Specht in der Schmiede

Buntspecht

Für die einen ist es einfach nur ein Loch in einem Baum. Für die anderen ist es eine Spechtschmiede. Der Specht ist eine Art Anti-Greifvogel. Seine Krallen sind dafür gebaut, sich an einem Baumstamm festzuhalten. Er kann nicht geschickt einen Sonnenblumenkern mit den Füßen festhalten und dann mit dem Schnabel so lange auf ihn eindreschen, bis die Schale herunten ist, wie das die Meisen machen. Dafür braucht er eine geeignete Vertiefung, wo er das Futter einklemmen kann.

spechtschmiede2Seit vielen Spechtgenerationen war das bei uns ein spezielles Loch in einem Apfelbaum. Man konnte eine Walnuss darin einklemmen und anschließend den Inhalt mit dem Schnabel herauspiken. Das Loch übte eine magische Anziehungskraft auf Buntspechte aus. Zu Mittag im Winter brauchte man nur eine halbe Stunde zu warten, um mindestens einen Buntspecht bei der Mahlzeit zu beobachten.

Solche Löcher haben aber einen Nachteil. Bei jedem Regen sammelt sich Wasser. Ich habe im Sommer in einem unserer Apfelbäume schon eine kleine Pfütze mit Mückenlarven gesehen. Mit der Zeit weicht sich dann das Holz auf, das Loch wird größer, und irgendwann ist es als Spechtschmiede nicht mehr zu gebrauchen. Macht aber nichts. Erstens können sich Spechte relativ leicht eine neue Schmiede klopfen, und zweitens sind sie sehr geschickt, bestehende Vertiefungen auszunützen.

Unser Nussbaum ist alt und hat jede Menge Ritzen. Letztes Wochenende habe ich ein Buntspechtweibchen vor dem Fenster beobachtet, das voller Hingabe in einer Astgabel auf einer Nuss herumhämmerte. Gelegenheitsschmiede nennt man das, wenn der Specht sich keine eigenen Vertiefungen schafft, sondern bestehende Einkerbungen verwendet. Fotografieren hat sich das Buntspechtweibchen übrigens nicht gerne lassen. Die eine Nusshälfte hat sie mitgenommen, was darauf hindeutet, dass sie anderswo eine andere Schmiede zur Verfügung hat. Die zweite Hälfte hat sie zurück gelassen, aber nicht lange. Ein paar Stunden später war auch diese weg, was darauf hindeutet, dass sie doch noch Hunger hatte.

Buntspecht

Möwen in Wien

Möwen in der Stadt

Heute Morgen schien zum zweiten Mal hintereinander von in der Früh weg die Sonne. Für Wien ist das im November eine Seltenheit. Dementsprechend frostig war es auf dem Weg zur Arbeit.

Als ich mit dem Fahrrad am Donaukanal entlang gekommen bin, habe ich kurz die Handschuhe ausgezogen und ein paar Fotos von den Möwen geschossen, die mich dort seit einiger Zeit jeden Morgen erwarten. Das habe ich auf dem weiteren Weg bereut, weil es mir gründlich die Finger abgefroren hat, aber mit den Fotos hatte ich dann doch meine Freude. Wenn ich Möwen so eng beieinander sitzen sehe, quasi Emma neben Emma, fällt mir immer das Möwenlied von Christian Morgenstern ein:

Möwen in der StadtDie Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

LachmöweIch hatte weder Brot noch Rosinen dabei und hätte die Möwen auch dann nicht gefüttert, wenn dem so gewesen wäre. Sie sind zahlreich genug und kommen ohne falsches Futter besser zurecht.

Möwen scheinen an karge Landschaften mit Felsen gewöhnt zu sein und alles zu akzeptieren, wo Wasser in der Nähe ist. Der Donaukanal ist jener Arm der Donau, der am Zentrum vorbei fließt, und er ist seit über hundert Jahren so gut wie naturbefreit. Das Wasser ist an beiden Seiten von einer mehrere Kilometer langen Kaimauer reguliert. Im Sommer dominiert hier die Gastronomie mit ihren Schanigärten, im Winter übernehmen die Lachmöwen. Den ganzen Winter über sitzen sie am Abgrund über dem Wasser und warten, dass es wieder wärmer wird, um in die Brutregionen zu ziehen.

Möwen vor GraffitiDass diese künstlichen Felsen großteils mit Graffitis überzogen sind, stört sie genauso wenig, wie die Tatsache, dass ständig Radfahrer vorbeiziehen. Und sie werden von Jahr zu Jahr mehr, kommt mir vor. Es gibt sogar eine kleine Population, die auch im Sommer hier bleibt. Die meisten sind aber Zugvögel, die neben den Saatkrähen in Wien zu den auffälligsten Wintergästen gehören. Und sie eignen sich gut als Fotomotiv. Ich hätte noch viele Fotos schießen können, wenn meine Finger nicht nach einiger Zeit völlig taub gewesen wären. Im Büro verging eine gute halbe Stunde, bis sich meine Hände wieder normal anfühlten. Schon komisch, dass die Natur das Wärmegefühl so unterschiedlich verteilt hat. Die Möwen landen ungerührt auf dem Wasser, und ich bin sicher, sie haben den heutigen Morgen für einen der wärmeren gehalten.

Möwen in der Stadt

Hamster im Novemberglück

Hamster unter Erde

Nicht jedes Tier kann man im eigenen Garten haben, deshalb gibt es heute einen Besuch im „Garten“ meiner Großmutter. Sie liegt seit 2003 auf dem Meidlinger Friedhof in Wien. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich unweit von ihrem Grab aufgenommen.

Im November wird ja traditionell der Toten gedacht – wahrscheinlich, weil dieser Monat so nass, kalt und dunkel ist wie die Erde, in der die Verstorbenen ruhen. In Wien ist der Herbst besonders grau und verregnet, der Himmel ist normalerweise wolkenbedeckt und ein steifer Wind drückt einem die Kälte in die Knochen. Nur am ersten November ist alles anders. Da scheint immer die Sonne und jeder geht auf den Friedhof. Es ist wie ein großer Jahrmarkt – man trifft die Verwandtschaft, legt ein paar Blumen nieder und geht anschließend zum Wirten.

Sobald Allerheiligen und Allerseelen vorüber sind, hat man auf dem Friedhof wieder seine Ruhe. Ich bin heute aus zwei Gründen hier: Erstens ist der November für jemanden, der einen Blog über Tiere im Garten schreibt, eine relativ trostlose Zeit. Man muss schon gezielt nach ganz besonderen Arten suchen, die jetzt noch aktiv sind. Und zweitens hat Lutz Prauser in seinem Blog die Frage nach dem Novemberglück gestellt: Gibt es Gründe, den November zu genießen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und kann beim besten Willen keine positive Antwort geben. Der November ist für mich wie ein graues Loch in der Zeit zwischen Herbsternte und Winterfreude. Und weil das kein sehr geistreicher Beitrag zum Thema Novemberglück wäre, kommt die Antwort auf Lutz Prausers Frage heute von den kleinen Freunden auf dem Meidlinger Friedhof.

HamsterportraitDer Feldhamster war noch bis in die 1970er Jahre in landwirtschaftlichen Gebieten weit verbreitet und galt als Ernteschädling. Im ländlichen Bereich ist er wahrscheinlich noch immer nicht gern gesehen und gilt mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Ganz anders ist die Situation in der österreichischen Bundeshauptstadt. Viele Stadtgärten verfügen in Wien über ansehnliche Hamsterpopulationen.

Normalerweise sind die Tiere nacht- und dämmerungsaktiv. Hier auf dem Meidlinger Friedhof hat man aber kein Problem damit, die scheuen Tiere am Nachmittag vor die Linse zu bekommen. An das Fotografieren sind sie mittlerweile gewöhnt.

Hamster zwischen GräbernDie neugierigen Menschen halten die wenigen innerstädtischen Fressfeinde auf Distanz. Gleichzeitig ist die Zahl der Artgenossen groß und man muss deshalb auch untertags schauen, dass man satt wird. Wie bei vielen anderen Tierarten ist auch bei den Feldhamstern der Unterschied zwischen Stadt- und Landpopulation wie Tag und Nacht. Vor allem im Herbst sind die kleinen Nager hier zwischen den Gräbern überall und machen das, wofür sie bekannt sind: Hamstern was die Backen hergeben.

Hamster und BlumenUnd Futter findet man auf einem Friedhof genug. Aus einem unerfindlichen Grund gibt es fast das ganze Jahr über frische Blumen, von denen einige überaus wohlschmeckend sind. Nicht immer bringt diese Naschsucht den kleinen Nagern Glück. Dieses Jahr haben Anrainer über zahlreiche tote Hamster auf dem Friedhof berichtet. Die genauen Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Streunerkatzen, Füchse und Krankheiten kämen in Betracht. Es könnten aber auch Friedhofsbesucher oder -bedienstete sein, die für das Treiben der Tiere kein Verständnis haben. Kontrollen und eine Infokampagne haben geholfen, die Zahl der Kadaverfunde einzudämmen. Zusätzlich wurde eine ausführliche Hinweistafel aufgestellt, die für Akzeptanz wirbt:

Hinweistafel über Hamster am Friedhof

Meine Großmutter hat früher immer jede Natursendung angesehen, die im Fernsehen lief. Wenn heute die Feldhamster rund um ihr Grab herum tollen, kann ich nur sagen: Der Kreis schließt sich. Am Ende fügt sich im Leben eines zum anderen – vielleicht nicht immer im Leben, manchmal auch erst danach. Meine Großmutter hätte sich jedenfalls genau so eine Ruhestätte gewünscht – auf einem Friedhof voller Feldhamster.

Stehender HamsterDie Nager haben dieses Jahr besonderes Glück. Eigentlich sollten sie längst unter der Erde verschwunden sein, aber die Witterung ist diesen November besonders mild. Gleichzeitig haben die Tiere ihre Ruhe. Nur hie und da kommt ein Fotograf vorbei, um für seinen Blogbeitrag zu recherchieren. Wenn sich die Feldhamster belästigt fühlen, richten sie sich auf. Die dunkle Unterseite wirkt angeblich bedrohlich, und die Nager schrecken ihre Fressfeinde gleichzeitig durch lautes Fauchen. Bei uns Menschen zieht das irgendwie nicht. Auf uns wirken die wuscheligen Tiere einfach nur putzig. Sie lassen sich auch nicht lange von ihrer Tätigkeit abhalten. Sobald man einen Schritt zurück macht, stopfen sie sich wieder die Backen voll. Man kann halt nie genug Futter einlagern.

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, wofür der November gut ist. Eigentlich könnte der Oktober ja gleich in den Winter übergehen. Stattdessen hält die kalte Jahreszeit noch einmal inne, und die Hamster haben genügend Zeit, ihre Vorräte einzulagern. Mindestens zwei Kilo Futter braucht so ein Hamster für die kalte Jahreszeit, und wer im Oktober noch nicht genug eingelagert hat, der kann das jetzt nachholen.

Ich halte es mit den Hamstern und frage mich im November immer, welche Besorgungen dieses Jahr noch anstehen. Die erledige ich dann tunlichst, und im Dezember bringt mich außer für Lebensmittel niemand mehr in ein Warenhaus, denn es gibt etwas, was noch schlimmer ist als der grau-nasse November, und das ist einkaufen bei Weihnachtsmusik…

 

Meister der Unordnung

Frei nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik strebt ein geschlossenes System in der Natur immer Richtung Unordnung. Fällt ein Tropfen Tinte in ein Glas Wasser, schwebt er nicht als dunkle Kugel durch das Glas, sondern verteilt sich mit der Zeit im Wasser. Ebenso strebt ein Gegenstand oder eine Chemikalie immer den energetisch niedrigsten Zustand an: Eine Packung Reis, die uns aus der Hand gleitet, bleibt nicht in der Luft stehen, sondern fällt zu Boden und verteilt sich dort im ganzen Raum. Knallgas bleibt nicht lange stabil, das Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff verpufft und wird zu Wasser. Aus dem gleichen Grund rostet Eisen und verbrennt Holz: In der Natur strebt alles nach dem niedrigsten Energienivieau und dem höchstmöglichen Maß an Unordnung.

Und warum sind wir dann hier? Der menschliche Organismus ist überaus komplex. Wieso verknüpfen sich organische Moleküle auf derart vielschichtige Weise, dass daraus Leben entsteht?

Zunächst einmal ist die Erde kein geschlossenes System. Durch die Sonneneinstrahlung wird ihr ständig Energie zugeführt. Das ist aber noch nicht alles, denn auch Venus und Mars werden von der Sonne angestrahlt, trotzdem besteht ihre Atmosphäre zu weit über 90% aus CO2, wie aufgrund der physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten zu erwarten ist. Zur Energie kommen verschiedene günstige Bedingungen auf der Erde: Wasservorkommen, ein Magnetfeld, der Mond etc. Aber die wichtigste Ursache für die Entstehung komplexer Lebensformen ist das Vorhandensein von Leben selbst. Wir sind schlicht und einfach das Ergebnis der Evolution und des gegenseitigen Wettrüstens.

Irgendwann vor ungefähr 2,4 Milliarden Jahren etablierten sich die ersten Cyanobakterien auf der Erde. Durch ihre Fähigkeit zur Photosynthese bildete sich Sauerstoff und das erste große Artensterben wurde ausgelöst. Für die meisten damaligen Bakterien war Sauerstoff nämlich giftig.

An ihre Stelle traten neue Lebensformen, die die plötzlich in Form von Sauerstoff frei verfügbare Energie für sich nutzbar machten. Ihre Zellen enthalten kleine Kraftwerke, in denen Sauerstoff und Kohlenstoff miteinander reagieren, und dieser Mechanismus treibt uns alle an. Mit der Zeit hat sich dadurch in der Atmosphäre ein Anteil von 20% Sauerstoff etabliert. Das ist gerade genug Sauerstoff, um uns atmen zu lassen und gleichzeitig mögliche chemische Reaktionen in Grenzen zu halten. James Lovelock bezeichnet diesen Zustand als meta-stabil. Die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Organismen erlauben einen Zustand höherer Ordnung. Das Geheimnis unserer Existenz liegt in dieser Kooperation.

Im Laufe der Evolution sind Lebewesen Symbiosen eingegangen und haben sich zu anderen Arten zusammengeschlossen. Dadurch sind immer komplexere Ökosysteme entstanden, die nicht zuletzt auch uns Menschen hervorgebracht haben. Von der durch physikalisch-chemische Gesetze definierten Unordnung hat das Leben die Erde in ein System äußerst komplexer Ordnung transformiert. Unter anderem wurde dabei durch die Photosynthese jede Menge CO2 aus der Atmosphäre entfernt und als Kohle, Erdöl oder Humus abgelagert. Obwohl sich die Strahlkraft der Sonne in den letzten 500 Millionen Jahren um 4% erhöht hat, ist durch diesen umgekehrten Treibhauseffekt die Durchschnittstemperatur auf der Erde deutlich zurückgegangen, was wiederum die Möglichkeiten des Lebens und die Artenvielfalt deutlich erhöht hat. Schritt für Schritt wurde das System Erde immer komplexer.

Bis wir ins Spiel kamen. Aus Sicht der Natur betrachtet, sind wir die Meister der Unordnung. Mit zunehmender Geschwindigkeit drehen wir die Zeitleiste zurück, vor allem weil unser Verständnis von Ordnung der natürlichen Komplexität zuwiderläuft. Werfen wir dafür einen kurzen Blick in unsere Gärten: Eine naturbelassene Wiese besteht aus hunderten verschiedenen Kräutern. Wald ist eigentlich eine vielfältige Mischung unterschiedlichster Baumarten mit dichtem Unterholz. Wie konträr ist das, was wir unter einem „ordentlichen“ Garten verstehen: Aus dem englischen Rasen ragen maximal vereinzelt Bäume und alles wird umrahmt von einer Thujenhecke. Nicht zu vergessen die dekorativen Steinaufschüttungen, die einzelne Bereiche sowieso zur Wüste verkommen lassen. Sobald sich der Mensch in die Natur gestaltend einmischt, wird alles wie ein Maisfeld – Monokultur in Reih und Glied. Naturbelassen hat für uns immer den Eindruck von Chaos, dabei ist es viel geordneter, ein komplexes System von Beziehungen, dessen einzige Unordnung darin besteht, dass wir zu wenig davon verstehen.

Unser Faible für das Destruktive geht aber noch weiter: Zu den kompliziertesten Lebensräumen, die wir hervorbringen, zählen die Städte. Ohne ein ausgefeiltes Sozialgefüge mit unzähligen Regeln wäre ihre Existenz unmöglich. Modernste Technik von klimatisierten Gebäuden bis zum öffentlichen Verkehr macht sie für uns lebenswert. Für die Natur sind sie aber nur versiegelte Fläche, eine lebensfeindliche Wüste, die im Sommer zunehmend unerträglich heiß wird. Außerdem liegen unsere Städte mit Vorliebe an einem Fluss in fruchtbarer Gegend. Wir transformieren humusreiches, wertvolles Ackerland in eine künstliche Felslandschaft, die für Kulturfolger nur deshalb interessant ist, weil ihre Fressfeinde fehlen. Was die Natur über Jahrmillionen mühsam geschaffen hat, dreht der Meister der Unordnung in großen Schritten wieder zurück.

Ein globaler Aspekt dieser Transformation erfährt im Moment große mediale Aufmerksamkeit: Alles spricht vom Klimawandel. Gleichzeitig trivialisieren wir das Problem und konzentrieren uns auf die fossilen Energieträgern. Die Politik verkauft uns unter dem Schlagwort Energiewende eine Patentlösung, die so nicht funktionieren wird, weil sie nur einen kleinen Aspekt der Thematik berücksichtigt. Für den CO2-Ausstoß ist der Humusabbau in der Landwirtschaft genauso mitverantwortlich wie das Abholzen unserer Wälder. Die Versiegelung der Böden durch Bautätigkeit fördert die Erderwärmung ebenfalls. All diesen Vorgängen gemeinsam ist, dass die Komplexität der Ökosysteme massiv abnimmt. Wo früher kleinteilige Strukturen mit hoher Artenvielfalt vorherrschten, findet sich heute ein menschengeschaffener, globalisierter Einheitsbrei. Aus unserer Sicht wird die Welt vielleicht immer komplizierter und vernetzter, aber aus Sicht der Natur treiben wir die Unordnung voran und damit die Zeit zurück.

Und was hat das alles in einem Gartenblog zu suchen? Gute Frage. Dieses Thema ist ein globales, und wir sind den Zusammenhängen vielfach ausgeliefert. Ich verstehe, dass es schwierig ist, den weltweiten Verzicht auf fossile Energieträger durchzusetzen, ohne gleichzeitig die Wirtschaft zum Erliegen zu bringen. Ich verstehe auch, dass Städte als Lebensraum für eine wachsende Weltbevölkerung immer wichtiger werden und dass die ökonomischen Rahmenbedingungen hier oft naturferne Strukturen erzwingen. Aber warum pflastern sich dann zusätzlich noch so viele Leute ihren Vorgarten mit Steinplatten zu? Damit der Klimawandel auch vor der Haustür Einzug hält? Jedes Blatt, das auf den Boden fällt und zu Humus wird, bindet einen Teil des Kohlenstoffs dauerhaft in der Erde. Warum muss man diesen natürlichen Vorgang sofort mit einem Laubsauger unterbinden? Damit das bisschen gebundene CO2 gleich wieder frei gesetzt wird? Irgendwann, wenn die Erde zur Wüste verkommen ist und bis zum Horizont nur Stein und Sand, wird der letzte Mensch im Schutzanzug vor die Haustür treten und sagen: Aber schön ordentlich ist es heutzutage schon.

Vielleicht wird das mit der Rettung der Welt nichts. Vielleicht reicht es aber auch, wenn wir in unserem unmittelbaren Einzugsbereich etwas dafür tun. Oder besser gesagt: nichts tun. Einfach mal die Zügel schleifen lassen. Nicht aufräumen. Nicht ständig Ordnung machen. Das Laub ruhig liegen lassen, den Rasen weniger oft mähen. Einfach nur zusehen und staunen, dass sich so viel von selbst regelt. Damit kann jeder in seinem Garten anfangen.

Und auch auf kommunalpolitischer Ebene würde man sich oft mehr Mut zum Wachsenlassen wünschen. Ein schönes Beispiel aus der Praxis habe ich neulich im Blog „GRUNDidee Naturgarten“ gefunden. Da geht es um ein Stück naturbelassene Straßenböschung und wie schwer es ist, die Ordnungswut aus unseren Hinterköpfen zu bekommen. Wir haben offensichtlich einen inneren Zwang zu gestalten, dabei muss Natur im Normalfall nicht gestaltet werden. Die ist schon geordnet. Was wir unter Ordnung verstehen, ist nur leider für die Natur Chaos – und umgekehrt. Es würde helfen, wenn wir dieses Missverständnis ein Stück mehr aus unseren Köpfen bekämen.


Lesetipps:

Lynn Margulis: Der symbiotische Planet, Westend: Frankfurt am Main 2017

Die englische Originalausgabe von „Symbiotic Planet“ ist bereits 1998 erschienen. Die 2011 verstorbene Evolutionsbiologin Lynn Margulis verknüpft darin Symbiontentheorie und Gaia-Hypothese zu einer kurzweiligen Erzählung über die Entstehung des Lebens auf der Erde. Das Buch beginnt mit den urförmigen Mikroorganismen, die sich symbiotisch zu komplexeren Lebewesen und Zellstrukturen zusammenschließen, und zeigt am Ende die Erde als großen Superorganismus, auf dem die verschiedenen Arten zusammenwirken. Unterbrochen wird die Darstellung immer wieder durch Anekdoten und Autobiographisches. Stilistisch passt das zu den frei fabulierten wissenschaftlichen Ausführungen, und man lernt so relativ kurzweilig Lynn Margulis‘ Forschungskonzepte kennen.

Ute Scheub, Stefan Schwarzer: Die Humusrevolution. Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, oekom: München 2017

Das Buch bietet eine Vielzahl an überzeugenden Beispielen, wie die Humusschicht durch unsachgemäße Bearbeitung abgetragen und andererseits auch wieder aufgebaut werden kann. Eine ausführliche Rezension findet sich auf Leselebenszeichen. „Die Humusrevolution“ ist, nicht zuletzt auch dank der zahlreichen Interviews, sehr überzeugend – bis auf Kapitel 7. Am Schluss wagen die Autoren einen positiven Blick ins Jahr 2050: Alles wird wieder gut, die Menschen ernähren sich nachhaltig und sind alle sehr glücklich. Das tut meiner Meinung nach einfach nur weh und zerschlägt viel von dem Vetrauen, das zuvor aufgebaut wurde.

Wann etwas blüht

Winterjasmin

Der Winterjasmin blüht bei uns normalerweise im März, und die Blüten verblühen relativ schnell, sobald sie bestäubt sind. Nur manchmal, wenn es frühzeitig warm wird, blüht er bereits im Jänner. Kühlt es anschließend wieder ab, fehlt die Bestäubung und damit das Signal zum Verblühen. Dadurch entsteht die bizarre Erscheinung der gelben Blüten im Schnee, die dem Winterjasmin seinen Namen gegeben hat. In Wirklichkeit ist dieses Phänomen aber Resultat eines klimatischen Ausrutschers, die Regel ist das, zumindest bei uns, nicht. In den letzten Jahren hat unser Winterjasmin immer erst Mitte März mit der Blüte begonnen. Das Beitragsbild und das folgende Foto habe ich letztes Wochenende am 26. und 27. Oktober gemacht.

Winterjasmin

Es sind nur vereinzelte Blüten, aber sie treten an zwei verschiedenen Pflanzen auf, und es ist ziemlich sicher das erste Mal, dass unser Winterjasmin auch im Herbst blüht. An der Forsythie beobachte ich diese Erscheinung schon seit mehreren Jahren. Die folgende Aufnahme stammt vom 21. September, an diesem Tag war es bei uns so sommerlich, dass man im Gartenteich noch schwimmen konnte.

Forsythie

Im Phänologischen Kalender markiert die Forsythienblüte den Beginn des Erstfrühlings. Der hätte dann dieses Jahr direkt an den Spätsommer angeschlossen, wollte man dem Foto glauben. Da die Forsythien keinen Nektar bilden, sind sie für Insekten eher uninteressant, aber die Zahl der Pflanzen, die in letzter Zeit außerhalb der Reihe blühen, ließe sich beliebig erweitern. Sogar die Primeln blühen mittlerweile auch im Herbst.

Und wie werden sich die Bestäuber auf die geänderten Bedingungen einstellen? Vermutlich sehr rasch. Wildbienen, Schmetterlinge und Co haben mindestens eine Generation pro Jahr. Damit ist eine Anpassung an geänderte klimatische Bedingungen relativ einfach, und man sieht schon jetzt verschiedene Arten zu ungewöhnlichen Zeiten fliegen.

Mit unserem deutlich längeren Reproduktionszyklus fällt es uns dementsprechend schwerer, auf den Klimawandel zu reagieren. Wir müssen uns auf unsere Intelligenz und unsere Technik verlassen, um zu überleben, und gerade in diesen beiden Bereichen zeichnen wir uns gerade nicht besonders aus. Statt unsere Landwirtschaft und die Architektur unserer Städte zu überdenken, läuft auf allen Kanälen eine unglaubwürdige Werbekampagne der Politik und der Automobilwirtschaft für die Elektromobilität. Niemand versucht, unseren Lebensstil zu verändern. Stattdessen will man uns etwas verkaufen. Sogar die Pflanzen sind mit ihrer Reaktion schon mehrere Schritte weiter. In unserem Vorgarten blüht gerade der Winterjasmin.