Ahornsirup

Biene auf Ahorhzweig

Während sich anderswo der Frühling bemerkbar macht, hinkt in unserem Garten die Pflanzenwelt zwei bis drei Wochen hinterher – das liegt an den 500 Höhenmetern und den Bergen im Hintergrund. Die Krokusse und die Frühlingsknotenblumen strecken noch nicht einmal die Blätter aus der gefrorenen Erde. Warum sollten sie auch, liegt ja großteils noch Schnee im Garten, und das ist sicher noch nicht der letzte, der dieses Jahr fällt.

Biene auf AhorhzweigTrotzdem war gestern ein sonniger Sonntag mit Temperaturen deutlich jenseits der zehn Grad. Und da wird dann lebendig, was den Winter überlebt habt. Auf der Hausmauer sitzen die ersten Fliegen in der Sonne, eine Spinne huscht über den Boden und sogar Honigbienen summen durch den Garten.

Die werden hungrig wieder heimfliegen müssen, denke ich mir. Selbst die Weidenkätzchen sind noch nicht aufgeblüht. Und dann komme ich am Ahorn vorbei, der am Zaun hinter dem Teich steht. Vor vielen Jahren hat er sich dort selbst angesetzt. Ich habe ihn später in die Hecke integriert. Alle paar Jahre wird er zurückgestutzt. Das ergibt wunderbare Stützstecken für die Paradeiser.

Als ich letzte Woche wieder einmal den Ahorn geschnitten habe, tat er mir fast ein bisschen Leid. Der Baum steht schon voll im Saft, und von den Schnittstellen hat es heruntergetropft wie ein leichter Frühlingsregen.  Mittlerweile hat sich die Pflanze wieder beruhigt und nässt nur noch leicht, aber an den Stämmen sieht man kleine, lange Rinnsäle mit klebrigem Ahornsaft.

Bis zum Sonnenuntergang konnte ich hier Honigbienen und andere Insekten beobachten, die sich an dem süßen Zeug labten. Zuerst war ich überrascht, aber so ungewöhnlich ist der Vorgang gar nicht. Diese Zuckersäfte nennt man Honigtau. Normalerweise werden sie von Blatt- oder Schildläuse aus den Bäume gezapft. Der Flüssigkeitsdruck ist dabei so hoch, dass die Tierchen einen Großteil ihrer Nahrung wieder ausscheiden müssen, und diese Ausscheidungsflüssigkeit dient den Bienen als Grundlage für den Waldhonig. Offensichtlich nehmen sie die Baumsäfte auch direkt, wenn Bruch- oder Schnittstellen vorhanden sind.

Man kann in der Natur halt machen, was man will, es hat alles seine Konsequenzen, und ein Heckenschnitt wird schnell zur Wildtierfütterung. Ob das für die Bienen gut ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Gebrochene Äste im Frühjahr sind im Wald aber sicher keine Seltenheit, und so ist diese Form der Nahrungsquelle den Bienen wahrscheinlich schon immer vertraut. Dem Ahorn hilft es jedenfalls, wenn die Zuckerschicht verschwindet, bevor sich Rußtaupilze bilden.

Biene auf Ahorhzweig

 

Invasive schwarze Boxen

Amsel vor Rattenköderbox

In letzter Zeit tauchen in Wiener Parks immer wieder schwarze Köderboxen auf, die offensichtlich der Rattenbekämpfung dienen. Selten ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer für die Ausbringung verantwortlich ist und warum sie veranlasst wurde.

Es gibt Tiere, da fällt einem der Naturschutzgedanke schwer. Zecken sind so eine Spezies, auch Gelsen gehören dazu. Oder Ratten, wenn sie in großer Zahl auftreten. Vor einigen Jahren gab es im Haus meiner Schwiegereltern eine kleine Abstellkammer – wenn man da die Tür öffnete, blickten einem immer mehrere neugierige Augenpaare entgegen. Die Ratten, die sich dort einquartiert hatten, waren gar nicht scheu. Wenn man ihnen ein kleines Baumwollsäckchen mit Rattengift zuwarf, liefen sie nicht davon, sondern holten sich das vermeintliche Leckerli. Obwohl mir der Einsatz von Gift zuwider ist, halte ich es als Notfallmaßnahme bei massivem Rattenbefall für sinnvoll. Ich hätte es wohl kaum fertig gebracht, die Rattenkammer leer zu räumen, wären mir dabei ständig die unerwünschten Bewohner um die Füße gehuscht. Andererseits wären wir die Ratten aber auch nicht los geworden, hätten wir uns nur auf den Einsatz von Gift beschränkt.

Die Situation schien damals aussichtslos. Tatsächlich war es aber gar nicht so schwer, die Ratten nachhaltig wieder los zu werden. Montageschaum hat mir geholfen, die Bausubstanz gründlich abzudichten. Außerdem mussten wir die eigentliche Ursache für den Rattenbefall entfernen. Meine Schwiegereltern hielten Laufenten, und damit die Tiere nur ja nicht Hunger leiden mussten, stand im Garten ständig eine Schüssel mit Futter herum. Ratten siedeln sich bevorzugt dort an, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist beziehungsweise ihnen von Menschen zur Verfügung gestellt wird. In der freien Natur findet man hingegen kaum noch Populationen, oder wie ein namenloser Rattenphilosoph deshalb einmal gesagt hat: „Wenn der letzte Mensch von der Erde verschwindet, haben die Ratten nur noch vier Jahre zu leben!“

Aber wie sieht die Situation in einer Stadt wie Wien aus, wo mit der großen Zahl an Menschen auch reichlich Nahrung für Ratten vorhanden ist? Die Wiener Rattenverordnung schreibt vor, dass alle Liegenschaften mehrmals pro Jahr durch einen professionellen Schädlingsbekämpfer auf Befall zu kontrollieren sind. Gegebenenfalls sind Maßnahmen zu treffen. Es gibt deshalb kaum einen Wiener Keller, in dem nicht Gift herum liegt. Früher waren das violette Körner in kleinen Schüsseln, mittlerweile sind flächendeckend die kinder- und haustiersicheren Köderboxen im Einsatz.

Diese technische Neuerung verdanken wir der EU-Verordnung 528 aus dem Jahr 2012. Moderne Rattengifte, die Antikoagulanzien der zweiten Generation, sind nämlich alles andere als harmlos. Ihre gerinnungshemmende Wirkung ist für andere Säugetiere und den Menschen gleichermaßen gefährlich und sie sind schwer abbaubar, sammeln sich also mit der Zeit in der Umwelt an wie der Klassiker DDT. Die meisten Fischproben in Fließgewässern enthalten deshalb mittlerweile Rattengifte, die höchstwahrscheinlich vom Einsatz in der Kanalisation stammen.*) Zusätzlich gelten Rodentizide als reproduktionstoxisch, das heißt, sie schädigen die Fruchtbarkeit. Der einzige Grund, warum sie nicht komplett verboten wurden, liegt darin, dass es keine Alternative gibt und Ratten auch zahlreiche Krankheiten übertragen können. Frei erhältlich sind Rattengifte der zweiten Generation aber nicht mehr. Sie dürfen nur noch von ausgebildeten Schädlingsbekämpfern unter strikter Einhaltung von Sicherheitsauflagen eingesetzt werden.

Und dann ist da noch der Hyblerpark bei mir um die Ecke im elften Wiener Gemeindebezirk, benannt nach Wenzel Hybler (1847–1920), ehemals Direktor des Stadtgartenamtes. Seit einigen Wochen drängen sich da mindestens zehn dieser schwarzen Boxen auf engstem Raum. Keine Hinweistafel, kein roter Aufkleber mit Warnungen und Informationen zum Gegengift. Ganz verschämt unter den Hecken und im Gestrüpp stehen die Rattenköderboxen in der freien Natur, teilweise umgeworfen und beschädigt. Das scheint niemanden zu kümmern. Singvögel wie Amseln, Meisen und Buntspechte tummeln sich im Park. Sogar ein Eichhörnchen ist an einem sonnigen Wintermorgen unterwegs. Nur Ratten sieht man keine, was vermutlich an der Omnipräsenz dieser schwarzen Plastikboxen liegt.

Das alles fiel mir vor ziemlich genau einem Monat zum ersten Mal auf. In der Zwischenzeit war ich stur, habe Fotos verschickt, E-Mails geschrieben und mit Anrainern gesprochen. Es ist schwer zu durchschauen, an wen man sich in so einem Fall wenden kann. Eine Millionenstadt wie Wien hat unzählige Servicestellen und Magistratsabteilungen, deren Zuständigkeiten und Aufgabengebiete für einen Außenstehenden nur schwer zuzuordnen sind. Und was will ich eigentlich? Ratten gehören bekämpft, und zum Gift gibt es doch keine Alternative, oder?

Zuerst wende ich mich an die MA 32, Wiener Stadtgärten, ehemals Stadtgartenamt (wir erinnern uns, Herr Hybler, der Namensgeber des Parks, war hier mal Direktor). Dort teilt man mir mit, die Köder seien in Wachsblöcke gegossen, eine Abgabe des Giftes in den Umweltkreislauf somit nicht möglich. Hunde, Katzen und Vögel gehen nicht an die Köder, und selbst wenn Kinder davon abbeißen würden, wäre die Giftmenge viel zu gering, um Schaden anzurichten.

Überquellender Mülleimer mit RattenköderboxAls nächstes spreche ich mit einem Anrainer, der unmittelbar neben dem Park wohnt. Das heißt, eigentlich spricht er mit mir. Wenn jemand herumspaziert und Mistkübel fotografiert, erregt das Aufmerksamkeit. Dann wird man angesprochen.

Die Ratten seien eine Plage, die Gegenmaßnahmen bringen nichts, das würde er schon seit Jahren beobachten. Die Ratten kommen immer wieder, das Problem sei der Dreck. Die Krähen räumen die Mistkübel leer, überall liegt Abfall herum, und dann ist da noch der Türke, der ständig die Tauben füttert. Überhaupt, die Ausländer. Und die Hundebesitzer. Aber was nützt es, sich aufzuregen, man kann eh nichts machen.

Taubenfütterung im ParkLangsam lichten sich die Nebel und ich sehe ein Bild vor meinen Augen. Die Ausländer lasse ich beiseite, vielleicht weil ich auf 50 Jahre Erfahrung zurück blicken kann und weiß, dass das Zusammenleben in der Stadt noch nie friktionsfrei war. Aber die Überquellenden Abfallkübel und das Taubenfüttern sind mir auch schon aufgefallen. Manchmal liegt kiloweise Weißbrot unter den Bäumen, und die Vögel stürzen sich in großen Schwärmen über das Nahrungsangebot. Leicht vorstellbar, dass hier auch für die Ratten der eine oder andere Leckerbissen abfällt.

Es ist wie ein Stellvertreterkrieg. Die einen füttern die Ratten und die anderen vergiften sie. Kaum ist die Rattenplage eingedämmt, wird schon die nächste Generation aufgepäppelt. Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Tierliebe trifft auf Ordnungsliebe. Kann man diesen Kreislauf überhaupt durchbrechen?

In meiner Verzweiflung wende ich mich an die Wiener Umweltanwaltschaft, und die rücken zügig einige Punkte dieser Schräglage wieder gerade. Taubenfüttern ist in Wien verboten und wird mit 50 Euro bestraft. Die Magistratsabteilung 48, zuständig für die Abfallwirtschaft, wird verständigt, um in unserem Park die Kontrollen der WasteWatcher zu verstärken und eventuell Verwaltungsstrafen einzuheben. Außerdem werden Hinweisschilder aufgestellt. Mistkübel mit Deckel bringen oft keine Verbesserung, weil dann nur mehr Müll daneben landet. Punkt für Punkt geht man auf mein Problem ein und stimmt mir zu, dass man sich mit dem Nahrungsangebot beschäftigen muss, um das Auftreten von Ratten einzudämmen. Die Aufgabe ist schwierig, aber man bemüht sich, die Situation zu verbessern und hofft, dass durch Aufklärung und Verwaltungsstrafen weniger Ratten angelockt werden und der Einsatz von Giften in Zukunft nicht mehr nötig ist.

Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber Wunder hatte ich ja sowieso nicht erwartet. Umweltschutz besteht immer aus vielen kleinen, mühsamen Schritten und funktioniert nur, wenn alle gemeinsam mitarbeiten. Und die entscheidende Botschaft lese ich auch zwischen den Zeilen: Hier spricht jemand vom Eindämmen des Vorkommens. Ziel ist es, weniger Ratten anzulocken. Keine Rede vom Vernichtungskrieg, den die Schädlingsbekämpfer so gern ins Auge fassen.

Die totale Vernichtung der Ratten macht nämlich keinen Sinn. Das weiß man, weil es Budapest in den 1970er Jahren gelungen ist, rattenfrei zu werden. Danach haben sich die Kakerlaken ungezügelt vermehrt. Irgendwer muss den Dreck ja entsorgen. Und dann sind da noch die Marder, die ich bei uns immer wieder durch die Gassen huschen sehe. Die brauchen auch ihr Futter, und Natur in Teilen gibt es nicht. Die rattenfreie Stadt werden wir nicht zuwege bringen, aber vielleicht ein natürliches Gleichgewicht, das übermäßiges Aufkommen verhindert.

Dazu kann jeder von uns seinen Teil beitragen: Essensreste gehören weder in einen öffentlichen Mistkübel, noch in den Kanal. Wer seine Mittagsabfälle die Toilette runter spült, füttert die Ratten. Da ist kein Unterschied zum Taubenfüttern im Park. Und von der Öffentlichen Hand würde man sich wünschen, dass sie vorab und selbständig nach den Ursachen einer Rattenplage forscht, bevor sie den Schädlingsbekämpfer beauftragt. Außerdem sollten nur solche Firmen zum Zug kommen, die sich auch an die Gesetze halten. Auf die Köderboxen gehört ein witterungsbeständiger Warnhinweis und selbstverständlich auch die Adresse des Schädlingsbekämpfers, damit mündige Bürger wissen, wo sie beschädigte Boxen melden können.

Und persönlich habe ich in den letzten Wochen gelernt, dass es schon mal erlaubt sein muss, den kleinen Querulanten nach außen zu kehren, wenn es die Aufgabe wert ist. Nicht überall wird man als lästiger Bittsteller empfunden, wenn man an eine zuständige Serviceadresse schreibt. Manchmal sind die richtig dankbar für Fotos und Hinweise. Die wissen ja auch nicht immer, wo sie kontrollieren sollen. Lohnen tut sich das Einmischen in jedem Fall, denn wir haben nicht so viel Natur und Grünraum in der Stadt, dass wir sie den Rattenfütterern überlassen können.

Bleibt nur noch, mich für eure Geduld beim Lesen des heute ungewöhnlich langen, textlastigen Beitrags zu bedanken. Aber das erste, was ich gemacht habe, war natürlich, im Netz nach Informationen zu suchen, und da findet man wenig über die invasiven Rattenköderboxen in unseren Parks. Die Schädlingsbekämpfer passen sich anscheinend an ihre Opfer an und agieren gern unaffällig. Das Gift landet still und heimlich dort, wo es nicht auffällt, unterm Gestrüpp und im Kanal. Aber sobald es in den Kreislauf gelangt, betrifft es uns alle, und dann ist Transparenz gefragt.

Spuren im Wald

Reh-Fußabdruck im Schnee

Letzte Woche habe ich „Gebrauchsanweisung für den Wald“ von Peter Wohlleben gelesen. Das war nicht nur eine kurzweilige, witzige und informative Lektüre, es hat mir auch nach Jahren wieder einmal Lust auf einen Waldspaziergang gemacht. Seit ich keinen Hund mehr habe, fehlt mir diesbezüglich nicht nur die Motivation, sondern auch das dritte Auge, die feine Nase des Vierbeiners, die mich vieles entdecken hat lassen, an dem ich jetzt unwissend vorüber gehe.

Leere FutterkrippeIn den letzten Jahren hat sich im nahen Wald einiges geändert. Die Futterkrippe ist zum Beispiel leer. Hier waren früher immer viele Rehe auf einem kleinen Hügel beinahe in der Mitte des Ortes. Mittlerweile scheint sich herum gesprochen zu haben, dass die Wildfütterung in Kärnten nur in Notfällen und mit behördlicher Genehmigung erlaubt ist. Vielleicht haben die Waldbesitzer auch festgestellt, dass Füttern nichts bringt außer mittelfristig noch mehr Rehe und somit auch mehr Schaden durch Verbiss.

Früher hatte ich beim Spaziergang immer den Blick erhoben. Die Fläche vor meinen Füßen hatte der Hund für mich im Geruchsfeld. Er wusste genau, welche Spur wie alt war und in welche Richtung sie verlief. Manchmal sah ich in der Ferne ein Reh über den Weg laufen. Kaum waren wir an der Stelle angekommen, blieb der Hund prompt stehen und zeigte die Richtung an, in die sich das Reh fortbewegt hatte. Richtig, dachte ich dann bei mir, das habe ich ausnahmsweise einmal vor dir bemerkt.

RehspurHeute muss ich die Spuren selber lesen. Auf meine Nase kann ich mich dabei nicht verlassen, aber der Schnee hilft. Hunde, Spaziergänger und Hasen sind vorbei gekommen. Aber vor allem jede Menge Rehe. Überall sind Abdrücke von Paarhufern, aber die Tiere sind nirgends zu sehen.

Der Schnee ist alt. Die meisten Spuren sind leicht verweht. Ich suche nach den scharfen, frischen Abdrücken. Die Spitzen der Hufe zeigen mir die Richtung, aber zwischen den Bäumen fällt es schwer, den Blick schweifen zu lassen. Und dann ist da plötzlich eine Bewegung, ganz hinten. Ein Rehbock blickt mir direkt in  die Augen. Er steht knapp hundert Meter entfernt auf einem Weg, der parallel zu meinem verläuft.

Ich krame langsam meine Kamera hervor und richte das Teleobjektiv aus. Der Rehbock rührt sich nicht. Vielleicht weiß er, dass in Kärnten seit Monatsbeginn Schonzeit ist, vielleicht hat er mich auch längst als harmlos eingeschätzt, wahrscheinlich sieht er aber auch nicht so gut. Der Sehsinn ist im Wald weniger von Nutzen. Da sind wir als ehemalige Steppenbewohner besser ausgestattet.

Rehbock im Winter

Die Distanz ist an der Grenze zum technisch Möglichen, auch das Licht im Wald lässt zu wünschen übrig. Aber der Rehbock hält geduldig still. Er lässt mich fünf Fotos machen, von denen die meisten unscharf und verwackelt sind. Auch die Kamera tut sich im Wald schwer. Unter Bäumen ist nicht der richtige Ort für optische Wahrnehmung.

Irgendwann beschließt der Rehbock, mich zu ignorieren, senkt seinen Kopf und trottet gemächlich seinem Trupp hinterher. Ich habe anscheinend keinen Eindruck auf ihn gemacht. Gut so! Dann brauche ich wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. Stören wollte ich nicht. Aber wahrscheinlich ist das auch nur etwas, was uns die Jäger einreden wollen. Als Spaziergänger gehört man zum Wald dazu, und man stört die Rehe deutlich weniger als ein Waidmann auf der Jagd.

Zwei Krähen, zwei Tauben

Krähe

Manchmal könnte ein und dieselbe Tierart unterschiedlicher nicht sein. Die Krähe auf dem linken Bild sitzt vielleicht zwanzig Meter entfernt auf einem Baum. So vorsichtig konnte ich sie gar nicht anvisieren, dass sie es nicht bemerkt hätte. Unmittelbar nach dem Auslösen ist sie weggeflogen und hat sich einen bequemeren Platz gesucht.

Ganz anders die Krähe auf dem rechten Bild. Sie verscheucht gerade resolut eine Gruppe Enten und Möwen und lässt sich dabei auch von einem Fotografen nicht beirren. Die Fluchtdistanz ist mit drei, vier Metern noch lange nicht unterschritten. Aber worin liegt der Unterschied?

Es sind beides freilebende Nebelkrähen, und trotzdem sind sie in ihrem Verhalten so verschieden wie Nacht und Tag oder  – Stadt und Land, genau. Die linke Krähe ist in Unterkärnten zu Hause. Sie hat gelernt, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Auf dem Land gilt sie als Schädling, der die Felder plündert. Wenn ihre Art überhand nimmt, werden Abschussquoten festgelegt. Für sie ist es deshalb besser, unauffällig zu bleiben. Auf die rechte Krähe schießt niemand. Im Wiener Stadtpark würden sich sofort die Pensionisten beschweren. Schließlich müssten sie sonst mit ihren Essensresten direkt die Ratten füttern, wenn es keine Vögel gebe.

Wenn man sich in einem Wiener Park auf die Erde kniet, um Vögel zu fotografieren, läuft der Zoomschalter in die falsche Richtung. Ständig muss man Brennweite reduzieren, um das Motiv im Bild zu behalten. Das gilt für Enten, Krähen und Tauben gleichermaßen. Bei den Tauben ist der Kontrast zwischen Stadt und Land fast noch größer, und das hat einen zusätzlichen Grund, wie man auf den folgenden Bildern erkennen kann.

Stadt- und Landtauben gehören meist unterschiedlichen Arten an. Das linke Bild zeigt eine Türkentaube auf der Stromleitung sitzend, die über unseren Garten verläuft. Auch hier hat das Teleobjektiv nachhelfen müssen, und ein zweites Foto gab es nicht. Da war der Vogel schon weg.

Die Stadttaube auf dem rechten Bild ist eigentlich eine verwilderte Haustaube, und diese stammt wiederum von der Felsentaube ab. Verwildert sind diese Tauben schon in der Antike, aber das Haustiergen wohnt ihnen immer noch inne. Wenn sie einen Menschen sehen, der sich vor ihnen niederkniet, stellen sie sich in erster Linie die Frage, was der gute Onkel mitgebracht hat.

Die Zuchtauswahl bei der Domestikation erklärt aber nicht alles. Schließlich gibt es eine Reihe von Tierarten, die in der Stadt ihre Menschenscheu verlieren, und es ist faszinierend, wie genau sie wissen, wem sie sich nähern können und um wen sie besser einen Bogen machen. Es scheint so, als könnten nicht nur Haustiere, sondern auch ihre wildlebenden Verwandten unsere Stimmungen ziemlich gut einschätzen. Man kann davon ausgehen, dass Emotionen eine Erfindung sind, die die Evolution schon vor uns gemacht hat, und deshalb verstehen uns diesbezüglich auch Tauben und Krähen.

Die Rohrkolbeninvasion

Rohrkolben

Als ich die ersten Pflanzen für unseren Gartenteich gekauft habe, waren auch Rohrkolben dabei, konkret ein Stück Rhizom. Aus diesem Wurzelstück ist nie auch nur das kleinste Stück Rohrkolben herausgewachsen. Es war eine klassische Totgeburt. Im Winter darauf habe ich beim Spazierengehen entlang des Seeufers von einem aufgeplatzten Rohrkolben die Watte mitgenommen. Diese Samen habe ich dann im Frühjahr auf der Wasseroberfläche verteilt. Zunächst dachte ich, sie hätten ebenfalls spontan und unmittelbar das Zeitliche gesegnet. Außer ein paar gräserartigen Halmen von maximal 30 Zentimeter Höhe am Teichrand war nichts zu sehen. Im zweiten Jahr waren diese Halme schon hüfthoch und fleißige Rhizomwurzeln haben sich auf den Weg ins tiefere Wasser gemacht. Hätte ich nicht Teile davon ausgerissen, wäre wahrscheinlich sehr schnell ein breiter Streifen im Uferbereich nur noch von Rohrkolben bewachsen gewesen.

Unter Ausnützung von Wind und Wasser sind viele Pflanzen erstaunlich leistungsfähige Wandergesellen. Der Rohrkolben hat eine besonders effiziente Strategie. Die Samen sind leicht und watteförmig. Der Wind trägt sie im Winter bei günstiger Witterung kilometerweit über die schneebedeckte Landschaft. Treffen sie auf Wasser, gehen sie nicht gleich unter, sondern treiben mit der Strömung ans nächste Ufer. Dort wurzeln sie sich fest und breiten sich im nächsten Jahr ins tiefere Wasser aus, um im dritten Jahr zu blühen und den Verbreitungsweg in Windrichtung fortzusetzen. Und wenn einmal der Wind fehlt, dann haften diese watteartigen Samen auch sehr gut in Fell. Ein Tiertaxi zur nächsten Wasserstelle findet sich immer.

Leicht verständlich, dass der Rohrkolben wie das Schilfrohr weltweit verbreitet ist. Viele Gewässerränder sind mehr oder weniger Monokulturen, trotzdem hat niemand den Rohrkolben auf dem Radar, wenn es um das Thema invasive Arten geht. Der Rohrkolben ist uns vertraut, er ist ein Einheimischer, kein Gebietsfremder. Er muss sich deshalb auch nicht an die entsprechende EU-Verordnung Nr. 1143 vom 22. Oktober 2014 halten: „Diese Verordnung gilt für alle invasiven gebietsfremden Arten.“*) Die Formulierung gefällt mir, sie erinnert mich an die mittelalterlichen Tierprozesse, als man ungebührliche Schweine noch gehängt hat – nicht zuletzt, um andere Artgenossen abzuschrecken. Und wie lange bleibt man eigentlich gebietsfremd? Wie lange wird der Japanische Staudenknöterich wohl für seine Integration brauchen?

Im Gartenteich ist der Rohrkolben jedenfalls sehr praktisch. Sein schnelles Wachstum entzieht dem Wasser viel an Nährstoffen und hat die Reinigungskraft einer kleinen Käranlage. Dafür muss man einmal im Jahr ins Wasser steigen und einen Teil der sich ausbreitenden Pflanzen entnehmen. Das geht aber relativ einfach. Die fingerdicken Rhizome muss man übrigens nicht wegschmeißen. Die enthalten viel Stärke und lassen sich angeblich wie Gemüse kochen oder zu Mehl verarbeiten – man kann aber stattdessen auch einfach Gemüse oder Mehl verwenden.


*) EU VO Nr.1143/2014, S. 40