Zurück ins Wasser

Große Königslibelle Weibchen

Mit den Libellen hat die Evolution eine Konstruktion hervorgebracht, die perfekt an die Lebensräume Wasser und Luft angepasst ist. Die Larve bejagt unsere Tümpel, in denen ein Überangebot an Nahrung besteht. Anschließend klettert sie empor, häutet sich noch einmal und erobert als fertiges Insekt den Luftraum, um so andere Gewässer erreichen zu können.

Je nach Art ist die Strategie bei der Eiablage unterschiedlich. Das Plattbauchweibchen wirft die Eier einfach ins Wasser, die Große Heidelibelle tut das im Tandemflug gemeinsam mit dem Männchen und viele Arten wie die Blaugrüne Mosaikjungfer platzieren den Laich gar nicht im Gewässer sondern oberhalb. Erst die frisch geschlüpfte Larve lässt sich dann ins Wasser fallen.

Die Große Königslibelle hingegen macht sich die Mühe, ihre Eier unter Wasser in Pflanzenteile zu stechen. Dabei tastet sie mit dem Hinterleib gewissenhaft nach einer geeigneten Stelle. Notfalls taucht sie auch tief unter, bis nur noch der Brustabschnitt, Kopf und Flügel herausragen.

Die Männchen findet man an unserem Teich nur selten. Nach der Paarung, die meist abseits in einem Gebüsch stattfindet, bleibt der Ablaichvorgang den Weibchen überlassen. Auch ein Revierverhalten wie zum Beispiel beim Plattbauch, wo die Männchen tagelang „ihren“ Teich gegen Konkurrenten verteidigen, kann ich bei der Großen Königslibelle kaum beobachten. Während man die Weibchen relativ leicht fotografieren kann, kriegt man die Männchen eher selten aufs Bild.

Juni im Juli

Junikäfer

Bei uns gibt es normalerweise Ende Juni immer ein bis zwei Wochen, in denen man abends besser nicht in den Garten geht. Verantwortlich dafür ist der Gerippte Brachkäfer, den man auch Junikäfer nennt. Sobald die Dämmerung hereinbricht, sind für vielleicht eine Stunde so viele schwerfällig brummende Käfer in der Luft, dass man sie besser nur vom Fenster aus beobachtet.

Die Käfer selbst leben nicht lange. Sie haben keine andere Aufgabe als ihre Paarungsflüge zu absolvieren und anschließend die Eier abzulegen. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen die Insekten als Larven im Boden. Sie begegnen mir, wenn ich den Knoblauch ernte. Den knabbern sie gern an.

Wenn es mir zu viele sind, stelle ich eine Schüssel für die Vögel auf. Die Larven sind sehr geschickt darin, sich möglichst schnell wieder in die Erde einzugraben, aber aus der Schüssel klettern können sie nicht. Vorab lohnt es sich, sie auf eine Steinplatte zu legen und ihre Fortbewegungsart zu studieren. Maikäfer winden sich seitlich, die Larven des nützlichen Rosenkäfers drehen sich auf den Rücken und robben so mit den Beinchen nach oben davon, die Junikäferlarven können hingegen laufen. Sobald sie sich aus der Seitenlage nach oben gedreht haben und mit den Beinen am Boden aufkommen, bewegen sie sich relativ stabil geradeaus und wirken dann fast wie Raupen.

Dieses Jahr haben sich die Junikäfer bis in den Juli Zeit gelassen. Das lag wohl am kalten Wetter im Mai. Auch ihre Zahl war deutlich geringer als sonst. Es ist wie mit den Maikäfern: Eigentlich sind sie Schädlinge, allzu viele wünscht man sich nicht, aber wenn sie ganz ausbleiben, ist einem das auch nicht Recht. Das Brummen in der Abenddämmerung gehört zum Sommeranfang einfach dazu. Und die leicht zu fangenden Käfer sind genauso wie ihre Engerlinge sicher nahrhaftes Futter für Igel, Vögel und Konsorten.

Lichteinfall

Schwarzer Trauerfalter

In unserem Garten ist der Schwarze Trauerfalter einer der häufigsten Falter im Frühsommer. Zumindest in den letzten Jahren ist er mir im Juni und Juli immer wieder aufgefallen. Es heißt, er steht weniger auf Blüten als auf Pferdemist. Bei uns bevorzugt er aber die Himbeerblüten. Vielleicht weil so wenig Pferdemist herumliegt. In der Wikipedia steht, er fliegt langsam und schwebend. Das ist wahrscheinlich ein Synonym für nervöses Herumflattern. Langsam ist maximal der Fotograf.

In der Wikipedia steht auch, „die Unterseite ist rostbraun“. Das stimmt nicht immer, wenn man sich die oberen Bilder anschaut. Der eine Falter ist unten rostbraun, der andere schwarz. Trotzdem gehören beide zur selben Art, es handelt sich nämlich um das selbe Exemplar. Nur die Beleuchtung ist anders. Und dann wundert man sich, dass das Bestimmen der Schmetterlinge so schwer fällt…

Stammplatz

Turmfalkennnest

Dass über dem Eingang zum Haus Liebiggasse 5  „Universität Wien“ steht, ist nichts Ungewöhnliches, befinden sich hier doch die Räumlichkeiten der Fakultät für Psychologie. Auffälliger ist schon das Habsburger Wappen im zweiten Stock. Man würde den Doppeladler eher auf einem Regierungsgebäude vermuten wie über dem ehemaligen Kriegsministerium am Stubenring, und tatsächlich beherbergte die Liebiggasse 5 nach der Errichtung 1883 auch das Ackerbauministerium der k. u. k. Monarchie.

Heute wohnen hinter dem Doppeladler die Falken, und zwar nicht irgendwelche, sondern die Fernsehprominenz: Vor zwei Jahren drehten die Naturfilmer Mario Kreuzer und Leander Khil eine Universum-Folge über diese Turmfalken, die am 11. Dezember 2018 in ORF 2 ausgestrahlt und später von Arte übernommen wurde. Zur Zeit befindet sich noch eine Kopie auf YouTube.

Turmfalken gehören zur Stadt wie die Tauben, Spatzen und Ratten. Der typische Kulturfolger ist allerdings Allesfresser. Reine Fleischfresser sind selten. Die Turmfalken beherrschen dieses Kunststück, weil ihr Aktionsradius entsprechend groß ist. Will man einen dieser Vögel bei der Jagd beobachten, wird man am ehesten in den Weingärten am Stadtrand fündig.

Am Nest findet man die Elternvögel nur selten. Sie liefern kurz ihre Beute ab und begeben sich dann sofort wieder auf die Jagd. Das Zerteilen besorgt der Nachwuchs ab einem gewissen Alter selbst.

Die drei jungen Turmfalken von der Liebiggasse 5 sind übrigens schon ausgeflogen. Wer aktuell in der Nähe ist, geht einfach um die Ecke und stellt sich an der Straßenbahnstation Landesgerichtsstraße vor die Universitätsstraße 11. Über dem Fenster im ersten Stock ganz links außen ist ein Nest mit nicht weniger als fünf Jungen, die brauchen noch ein wenig. Und nächstes Jahr beginnt die Brut sowieso von neuem. Turmfalken bauen kein eigenes Nest, sie übernehmen die Hinterlassenschaften anderer Vögel und bleiben den Plätzen dann über Jahre hinweg treu. Vor allem wenn die Brut erfolgreich ist, behalten die Pärchen ihren Stammplatz.

Sommermorgen mit Hamster

Feldhamster

Wenn man im Sommer über den Meidlinger Friedhof spaziert, bietet sich einem ein ganz anderes Bild als bei meinem letzten Besuch im November. Damals musste man die kleinen Nager suchen, und jetzt stolpert man schon am Eingang über sie. Man weiß bei dem ganzen Gewusel gar nicht, in welche Richtung man zuerst fotografieren soll.

Feldhamster sind nicht nur vorsichtig, sie sind auch neugierig und beobachten einen sehr genau, wenn man sich ihnen nähert. Portraitaufnahmen aus zwei Meter Entfernung sind kein Problem, und wenn man noch einen Schritt näher macht, entdeckt man auch den Grund: Die kleinen Schlaumeier stehen prinzipiell neben ihrem Baueingang und verschwinden im letzten Moment unter der Erde.

Wenn man sich ansieht, mit wie vielen Löchern das Areal hier überzogen ist, fragt man sich, warum Hamster anderswo als bedroht gelten. Selbstverständlich haben die Tiere auch in der Stadt Fressfeinde, selbst Füchse werden immer wieder gesichtet, aber die Nager können die Verluste durch ihre Reproduktionsrate problemlos ausgleichen. Von Vorteil ist dabei ihre Vorratswirtschaft. Im Gegensatz zu den Zieseln halten Hamster keinen Winterschlaf und können so früher im Jahr mit der Fortpflanzung beginnen.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt wahrscheinlich auch der Zaun, der den Meidlinger Friedhof umgibt. Er hat untenrum einen kleinen Spalt. Meiner Meinung nach müsste so ein Schlurfspalt in jeder Bauordnung vorgeschrieben sein. Durch ihn ist der Friedhof perfekt an die übrige grüne Infrastruktur der Stadt angebunden. Anrainer haben mir von Hamstern berichtet, die in der Nähe unter Autos herumhuschen, und ich habe selbst ein totes Tier auf der Straße liegen sehen. Solche Opfer des Verkehrs sind traurig, aber wichtiger ist, dass sich die benachbarten Hamsterpopulationen austauschen können.

Bei meinem morgendlichen Besuch bin ich fast alleine. Eine ältere Dame bei der Grabpflege, eine junge Fotografin, die auf dem Display ihre Aufnahmen durchsieht, und ein Friedhofsarbeiter oder Gärtner in einem weißen Lieferwagen. Er ruft mir durchs offene Fenster im Vorbeifahren etwas zu. Als ich nachfrage, bleibt er stehen, stellt den Motor ab und steigt aus, um mir einen Hamster zu zeigen, der zwischen den Gräbern genüsslich frisst. Ein putziges Motiv, ich bedanke mich und mache anschließend eine Aufnahme von dem Tier. Aber wichtiger als das Foto ist in diesem Moment die emotionale Botschaft zwischen den Zeilen: Der Arbeiter hat genau die gleiche kindliche Freude an der Beobachtung der Nager wie ich. Und das ist wahrscheinlich das Wichtigste für die Überlebenschancen der Natur in der Stadt – es braucht Menschen, die sich für sie interessieren und denen solche kleinen Beobachtungen unmittelbare Freude bereiten.