. – München 2018, S. 28-36 ↩︎

Braune Mosaikjungfer

Neulich habe ich einer Leserin dieses Blogs gegenüber gemeint, dass ich den urbanen Lebensraum und sein vielfältiges Freizeitangebot sehr schätze. Worauf sie gesagt hat: „Wieso? Ich dachte, du sitzt in deiner Freizeit immer nur am Teich und beobachtest die Tiere.“

Das hat mich auf den ersten Blick ein bisschen geschockt, auf den zweiten aber auch gefreut, weil es zeigt, dass sogar ein Blog wie dieser in der Lage ist, ein literarisches Ich hervorzubringen, das wenig mit der Realität zu tun hat. Ich bin reine Fiktion!

Vor ein paar Tagen sitze ich also wie gewohnt am Teich und beobachte das muntere Treiben, da fällt mir eine Libelle auf, die sich komisch bewegt. Es ist eindeutig ein Weibchen, das ablaicht, aber es scheint so, als könnte sie sich nicht entscheiden, wie sie vorgehen soll. Zuerst fliegt sie knapp über dem Wasser auf und ab und macht Wurfbewegungen wie ein Plattbauch, dann setzt sie sich in der Mitte des Teichs auf ein Seerosenblatt und sticht mit dem Hinterleib unter die Wasseroberfläche wie eine Große Königslibelle, und zum Schluss tut sie das Gleiche in einem Moospolster am Teichrand, wie es für die Blaugrüne Mosaikjungfer typisch ist.

Braune Mosaikjungfer Weibchen

Ich bilde mir ein, die Braune Mosaikjungfer schon letztes Jahr am Teich beobachtet zu haben, aber diesmal legte sie an der Dachrinne des Schuppens eine Pause ein, und so konnte ich sie fotografieren und eindeutig bestimmen. Da hat sich die viele Zeit, die ich mit Naturbeobachtung verbringe, wieder einmal gelohnt.

Es heißt, dass diese Art ihre Eier sehr spät legt und die Larven erst im nächsten Jahr schlüpfen, was wohl nicht immer stimmt, denn das gezeigte Exemplar habe ich am 13. August fotografiert, und das ist für Großlibellen ein normaler Zeitpunkt. Verallgemeinernde Aussagen sind in der Naturbeschreibung eher mit Vorsicht zu genießen, weil die Natur bekanntlich flexibel ist. Es gibt noch viel zu beobachten.

Wildes Treiben am Mönchspfeffer

Taubenschwänzchen

Der Mönchspfeffer stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Das Exemplar in unserem Garten ist mittlerweile zwei, drei Meter hoch, und seine Blüten sind der perfekte Ort für Wildbienen, Falter und faule Makrofotografen, die nicht gern den Standort wechseln.

Statt der sonst allgegenwärtigen Honigbienen trifft man hier an einem sonnigen Morgen im Juli auf die verschiedensten Hummelarten.

Neben den Wald-, Wiesen- und Ackerhummeln findet sich auch eine große Holzbiene. Dazwischen gehen die zahlreichen winzigen Arten, die am Mönchspfeffer auch ihre Freude haben, beim Fotografieren fast unter.

Die folgende Biene ist auffällig groß. Es handelt sich um die Asiatische Mörtelbiene, sie wurde 2008 zum ersten Mal in Frankreich entdeckt, seit 2017 ist sie auch in Österreich nachgewiesen. Auf den Fotos sieht man ein Weibchen. Das etwas kleinere Männchen, von dem es immer wieder bedrängt wurde, war mir zu schnell. In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass die Art in Zukunft auch bei uns heimisch wird.

Zwischen all den Wildbienen gibt es diverse Falter wie das Taubenschwänzchen, den Malven-Dickkopffalter und den Hauhechel-Bläuling.

Sogar eine schicke Beerenwanze interessiert sich für die wohlschmeckenden Blüten dieses mediterranen Strauchs.

Der Mönchspfeffer ist aber nicht nur für Insekten nützlich. Er ist auch eine Heilpflanze, deren Früchte gegen das prämenstruelle Syndrom eingesetzt werden. Außerdem wirkt Vitex agnus-castux, das „keusche Lamm“, lusthemmend. Über diese vielfältige Wirkung wussten schon die alten Griechen Bescheid, und sie ließen die Pflanze in ihre Mythen einfließen. Einmal im Jahr vereinigte sich Hera unter einem Mönchspfeffer mit Zeus, danach nahm sie ein Bad im Fluss Imbrasos und erlangte so ihre Jungfreulichkeit zurück.

In Mitteleuropa wurde die Pflanze zu Beginn vor allem in Klöstergärten angebaut. Die Samen dienten als Pfefferersatz und halfen den Mönchen bei der Einhaltung ihres Keuschheitsgelübdes. Das hat, wie wir aus der Geschichte wissen, nicht überall gleichermaßen funktioniert. In den venezianischen Klöstern, die Casanova und andere junge Adelige frequentierten, bekam dem Mönchspfeffer wahrscheinlich das Klima nicht, und so mancher Bischof, der aus der Kirchenkasse Geld veruntreute, um damit die Alimente für seine Kinder zu bezahlen, hat womöglich das scharfe Essen nicht vertragen.