Hamster im Novemberglück

Hamster unter Erde

Nicht jedes Tier kann man im eigenen Garten haben, deshalb gibt es heute einen Besuch im „Garten“ meiner Großmutter. Sie liegt seit 2003 auf dem Meidlinger Friedhof in Wien. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich unweit von ihrem Grab aufgenommen.

Im November wird ja traditionell der Toten gedacht – wahrscheinlich, weil dieser Monat so nass, kalt und dunkel ist wie die Erde, in der die Verstorbenen ruhen. In Wien ist der Herbst besonders grau und verregnet, der Himmel ist normalerweise wolkenbedeckt und ein steifer Wind drückt einem die Kälte in die Knochen. Nur am ersten November ist alles anders. Da scheint immer die Sonne und jeder geht auf den Friedhof. Es ist wie ein großer Jahrmarkt – man trifft die Verwandtschaft, legt ein paar Blumen nieder und geht anschließend zum Wirten.

Sobald Allerheiligen und Allerseelen vorüber sind, hat man auf dem Friedhof wieder seine Ruhe. Ich bin heute aus zwei Gründen hier: Erstens ist der November für jemanden, der einen Blog über Tiere im Garten schreibt, eine relativ trostlose Zeit. Man muss schon gezielt nach ganz besonderen Arten suchen, die jetzt noch aktiv sind. Und zweitens hat Lutz Prauser in seinem Blog die Frage nach dem Novemberglück gestellt: Gibt es Gründe, den November zu genießen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann beim besten Willen keine positive Antwort geben. Der November ist für mich wie ein graues Loch in der Zeit zwischen Herbsternte und Winterfreude. Und weil das kein sehr geistreicher Beitrag zum Thema Novemberglück wäre, kommt die Antwort auf Lutz Prausers Frage heute von den kleinen Freunden auf dem Meidlinger Friedhof.

HamsterportraitDer Feldhamster war noch bis in die 1970er Jahre in landwirtschaftlichen Gebieten weit verbreitet und galt als Ernteschädling. Im ländlichen Bereich ist er wahrscheinlich noch immer nicht gern gesehen und gilt mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Ganz anders ist die Situation in der österreichischen Bundeshauptstadt. Viele Stadtgärten verfügen in Wien über ansehnliche Hamsterpopulationen.

Normalerweise sind die Tiere nacht- und dämmerungsaktiv. Hier auf dem Meidlinger Friedhof hat man aber kein Problem damit, die scheuen Tiere am Nachmittag vor die Linse zu bekommen. An das Fotografieren sind sie mittlerweile gewöhnt.

Hamster zwischen GräbernDie neugierigen Menschen halten die wenigen innerstädtischen Fressfeinde auf Distanz. Gleichzeitig ist die Zahl der Artgenossen groß und man muss deshalb auch untertags schauen, dass man satt wird. Wie bei vielen anderen Tierarten ist auch bei den Feldhamstern der Unterschied zwischen Stadt- und Landpopulation wie Tag und Nacht. Vor allem im Herbst sind die kleinen Nager hier zwischen den Gräbern überall und machen das, wofür sie bekannt sind: Hamstern was die Backen hergeben.

Hamster und BlumenUnd Futter findet man auf einem Friedhof genug. Aus einem unerfindlichen Grund gibt es fast das ganze Jahr über frische Blumen, von denen einige überaus wohlschmeckend sind. Nicht immer bringt diese Naschsucht den kleinen Nagern Glück. Dieses Jahr haben Anrainer über zahlreiche tote Hamster auf dem Friedhof berichtet. Die genauen Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Streunerkatzen, Füchse und Krankheiten kämen in Betracht. Es könnten aber auch Friedhofsbesucher oder -bedienstete sein, die für das Treiben der Tiere kein Verständnis haben. Kontrollen und eine Infokampagne haben geholfen, die Zahl der Kadaverfunde einzudämmen. Zusätzlich wurde eine ausführliche Hinweistafel aufgestellt, die für Akzeptanz wirbt:

Hinweistafel über Hamster am Friedhof

Meine Großmutter hat früher immer jede Natursendung angesehen, die im Fernsehen lief. Wenn heute die Feldhamster rund um ihr Grab herum tollen, kann ich nur sagen: Der Kreis schließt sich. Am Ende fügt sich im Leben eines zum anderen – vielleicht nicht immer im Leben, manchmal auch erst danach. Meine Großmutter hätte sich jedenfalls genau so eine Ruhestätte gewünscht – auf einem Friedhof voller Feldhamster.

Stehender HamsterDie Nager haben dieses Jahr besonderes Glück. Eigentlich sollten sie längst unter der Erde verschwunden sein, aber die Witterung ist diesen November besonders mild. Gleichzeitig haben die Tiere ihre Ruhe. Nur hie und da kommt ein Fotograf vorbei, um für seinen Blogbeitrag zu recherchieren. Wenn sich die Feldhamster belästigt fühlen, richten sie sich auf. Die dunkle Unterseite wirkt angeblich bedrohlich, und die Nager schrecken ihre Fressfeinde gleichzeitig durch lautes Fauchen. Bei uns Menschen zieht das irgendwie nicht. Auf uns wirken die wuscheligen Tiere einfach nur putzig. Sie lassen sich auch nicht lange von ihrer Tätigkeit abhalten. Sobald man einen Schritt zurück macht, stopfen sie sich wieder die Backen voll. Man kann halt nie genug Futter einlagern.

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, wofür der November gut ist. Eigentlich könnte der Oktober ja gleich in den Winter übergehen. Stattdessen hält die kalte Jahreszeit noch einmal inne, und die Hamster haben genügend Zeit, ihre Vorräte einzulagern. Mindestens zwei Kilo Futter braucht so ein Hamster für die kalte Jahreszeit, und wer im Oktober noch nicht genug eingelagert hat, der kann das jetzt nachholen.

Ich halte es mit den Hamstern und frage mich im November immer, welche Besorgungen dieses Jahr noch anstehen. Die erledige ich dann tunlichst, und im Dezember bringt mich außer für Lebensmittel niemand mehr in ein Warenhaus, denn es gibt etwas, was noch schlimmer ist als der grau-nasse November, und das ist einkaufen bei Weihnachtsmusik…

 

Meister der Unordnung

Frei nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik strebt ein geschlossenes System in der Natur immer Richtung Unordnung. Fällt ein Tropfen Tinte in ein Glas Wasser, schwebt er nicht als dunkle Kugel durch das Glas, sondern verteilt sich mit der Zeit im Wasser. Ebenso strebt ein Gegenstand oder eine Chemikalie immer den energetisch niedrigsten Zustand an: Eine Packung Reis, die uns aus der Hand gleitet, bleibt nicht in der Luft stehen, sondern fällt zu Boden und verteilt sich dort im ganzen Raum. Knallgas bleibt nicht lange stabil, das Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff verpufft und wird zu Wasser. Aus dem gleichen Grund rostet Eisen und verbrennt Holz: In der Natur strebt alles nach dem niedrigsten Energienivieau und dem höchstmöglichen Maß an Unordnung.

Und warum sind wir dann hier? Der menschliche Organismus ist überaus komplex. Wieso verknüpfen sich organische Moleküle auf derart vielschichtige Weise, dass daraus Leben entsteht?

Zunächst einmal ist die Erde kein geschlossenes System. Durch die Sonneneinstrahlung wird ihr ständig Energie zugeführt. Das ist aber noch nicht alles, denn auch Venus und Mars werden von der Sonne angestrahlt, trotzdem besteht ihre Atmosphäre zu weit über 90% aus CO2, wie aufgrund der physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten zu erwarten ist. Zur Energie kommen verschiedene günstige Bedingungen auf der Erde: Wasservorkommen, ein Magnetfeld, der Mond etc. Aber die wichtigste Ursache für die Entstehung komplexer Lebensformen ist das Vorhandensein von Leben selbst. Wir sind schlicht und einfach das Ergebnis der Evolution und des gegenseitigen Wettrüstens.

Irgendwann vor ungefähr 2,4 Milliarden Jahren etablierten sich die ersten Cyanobakterien auf der Erde. Durch ihre Fähigkeit zur Photosynthese bildete sich Sauerstoff und das erste große Artensterben wurde ausgelöst. Für die meisten damaligen Bakterien war Sauerstoff nämlich giftig.

An ihre Stelle traten neue Lebensformen, die die plötzlich in Form von Sauerstoff frei verfügbare Energie für sich nutzbar machten. Ihre Zellen enthalten kleine Kraftwerke, in denen Sauerstoff und Kohlenstoff miteinander reagieren, und dieser Mechanismus treibt uns alle an. Mit der Zeit hat sich dadurch in der Atmosphäre ein Anteil von 20% Sauerstoff etabliert. Das ist gerade genug Sauerstoff, um uns atmen zu lassen und gleichzeitig mögliche chemische Reaktionen in Grenzen zu halten. James Lovelock bezeichnet diesen Zustand als meta-stabil. Die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Organismen erlauben einen Zustand höherer Ordnung. Das Geheimnis unserer Existenz liegt in dieser Kooperation.

Im Laufe der Evolution sind Lebewesen Symbiosen eingegangen und haben sich zu anderen Arten zusammengeschlossen. Dadurch sind immer komplexere Ökosysteme entstanden, die nicht zuletzt auch uns Menschen hervorgebracht haben. Von der durch physikalisch-chemische Gesetze definierten Unordnung hat das Leben die Erde in ein System äußerst komplexer Ordnung transformiert. Unter anderem wurde dabei durch die Photosynthese jede Menge CO2 aus der Atmosphäre entfernt und als Kohle, Erdöl oder Humus abgelagert. Obwohl sich die Strahlkraft der Sonne in den letzten 500 Millionen Jahren um 4% erhöht hat, ist durch diesen umgekehrten Treibhauseffekt die Durchschnittstemperatur auf der Erde deutlich zurückgegangen, was wiederum die Möglichkeiten des Lebens und die Artenvielfalt deutlich erhöht hat. Schritt für Schritt wurde das System Erde immer komplexer.

Bis wir ins Spiel kamen. Aus Sicht der Natur betrachtet, sind wir die Meister der Unordnung. Mit zunehmender Geschwindigkeit drehen wir die Zeitleiste zurück, vor allem weil unser Verständnis von Ordnung der natürlichen Komplexität zuwiderläuft. Werfen wir dafür einen kurzen Blick in unsere Gärten: Eine naturbelassene Wiese besteht aus hunderten verschiedenen Kräutern. Wald ist eigentlich eine vielfältige Mischung unterschiedlichster Baumarten mit dichtem Unterholz. Wie konträr ist das, was wir unter einem „ordentlichen“ Garten verstehen: Aus dem englischen Rasen ragen maximal vereinzelt Bäume und alles wird umrahmt von einer Thujenhecke. Nicht zu vergessen die dekorativen Steinaufschüttungen, die einzelne Bereiche sowieso zur Wüste verkommen lassen. Sobald sich der Mensch in die Natur gestaltend einmischt, wird alles wie ein Maisfeld – Monokultur in Reih und Glied. Naturbelassen hat für uns immer den Eindruck von Chaos, dabei ist es viel geordneter, ein komplexes System von Beziehungen, dessen einzige Unordnung darin besteht, dass wir zu wenig davon verstehen.

Unser Faible für das Destruktive geht aber noch weiter: Zu den kompliziertesten Lebensräumen, die wir hervorbringen, zählen die Städte. Ohne ein ausgefeiltes Sozialgefüge mit unzähligen Regeln wäre ihre Existenz unmöglich. Modernste Technik von klimatisierten Gebäuden bis zum öffentlichen Verkehr macht sie für uns lebenswert. Für die Natur sind sie aber nur versiegelte Fläche, eine lebensfeindliche Wüste, die im Sommer zunehmend unerträglich heiß wird. Außerdem liegen unsere Städte mit Vorliebe an einem Fluss in fruchtbarer Gegend. Wir transformieren humusreiches, wertvolles Ackerland in eine künstliche Felslandschaft, die für Kulturfolger nur deshalb interessant ist, weil ihre Fressfeinde fehlen. Was die Natur über Jahrmillionen mühsam geschaffen hat, dreht der Meister der Unordnung in großen Schritten wieder zurück.

Ein globaler Aspekt dieser Transformation erfährt im Moment große mediale Aufmerksamkeit: Alles spricht vom Klimawandel. Gleichzeitig trivialisieren wir das Problem und konzentrieren uns auf die fossilen Energieträgern. Die Politik verkauft uns unter dem Schlagwort Energiewende eine Patentlösung, die so nicht funktionieren wird, weil sie nur einen kleinen Aspekt der Thematik berücksichtigt. Für den CO2-Ausstoß ist der Humusabbau in der Landwirtschaft genauso mitverantwortlich wie das Abholzen unserer Wälder. Die Versiegelung der Böden durch Bautätigkeit fördert die Erderwärmung ebenfalls. All diesen Vorgängen gemeinsam ist, dass die Komplexität der Ökosysteme massiv abnimmt. Wo früher kleinteilige Strukturen mit hoher Artenvielfalt vorherrschten, findet sich heute ein menschengeschaffener, globalisierter Einheitsbrei. Aus unserer Sicht wird die Welt vielleicht immer komplizierter und vernetzter, aber aus Sicht der Natur treiben wir die Unordnung voran und damit die Zeit zurück.

Und was hat das alles in einem Gartenblog zu suchen? Gute Frage. Dieses Thema ist ein globales, und wir sind den Zusammenhängen vielfach ausgeliefert. Ich verstehe, dass es schwierig ist, den weltweiten Verzicht auf fossile Energieträger durchzusetzen, ohne gleichzeitig die Wirtschaft zum Erliegen zu bringen. Ich verstehe auch, dass Städte als Lebensraum für eine wachsende Weltbevölkerung immer wichtiger werden und dass die ökonomischen Rahmenbedingungen hier oft naturferne Strukturen erzwingen. Aber warum pflastern sich dann zusätzlich noch so viele Leute ihren Vorgarten mit Steinplatten zu? Damit der Klimawandel auch vor der Haustür Einzug hält? Jedes Blatt, das auf den Boden fällt und zu Humus wird, bindet einen Teil des Kohlenstoffs dauerhaft in der Erde. Warum muss man diesen natürlichen Vorgang sofort mit einem Laubsauger unterbinden? Damit das bisschen gebundene CO2 gleich wieder frei gesetzt wird? Irgendwann, wenn die Erde zur Wüste verkommen ist und bis zum Horizont nur Stein und Sand, wird der letzte Mensch im Schutzanzug vor die Haustür treten und sagen: Aber schön ordentlich ist es heutzutage schon.

Vielleicht wird das mit der Rettung der Welt nichts. Vielleicht reicht es aber auch, wenn wir in unserem unmittelbaren Einzugsbereich etwas dafür tun. Oder besser gesagt: nichts tun. Einfach mal die Zügel schleifen lassen. Nicht aufräumen. Nicht ständig Ordnung machen. Das Laub ruhig liegen lassen, den Rasen weniger oft mähen. Einfach nur zusehen und staunen, dass sich so viel von selbst regelt. Damit kann jeder in seinem Garten anfangen.

Und auch auf kommunalpolitischer Ebene würde man sich oft mehr Mut zum Wachsenlassen wünschen. Ein schönes Beispiel aus der Praxis habe ich neulich im Blog „GRUNDidee Naturgarten“ gefunden. Da geht es um ein Stück naturbelassene Straßenböschung und wie schwer es ist, die Ordnungswut aus unseren Hinterköpfen zu bekommen. Wir haben offensichtlich einen inneren Zwang zu gestalten, dabei muss Natur im Normalfall nicht gestaltet werden. Die ist schon geordnet. Was wir unter Ordnung verstehen, ist nur leider für die Natur Chaos – und umgekehrt. Es würde helfen, wenn wir dieses Missverständnis ein Stück mehr aus unseren Köpfen bekämen.


Lesetipps:

Lynn Margulis: Der symbiotische Planet, Westend: Frankfurt am Main 2017

Die englische Originalausgabe von „Symbiotic Planet“ ist bereits 1998 erschienen. Die 2011 verstorbene Evolutionsbiologin Lynn Margulis verknüpft darin Symbiontentheorie und Gaia-Hypothese zu einer kurzweiligen Erzählung über die Entstehung des Lebens auf der Erde. Das Buch beginnt mit den urförmigen Mikroorganismen, die sich symbiotisch zu komplexeren Lebewesen und Zellstrukturen zusammenschließen, und zeigt am Ende die Erde als großen Superorganismus, auf dem die verschiedenen Arten zusammenwirken. Unterbrochen wird die Darstellung immer wieder durch Anekdoten und Autobiographisches. Stilistisch passt das zu den frei fabulierten wissenschaftlichen Ausführungen, und man lernt so relativ kurzweilig Lynn Margulis‘ Forschungskonzepte kennen.

Ute Scheub, Stefan Schwarzer: Die Humusrevolution. Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, oekom: München 2017

Das Buch bietet eine Vielzahl an überzeugenden Beispielen, wie die Humusschicht durch unsachgemäße Bearbeitung abgetragen und andererseits auch wieder aufgebaut werden kann. Eine ausführliche Rezension findet sich auf Leselebenszeichen. „Die Humusrevolution“ ist, nicht zuletzt auch dank der zahlreichen Interviews, sehr überzeugend – bis auf Kapitel 7. Am Schluss wagen die Autoren einen positiven Blick ins Jahr 2050: Alles wird wieder gut, die Menschen ernähren sich nachhaltig und sind alle sehr glücklich. Das tut meiner Meinung nach einfach nur weh und zerschlägt viel von dem Vetrauen, das zuvor aufgebaut wurde.

Wann etwas blüht

Winterjasmin

Der Winterjasmin blüht bei uns normalerweise im März, und die Blüten verblühen relativ schnell, sobald sie bestäubt sind. Nur manchmal, wenn es frühzeitig warm wird, blüht er bereits im Jänner. Kühlt es anschließend wieder ab, fehlt die Bestäubung und damit das Signal zum Verblühen. Dadurch entsteht die bizarre Erscheinung der gelben Blüten im Schnee, die dem Winterjasmin seinen Namen gegeben hat. In Wirklichkeit ist dieses Phänomen aber Resultat eines klimatischen Ausrutschers, die Regel ist das, zumindest bei uns, nicht. In den letzten Jahren hat unser Winterjasmin immer erst Mitte März mit der Blüte begonnen. Das Beitragsbild und das folgende Foto habe ich letztes Wochenende am 26. und 27. Oktober gemacht.

Winterjasmin

Es sind nur vereinzelte Blüten, aber sie treten an zwei verschiedenen Pflanzen auf, und es ist ziemlich sicher das erste Mal, dass unser Winterjasmin auch im Herbst blüht. An der Forsythie beobachte ich diese Erscheinung schon seit mehreren Jahren. Die folgende Aufnahme stammt vom 21. September, an diesem Tag war es bei uns so sommerlich, dass man im Gartenteich noch schwimmen konnte.

Forsythie

Im Phänologischen Kalender markiert die Forsythienblüte den Beginn des Erstfrühlings. Der hätte dann dieses Jahr direkt an den Spätsommer angeschlossen, wollte man dem Foto glauben. Da die Forsythien keinen Nektar bilden, sind sie für Insekten eher uninteressant, aber die Zahl der Pflanzen, die in letzter Zeit außerhalb der Reihe blühen, ließe sich beliebig erweitern. Sogar die Primeln blühen mittlerweile auch im Herbst.

Und wie werden sich die Bestäuber auf die geänderten Bedingungen einstellen? Vermutlich sehr rasch. Wildbienen, Schmetterlinge und Co haben mindestens eine Generation pro Jahr. Damit ist eine Anpassung an geänderte klimatische Bedingungen relativ einfach, und man sieht schon jetzt verschiedene Arten zu ungewöhnlichen Zeiten fliegen.

Mit unserem deutlich längeren Reproduktionszyklus fällt es uns dementsprechend schwerer, auf den Klimawandel zu reagieren. Wir müssen uns auf unsere Intelligenz und unsere Technik verlassen, um zu überleben, und gerade in diesen beiden Bereichen zeichnen wir uns gerade nicht besonders aus. Statt unsere Landwirtschaft und die Architektur unserer Städte zu überdenken, läuft auf allen Kanälen eine unglaubwürdige Werbekampagne der Politik und der Automobilwirtschaft für die Elektromobilität. Niemand versucht, unseren Lebensstil zu verändern. Stattdessen will man uns etwas verkaufen. Sogar die Pflanzen sind mit ihrer Reaktion schon mehrere Schritte weiter. In unserem Vorgarten blüht gerade der Winterjasmin.

Alt und neu

Waldbrettspiel

AdmiralWenn einem im Herbst ein Admiral im Garten begegnet, dann ist er einen Ticken größer als sonst. Er strotzt vor Kraft und die Flügel sind intakt, so wie auf dem Bild rechts. Das liegt daran, dass dieser Wanderfalter sich demnächst nach Süden aufmacht, um dort zu überwintern. Er ist quasi nagelneu.

Ganz anders das Waldbrettspiel auf dem Titelbild, beziehungsweise auf dem großen Bild unten. Die beiden Aufnahmen stammen vom 12. Oktober. Ich wollte sie eigentlich nicht verwenden, weil man den Falter kaum noch erkennt. Das hintere Flügelpaar hängt nur noch in Fetzen. Ich denke trotzdem, dass es ein Waldbrettspiel ist, obwohl das so laut Wikipedia nicht sein dürfte. Dort steht, dieser Falter fliegt in zwei Generationen von Mitte April bis Anfang Juni und von Juli bis Mitte September.

Und damit war mir dieses zerzauste Exemplar dann doch einen Beitrag wert. Wenn das diesjährige Wetter in Zukunft zur Regel wird, werden wir viele Wikipedia-Einträge umschreiben müssen.

Waldbrettspiel

Die Rotkehlchen kommen

Rotkehlchen

Seit der Herbst da ist, sind die Rotkehlchen die häufigsten Vögel in unserem Garten. Den ganzen Sommer über habe ich kein einziges gesehen. Rotkehlchen bevorzugen halboffene Höhlen als Nistplätze, und natürlich habe ich einen geeigneten Nistkasten im Garten montiert, aber bislang blieb er unbenützt.

RotkehlchenIm Winter sehe ich fast jeden Tag ein einzelnes Rotkehlchen. Es ist schätzungsweise immer dasselbe. Nicht dass ich ein Rotkehlchen vom anderen unterscheiden könnte, aber es zieht mehrmals am Tag mit einer Bande von, sagen wir, zehn Feldspatzen, zwei Hausspatzen, zwei Blaumeisen und fünf Kohlmeisen vorbei. Während die anderen Vögel die Futtersäule ansteuern, interessiert sich das Rotkehlchen für den Komposthaufen. Es ist ein geschickter Jäger und findet dort auch im Winter verschiedene Krabbeltiere. Das Körnerfutter wird meist verschmäht.

Rotkehlchen gelten als Einzelgänger, die ihr Revier oft aggressiv verteidigen. Wenn der Frühling kommt, sieht man allerdings hie und da einen zweiten Vogel. Welcher von beiden das Männchen und welcher das Weibchen ist, lässt sich leider nicht unterscheiden. Das könnte man maximal am Verhalten erkennen. Im Normalfall kommt das Weibchen ins Revier des Männchens und nähert sich ihm unterwürfig. Irgendwann haben sich dann die Pärchen gefunden, und anschließend sind sie, wie gesagt, den ganzen Sommer über verschwunden.

RotkehlchenMan könnte fast meinen, die Rotkehlchen wären Zugvögel, und zum Teil sind sie das ja auch. Die Populationen aus Nord- und Osteuropa überwintern im Mittelmeerraum. Bei uns in Mitteleuropa sind sie jedoch sesshaft und ziehen maximal über kurze Strecken.  Am wahrscheinlichsten ist, dass die umliegenden Wälder im Sommer ein besseres Nahrungsangebot für die Aufzucht der Jungen bieten. Im Herbst dann, wenn der Speiseplan mit Beeren und anderen Früchten ergänzt wird, zieht es die Familien in die Gärten. Bei uns werden mit Vorliebe der Wilde Wein und die Pfaffenhütchen abgeerntet.

Von Einzelgängern kann im Moment übrigens nicht die Rede sein. Es sind immer mehrere Vögel gleichzeitig unterwegs. Sie sind genauso gesellig und kommunikativ wie die anderen Singvögel, melden sich gegenseitig ihre Position und meiden geschickt jeden Kontakt mit Katzen und anderen Gefahren. Es heißt, Rotkehlchen hätten eine kurze Fluchtdistanz. Von weniger als einem Meter liest man. Ich kann das nicht bestätigen. Unsere Rotkehlchen sind scheu und sie verstecken sich geschickt. Nur manchmal verrät sie ihr orangeroter Latz.

Rotkehlchen

Und sie sind neugierig. Sie beobachten uns genau so aufmerksam wie wir sie. Menschen neigen nämlich im Herbst dazu, ihre Beete umzugraben oder neue Pflanzen einzusetzen. Bei uns kann man im Moment fast sicher sein, dass dann ein Rotkehlchen irgendwo im Gebüsch sitzt und darauf wartet, dass ein Leckerbissen aus der Erde auftaucht.