Ein tierfreier Garten im Stadion

Klagenfurt hat 100.000 Einwohner und ein Fußballstadion mit 30.000 Sitzplätzen, das so überdimensioniert ist, dass der Zweitligist Austria Klagenfurt auch dann noch vor leeren Rängen spielt, selbst wenn einmal alle Fans zum Match kommen. Nach der EURO 2008 hätte der Neubau eigentlich auf eine vernünftige Größe verkleinert werden sollen, aber irgendwie war das Geld plötzlich weg, also leistet man sich seither lieber die Erhaltung eines Stadions, das so gut wie nie ausgelastet ist.

Das kostet deutlich mehr und mag nach Schildbürgerstreich klingen, hat aber den Vorteil, dass sich mit so einem leeren Stadion recht witzige Dinge anstellen lassen. So kann man zum Beispiel eine Bleistiftzeichnung von Max Peintner aus den 1970er Jahren in die Realität umsetzen, wie das der Basler Künstler Klaus Littmann gemacht hat. Seine Kunstinstallation „For Forest“ ist noch bis zum 27. Oktober 2019 bei freiem Eintritt zu besichtigen, was dazu führt, dass das Wörthersee Stadion zurzeit so voll ist wie schon lange nicht mehr. Besucher aller Altersstufen spazieren über die Ränge des Stadions und werfen einen Blick auf einen künstlich gestalteten Mischwald, der sich von Max Peintners phantastischer Zeichnung eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass man ihn nicht begehen kann – aber das würde dieses fragile Gebilde wahrscheinlich auch nicht lange überleben.

For Forest

16 verschiedene, für die Region typische Baumarten hat das Team um den Landschaftsarchitekten Enzo Enea so angeordnet, dass ein möglichst natürlicher Eindruck entsteht. Ja, es ist sogar geplant, diese Waldskulptur nach der Installation auf einem stadtnahen Gelände tatsächlich zu verpflanzen und so dauerhaft in der Erinnerung zu verwurzeln.

Aber was ist das jetzt eigentlich: Kunstinstallation oder Wald? Oder beides? Wird der Wald zur Kunst, sobald man ihn in einem Stadion ausstellt? Und ist es überhaupt möglich, einen naturnahen Wald künstlich aus verschulten Bäumen zusammen zu stellen? Was mich betrifft, so war der Anblick äußerst beeindruckend. Ich war überrascht, wie real der Wald im Stadion gewirkt hat, wie ein hyperrealistisches 3D-Gemälde im Großbildformat. Auch der Zeitpunkt ist perfekt gewählt, man kann den Bäumen richtig zusehen, wie sie sich herbstlich verfärben und täglich ihr Erscheinungsbild wechseln.

Nur die Fauna hat sich nicht täuschen lassen. Ich habe während meiner Besichtigung keinen einzigen Singvogel entdeckt, wenn man von ein paar Stadttauben auf dem Stadiondach absieht, aber die wohnen sicher dort und hätten sich ein Match auch angesehen. Das Rotkehlchen, das mich später aus dem Holunder angeblinzelt hat, als ich wieder zu Hause im Garten war, hätte über den Stadionwald ein eindeutiges Urteil gefällt: Das ist eine Kunstinstallation, die mit einem richtigen Wald wenig gemeinsam hat. Macht aber auch nichts. Das wird sich schon noch ändern, wenn die 299 Bäume Ende Oktober tatsächlich in der Nähe von Klagenfurt ausgewildert werden, und die Natur den Rest erledigt. Dann wird aus der Kunstinstallation, die zurzeit im Wörthersee Stadion die Besucher erstaunt und zum Nachdenken anregt, schon noch sehr schnell ein ganz normaler Wald.

12 Kommentare zu „Ein tierfreier Garten im Stadion

  1. Man kann das auch Praktisch sehen. Den Menschen Natur und Wald näher bringen. Wenn es nur einige Menschen zum Nachdenken bringt, vielleicht sogar davon abhält ihren Müll in den Wald zu werfen, hat es sich schon gelohnt. Ich finde die Idee sehr gut.
    LG Jürgen

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  2. ich finde die Idee auch gut, besser als leerstehen lassen und es regt wirklich zum nachdenken an. Jedenfalls ist diese Form der Kunst sinnvoller als beispielsweise vor einigen Jahren hatte Christo die Bäume in Riehen „verpackt“… die Instalantion musste vorzeitig abgebaut werden, weil es Schnee gab und die Bäume unter der Schneelast auf den plötzlich unnatürlich großen Flächen zu brechen drohten.

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    1. Was die Ökobilanz betrifft, verbraucht Kunst immer Ressourcen. Und diese Installation im Stadion war natürlich besonders umstritten. Die Bäume werden über weite Wege transportiert, die könnte man doch besser aus der Nähe…
      Ich finde diesen Wald, wie gesagt, auch nicht naturnah, sondern künstlich, aber zumindest kann man die Ausstellungsstücke anschließend im Freien aussetzen, und das kann man mit Christos Verpackungen zum Beispiel nicht. Solche Aktionen sind immer eine Gratwanderung, aber das Stadionprojekt hat mich positiv überrascht.

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  3. Danke, das bestätigt mir den Eindruck dieses im TV zu bewundern gezeigten Kunstwerks und beantwortet die Frage nach dem (hoffentlich wirklich so nachhaltigen) Wohin mit den Bäumen danach – denn meine erste Reaktion war extrem angewidert von diesem so zeitgeistigen Aufspringen auf einen Zug, der ohne einen vernünftigen Schutz der Bäume vor Austrocknung und der späteren Auspflanzung genau das Gegenteil von Naturschutz bedeutet. : im Fernsehen war nämlich während der gesprochenen Lobeshymnen die Aufstellung ‚in progress‘ zu sehen und die stimmte mich bedenklich, was das Überleben der Bäume anging.
    Aber das Danach wirst du sicherlich aus geringerer Entfernung besser mitbekommen.

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    1. Als ich letztes Jahr das erste Mal von diesem Plan gehört habe, dachte ich mir, das ist eine unnötige Aktion. Im Fernsehen hat es mich auch nicht überzeugt, aber der Eintritt ist frei, ich war gestern sowieso in Klagenfurt, also habe ich es mir einfach angesehen.
      Ob die Bäume das alle überleben werden, weiß ich nicht, und positive CO2-Bilanz hat das natürlich auch keine, aber als Kunstinstallation ist es nicht schlechter als andere, es regt zum Nachdenken an, und die Optik ist beeindruckend.

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    1. Ganz echt. Es sind sogenannte verschulte Bäume. Die sind bislang quasi immer im Ballen gewachsen und wurden schon mehrmals umgesetzt.
      Aber das verrückte Zeug kommt an. Es waren schon mehr als 60.000 Besucher da, habe ich gestern gelesen.

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