Die blaue Invasion

Hufeisen-Azurjungfer Paarung

Die schlanken, blauen Libellen gehören im Sommer zu jedem Gewässer. Manchmal fliegen sie einzeln übers Wasser, manchmal im Tandem, die leuchtend blaue Libelle vorne, eine dezentere, grünliche hinten. Jeder glaubt, diese Allerweltslibellen zu kennen, aber wenn man versucht, sie zu bestimmen, stellt man bald fest, dass das ein Irrtum ist. Die Kombination Buberl blau, Mäderl grün ist bei den Libellen eine der häufigsten Farbvarianten. Es gibt gut zehn verschiedene Arten, die hier in Frage kommen und die sich manchmal nur durch kleine Merkmale in der Zeichnung unterscheiden.

Meist sind die Männchen zahlreicher. Sie tragen die blaue Signalfarbe und warten auf die Weibchen. Diese sind mit ihrer Tarnfarbe besser gegen Fressfeinde geschützt. An unserem Teich sind die zierlichen Libellen im blau-grünen Tandem fast ausschließlich Hufeisen-Azurjungfern. Warum sie Jungfern heißen, weiß ich nicht. Das Ablaichen erfolgt im Tandem. Das Weibchen taucht den Hinterleib ins Wasser, während das Männchen leicht aufgerichtet und startklar wartet, um bei Gefahr die Flucht einzuleiten. Schließlich gibt es größere Libellen, die sich im Sommer am Wasser umtreiben.

Die einzeln wartenden Männchen haben eine Vorliebe für Blüten. Sie sind Ansitzjäger und lauern dort, wo sich Insekten einfinden. Ihr Jagdrevier beschränkt sich nicht auf den Teich. Man findet sie bei der Gartenarbeit überall, in der Hecke und beim Gemüse. Den ganzen Sommer über schwirren die leuchtend blauen Nadeln durch die Luft, solange nur ein Gewässer in der Nähe ist. Anfangs traten sie nur vereinzelt auf, aber seit wir den Teich haben, werden sie von Jahr zu Jahr mehr.

Leichen pflastern ihren Weg

Steinhummel zwischen Latten

In unserem Holzschuppen brummt es im Moment wie in einem Bienenhaus. Die Steinhummelpopulation, die sich ganz hinten im Eck unter dem Brennholzstapel angesiedelt hat, erreicht gerade ihr Maximum. Zeitweise schwirren fünf, sechs Hummeln gleichzeitig rein oder raus. Manche von ihnen sind richtige Brummer, mehr als doppelt so groß wie die erste Generation der Arbeiterinnen.

Hummel im SpinnennetzDie älteren Hummeln kennen den Weg durch den Schuppen genau. Sie wählen immer den gleichen Zwischenraum durch die Front aus Ziegellatten und umfliegen geschickt die Spinnennetze im düsteren Schuppeninneren. Die anderen sind zögerlich und vorsichtig. Und das mit gutem Grund, denn überall lauern Spinnennetze. Zur Not kann eine Hummel zwar über ein Spinnennetz klettern, solange sie es nur mit den Beinen berührt und rechtzeitig weg ist, bevor die Spinne kommt. Aber wenn sie sich erst einmal in den Fäden verfangen hat, gibt es keine Rettung mehr. Der Tod kommt langsam, denn auch die Spinne ist vorsichtig. Wenn die Hummel zusticht, gibt es zwei Verlierer in diesem grausamen Wettstreit.

Bei all den Gefahren kann ich mir gut vorstellen, wie die Arbeiterinnen hinter ihrem Rücken über die Königin schimpfen: Was hat sie sich dabei nur gedacht? Einen dümmeren Platz hätte sie sich nicht aussuchen können! Dabei spricht der Erfolg für diese ungewöhnliche Wahl. Wir hatten diesen Sommer auch ein Erdhummelnest direkt unter dem Hausdach. Dort war bis Anfang Juli viel mehr los. Dann war plötzlich Schluss. Ich denke, die Hitze hat diesem Volk nicht gut getan. Im Gegensatz zu Honigbienen, Wespen und Hornissen habe ich noch nie Hummeln am Teich Wasser holen gesehen. Sie scheinen ihr Nest nur durch Belüftung zu kühlen, und insofern ist es wichtig, schon im März einen Platz zu wählen, der auch für den Sommer geeignet ist.

Eine andere Gefahr droht den Hummeln durch Wachsmotten und andere Parasiten. Die Spinnennetze sind also nicht nur Gefahr, sondern auch Schutz. Honigschlecken ist das Hummelleben trotzdem keines. Ich habe im Dunklen versucht, den Gegenverkehr vor dem Eingang zu fotografieren, und habe erst auf der Blitzaufnahme bemerkt, wie makaber der Weg ist, den die beiden Hummeln da zurück legen mussten. Am Boden verstreut liegen mehrere tote Artgenossinnen, über die man klettern muss, um ins Nest zu gelangen.

Hummeln klettern über Leichen

Im Gegensatz zu den Königinnen ist das Leben der Arbeiterinnen ziemlich kurz. Nach ein paar Wochen fallen sie der Erschöpfung zum Opfer und bleiben einfach liegen. Am Ende zählt aber auch nur, wie viele zukünftige Königinnen der Staat hervor gebracht hat, und dafür schaffen die Arbeiterinnen Pollen und Nektar heran bis zum Umfallen.

Baumeister aus dem Orient

Orientalische Mörtelwespe

Im Sommer zeigt sich am Gartenteich oft eine grazile Wespe mit langer Taille, die in der feuchten Erde nach Baumaterial sucht. Es ist die orientalische Mörtel- oder Mauerwespe, Sceliphron curvatum.

Mörtelwespe GelegeIch kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Spezies vor Erfindung des Rollladens besonders erfolgreich vermehren konnte. Sie legt ihre kunstvollen Gelege mit Vorliebe in den Zwischenräumen von Rollokästen an. Meist positioniert sie die Lehmtönnchen dabei so unter der Styroporisolation, dass sie im Winter gut gegen die Kälte geschützt sind und möglichst viel von der Abwärme des Hauses profitieren. Die orientalische Mörtelwespe ist ein raffinierter Kulturfolger, der seine Bautätigkeit am liebsten dort eintfaltet, wo der Mensch schon vorgewerkt hat. Und mit Hilfe des Menschen hat sie so auch die Welt erobert.

In Europa wurde die ursprünglich aus Indien und Nepal stammende Art das erste Mal 1979 gesichtet, und zwar in der Steiermark. Dass alle in Europa verbreiteten Exemplare über den Grazer Flughafen eingewandert sind, ist meiner Meinung nach aber eine Unterstellung. Diese Wespe baut ihre Gelege notfalls auch hinter der Karniese, unterm Lampenschirm oder in einer Küchenrolle. Selbst in Schuhkartons hat man ihre Nachkommen schon importiert. Mittlerweile werkt sie auch in Südamerika.

Gefährlich ist die orientalische Mörtelwespe nicht. Zumindest nicht für Menschen. Für Spinnen schaut die Sache anders aus. Die lähmt sie mit einem Stich und packt sie als Proviant für ihre Larven in die Gelege. Mit dieser Unsitte haben Spinnen aber schon länger zu kämpfen, manche heimischen Wespen machen das nämlich auch. Am ehesten steht die Mörtelwespe also mit anderen Wespen in Nahrungskonkurrenz und könnte diese verdrängen.

Die erwachsenen Insekten ernähren sich pflanzlich. Sie sind also nützliche Blütenbestäuber. Dass ihre Migration so erfolgreich funktioniert, liegt auch daran, dass sie Generalisten sind, die an die besuchten Blüten keine besonderen Ansprüche stellen. Auch bei der Auswahl der erbeuteten Spinnen ist die Mörtelwespe flexibel. Um welche Art es sich handelt, ist ihr egal. Hauptsache, dem Nachwuchs schmeckt’s. Und so wird sich das kleine Insekt überall dort weiter ausbreiten, wo das Klima halbwegs passt und etwas feuchte Erde für den Nestbau vorhanden ist. Und menschliche Behausungen, die man erweitern kann, wären auch nicht schlecht. Regenfest sind die kleinen Lehmtönnchen nämlich nicht. Insofern trifft es sich gut, dass wir die kleinen Tiere mit unseren Warentransporten überall einschleppen. Egal, wo die Mörtelwespe hinkommt, wir sind schon dort, und ein geeigneter Rollokasten wartet.

Finalstress

Nistkastenfütterung

Bei unseren Hausspatzen herrscht im Moment Hochbetrieb. Die letzte Brut des Sommers wird demnächst flügge und schreit aufgeregt nach Futter. Der Nistkasten ist ein einziger Resonanzraum. Im Minutentakt fliegen die Elternvögel herbei, um die Schreihälse zu stopfen. Gefüttert wird meist nur noch von außen.

Während die Meisen den Brutbetrieb längst eingestellt haben, setzen die Spatzen auf eine weitere Runde, und der Erfolg gibt ihnen Recht. Hausspatzen sind aber auch sehr geschickte Jäger und schleppen an, was sie kriegen können. Spinnen und Käfer kann man in ihren Schnäbeln genauso erkennen wie Raupen, Falter und andere Fluginsekten, die sie teilweise gleich aus der Luft schnappen. Und wenn sich gar nichts mehr findet, tun es auch die Küchenabfälle vom Kompost.

Nur fotografieren lassen sich die Spatzen dabei nicht so gern, aber glücklicherweise kann man das alles automatisieren, und die Kamera alleine stört weit weniger als der neugierige Mensch dahinter.

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Was sie uns ließen

Brokkoli

Ich bin ein großer Fan von Brokkoli. Letztes Jahr haben wir zum ersten Mal welchen angebaut. Er war so bonsai-artig, mehr für die Puppenküche geeignet, aber der Geschmack war überzeugend und vor allem: Beim Kochen fehlte dieser penetrante Kohlgeruch. Frischer Brokkoli aus dem eigenen Garten, der unmittelbar nach der Ernte in den Topf wandert, ist mit der gekauften Form nicht zu vergleichen.

Dieses Jahr haben wir dem Brokkoli den sonnigsten Platz in unseren Gemüsebeeten reserviert. Kein Halbschatten, keine Morgen- oder Abendschattenstelle, sondern die volle Dröhnung den ganzen Tag. Ich habe die Pflanzen vorgezogen und sehnsüchtig darauf gewartet, dass der Frost nachlässt und ich meine Schätze ins Freie bringen kann.

WeinbergschneckeGenauso sehnsüchtig haben die Schnecken darauf gewartet. Teilweise sind sie zu zweit auf einer Pflanze gesessen. Und ich spreche nicht von diesen angeblich aus Spanien zugewanderten Wegschnecken, die wahrscheinlich aus Portugal stammen. Die meisten von denen hatten ein Alibi, die sind im Winter erfroren. Umso häufiger waren die heimischen Weinbergschnecken, die in ihrem bequemen Haus Trockenheit und Kälte bequem überdauern, und es waren definitiv diese, die unserem Brokkoli den Garaus („gar aus“, das vollständige Ende!) gemacht haben.

Drei armselige Pflänzchen haben die Attacke überstanden. Irgendwann waren sie den Schnecken zu groß, oder es gab einfach Besseres im Nachbarbeet. Ich habe diese Brokkolidreifaltigkeit von Schneckens Gnaden trotzig ignoriert und nicht weiter beachtet. Irgendwie verloren standen die Pflanzen die letzten Monate zwischen Kohlrabi und Kürbis, wuchsen stetig vor sich hin, machten aber keine Anstalten zu blühen.

Umso erstaunter war ich heute, als ich in der Früh einen Blick auf den kleinste der drei Brokkoli warf. Mittendrin thronte eine Blüte von fast schon handelstauglicher Größe! Wir müssen uns zwar am Ende der Nahrungskette anstellen, ganz hinten, hinter den Schnecken, aber umso glücklicher sind wir, wenn auch für uns etwas übrig bleibt. Die Suppe ist gerettet!