Ohne Genitaluntersuchung

Wachtelweizen-Scheckenfalter

Wachtelweizen-Scheckenfalter ist ein sehr lustiger Name für einen Schmetterling. Das liegt am K: „Words with a K in it are funny. […] Alka-Seltzer is funny. Chicken is funny. All with a K. Ls are not funny, Ms are not funny“, wie Walter Matthau in The Sunshine Boys erklärt.

Es könnte übrigens auch ein Ehrenpreis- oder Baldrian-Scheckenfalter sein. Laut Wikipedia kann man den Unterschied nur mittels Genitaluntersuchung sicher feststellen. Würde ich aber nie machen. Ich verlasse mich auf mein Gehör, und Wachtelweizen-Scheckenfalter kling einfach mit Abstand am besten, während Genitaluntersuchung ein absolut hässliches Wort ist, das man aus dem deutschen Sprachgebrauch lieber verbannen sollte. Es ist nicht einmal lustig. Liegt am L. „Ls are not funny“, wie wir ja bereits wissen.

Hochgebirgsquappen

Erdkröte Kaulquappe

In Kurt Mündls sehenswerter Dokumentation über die Schlangen Österreichs sieht man zu Beginn junge Ringelnattern auf der Jagd nach Kaulquappen, und der Sprecher erklärt dazu, die Aufnahmen würden aus dem Hochgebirge stammen, wo es im August noch Kaulquappen gibt. Bislang hätte ich auch gesagt, spätestens Mitte Juni ist in den Tallagen die Metamorphose der Erdkröten abgeschlossen, aber dieses Jahr ist alles anders, und in unserem Teich schwimmen Ende Juli noch die letzten Nachzügler.

Warum die Metamorphose heuer fast zwei Monate länger dauert als sonst, hat mehrere Gründe: Zunächst gab es deutlich mehr Laich, weshalb auch die Nachzügler eine Chance hatten durchzukommen und nicht gleich auf dem Speiseplan ihrer Fressfeinde landeten. Normalerweise gilt hier: Last come, first serve.

Der entscheidende Faktor war aber sicher die geringere Wassertemperatur: Vor allem der Juli war ungewöhnlich kühl und verregnet. Mit jedem nächtlichen Schauer kam kaltes Frischwasser in den Teich, das sich bei bedecktem Himmel kaum aufwärmte. Mittlerweile ist auch der Randbereich so weit verwachsen, dass die Sonne kaum noch durchdringt. Gerade das sonnenbeschienene Flachwasser war bislang immer ein Garant für im Frühjahr rasch steigende Wassertemperaturen.

Ich hoffe nur, dass eine Witterung wie heuer bei uns die Ausnahme bleibt. Im nächsten Sommer hätte ich gern wieder Tallagenbedingungen, aber vielleicht sind diese Gedanken auch bloß ein Merkmal des fortschreitenden Alterungsprozesses: In der Pension werde ich jeden Morgen bei der Tür raus schauen, übers Wetter jammern und mich wieder ins Zimmer setzen.

Das Seil

Plattbauch Männchen

Die Flugzeit des Plattbauchs geht bei uns langsam zu Ende. Diese Libelle ist eine der ersten, die im Frühjahr am Teich erscheint. Es gibt immer ein dominantes Männchen, das sich den besten Platz am Wasser sichert. Die anderen Männchen und die Weibchen sitzen etwas abseits in der Hecke oder im Gemüsebeet auf der Ansitzlauer.

Dieses Jahr gibt es für den stärksten Plattbauch einen ganz besonderen Platz, und das hängt mit den Brombeeren zusammen, die hinter dem Teich wachsen. Die Ranken finden den Platz am Wasser super und beugen sich immer weiter vor, um möglichst viel vom reflektierten Sonnenlicht abzubekommen. In den letzten Jahren musste ich die Früchte deshalb vom Schlauchboot aus ernten, das ich mit einer Schnur am Zaun fixiert habe.

Heuer haben es die Brombeeren aber übertrieben. Die schweren Ranken hingen tief in den Teich, also habe ich ein Seil gespannt, um sie aus dem Wasser zu heben. Ich war kaum fertig, da saß das dominante Männchen schon auf der Schur. Es war einfach der beste Platz, um das Revier zu überwachen. Man konnte die Libelle richtig jubeln hören: Mein Herrli hat mir ein Seil gespannt! Der weiß, was ich brauche.

Mir soll es recht sein. Hauptsache, die Brombeerernte im Herbst ist gerettet. Bis dahin wird sich hoffentlich auch das Seil wieder finden, mit dem ich immer das Schlauchboot am Zaun festmache. Wohin das nur plötzlich verschwunden ist? Das Gärtnerleben stellt einen immer wieder vor kaum zu bewältigende intellektuelle Herausforderungen.

Ein Moschusbock

Moschusbock

Der britische Evolutionsbiologe J. B. S. Haldane (1892 – 1964) wurde einmal von einem Theologen gefragt, was er denn auf Grund seiner Beschäftigung mit der Schöpfung über den Schöpfer aussagen könne, und er soll darauf geantwortet haben: „The Creator has an inordinate fondness for beatles.“

Das Bonmot ist zwar gut aber nach neuesten Erkenntnissen auch falsch: Der Schöpfer, so es ihn denn gegeben hat, war die meiste Zeit damit beschäftigt, Ameisen zu basteln, und die Tatsache, dass die Käfer auf der Liste bekannter Arten einen größeren Raum einnehmen, ist eher der „ungeheuerlichen Vorliebe“ der Taxonomen geschuldet. Käfer sind aber auch wirklich schicker als Ameisen, und man muss nicht so viel in der Erde wühlen, um welche zu finden.

Diesen stattlichen Moschusbock habe ich zum Beispiel Anfang der Woche auf den noch nicht geöffneten Blüten des gelben Sonnenhutes geschossen:

Dass ich zum Größenvergleich meinen Zeigefinger ins Bild gehalten habe, war nicht besonders durchdacht und wird dem imposanten Exemplar nicht gerecht, denn ich habe ziemlich klobige Würstelfinger, aber zierliche Kinderhand war halt gerade keine in der Nähe. Der Käfer maß gut drei Zentimeter, und mit den Fühlern war er mindestens doppelt so lang, weshalb es sich wahrscheinlich um ein Männchen gehandelt hat.

Die Larven ernähren sich von morschem Weidenholz, während der erwachsene Käfer bei uns im Garten auf der Suche nach Pollen und Pflanzensäften war. Seinen Namen verdankt der Moschusbock einem intensiv riechenden Sekret, mit dem früher Pfeifentabak parfümiert wurde, was wiederum meine mangelnde Vorliebe fürs Pfeiferauchen erklärt.

Der Hamster und die Rote Liste

Feldhamster

In den letzten Tagen sind mir zwei Meldungen über den Feldhamster ins Auge gestochen: Die Art wurde von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf die Rote Liste gesetzt. Das mag verwundern, da der Feldhamster in der EU schon länger streng geschützt ist. In Deutschland schätzt man die verbliebene Individuenzahl beispielsweise auf magere 10.000. Bislang ging man aber davon aus, dass in Osteuropa noch reichliche Bestände vorhanden sind. Dem ist nicht so, und jetzt ist es auch amtlich: Der Feldhamster ist eine weltweit vom Aussterben bedrohte Spezies.

Für den Artenschwund ist diese Meldung eher eine belanglose Randnotiz: Angesichts der Tatsache, dass die meisten Arten unmittelbar nach ihrer Entdeckung aussterben, weil ihre Bedrohung mit dem Eindringen des Menschen in ihren Lebensraum zusammenfällt, führt man Rote Listen eher für Agenturmeldungen als aus wissenschaftlichen Gründen. Den Kampf um die Artenvielfalt verlieren wir ganz unauffällig in den tropischen Regenwäldern, wo wahrscheinlich mit jedem gefällten Baum mehrere endemische Insektenarten für immer verschwinden, aber die Tiere unserer Kindheit gehen uns halt näher, und wenn es aufrüttelt, hat so eine Schlagzeile auch ihre Berechtigung: Der Hamster läuft Gefahr, in den nächsten 30 Jahren für immer von diesem Planeten zu verschwinden!

Die zweite Meldung fand ich bemerkenswerter: Der Europäische Gerichtshof hat ein Urteil des Wiener Magistrats gegen einen Bauarbeiter bestätigt, der im Rahmen eines Bauprojekts einen leeren Hamsterbau beschädigt hatte. Das Wiener Verwaltungsgericht war der Auffassung, dass die Bauten der Tiere auch dann zu schützen sind, wenn ihre Bewohner nicht zu Hause sind, und ließ sich diese Rechtsmeinung vom EuGH bestätigen.

Im Grunde genommen ist das nur konsequent und logisch: Wenn wir wollen, dass Gesetze auch etwas bewirken, müssen wir die bedrohten Tierarten und ihre Lebensräume gleichermaßen unter Schutz stellen. Bei der Bauordnung ist es ja ähnlich: Wer ein neues Gebäude errichtet, muss dieses barrierefrei gestalten, auch wenn es sich dabei um einen Bürokomplex für eine Firma handelt, die gar keine Behinderten beschäftigt. Fehlende Blindenleitsystem und Rollstuhlzugänge sind eine Barriere und somit Diskriminierung für all jene, die sich vielleicht in Zukunft bei dieser Firma bewerben wollen.

Ich weiß, dass dieser Vergleich ganz schrecklich hinkt, aber es geht mir auch nicht darum, Behinderten- und Tierschutz einander gegenüber zu stellen. Das Rechtsprinzip dahinter sollte das gleiche sein: Wenn wir ein Gesetz nicht nur zum Spaß einrichten, sondern damit auch etwas bewirken wollen, müssen wir es auch entsprechend konsequent anwenden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Wiese, auf der wir bauen wollen, von geschützten Tieren bewohnt wird, sondern ob sie einen geeigneten Lebensraum für diese Arten darstellt. Und deshalb wurde der Bauarbeiter vom Magistrat der Stadt Wien für die Zerstörung eines leeren Hamsterbaus bestraft.

Fragt sich nur noch, warum die gleiche Gemeinde Wien auf dem Gelände des ehemaligen Heeresspitals Wohnungen errichtet und dafür ein großangelegtes Projekt zur Absiedelung der dort ansässigen Ziesel initiiert hat. Im Idealfall bleiben am Ende so eines Projektes doch auf dem Baugrund leere Zieselbauten zurück, die jahrelang als ideale Wohnstätte für die geschützten Nager gedient hatten, und für die Zerstörung eines leeren Hamsterbaus hat die gleiche Gemeinde – vom EuGH abgesegnet – gerade einen Bauarbeiter bestraft. Der Widerspruch will mir irgendwie nicht in den Kopf.

Den Feldhamstern vom Meidlinger Friedhof sind so komplizierte Gedanken glücklicherweise Fremd. Die Fotos sind von gestern Nachmittag. Es war der bislang heißeste Tag des Sommers mit Temperaturen bis zu 35 Grad. Zuerst war weit und breit kein Hamster zu beobachten, schließlich lässt sich die ärgste Hitze ganz gut in den Erdbauten aussitzen. Als ich um sechs wieder gegangen bin, knabberte aber fast hinter jedem Grabstein einer der Nager in der Wiese. Mein Liebling war der auf dem ersten Foto. Der hat so einen herrlichen Silberblick – er scheanglt, wie man bei uns sagt, als hätte er gerade ein ziemlich gutes Kraut gefuttert.

Am Ende habe ich mich keine zwei Meter neben einen Hamster auf den Weg gesetzt, der sich dadurch nicht stören ließ. Warum die Tiere so ruhig bleiben, sieht man auf den letzten beiden Bildern: Im Zweifelsfall ist immer irgendwo ein Loch in der Nähe, in das man verschwinden kann.



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