Zwischenzeit

Honigbiene auf Krokus

Beim Blick in den Garten stellt sich jedes Jahr um diese Zeit die gleiche bange Frage: Hat der Winter schon mit dem Aufhören angefangen, oder ist gar der Frühling mit dem ersten Anfangen wieder fertig? Auf der einen Seite liegt noch Schnee, auf der anderen Seite scheint die Sonne bereits kräftig und an der Südseite des Flieders, wo die Erde langsam auftaut, steht eine einzelne Gruppe lila Krokus in voller Blüte.

Bin ich zu früh, wenn ich jetzt schon Tomaten vorziehe? Werden die Kürbisse nicht längst aus dem Topf herausgewachsen sein, wenn die letzte Frostgefahr gebannt ist und die richtige Zeit gekommen ist, sie ins Freie zu setzen?

Jedes Jahr hat ein anderes Timing. Manchmal ist im Februar schon Frühling, und im nächsten Jahr will der Winter ewig nicht loslassen. Die Honigbienen sollten damit eigentlich den meisten Stress haben, aber sie erledigen einfach nur ungerührt ihren Job. Kaum ist die Temperatur über dem kritischen Niveau, weiden sie in der Frühlingssonne die ersten Krokusblüten ab. Sitzen die Bienen vorher auch im Stock und diskutieren, ob es schon Zeit ist oder noch viel zu kalt?

Vermutlich nicht. Mittlerweile sind die ersten Kürbis- und Zucchinisamen am Fensterbrett aufgegangen, der Salat keimt, und mit der Arbeit vergeht die Lust, darüber nachzudenken, wann der richtige Zeitpunkt ist. Einfach tun und in die Gänge kommen. Verschiedene Tranchen gestaffelt setzen. Wenn es für die ersten Pflanzen zu früh ist, kann ich die zweite Garnitur nachsetzen. Wahrscheinlich machen es die Bienen genauso. Die Gruppe, die zu früh fliegt und dem Schlechtwetter zum Opfer fällt, sehen wir nicht. An den Frühblühern beobachten wir nur die Erfolgreichen, die den perfekten Moment erwischt haben. Für sie scheint die Sonne richtig, um sie schön ins Bild zu setzen.

Der Name der Wacholderdrossel

Wacholderdrossel

Diesen Winter konnte ich mehrmals einen beeindruckenden Schwarm von bis zu 30 Wacholderdrosseln beobachten, die sich in Nachbars Garten über die auf dem Baum verbliebenen Äpfel hermachten. Das brachte mich zu der naheliegenden Frage, warum diese Vögel wohl Wacholderdrosseln heißen, wenn sie Äpfel bevorzugen und den Wacholder ignorieren.

Nicht die Vögel mögen Wacholder, sonder wir sie mit diesem. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das zumindest so. Die Rezepte, von denen eines im Wikipediaeintrag steht, wirken brutal und abschreckend. In einem alten Lexikon fand ich dann auch noch den Hinweis, dass beim Durchzug allein in Ostpreußen manchmal eine Million Vögel gefangen wurden.

Lexikoneintrag Wacholderdrossel

Das mag heute schockieren, aber die Leute hatten damals nicht nur Hunger, sondern auch so unglaublich viele Singvögel, dass sie eine ganze Million von einer Art entnehmen konnten, ohne den Bestand zu gefährden. Heute, wo ich einen Schwarm von 30 Wacholderdrosseln schon beeindruckend finde, essen wir keine Singvögel mehr, aber dafür entziehen wir ihnen die Lebensgrundlage. Das wirkt nur humaner, ist aber nicht besser.

Die Wacholderdrossel ist übrigens fast gleich groß wie eine Amsel. Trotzdem konnte das hier im Beitrag gezeigte Exemplar ohne Probleme sieben Amseln so lange von den Äpfeln weghalten, bis es selber satt war. Im Zweikampf ist eben Muskelmasse wichtiger als Größe, und beim Gewicht liegt die Wacholderdrossel deutlich vorne. Auch das zeigt den Luxus früherer Zeiten. Man hat nicht die häufigste Drossel für den Verzehr gewählt, sondern die mit dem meisten Fleisch auf der Brust.

Unsere Amseln haben das Problem mit Geduld ausgesessen und gewartet, bis der Eindringling weg war. Danach waren immer noch genug Äpfel übrig, wie man auf dem letzten Bild sehen kann.

Amsel

Einsam, männlich, laut

Wasserfrosch

Seit Ende Juni weiß ich, dass unser neuer Badegast wirklich ein männlicher Kleiner Wasserfrosch ist. Damals ließ er zum ersten Mal anklingen, was er kann. Er singt laut, falsch und voller Begeisterung. Und es kommt halt doch auf die Größe an – und zwar nicht auf die des Frosches, sondern auf die der Schallblasen.

Wasserfrosch

Anfangs hatte ich einerseits Bedenken, dass es die Nachbarn stören könnte, andererseits Angst, dass sich Mrs. Colombo aufregen könnte. Sie hat einen leichten Schlaf und behauptet sogar, dass sie mein Schnarchen stört, obwohl ich maximal tief atme.

Tatsächlich gab es im ganzen Umkreis nur eine Person, die um zwei in der Früh wach lag und dem Frosch beim Quaken zuhörte, und das war ich. Im Halbschlaf bedauerte ich, dass Ringelnattern kein Trommelfell haben, sonst wäre akustische Ortbarkeit bei Amphibien ein negatives Selektionskriterium und mein Problem vor vielen Millionen Jahren bereits gelöst worden. Aber an mich hatte bei der Evolution wieder einmal niemand gedacht.

Mittlerweile kann ich das Froschquaken in die Reihe der Geräusche einordnen, die man im Schlaf automatisch ausblendet, so wie ein vorbeifahrendes Auto, Hundegebell oder die Vögel am Morgen. Man hat mich auch dezent darauf hingewiesen, dass ich froh sein soll, nicht in der Einflugschneise eines Flughafens zu wohnen, weil Flugzeuge definitiv lauter sind als ein Wasserfrosch.

Wirklich überzeugt hat mich aber der Frosch selbst mit seinem unterhaltsamen Charakter. Es ist ihm halt oft langweilig und er sucht Anschluss. Dann sitzt er beispielsweise in einer selbstgebastelten Kuhle im Moos, gleich neben der Treppe, und wartet, dass ich schwimmen gehe.

Wenn ich dann im Wasser stehe und versuche, mich an die kühlere Temperatur anzupassen, springt er mir plötzlich vor die Füße. Meinen Aufschrei quittiert er mit einem breiten Grinsen und macht es sich dann auf einem Seerosenblatt bequem.

Sein Lieblingsplatz ist aber auf den Steinplatten zwischen Teich und Erdbeeren. Da laufen ihm immer irgendwelche Insekten vor die Zunge. Die ist übrigens mehrere Zentimeter lang, lachsrosa, und es bleibt nicht nur die Beute daran hängen, sondern auch kleine Steinchen, die dann wieder ausgespuckt werden.

Auf seinem Lieblingsplatz am Teichrand lässt er sich auch gut fotografieren. Zwischen den folgenden Bildern liegen zwei Wochen, und wer aufmerksam hinsieht, merkt einen entscheidenden Unterschied.

Das erste Bild ist eine Teleaufnahme, da waren wir noch auf Distanz. Mittlerweile kann ich meine Fotos aus einem halben Meter Entfernung machen. Wir sind jetzt Freunde. Er hat sich aus Solidarität auch ein kleines Bäuchlein angefressen. Man kann uns von der Statur her kaum noch unterscheiden, wenn wir nebeneinander am Wasser sitzen – beide etwas rundlich um die Mitte. Einsam am Teich ist halt wie Lockdown: Keine Sozialkontakte und stattdessen immer was zu Essen in Griffweite.

Warum er keine Frau findet, verstehe ich trotzdem nicht. Es gibt ja in jedem Schwimmbad diese muskelbepackten Typen, die sich vor den Mädchen am Beckenrand aus dem Wasser ziehen, um Eindruck zu schinden. Unser Frosch kann das ohne Anhalten. Der springt schwimmend zehn Zentimeter nach oben auf den Weg. Da kann man im Fitnesscenter Gewichte drücken, so viel man will, das kriegt Mensch nicht hin. Und dann dieses Grün und der tiefsinnige Blick mit der goldschillernden Iris. Es gibt meiner Meinung nach nur einen Grund, warum sich keine Partnerin findet: Er singt halt wirklich grottenschlecht.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.

Die Schmetterlingspaarung

Großes Ochesenauge Paarung

Hie und da kommt auch mir eine Schmetterlingspaarung vor die Linse. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel diese beiden Kaisermantel fotografiert:

Kaisermantelpaarung

Am leichtesten erkennt man die Kopula im Flug. Für die Paarung sind die Schmetterlinge über längere Zeit fest miteinander verbunden. Sie können in dieser Phase zwar gezielt fliegen – ich vermute, dass das größere Exemplar die Führungsrolle übernimmt, und so landet ein Tandem problemlos auf einer Blüte oder wie oben auf dem Sonnenblumenblatt – wirklich geschickt sind sie dabei aber nicht. Sie sind nicht nur größer, sie torkeln auch etwas mehr, und manchmal landen sie unbeabsichtigt auf dem Boden. Das ist dann nicht zu verkennen, und so sind mir zum Beispiel die folgenden Paarungen des Großen Ochsenauges aufgefallen. Das erste Bild stammt von diesem Jahr, das zweite Bild ist letztes Jahr aufgenommen:

Das Große Ochsenauge ist bei uns einer der häufigsten Schmetterlinge und die Paarung dauert relativ lang. So ist es nicht verwunderlich, dass ich diese Art schon mehrmals bei der Kopula fotografieren konnte. Auch im Netz finden sich zahlreiche Bilder. Wenn man glaubt, dass das bei allen Arten so ist, irrt man sich aber. Von häufigen Faltern wie zum Beispiel dem Tagpfauenauge liefert die Bildersuche kaum Ergebnisse. Die entziehen sich bei der Paarung geschickt der Öffentlichkeit.

Auch wenn sich der Vorgang bei allen Schmetterlingen in etwa gleich abspielt, haben sie doch unterschiedliche Strategien. Manchmal haben die fertigen Falter nur eine kurze Lebenszeit. Die Art hat dann als Imago gar keine Möglichkeit mehr, Nahrung aufzunehmen, und entsprechend hektisch suchen die Männchen nach Partnerinnen. Die Paarung findet dann oft unmittelbar nach dem Schlupf des Weibchens statt.

Diesen Zeitdruck hat der Zitronenfalter nicht. Die fertigen Insekten haben mit zwölf Monaten die längste Lebensspanne der heimischen Schmetterlinge. Trotzdem sind sie nicht leicht bei der Paarung zu fotografieren. Häufig findet man im Netz Fotos wie diese, die ich letzten Sommer aufgenommen habe:

Bei vielen Arten beginnt die Paarung mit einem aufwändigen Tanz. Das gelb gefärbte Männchen umschwärmt hier das weißliche Weibchen, das auf der Färberkamille sitzt und den Hinterleib hochstreckt. Anschließend haben sich diese beiden in die Höhe geschraubt und sind über dem Dach verschwunden. Die eigentliche Paarung konnte ich nicht mehr beobachten, die hat aber vielleicht auch gar nicht stattgefunden, denn die Paarungszeit der Zitronenfalter ist im Frühjahr und diese Aufnahmen stammen vom 3. Juli. Wenn man so lange lebt wie diese beiden turtelt man halt manchmal auch einfach nur rum, und dann kann der Fotograf aufmerksam hinterherlaufen, so viel er will. Von April bis Anfang Mai sind die Erfolgschancen besser.

Ein fleißiger Papa

Hausspatz Jungvogel

Universell wie das Kindchenschema ist der missmutige Blick von Jungvögeln, die auf ihr Futter warten. Auch bei den Hausspatzen hängen die Schnabelwinkel tiefer, wenn der Papa nicht gleich kommt.

Und es ist sehr oft der Papa, der die Ästlinge füttert. Die Mama sitzt entweder schon auf der nächsten Brut oder gönnt sich gegen Ende der Saison eine kleine Auszeit. Die abgebildeten Jungvögel hatten übrigens Glück. Der Papa war fleißig und fütterte ständig nach.

Wer bekommt den nächsten Brocken? Und wieder herrscht wenig Einigkeit zwischen den Geschwistern. Jeder Vogel ist davon überzeugt, dass er jetzt an der Reihe ist und gibt dies lautstark Kund. Diesmal gibt es was Grünes.

Moment! Ist das nicht eine der Heuschrecken, die ich so mühsam hochpäpple und für die ich die Wiese stehen lasse? Nein, natürlich nicht! Der Hausspatz ist von drüben gekommen. Es war also eine der Heuschrecken, die die Nachbarn mühsam hochpäppeln. Diese kognitive Dissonanz ist nochmal knapp an mir vorübergegangen.