Heldentenor

Amselmännchen

Die Amselmutter füttert nicht nur deutlich mehr als ihr Gemahl, sie kümmert sich auch um die Abfuhr der Kotpakete. Was oben rein gestopft wird, kommt Großteils auch unten wieder raus, und während der ganzen Brut bleibt das Nest beeindruckend sauber.

Der Amselvater hat aber nicht nur gesanglich was drauf, wie ich neulich feststellen konnte. Ich lag am Nachmittag in der Sonne und widmete mich der Meditation, als mich Alarmrufe aus dem Mittagsschlaf schreckten. Interessanterweise waren es die Spatzen, die lautstark protestierten. Das Amselmännchen flog immer wieder zum Nest und drehte kurz darunter wieder ab. Den Sinn verstand ich zuerst nicht, ich hatte aber auch keine direkte Sicht. Erst nach ein paar Schritten erkannte ich den Schwanz der Nachbarkatze, die in der Holzkonstruktion saß und sich zum Nest aufrichtete.

Während ich den Eindringling lautstark verscheuchte, blieb der Amselvater im Strauch gegenüber sitzen und beobachtete das Geschehen. Er flog weder weg, noch ließ er sich durch mich abschrecken, anschließend die Jungen zu versorgen. So kam ich zum ersten Mal zu Fotos des Männchens am Nest.

Um eine Brut groß zu ziehen, braucht es halt nicht nur fleißige Mütter, sondern auch singende Helden, die im richtigen Moment den Kampfpiloten herauskehren. Und selbstverständlich hing anschließend eine Gitterabdeckung unter dem Pfeiler. Die herumstreunenden Katzen schleppen zur Zeit immer wieder erbeutete Jungvögel durch die Gegend, aber diese vier Amseln wurden zumindest flügge. Mittlerweile ist das Nest leer, und zumindest ein Junges habe ich schon in der Thujenhecke entdeckt. Es wird übrigens vom Männchen gefüttert. Das Weibchen hat mittlerweile bei den Nachbarn ein neues Nest gebaut.

Turbowürmer

Amsel-Weibchen mit Würmern

Junge Amseln wachsen schnell. Zwischen dem linken und dem rechten Bild liegen nur neun Tage. So lange braucht es, um aus nacktem rosa Etwas, das kaum den Boden des Nests bedeckt, vier stattliche Amselküken werden zu lassen. Ich schreibe jetzt aber nicht, dass dieses Wachstumstempo unglaublich ist, denn die Amselmutter stopft im Minutentakt dicke, fette Würmer in den Schlund der Jungen. Das Futter, das sie bringt, ist immer ganz frisch, und darunter versteht sie Nahrung, die sich noch bewegt. Was sie anschleppt, tanzt ihr im wahrsten Sinne vor dem Schnabel herum.

Einen Amselvater gibt es übrigens auch. Der singt den Jungen den ganzen Tag fleißig etwas vor. Die Amsel lebt schließlich nicht vom Wurm allein. Es braucht auch ein bisschen Kultur.

Dass er manchmal Würmer bringt, ist kein Widerspruch. Er kann auch mit vollem Schnabel singen. Syrinx sei Dank. Und notfalls verteidigt er seine Jungen auch gegen Nachbars Katze, denn das Wachstumstempo der jungen Amseln hat seinen Grund: Je länger sie im Nest verweilen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, von Fressfeinden entdeckt zu werden. Aber dazu später mehr.

Harte Arbeit

Rotkehlchen

Meinem Gefühl nach sind Rotkehlchenfotos die Katzenvideos der Wildtierbeobachtung. Man könnte glauben, auf jedem Spaziergang wartet ein neugieriges Rotkehlchen, um fotografiert zu werden. Wie das funktioniert, ist mir schleierhaft, denn in unserem Garten wohnen solche Rotkehlchen nicht. Wenn eines posiert, ist es auf der Durchreise. Ortsansässig gibt es nur zwei: Das dominante und das zur Paarung geduldete, und beide sind scheu.

Seit Winterende sehe ich jeden Morgen durchs Fenster ein Rotkehlchen bei der Ansitzjagd. Das nistet zweifellos ganz in der Nähe. Sobald ich mit der Kamera draußen bin, ist es weg. So geht das seit Wochen, aber mittlerweile sind wahrscheinlich die Jungen zu versorgen, und bei der Futtersuche wird das Elterntier unaufmerksam.

Ok, zuerst ist es noch hinter dem Zaun. Dann ist es auf der richtigen Seite vom Zaun aber hinter der Deutzie. Und zum Schluss komme ich doch noch zu meinem Foto. Auf unserer Seite schmecken die Spinnen halt doch am besten. Nach Wochen harter Arbeit ist das somit mein Beitrag zu den Rotkehlchenfotos. Aber objektiv betrachtet ist mein Exemplar natürlich das schönste von allen. Zumindest ist es sicher der Vogel, den ich immer beim Frühstück durchs Fenster sehe, denn Rotkehlchen halten sich an ihre Reviere, und das ist der Grund, warum ich dieses Exemplar immer zur gleichen Zeit an den gleichen Stellen bei der Jagd beobachten kann.

Unter Dach und Fach

Amselweibchen mit Nistmaterial

Der Beruf des Amselweibchens ist ja hauptsächlich eine sitzende Tätigkeit – der des Fotografen eine suchende. Für die Amsel ist deshalb der Nestbau eine willkommene Abwechslung, und für den Fotografen ist das eine gute Gelegenheit, sich die Suche zu sparen. Wenn die Amsel mit der ganzen Last zielstrebig auf den Querträger unter dem überstehenden Dachsparren zufliegt, dann ist dieses Jahr dort das Nest.

Es ist schon witzig, wie sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht, als wollte sie mir zeigen, wo sie nistet. Wenn sie mich dann von oben beim Fotografieren beobachtet, wirkt das zwar weniger entspannt, aber ich denke trotzdem, dass diese Form des Zusammenlebens so etwas wie eine Symbiose ist. Ich bekomme meine Fotos, und die Amsel hat einen wettergeschützten Platz, an den sich auch Fressfeinde nicht so leicht herantrauen. Es kommt ja immer wieder vor, dass kleinere Tiere neben ganz großen brüten, um vor den mittelgroßen geschützt zu sein. Und der Garten gehört auch aufgeräumt. Was da nach dem Winter noch alles herumliegt!

Mittlerweile ist die Amsel jedenfalls fertig und sitzt die meiste Zeit ruhig oben unter dem Dach. Das Fach gehört im Sprichwort übrigens nicht nur deshalb zum Dach, weil es sich reimt, sondern auch, weil es in diesem Fall Wand bedeutet. Man denke an das Fachwerk. Dach und Fach sind also das, was die schutzbedürftige Amsel gesucht hat: Wände mit einem Deckel drauf.

Variabler Frühlingsanfang

Krokus im Schnee

Der Frühlingsanfang ist ja bekanntlich Auslegungssache: Meteorologisch beginnt er am 1. März, astronomisch war die Tagnachtgleiche dieses Jahr am 20., phänologisch setzt der Vorfrühling mit den Schneeglöckchen ein, und persönlich ist mir sowieso bis weit in den Mai hinein noch kalt. Für mich hat das Jahr aber auch nur zwei Jahreszeiten: In der einen warte ich, dass es wärmer wird, und die zweite Hälfte des Jahres warte ich dann darauf, dass es wieder kälter wird.

Am Samstag fielen in Südkärnten gut fünf Zentimeter Neuschnee, der Sonntag begann mit knackigen minus sieben Grad unter Null, und so kämpften sich in der Früh die Krokusblüten nicht aus der Erde, sondern aus dem Schnee empor.

Krokus im Schnee

Nicht nur mir war das zu viel. Auch die Amsel, die letzte Woche noch voller Tatendrang im Schlamm nach Nistmaterial wühlte, fror sich stattdessen im Nussbaum einen Ast ab und stritt anscheinend mit ihrem Partner. Dabei war der diese Woche beim Frieren wenigstens mit von der Partie, während er sich beim Nestbau auch dieses Jahr wieder nicht beteiligte und stattdessen die letzten matschigen Äpfel vernichtete. Weil es ordentlich werden soll, baut Frau Amsel das Nest halt lieber allein.

Die echten Helden sind aber im Gartenteich zugange und es sind die Spring- und Grasfrösche. Während die Erdkröten letztes Jahr am 15. März bereits mit der Paarung beschäftigt waren, habe ich dieses Jahr noch keine einzige gesehen. Das ist nicht verwunderlich, denn die Wasseroberfläche ist nur am Tag eisfrei, während sie in der Nacht regelmäßig zufriert. Schwimmen ist da für nachtaktive Tiere nicht so leicht.

Die Grasfrösche haben vor mittlerweile mehr als zwei Wochen trotzdem das Kunststück fertig gebracht, den ersten Laichballen im Wasser zu platzieren, der dann am Morgen von einer zentimeterdicken Eisschicht bedeckt war. Nur die Harten kommen in den Gartenteich.

Die Paarung der Froschlurche ist übrigens Präzisionsarbeit und erfordert genaues Timing. Die auf dem letzten Foto sichtbare Gallerthülle dient nämlich nicht der Ernährung, sondern dem Schutz der Eier. Sie bildet sich im Laufe des ersten Tages durch Aufquellen. Unmittelbar nach der Eiablage ist diese Hülle noch durchlässig, und da muss die Befruchtung erfolgen, weil auch die Samenzellen einige Momente später nicht mehr durch die Gallerte dringen könnten. Umso erstaunlicher ist es, dass fast immer alle Froscheier zu Kaulquappen heranreifen. Selbst kurzzeitiges Einfrieren kann sie nicht stoppen.