Am Sonntag war einer dieser Spätsommertage, die sich zuerst etwas zieren, am Nachmittag aber mit Windstille und ungetrübtem Sonnenschein noch einmal auf angenehme 25 Grad zusteuern. Ich habe das warme Wetter genützt, um den Teich von absterbenden Pflanzenteilen und Algen zu befreien. Dabei war ich aber nicht alleine im Wasser. Mit zügigen Stößen schwamm ein Prachtexemplar von einem Grasfrosch vor meinen Gummistiefeln vorbei.
Die Braunfrösche zählen im Frühjahr zu den ersten, die ablaichen, und die Männchen finden sich oft schon im Herbst am Gewässer ein. Manche überwintern auch unter dem Eis. Dieser hier ist sicher noch zu früh dran. Sogar einen ersten schnurrenden Lockruf hat er schon probiert. Es geht halt nichts über die Vorfreude. Und so ein gründliches Bad kann nie schaden, wenn man dabei ist, sich für die Damenwelt in Stellung zu bringen.Autor: Richard
Luft- und Wasserkühlung
Als ich das erste Mal den Sommer in Kärnten verbracht habe, sind mir sehr bald die zahlreichen Hornissen aufgefallen. In Wien und Umgebung sind diese großen Brummer eher eine Seltenheit, hier in Südkärnten sind sie allgegenwärtig – vor allem seit wir den Gartenteich haben, wo sie im Hochsommer ihren Wasserbedarf decken.
Das Hornissenaufkommen scheint alljährlich gleich. Es gibt Bienenjahre, Hummeljahre und Wespenjahre, aber jedes Jahr ist – unabhängig von den klimatischen Verhältnissen – ein Hornissenjahr. Die Tiere können sich offensichtlich sehr gut an schwankende Temperaturen anpassen und schaffen es, auch in den zunehmend heißer werdenden Sommern ihr Nest auf einem gleichbleibenden Temperaturniveau zu halten. Dafür setzen sie – im Gegensatz zu manchen anderen staatenbildenden Insekten – sowohl auf Luft- als auch auf Wasserkühlung.
Es gibt Exemplare, die im Hochsommer so pünktlich alle paar Minuten Wasser holen, dass man nach ihnen die Uhr stellen könnte. Aus der anschließenden Startrichtung kann man auch ungefähr abschätzen, in welcher Richtung sich das Nest befindet. Demnach muss es in der Umgebung mehrere Staaten geben, die aus unserem Teich ihr Wasser beziehen. Einen von ihnen habe ich im August in einem unserer Vogelnistkästen entdeckt.
Letztes Wochenende bin ich auf die Leiter gestiegen und habe versucht, aus nächster Nähe Bilder zu machen. Selten hatte ich so viele verwackelte und unscharfe Ausschussfotos. Die großen Brummer sind überhaupt nicht aggressiv, aber ihre Erscheinung ist trotzdem respekteinflößend. Wenn man ihnen die Kamera in die Einflugschneise hält, beginnen sie mit Orientierungsflügen, um das neue Hindernis zu verorten, und wenn man mehrere Exemplare vor dem Display herumfliegen hat, macht das dann doch leicht nervös.
Immer wieder fiel mir ein plötzlich einsetzendes, deutlich lauteres Brummen auf. Es stammt von dem Exemplar am Einflugloch, das sitzenbleibt und Luft ins Innere fächelt, denn erst das Zusammenwirken von Ventilation und Wasserzufuhr schafft die idealen Bedingungen, um im Hochsommer mittels Verdunstungskälte eine Art Klimaanlage zu betreiben, die Überhitzung vorbeugt.
Im Moment reicht die Luftkühlung, Wasser ist nicht mehr nötig. In den letzten Wochen des Jahres wird es mehr darum gehen, die Heizung einzuschalten, denn die Temperaturen kippen langsam ins Herbstliche. Den Wärmebedarf decken – wenn ich richtig recherchiert habe – alle staatenbildenden Insekten ziemlich gleich: Mittels Muskelbewegung bringen sie sich und ihre Brut auf Betriebstemperatur. In unseren Breiten suchen sie sich außerdem Nistplätze, die sich in der Sonne schnell erhitzen, denn Kühlung im Sommer fällt leichter als die Heizung in der Übergangszeit. Unsere Französischen Feldwespen bevorzugen zum Beispiel seit Jahren erfolgreich die Metallabdeckung unseres Flüssiggastanks, unter der es wirklich heiß werden kann. Bei der Kühlung setzen sie dann wie die Hornissen auf eine Kombination aus Belüften und Befeuchten. Nur die isolierende Außenwand fehlt ihnen. Bei den Feldwespen sind die Brutkammern ungeschützt, während die Hornissen sie mit luftgefüllten Kammern umgeben.
Insekten, die an kühlere Habitate gewöhnt sind, beherrschen die Wasserkühlung eher nicht. Hummeln kommen zum Beispiel auch in Höhenlagen vor, und unsere Hummeln habe ich noch nie am Teich Wasser holen gesehen. Im wärmeren Mittelmeerraum wird dafür auf die Luftkühlung verzichtet. Dort stecken die Feldwespen während der Hitzephasen einfach nur die Köpfe in feuchte Waben. Das kann aber auch damit zusammen hängen, dass sie ihre Nester von vornherein schattig anlegen und die weiter weg gelegene Luft eher wärmer wäre.
Webtipp:
Helmut Kovac, Helmut Käfer, Iacopo Petrocelli, Anton Stabentheiner: Comparison of thermal traits of Polistes dominula and Polistes gallicus, two European paper wasps with strongly differing distribution ranges, in: Journal of Comparative Physiology B (2017)
https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00360-016-1041-x.pdf
Der Artikel vergleicht zwei Feldwespenarten miteinander. Beide stammen ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Französische Feldwespe hat sich mittlerweile bis nach Dänemark ausgebreitet, während Polistes gallicus weiterhin nur in Südeuropa beheimatet ist. Beide haben unterschiedliche Temperaturpräferenzen und verschiedene Strategien bei der Nestkühlung. Polistes gallicus bevorzugt zum Beispiel Standorte mit Morgensonne, die ab Mittag beschattet sind. Der Wärmehaushalt am Nest allein erklärt aber nicht, warum die eine Art bei ihrer Ausbreitung nach Norden erfolgreich war, während die andere in der Mittelmeerregion verblieben ist. Die Autoren vermuten, dass es auch entscheidend ist, wie resistent die überwinternden Königinnen gegenüber starkem Frost sind.
Ein tierfreier Garten im Stadion
Klagenfurt hat 100.000 Einwohner und ein Fußballstadion mit 30.000 Sitzplätzen, das so überdimensioniert ist, dass der Zweitligist Austria Klagenfurt auch dann noch vor leeren Rängen spielt, selbst wenn einmal alle Fans zum Match kommen. Nach der EURO 2008 hätte der Neubau eigentlich auf eine vernünftige Größe verkleinert werden sollen, aber irgendwie war das Geld plötzlich weg, also leistet man sich seither lieber die Erhaltung eines Stadions, das so gut wie nie ausgelastet ist.
Das kostet deutlich mehr und mag nach Schildbürgerstreich klingen, hat aber den Vorteil, dass sich mit so einem leeren Stadion recht witzige Dinge anstellen lassen. So kann man zum Beispiel eine Bleistiftzeichnung von Max Peintner aus den 1970er Jahren in die Realität umsetzen, wie das der Basler Künstler Klaus Littmann gemacht hat. Seine Kunstinstallation „For Forest“ ist noch bis zum 27. Oktober 2019 bei freiem Eintritt zu besichtigen, was dazu führt, dass das Wörthersee Stadion zurzeit so voll ist wie schon lange nicht mehr. Besucher aller Altersstufen spazieren über die Ränge des Stadions und werfen einen Blick auf einen künstlich gestalteten Mischwald, der sich von Max Peintners phantastischer Zeichnung eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass man ihn nicht begehen kann – aber das würde dieses fragile Gebilde wahrscheinlich auch nicht lange überleben.
16 verschiedene, für die Region typische Baumarten hat das Team um den Landschaftsarchitekten Enzo Enea so angeordnet, dass ein möglichst natürlicher Eindruck entsteht. Ja, es ist sogar geplant, diese Waldskulptur nach der Installation auf einem stadtnahen Gelände tatsächlich zu verpflanzen und so dauerhaft in der Erinnerung zu verwurzeln.
Aber was ist das jetzt eigentlich: Kunstinstallation oder Wald? Oder beides? Wird der Wald zur Kunst, sobald man ihn in einem Stadion ausstellt? Und ist es überhaupt möglich, einen naturnahen Wald künstlich aus verschulten Bäumen zusammen zu stellen? Was mich betrifft, so war der Anblick äußerst beeindruckend. Ich war überrascht, wie real der Wald im Stadion gewirkt hat, wie ein hyperrealistisches 3D-Gemälde im Großbildformat. Auch der Zeitpunkt ist perfekt gewählt, man kann den Bäumen richtig zusehen, wie sie sich herbstlich verfärben und täglich ihr Erscheinungsbild wechseln.
Nur die Fauna hat sich nicht täuschen lassen. Ich habe während meiner Besichtigung keinen einzigen Singvogel entdeckt, wenn man von ein paar Stadttauben auf dem Stadiondach absieht, aber die wohnen sicher dort und hätten sich ein Match auch angesehen. Das Rotkehlchen, das mich später aus dem Holunder angeblinzelt hat, als ich wieder zu Hause im Garten war, hätte über den Stadionwald ein eindeutiges Urteil gefällt: Das ist eine Kunstinstallation, die mit einem richtigen Wald wenig gemeinsam hat. Macht aber auch nichts. Das wird sich schon noch ändern, wenn die 299 Bäume Ende Oktober tatsächlich in der Nähe von Klagenfurt ausgewildert werden, und die Natur den Rest erledigt. Dann wird aus der Kunstinstallation, die zurzeit im Wörthersee Stadion die Besucher erstaunt und zum Nachdenken anregt, schon noch sehr schnell ein ganz normaler Wald.
Meine neuen Zähne
Zahnersatz ist traditionell zunächst etwas heller als die leicht bräunlichen, benachbarten Zähne. Das ändert sich mit der Zeit. Dafür muss man die Zähne aber auch benützen, und an den Spinnwebresten, die in den Zahnzwischenräumen hängen, merkt man, dass das bei mir nicht allzu oft der Fall ist.
Wir besitzen drei dieser alten Holzrechen. Es sind allesamt Erbstücke, wahrscheinlich schon seit mehreren Generationen. Sie sind quasi unverwüstlich. Nur die Zähne brechen manchmal aus. Diesen Sommer habe ich mir die Mühe gemacht, und die fehlenden Zähne aus verschiedenen Stäben und Ästen nachgeschnitzt. Es ist eine archaische Arbeit, die Ruhe und Geduld verlangt. Schnitzen, Einpassen, Klopfen, Nachfeilen. Allzu genau muss man nicht arbeiten. Ganz gerade sind die anderen Zähne ja auch nicht. Die wenigsten sind noch originale, präzise Handwerksarbeit. Die meisten sind nachgeschnitzt, und in vielen Lücken sitzen mindestens schon die dritten Zähne.
Ich mag diese Arbeit. Sie ist genau das Richtige für laue Sommerabende, weil man sich dafür in der abklingenden Hitze nicht zu sehr bewegen muss. Ich mag auch die alte Sense, die ebenfalls zum geerbten Hausinventar gehört. Ein- bis zweimal im Jahr mähe ich damit die Wiese hinterm Haus, wo nicht nur die Obstbäume stehen, sondern auch Wilde Möhre, Schafgarbe, Natternkopf und Wegwarte. Ich mähe nicht alles auf einmal, sondern immer nur ein kleines Stück von maximal 50 Quadratmetern. Ungeübt reißt es einem bei dieser Tätigkeit sonst nämlich das Kreuz ab.
Früher wäre ein Tagwerk ein Vielfaches gewesen, aber die Zeiten, in denen mit der Hand gemäht wurde, sind sowieso längst vorbei und kommen auch nicht wieder. In unserer Gegend werden mittlerweile auch ungedüngte Wiesen dreimal im Jahr mit dem Traktor gemäht, habe ich mir sagen lassen. Und ja, es gibt bei uns noch ungedüngte Wiesen. Das sind die, die direkt hinter dem Wohnhaus anfangen, weil sich auch der moderne Landwirt nicht gern die frisch gewaschene Wäsche mit Jauche verstinkt. Außerdem sieht er dann den Unterschied zur „guten“ Wiese weiter hinten, die er doppelt so oft mähen kann, weil er dort regelmäßig düngt.
Dem Bauern kann man keinen Vorwurf machen. Er hat seinen Stall von Plumpsklo auf Wasserklo umgestellt. Das ist hygienischer und macht weniger Arbeit. Die Jauche, die er so erhält, ist aber mehr oder weniger Sondermüll. Sie erzeugt Treibhausgase, und ganz nebenbei ist der Wegfall der Magerwiesen hauptverantwortlich für das Insektensterben.
Bei uns ist die Wiese hinterm Haus ein Paradies für Grashüpfer und Co. Wenn ich durchgehe, habe ich Kindheitserinnerungen. Früher sprang im Sommer bei jedem Schritt etwas weg. Nicht nur im naturbelassenen Garten, sondern auch auf dem Weg neben dem konventionell bewirtschafteten Feld. Ich habe eine kindliche Freude damit, dass sich diese kleinen Freunde mittlerweile auch in unserem Garten wieder breit machen.
Die meiste Freude habe ich allerdings, wenn die Heuschrecken auch noch für ein Foto ruhig sitzen bleiben, obwohl ich dann bei nachträglicher Betrachtung der Details feststelle, dass einige meiner Fotomodelle bereits am Ende ihrer Lebensspanne angekommen waren. Es hüpft sich nicht mehr so gut, wenn einem ein Bein fehlt.
Würden die Bauern noch so wirtschaften wie früher, hätten wir deutlich mehr dieser Insekten, die sich in den Wiesen der Umgebung tummeln. Das würde aber auch den wirtschaftlichen Bankrott für die meisten Landwirte bedeuten. Mir hingegen bietet diese Vorgangsweise ein deutliches Mehr an Freizeit. Ich habe nicht aus Gründen des Naturschutzes damit angefangen, die Wiese nur noch einmal im Jahr zu mähen, sondern weil mir die wöchentliche Arbeit einfach auf die Nerven gegangen ist. Bei mir bleibt seit einiger Zeit der Benzinmäher stumm. Den von der Straße einsehbaren Teil des Gartens mähe ich mit einem händischen Spindelmäher. Das ist zwar schweißtreibender Sport, aber die Fläche ist nicht groß, und Spindelmäher sind eine andere Kindheitserinnerung, die ich mag.
Aufs Rasenmähen großteils zu verzichten, hat für mich nur Vorteile. Dem Bauern kann man das, wie gesagt, nicht zumuten, der muss seine Wiese nach wirtschaftlichen Kriterien bewirtschaften, und das inkludiert Düngung und häufigen Schnitt. Aber was ist eigentlich mit den Kommunen? Ist da der soziale Druck wirklich so hoch, dass ständig gemäht werden muss? In jeder Gemeinde gäbe es zahlreiche Flächen, auf denen man gut und gern eine Blumenwiese sich selbst überlassen könnte, ohne dass es die Verkehrssicherheit oder die Lebensqualität der Bürger beeinträchtigen würde – ganz im Gegenteil, es ließen sich damit sogar Benzin- und Personalkosten sparen. Ein besonderer Umstellungsaufwand wäre auch nicht nötig, man müsste nur aufhören zu mähen, und trotzdem laufen irgendwo immer Rasentraktor und Kantentrimmer – wie in dem Lied von Reinhard Mey.
Und dann verstehe ich die Bürgermeister ja. Ich mähe auch den vorderen, von der Straße einsehbaren Teil des Gartens und lasse nur hinter dem Haus die Wiese hüfthoch stehen, weil mich sonst die Nachbarn darauf ansprechen würden, ob sie mir den Rasen mähen sollen, wenn ich keine Zeit dafür habe. Bevor man sich als Gemeinde auf eine Diskussion einlässt und dann am Ende zwischen den Stühle sitzt, macht man es lieber wie immer und wirft den Aufsitzmäher an. Vielleicht sollte man ein geeignetes Gesetz andenken, das die Kommunen dazu zwingt, dort, wo es nicht notwendig ist, das Mähen einzustellen. Sonst werden wir auf zusätzliche naturbelassene Flächen im öffentlichen Raum unter Umständen noch lange warten können. Und dabei sind sie doch eine so schöne, vielfältige Wildnis, diese hohen Wiesen, in denen sich die Insekten tummeln.
Erste Weinlese
Gestern Vormittag war ich am Goldberg in Wien-Oberlaa spazieren. Anscheinend ist die erste Weinlese schon im Gange, zumindest wird probiert, wie die Trauben schmecken. Vielleicht sind es auch die Weinblätter, die sich das Reh hier einverleibt. In der Reihe daneben liegt das Kitz im hohen Gras, und deutlich abseits habe ich einen stolzen Rehbock gesehen. Beeindruckend war die entspannte Grundhaltung der Rehe. Die machen sich noch einen Lenz im Spätsommer, jetzt, wo die ärgste Hitze vorbei ist.





