Amphibienteiche entlang der Koralmbahn

Wasserfrosch

Wer von Klagenfurt nach Graz möchte, muss mit dem Auto eine Stunde und 50 Minuten einplanen. Mit dem Zug dauert die gleiche Strecke 42 Minuten. Möglich machen das viele Tunnel und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h. „Merkt man das?“, hat mich mein rennbegeisterter Automechaniker beim letzten Service gefragt, und ich musste ihn enttäuschen. Wenn der Mittelgang nicht gerade verstellt ist, weil die Züge doch ziemlich voll sind, kann man sich bei diesem Tempo einen Kaffee aus dem Imbisswagen holen, ohne etwas zu verschütten. Das ist der Vorteil, wenn man sich gleichförmig auf einer geraden Linie bewegt. Ohne Richtungsänderung ist die Geschwindigkeit bloß eine Zahl auf der Bildschirmanzeige.

Keineswegs unauffällig waren die Bauarbeiten, die in den letzten Jahren Mensch und Umwelt gleichermaßen belastet haben. Wie eine riesige Wunde wurden Schneisen durch die Landschaft gegraben, um für die neue Trasse Platz zu schaffen. Wenn man weiß, dass hier Korridore zerschnitten und Lebensräume gestört werden, tut das Zusehen weh. Mittlerweile ist aber vieles wieder zugeschüttet und die Natur holt sich einen Teil der Landschaft zurück. Das funktioniert überraschend gut, weil man dabei ein unaufgeregtes aber gut durchdachtes Konzept verfolgt: Man tut nicht viel und lässt geschehen. So entstehen auf den angeschütteten Brachflächen Magerwiesen und Blühstreifen, die die Artenvielfalt fördern. Das Tempo, mit dem dieser Prozess voranschreitet, ist genauso beeindruckend wie das der Züge.

Am meisten passiert dort, wo sich die neue Strecke ihren Weg durch den Wald gebahnt hat. Hier bin ich jetzt oft mit der Kamera unterwegs. Während der Zugfahrt plane ich schon meine nächsten Fahrradausflüge. Vor allem Wasserflächen ziehen mich dabei unwiderstehlich an. Zwischen Mittlern und Kühnsdorf hat man auf den Regenversickerungsflächen zwei Folienteiche angelegt. Auch hier war das Konzept spartanisch. Keine Bepflanzung, nichts. Irgendwer hat einen abgebrochenen Ast hineingeworfen, das reicht. Für Erdkröten ist das perfekt.

Man sagt, die Erdkröte ist ortstreu und laicht, wo sie auf die Welt gekommen ist. Aber das sagt man nur so. In Wirklichkeit wird ein neuer Teich gestürmt, wenn er so perfekt ist wie dieser. Im Frühjahr war hier innerhalb von zwei Wochen alles mit schwarzen Laichschnüren überzogen. Auch der Springfrosch hat sich ausgetobt. Wo noch kaum Fressfeinde vorhanden sind, ist der Reproduktionserfolg garantiert.

Später im Mai sind dann die Langzeitlaicher eingezogen. Das Quaken der Wasserfrösche stört niemanden. Auf der einen Seite rauscht der Zug vorbei, und auf der anderen bricht sich der Lärm in den alten Fichten.

Sogar eine Gelbbauchunke konnte ich am Wasserrand erkennen, und die üblichen Ringelnattern durften natürlich auch nicht fehlen. Ein bisschen Jagddruck hat der Kaulquappenpopulation nicht geschadet. Große Schwärme ziehen durchs Wasser und sichern für Jahre den Artbestand.

Mit der Zeit werden sich diese Teiche weiterentwickeln. Verschiedenste Libellen- und Käferlarven werden sich an den Kaulquappen satt fressen und die Artenvielfalt weiter vorantreiben. Irgendwann wird das Wasser dann überwachsen sein und verlanden. Aber es ist ja noch viel Platz für zusätzliche Folienteiche neben der neuen Koralmbahn.

Früher haben mäandrierende Flüsse, Biber und große Pflanzenfresserherden die Landschaft immer wieder so veränderten, dass Amphibien neue Laichgewässer erschließen konnten. Die Hinterlassenschaften unserer Großbaustellen sind dafür sicher nur ein geringer Ersatz, aber mit dem richtigen Konzept, das den entstandenen Raum mehr oder weniger der Natur überlässt, kann man schon einiges ausrichten.

Ein juristischer Rat

Seefrosch

Das Bezirksgericht Traun hat diese Woche nach einem zweijährigen Rechtsstreit ein Urteil gesprochen, das für Aufsehen sorgt. Zum ersten Mal wurde in Österreich eine beklagte Partei wegen zu lauten Froschquakens verurteilt. Der Nachbar fühlte sich im Schlaf gestört und hatte den Prozess angestrengt. Das Gericht bestellte unter anderem einen Lärmschutztechniker, der mehrere Tage vor Ort weilte und ein Gutachten verfasste, auf dessen Grundlage der Schwimmteichbesitzer schließlich schuldig gesprochen wurde.

Für die Lösung des Problems hatte der Anwalt der klagenden Partei einen bemerkenswerten Vorschlag parat. Der Verurteilte solle einen Froschschutzzaun um den Schwimmteich legen, der verhindert, dass neue Frösche zuziehen. Man beachte die feine semantische Ironie in der Umdeutung des Wortes Froschschutzzaun. Diese Vorrichtung wurde eigentlich zum Schutz von, nicht vor Fröschen entwickelt. Eher mit der Brechstange ist dieser Rat aber, was die juristische Konsequenz betrifft. Amphibien stehen unter striktem Naturschutz. Es ist alles verboten, was die Tiere in ihrer Fortpflanzung hindert. Da der Schwimmteich seit 20 Jahren existiert, ist davon auszugehen, dass hier zahlreiche Arten betroffen sind. Sollte der Nördliche Kammmolch darunter sein, würde ein entsprechender Zaun sogar gegen EU-Recht verstoßen, denn diese Art steht in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Philosophisch gesehen sind solche verfahrenen Situationen ein Dilemma, juristisch gesehen ist das eine dauerhafte Einnahmequelle, für den Normalverbraucher ist es eine Chuzpe, und für den Naturschutz eine Katastrophe, die sich durch die unsachgemäße Berichterstattung in ihrer Wirkung noch vervielfacht. In der Zeit im Bild vom 7. August um 19:30 war der Beitrag die humoristische Meldung zum Schluss. Man fragt sich allerdings, was an Prozesskosten von 30.000 Euro, die der Beklagte jetzt zu zahlen hat, lustig sein soll, vor allem, wenn man die Konsequenzen für den Artenschutz bedenkt. Wer das Geld statt für Rechtsstreitigkeiten lieber für andere Unterhaltungsmöglichkeiten ausgibt, greife zur Schaufel und schütte sein Biotop schleunigst wieder zu.

Versagt hat hier nicht nur die nachbarschaftliche Bereitschaft, Konflikte amikal im Gespräch zu lösen. Hier sind meiner Meinung nach auch die Kommunen gefordert. Der Anwalt der klagenden Partei meinte gegenüber dem ORF: „Das Gericht hat festgestellt, dass sich die Frösche im Teich des Nachbarn explosionsartig vermehrt haben und zuletzt circa 50 Frösche den Teich besiedelt haben.“1

Man fragt sich mit Verlaub, wie das Gericht das festgestellt hat. In einem gut eingespielten Biotop, das seit 20 Jahren existiert, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie mehr als eine Handvoll Kaulquappen pro Saison durchkommen können. Es wird wohl eher so sein, dass die Trockenheit der letzten Jahre alternative Laichgewässer versiegen hat lassen. Als Reaktion wandern die Frösche dann in großer Zahl in Siedlungsgebiete und bevölkern Schwimmteiche.

Wenn der Gesetzgeber den Naturschutz ernst meint, sollte er die Kommunen auch dazu anhalten, eine Mindestzahl an Laichgewässern für problematische Arten zu erhalten. Hier müsste es dann unbürokratisch möglich sein, bei der Naturschutzbehörde eine Übersiedelung von lärmenden Fröschen zu beantragen, bevor es zum Rechtsstreit kommt. Das würde die finanzielle Gefahr für Teichbesitzer minimieren und hätte einen Multiplikatoreffekt für den Artenschutz, weil man sich keine Sorgen machen muss, dass Froschlärm im eigenen Biotop zur Armutsfalle wird, aus der es auf legalem Weg eigentlich keinen Ausweg gibt. Wer Lösungen sucht, sollte bei Problemen mit Amphibien jedenfalls einen Herpetologen konsultieren und keinen Juristen, der in so einem Fall recht gut davon lebt, dass der Konflikt eskaliert.


  1. https://ooe.orf.at/stories/3316699/ ↩︎

Die Metamorphose der Laubfrösche

Laubfrosch Kaulquappe

Die Verwandlung von Kaulquappen ist faszinierend. Keine andere Wirbeltiergruppe durchläuft im Laufe ihres Wachstumsprozesses so eine komplexe Metamorphose wie die Amphibien. Schritt für Schritt vollziehen die Larven eine Veränderung nach der anderen, bis am Ende ein fertiger, kleiner Frosch übrig bleibt. 1960 beschrieb Kenneth Gosner bei den Krallenfröschen 46 verschiedene Entwicklungsstufen, die noch heute eine gängige Einteilung darstellen. Ein paar dieser Gosner-Stadien finden sich auf den folgenden Fotos unseres Laubfrosch-Nachwuchses.

Zuerst werden kleine, funktionslose Hinterbeine aus der kugelförmigen Hülle gestülpt, die nach einer Woche schon an Froschbeine erinnern und fleißig bewegt werden. In weiterer Folge wachsen unter den Kiemendeckeln die Vorderbeine. Wenn sie erscheinen, sind sie bereits fertig ausgebildet. Mit dem langen Schwanz sieht die Kaulquappe jetzt ein bisschen aus wie eine Xenomorph-Variante aus den Alien-Filmen.

Das erste Tier hat 58 Tage nach dem Ablaichen das Aquarium verlassen. Laut Wikipedia dauert dieser Prozess je nach Nahrungsangebot und Temperatur zwischen 50 und 80 Tage. Damit liegt unsere Aufzucht im guten Mittelfeld und das heißt, die Fütterung war richtig. Am liebsten hatten sie Zucchini. Erst zum Schluss habe ich Lebendfutter wie weiße Mückenlarven, Cyclops und Wasserflöhe aus dem Gartenteich angeboten, aber das hätte ich mir wahrscheinlich auch sparen können. Der Umstieg auf karnivore Ernährung erfolgt erst ganz am Ende der Metamorphose.

Zur Zeit verlässt ein Laubfrosch nach dem anderen das Aquarium. Ich habe zwanzig Kaulquappen aus dem Laichgewässer gerettet, und ich denke, es sind fast alle durchgekommen. Die letzten drei Fotos zeigen dasselbe Tier. Im Wasser erkennt man noch ein kurzes Stück Schwanz, das an Land keine Verwendung mehr hat. Es wird in den nächsten Stunden weiter rückgebildet und absorbiert. Danach ist der Frosch fertig und macht sich daran, aus dem Becken zu klettern und die Welt zu erkunden.

Ich bin gespannt, ob ein paar der Tiere in den nächsten Jahren zurückkehren werden, um selbst für Nachwuchs zu sorgen. Wir werden es kaum überhören können. Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass uns die zukünftigen Paarungsrufe dieser kleinen Kerle ein paar Stunden unseres Schlafs kosten werden. Bis dahin ist meine Aufgabe aber erledigt: Live loud and prosper!

Die Kaulquappe

Kaulquappe Laubfrosch

Kaulquappe ist ein lustiges Wort. Alle Wörter mit K sind an und für sich lustig, aber dieses besonders. Es setzt sich aus Teilen zusammen, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Der Grimm kannte auch noch die Synonyme Kaulfrosch und Kaulkopf oder Kullkopf, und damit wären wir schon bei der Bedeutung, denn Kulleraugen sind ja bekanntlich auch groß und rund. Quappeln wiederum ist eine zitternde, wabernde Form der Bewegung, und so ist die Kaulquappe ein kugelförmiges Wesen, das sich wuselnd fortbewegt.

Für die zierlichen Larven der Erdkröte gilt das vielleicht weniger, aber manche Arten fressen, bis man Angst hat, dass sie platzen. Die Kaulquappen der Laubfrösche zum Beispiel sind in erster Linie einmal rund und dick, und wenn man ein paar Stunden später wiederkommt, sind sie noch runder und dicker.

Mein improvisiertes Laichbecken wurde irgendwann von kleineren Schwimmkäfern und anderen Fressfeinden entdeckt. Ich glaube nicht, dass der Laubfrosch-Nachwuchs durchgekommen wäre, also habe ich die letzten zwanzig Exemplare in ein kleines Aquarium gefischt, wo sie sich prächtig entwickeln. Aus der Ferne sehen sie mittlerweile aus wie trächtige Guppy-Weibchen. Bei genauerer Betrachtung fehlen ihnen aber die Brust-, Bauch- und Afterflossen. Ihre Gliedmaßen bekommen sie ja erst.

Bis dahin sind sie unförmige Fressmaschinen, die ich mit Gemüse- und Fleischresten füttere – Hauptsache bio, weichgekocht und in homöopathischen Dosen, damit das Wasser nicht kippt. Wenn sie groß genug sind, werden sie die überzählige Masse für die Metamorphose brauchen, bei der sie wieder deutlich an Gewicht verlieren. Hier kommt quasi Quantität vor Qualität: Zuerst wird eine unförmige Kugel angefressen, danach wird der Körper in Form gebracht. Bei mir war die Entwicklung umgekehrt.

Heißes Pflaster

Springfrosch

Im letzten Monat hat es fast nicht geregnet. Das ist ungewöhnlich für eine Gegend, wo das wöchentliche Sommergewitter bisher selbstverständlich war. Seit vorgestern hält die Wetterstation unserer Gemeinde mit 38,3 Grad auch den Kärntner Hitzerekord für Juni. Das ist sowas wie der Klimawandellandesmeister des Monats. Muss man nicht haben. Als Folge davon ist im Gartenteich so wenig Wasser wie noch nie, es fehlen rund fünfzehn Zentimeter und der flache Bereich liegt trocken.

Teich

Unter dem Steinweg, wo die Folie senkrecht abfällt, sieht man manchmal hektische Bewegung. Die jungen Springfrösche haben in den letzten Tagen ihre Metamorphose abgeschlossen und wagen sich aus dem Wasser, um auf Insektenjagd zu gehen. Es ist jedes Jahr aufs Neue erstaunlich, wie schnell diese letzte Phase ihrer Entwicklung abläuft: Gerade waren sie noch unförmige Kaulquappen, und plötzlich sind sie voll entwickelte kleine Frösche, die geschickt an der Kautschukfolie hochklettern.

Diese Exemplare sind quasi die Elite ihres Jahrgangs. Von Tausenden, die aus dem Laich geschlüpft sind, hat es eine Handvoll bis zum fertigen Amphibium geschafft. Jetzt müssen sie lernen, auch in der neuen Umgebung satt zu werden. Die sonnengewärmte Folienwand ist zwar ein ergiebiges Revier, aber auch voller Risiko, denn an dieser Stelle patrouillieren immer zwei junge Ringelnattern, die auf jede Bewegung sofort reagieren.

Man kann den Ringelnattern ihren Eifer nicht verdenken. Auch sie wollen schnell wachsen, denn irgendwo in der Umgebung lauert vielleicht eine Schlingnatter, die ebenfalls hungrig ist und sich auf junge Reptilien spezialisiert hat. Mit etwas Mühe könnte man sich einreden, dass dieser permanente Jagddruck zu widerstandsfähigeren Arten führt und die Evolution voran treibt, aber im Grunde genommen bleibt die Naturbeobachtung eine ständige Quelle kognitiver Dissonanz, wo auch der Fressfeind meines Freundes mir irgendwie sympathisch ist.