Aus der Zeit gefallen

Erdkröte Männchen

Erdkröten besiedeln das ganze Jahr über bekanntlich eine Vielzahl an Lebensräumen – Wälder, Wiesen, Weiden und Gärten. Im März wandern sie dann zu den Laichgewässern, woraus die vielen flachen Exemplare resultieren, die auf den Straßen dem Verkehr zum Opfer fallen. Anschließend wandern sie wieder zurück in ihre Sommer- und Winterquartiere. Im Wasser sieht man sie den Rest des Jahres nicht mehr.

Ganz anders das Erdkrötenmännchen, das seit einiger Zeit in unserem Teich herumschwimmt. Es verbringt oft den ganzen Tag im Wasser. Bei der Hitze irgendwie verständlich. Nach der Dämmerung findet man es dann auch außerhalb auf der Suche nach Nahrung.

Die einfachste Erklärung wäre, dass jede Erdkröte ihr Revier hat, und dieses Männchen hat sich halt unseren Garten ausgesucht. Hie und da ist dann der Teich ganz praktisch, er kühlt und das Nahrungsangebot ist auch nicht schlecht.

Dann höre ich da aber auch diese zarten Paarungsrufe: Oink oink oink. Hab ich die noch vom Frühjahr im Ohr, oder ist da einer aus der Zeit gefallen? Es gibt zwei Möglichkeiten: Unser Exemplar ist entweder die Schlafmütze seiner Art und vier Monate zu spät, oder er übt schon mal für nächstes Jahr.

Erstes Luftschnappen

Grasfrosch klein

Beim Schwimmen am Morgen wurde ich vor ein paar Tagen von einem kleinen Frosch überrascht. Er saß auf einem Seerosenblatt und machte seine ersten Erfahrungen mit dem Leben über Wasser. Seit längerem hatte ich keine Kaulquappen mehr gesehen – umso erstaunter war ich, dass es offensichtlich doch noch einer geschafft hatte, seine Metamorphose abzuschließen.

Im März sieht die Sache jedes Jahr so aus, als würde die Umgebung von Amphibien überschwemmt. Allein die Zahl der Erdkröteneier habe ich dieses Jahr auf über 30.000 geschätzt. Zehn davon habe ich testweise entnommen und in einem kleinen Aquarium aufgezogen. Das Ergebnis waren zehn kleine Kröten, keine Ausfälle durch Missbildungen, Parasiten oder unbefruchtete Eier. Trotzdem überleben im Teich maximal einzelne Exemplare das Larvenstadium.

Bei den Grasfröschen ist die Zahl der Eier deutlich geringer, dafür sind sie größer und die Kaulquappen wachsen schneller. Am Ende sind sie gut vier Zentimeter lang.

Wenn die Kaulquappe dann Gliedmaßen bekommt und sich zum Amphibium umwandelt, schrumpft sie wieder. Der fertige Grasfrosch auf dem Foto war etwas mehr als einen Zentimeter groß. Neben der Seerose wirkte er winzig.

Nur am Anfang hatten wir einmal so etwas wie einen Froschregen. Beim ersten Sommergewitter im Juni machten sich hunderte kleine Erdkröten gleichzeitig auf den Weg, um die Welt zu erkunden. Das schaut dann so aus, als würden sich die Regentropfen beim Aufprall in wegspringende Amphibien verwandeln.

Seither haben die Fressfeinde den Bestand fest im Griff. Es ist wirklich erstaunlich, wie die Natur angesichts dieses Invasionspotentials ein Gleichgewicht herstellen kann. Der Teich fördert natürlich die Entwicklung der Lurche im Umkreis, aber ihre Anzahl nimmt trotzdem nur moderat zu.

Wienerberger Seefrösche

Seefrosch

Die meisten Gartenteiche sind aus PVC- oder EPDM-Folie. Wirklich naturnah aus gestampftem Lehm macht sich kaum jemand seinen Teich, und doch sind die meisten künstlich geschaffenen Gewässer aus diesem Material. Im Volksmund heißen sie Ziegelteiche und haben ihren Ursprung im Bauboom der Gründerzeit.

Wienerberger, der weltweit größte Ziegelproduzenten, verdankt seinen Namen einem flachen Hügel im Süden Wiens und seine Marktposition den Ziegelböhm, die hier unter unmenschlichsten Bedingungen im 19. Jahrhundert die Bausubstanz für viele Ringstraßengebäude aus dem Boden schöpften. In den Reportagen Victor Adlers lässt sich das eindrucksvoll nachlesen. Der Rest ist Geschichte aus einer Zeit, als die Sozialdemokratie noch in der Lage war, Geschichte zu schreiben.

Wienerberg-Teich

Wenn man heute über das Erholungsgebiet Wienerberg blickt, im Hintergrund Mödling und zur Rechten die Wohntürme von Alterlaa, kann man sich kaum vorstellen, dass hier jahrzehntelang eine Müll- und Schuttdeponie war. Mit Grundstücken, wo sich das Wasser sammelt, kann man bautechnisch halt wenig anfangen. Die Natur dafür umso mehr.

Seefrosch GruppeHeute gehört das Areal der Gemeinde Wien, steht teilweise unter Schutz und ist ein wichtiger Bestandteil des Grüngürtels. Man findet hier eine Vielfalt an Insekten und Wasservögeln. Das markanteste sind aber die unglaublich großen, gut genährten und zahlreichen Seefrösche. Sie sitzen hier gesellig in Gruppen an den Ufern der Verbindungskanäle und sonnen sich wie die vier Exemplare auf dem Bild rechts.

Bei uns am Gartenteich ist die Amphibiensaison recht kurz. Nach ein paar Wochen im März ist alles vorbei, die Erdkröten und Braunfrösche sind wieder verschwunden, und zurück bleiben nur die Kaulquappen, die Anfang Juni dann den Teich verlassen. Seefrösche haben keine so ausgedehnte Wandertätigkeit, und so findet man sie auch im Sommer noch in der Nähe des Gewässers.

Mit den außenliegenden Schallblasen sind sie entsprechend laut. Ein Spaziergang im Erholungsgebiet Wienerberg ist deshalb oft begleitet von Musik, wenn auch eher von der schnarrenden, dissonanten Sorte.

In den letzten Jahren sind rundum die Wohnhäuser näher gekommen, und auch aktuell wird kräftig gebaut, denn die Stadt wächst. Trotzdem herrscht hier eine naturnahe Idylle, der man ihre Geschichte als Ziegelwerk und Mülldeponie absolut nicht mehr ansieht.

Neuzugang Braunfrösche

Grasfrosch

Bislang war alles, was in unserem Gartenteich ablaicht, eine Erdkröte. Es gibt sie hell, es gibt sie dunkel, manche sind glatter, andere warzig, das irritiert manchmal, aber am Ende kommen immer zwei lange Gallertschnüre mit unglaublich vielen schwarzen Eiern heraus. So laicht außer den Erdkröten keine andere Amphibienart.

Nach vier Jahren ist plötzlich alles anders. Unter den Amphibien ist die Artenvielfalt ausgebrochen. Zuerst habe ich die Springfrösche gehört aber nicht erkannt. Erst durch den Laich fielen sie mir auf. An einem alten Halm der Schwanenblume hafteten die Eier in Kugelform. Ein paar Tage später gesellte sich die Hinterlassenschaft der Grasfrösche hinzu. Ihre Laichkugeln, unten rechts abgebildet, finden sich im flachen Teil des Teichs. Mit der Zeit quillt die gallertige Masse auf, dadurch treibt sie an der Oberfläche und wärmt sich in der Sonne. Das verschafft dem Nachwuchs einen Startvorteil. Die Grasfrösche haben die Springfrösche mittlerweile überholt und ihre Kaulquappen haben früher zu schwimmen begonnen.

Gemeinsam mit dem Moorfrosch fasst man Springfrosch und Grasfrosch unter dem Begriff Braunfrösche zusammen, und das ist gut so. Den Laich und die Laute kann man unterscheiden – der Springfrosch schnarrt dezent mehrmals hintereinander während der Grasfrosch schnurrt wie eine laute Katze – die Frösche selber wirken für mich aber alle gleich. Die gestreiften Hinterbeine haben sie gemeinsam, aber untereinander sind sie schwer zu unterscheiden. Jedesmal, wenn ich mich nach dem Aussehen festgelegt habe, hat das Exemplar dann den falschen Ruf ausgestoßen, als hätte der Frosch einen Synchronsprecher dabei.

Wer es genau wissen will und in Tirol wohnt, kann sich übrigens bei der Universität Insbruck melden. Die haben dort ein Projekt, das mithilfe von Umwelt-DNA den Amphibienbesatz in Teichen anlysiert. Dafür muss man nur eine Wasserprobe einsenden. Mir reicht, dass die Artenvielfalt bei uns langsam zunimmt. Gemeinsam mit vereinzelten Molchen, die mir auch schon aufgefallen sind, machen Kröten und Frösche zusammen mindestens vier von 20 in Österreich lebenden Amphibienarten. Das ist viel mehr als ich beim Anlegen des Teichs erwartet hätte, schließlich sind einige Arten regelrechte Lebensraumspezialisten, die sich nie in unseren Garten verirren werden.

Und was an den Braunfröschen, Kröten und Molchen noch auffällt, ist ihre mangelnde Lautstärke. Sie sind extrem leise. Ihre Schallblasen sind innenliegend, und das ist nicht nur für unsere Nachtruhe sehr angenehm, sondern auch unlogisch. Es heißt, dass laichgewässertreue Arten keine außenliegenden Schallblasen brauchen, weil die Männchen ihre Weibchen nicht über weite Distanz rufen müssen. Dementsprechend müssten neue Gewässer zuerst von lautstarken Fröschen besiedelt werden. Bei uns war es aber genau umgekehrt. Die Erdkröten, die zuerst gekommen sind, hört man kaum, und auch das Quaken der Braunfrösche ist nicht viel lauter.

Für dieses Jahr ist die Laichzeit aber sowieso vorbei. Die nächsten Wochen gehören den Kaulquappen. In großen schwarzen Wolken werden ihre Schwärme den Teich durchpflügen. Allein den Laich der Erdkröten schätze ich auf 30.000 Eier, und das ist mehr, als wir jemals hatten. Diese Überfülle ist notwendig, weil die meisten Exemplare im Laufe ihrer Entwicklung einer Unzahl von Fressfeinden zum Opfer fallen. Und spätestens Anfang Juni, wenn die Temperaturen sommerlich werden und der Sauerstoffgehalt im Teich dadurch zurück geht, ist die Metamorphose abgeschlossen und der ganze Spuk mit einem Schlag wieder vorbei.

Wie Kröten sterben

Kröten im Netz

Vielleicht hat sich der eine oder andere unter den geneigten Lesern schon einmal Gedanken über den perfekten Tod gemacht. Wer dabei an einen Abgang während einer Ménage-à-trois denkt, von dem man nicht wirklich etwas mitbekommt, weil einem wegen hormonell bedingter Bewusstseinstrübung immer noch ein seliges Lächeln auf den Lippen liegt, dem empfiehlt sich eine Wiedergeburt als Erdkröte.

Erdkröten zu drittDie Umklammerung auf dem Bild links mag irrtümlich an ein zärtliches Gruppenkuscheln erinnern, hat damit aber gar nichts zu tun. Es ist ein beinharter Kampf um Leben und Tod. Was ich hier aus dem Teich gefischt habe, war ein Knäuel von mindestens vier Erdkröten. Ein Männchen hat gleich zu Beginn wieder losgelassen und ist weggeschwommen, aber die beiden anderen hielten sich noch ungefähr eine Viertelstunde regungslos an ihrer Angebeteten fest.

Das vordere Männchen hob kurz nach der Bergung ganz langsam den Brustkorb, anscheinend um tief Luft zu holen. Es war das schwächste Tier von den dreien und kaum noch bei Bewusstsein. Das zweite Männchen schien stärker und auch etwas größer, trotzdem ließ es nach einiger Zeit los und sprang wieder ins Wasser.

KrötenpärchenKurze Zeit später hüpfte auch das Weibchen wieder in den Teich und schwamm mit ihrem ursprünglichen Partner davon. Diesmal ist noch alles gut gegangen, aber die Zukunftsaussichten sind schlecht. Nach der Paarungszeit durchsuche ich den Teich jedes Jahr gründlich und entferne die verendeten Kröten.

Es kommt nicht nur darauf an, dass das Weibchen gesund und kräftig ist, auch das Männchen muss über ausreichende Kondition verfügen. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, am Ende den Laich zu befruchten, es muss auch aufdringliche Rivalen mit den Hinterbeinen in Schach halten. Sobald ein zweites Männchen die Möglichkeit hat, sich festzuklammern, folgt bald ein drittes, und dann ist das Weibchen sehr schnell bewegungsunfähig und dem Untergang geweiht.

In den ersten Jahren, wenn die Zahl der eintreffenden Kröten gering ist, besteht diese Gefahr nicht. Im Moment warten in unserem Teich aber mehr als zehn Männchen auf das nächste Weibchen. Dann kommt es darauf an, dass sie eines der kräftigeren Männchen erwischt, denn die gesamte Prozedur dauert eine Woche, und eine Unachtsamkeit kann gefährlich werden.

Erdkröten zu drittManchmal liest man, ein gut untergliederter Uferbereich würde helfen, damit nicht alle Männchen gleichzeitig beim Weibchen einlangen. Die eigentliche Gefahr droht meiner Meinung nach aber erst später. Das Foto links stammt vom Vortag. Das Krötenpärchen wird von einem unruhigen Männchen bedrängt, das sich Chancen ausrechnet, seinen schwächelnden Konkurrenten zu beerben. Um das zu verhindern, könnte ich maximal überzählige Männchen abfischen und in einem Aquarium verwahren, bis ein Platz frei wird oder die Paarungszeit vorbei ist.

Im Grunde genommen hieße das aber, in die natürliche Selektion einzugreifen. Das System der Erdkröten garantiert nämlich, dass sich nur kräftige Weibchen und ebensolche Männchen vermehren. Im Gegensatz zu den meisten heimischen Fröschen, die mit maximal 500 Eiern pro Gelege das Auslangen finden, laicht ein Erdkrötenweibchen in zwei Doppelschnüren bis zu zehnmal so viele Eier ab. Da braucht es nicht so viele erfolgreiche Pärchen, um den Erhalt der Art zu sichern, und der Teich könnte eine so große Menge an Kaulquappen wahrscheinlich auch gar nicht ernähren.

Im Sinne der Natur hat also alles seine Richtigkeit. Es ist auch beeindruckend zu sehen, wie das Weibchen, das vor kurzem noch um sein Leben gerungen hat, todesmutig wieder in die Fluten springt, um das riskante Fortpflanzungswerk vielleicht doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Eine andere Chance hat sie auch nicht. Fünftausend Eier kann sie nicht einfach den Rest des Jahres mit sich herumschleppen. Da würde sie schnell an Laichverhärtung sterben. Sie muss ihr Geschäft zu Ende bringen, koste es, was es wolle, notfalls auch das Leben.