Die übers Wasser laufen

Wasserläufer mit Beute

Ein Gartenteich ist nicht nur ein Lebensraum für Tiere, die im Wasser leben, auch die Oberfläche ist ein eigenes Habitat, das sich verschiedene Arten zunutze machen. Die bekannteste ist wahrscheinlich der Wasserläufer. Er zählt zu den Wanzen und verbringt fast sein ganzes Leben auf der Wasseroberfläche.

Wasserläufer

Durch Zusammenschlagen des hintersten Beinpaares kann er sich relativ schnell fortbewegen und über das Wasser gleiten. Großer Jäger ist er aber keiner. Seine Nahrung ist der ertrinkende Anflug – er ist quasi der Aasgeier des Gartenteichs und so wie die Vögel in der Wüste stürzt er sich in Gruppen auf seine Beute.

Acht Wasserläufer mit Falter

Vor lebenden Opfern hat er Respekt. Manchmal scharren sich mehrere Wasserläufer um eine Biene, die versucht ans rettende Ufer zu schwimmen. Vorsichtig lenken sie sie im Kreis, bis die Kräfte nachlassen. Anschließend wird sie verspeist.

Aktiver gehen die zahlreichen Spinnen vor, die am Ufer leben. Sie gleiten auch nicht auf dem Wasser, sie laufen in hüpfenden Bewegungen darüber hinweg. Das Prinzip ist aber das gleiche: Die Wasseroberfläche ist gefährlich, sie ist quasi ihr Netz und alles, was irrtümlich auf dem Wasser landet, wird an Land geholt und dort verspeist. Es wäre aber auch zu schade, wenn etwas verloren geht.

Spinne auf dem Wasser

Nicht jeder läuft hier

Reh zwischen Gräbern

Der Wiener Zentralfriedhof ist schon etwas ganz Besonderes. Er ist mit 2,5 km2 und 330.000 Gräbern nicht nur einer der größten Friedhöfe Europas, sondern auch ein einzigartiges Naherholungsgebiet am Rande der Stadt. Man muss ihn nicht per Gesetz als Naturschutzgebiet definieren, er ist für alle Ewigkeit letzte Ruhestätte und blühender Lebensraum zugleich.

Laufroute am ZentralfriedhofDie Wildtiere haben den Zentralfriedhof genauso selbstverständlich „zweckentfremdet“ wie zahlreiche Jogger, die hier seit Jahrzehnten zwischen den endlosen Grabreihen ihre Runden drehen. Die Friedhofsverwaltung hat dem Rechnung getragen und im März zwei neue Laufstrecken mit GPS ausgemessen und beschildert. Die gut gemeinte Geste hat den Verantwortlichen eine Beschwerde der Volksanwaltschaft eingetragen. Dort steht man auf dem Standpunkt, der Friedhof müsste als „Parkanlage“ oder „Sportplatz“ und somit als „Erholungsgebiet“ ausgewiesen sein, um Laufstrecken anbieten zu dürfen. Streng nach Josef Weinheber: „War net Wien, wenn net durt, wo ka Gfrett is, ans wurdt.“

Der Zentralfriedhof ist nicht irgendein Friedhof. Es gibt eine eigene Buslinie und mit Genehmigung kann man sogar mit dem Auto zum Grabbesuch fahren, so groß ist das Areal. Bis in die 1980er Jahre war hier sogar ein Jagdgebiet. Heute laufen nur noch die Jogger. Die Rehe bleiben einfach stehen. Wo andere ihre ewigen Jagdgründe verbringen, ist längst auch die ewige Schonzeit eingekehrt.

Mir persönlich ist die Position der Volksanwaltschaft ja egal. Ich laufe nicht, ich fotografiere nur, und ein Grab mit meinem Familiennamen drauf gibt es natürlich auch – diesen Bezug zum „Zentral“ hat wahrscheinlich jeder Bewohner dieser Stadt. Aber eines muss ich als regelmäßiger Besucher schon anmerken: Von den Joggern hat sich noch kein einziges meiner Fotomotive aufscheuchen lassen. Die stören hier nicht einmal die Rehe, nur die Volksanwaltschaft. Aber die Wiener Mentalität ist halt auch für Ewigkeit.

Ein beliebtes Versteck

Hausspatz

Unser Apfelbaum wird langsam hohl. In der Stammgabel hat sich eine Vertiefung gebildet, wo sich regelmäßig Wasser sammelt. Mittlerweile ist das Loch mehrere Zentimeter tief.

Der Platz ist ein beliebtes Versteck für Spinnen und Insekten. Beliebt ist die Stelle vor allem bei unseren Hausspatzen. Sie kontrollieren regelmäßig die Neuzugänge und schaffen sie weg.

Dass auf den Bildern ein Weibchen zu sehen ist, deutet schon an, warum der Futterbedarf plötzlich gestiegen ist, und die Geräusche, die aus dem Inneren des Nistkasten dringen, bestätigen es: Die erste Brut ist geschlüpft und will versorgt werden. Schon praktisch, dass unsere Hausspatzen mittlerweile Routine haben und ihr Revier kennen. Sie wissen, wo sie nach den passenden Leckerbissen suchen müssen.

Hausspatz

Neuzugang Braunfrösche

Grasfrosch

Bislang war alles, was in unserem Gartenteich ablaicht, eine Erdkröte. Es gibt sie hell, es gibt sie dunkel, manche sind glatter, andere warzig, das irritiert manchmal, aber am Ende kommen immer zwei lange Gallertschnüre mit unglaublich vielen schwarzen Eiern heraus. So laicht außer den Erdkröten keine andere Amphibienart.

Nach vier Jahren ist plötzlich alles anders. Unter den Amphibien ist die Artenvielfalt ausgebrochen. Zuerst habe ich die Springfrösche gehört aber nicht erkannt. Erst durch den Laich fielen sie mir auf. An einem alten Halm der Schwanenblume hafteten die Eier in Kugelform. Ein paar Tage später gesellte sich die Hinterlassenschaft der Grasfrösche hinzu. Ihre Laichkugeln, unten rechts abgebildet, finden sich im flachen Teil des Teichs. Mit der Zeit quillt die gallertige Masse auf, dadurch treibt sie an der Oberfläche und wärmt sich in der Sonne. Das verschafft dem Nachwuchs einen Startvorteil. Die Grasfrösche haben die Springfrösche mittlerweile überholt und ihre Kaulquappen haben früher zu schwimmen begonnen.

Gemeinsam mit dem Moorfrosch fasst man Springfrosch und Grasfrosch unter dem Begriff Braunfrösche zusammen, und das ist gut so. Den Laich und die Laute kann man unterscheiden – der Springfrosch schnarrt dezent mehrmals hintereinander während der Grasfrosch schnurrt wie eine laute Katze – die Frösche selber wirken für mich aber alle gleich. Die gestreiften Hinterbeine haben sie gemeinsam, aber untereinander sind sie schwer zu unterscheiden. Jedesmal, wenn ich mich nach dem Aussehen festgelegt habe, hat das Exemplar dann den falschen Ruf ausgestoßen, als hätte der Frosch einen Synchronsprecher dabei.

Wer es genau wissen will und in Tirol wohnt, kann sich übrigens bei der Universität Insbruck melden. Die haben dort ein Projekt, das mithilfe von Umwelt-DNA den Amphibienbesatz in Teichen anlysiert. Dafür muss man nur eine Wasserprobe einsenden. Mir reicht, dass die Artenvielfalt bei uns langsam zunimmt. Gemeinsam mit vereinzelten Molchen, die mir auch schon aufgefallen sind, machen Kröten und Frösche zusammen mindestens vier von 20 in Österreich lebenden Amphibienarten. Das ist viel mehr als ich beim Anlegen des Teichs erwartet hätte, schließlich sind einige Arten regelrechte Lebensraumspezialisten, die sich nie in unseren Garten verirren werden.

Und was an den Braunfröschen, Kröten und Molchen noch auffällt, ist ihre mangelnde Lautstärke. Sie sind extrem leise. Ihre Schallblasen sind innenliegend, und das ist nicht nur für unsere Nachtruhe sehr angenehm, sondern auch unlogisch. Es heißt, dass laichgewässertreue Arten keine außenliegenden Schallblasen brauchen, weil die Männchen ihre Weibchen nicht über weite Distanz rufen müssen. Dementsprechend müssten neue Gewässer zuerst von lautstarken Fröschen besiedelt werden. Bei uns war es aber genau umgekehrt. Die Erdkröten, die zuerst gekommen sind, hört man kaum, und auch das Quaken der Braunfrösche ist nicht viel lauter.

Für dieses Jahr ist die Laichzeit aber sowieso vorbei. Die nächsten Wochen gehören den Kaulquappen. In großen schwarzen Wolken werden ihre Schwärme den Teich durchpflügen. Allein den Laich der Erdkröten schätze ich auf 30.000 Eier, und das ist mehr, als wir jemals hatten. Diese Überfülle ist notwendig, weil die meisten Exemplare im Laufe ihrer Entwicklung einer Unzahl von Fressfeinden zum Opfer fallen. Und spätestens Anfang Juni, wenn die Temperaturen sommerlich werden und der Sauerstoffgehalt im Teich dadurch zurück geht, ist die Metamorphose abgeschlossen und der ganze Spuk mit einem Schlag wieder vorbei.

Manches wird nichts

Was lange währt, wird selten gut. Ich fertige jedes Jahr im Winter neue Röhrchen für unsere Mauerbienen an. Entweder mache ich diese Nisthilfen aus Pflanzenstängeln, oder ich bohre Löcher in Hartholz. Beide Methoden sind arbeitsaufwändig, und egal, wie viele Röhrchen ich auch fertige, im Frühling sind es dann trotzdem immer zu wenige.

Im Winter 2017/18 habe ich mir eine neue Konstruktion überlegt. Ich habe Buchenholzplatten mit Gewindestangen fest verschraubt und dann die Löcher an den Schnittstellen von der Seite hinein gebohrt. Der Vorteil ist, dass man nach dem Bohren die Platten wieder auseinander nehmen und die Röhrchen von Spänen befreien und innen sauber schleifen kann. Außerdem habe ich mir gedacht, dass ich sie später auf die gleiche Weise wieder reinigen kann. Leider hielten unsere Mauerbienen von dieser Konstruktion gar nichts. Wahrscheinlich waren die Platten doch nicht so plan aufeinander gepresst, wie ich gedacht hatte, und seitliche Spalten sind immer eine Eindringmöglichkeit für Parasiten. Ganze fünf Röhrchen wurden verstopft. Stattdessen füllten die Mauerbienen jeden Gartenschlauch, den sie finden konnten.

Die Witterung im Winter gab den Bienen recht. Das Holz verzog sich, und so habe ich die Konstruktion vor Beginn der Mauerbienen-Saison wieder zerlegt, um zu vermeiden, dass weitere Röhrchen belegt wurden.

Es ist für mich immer schwierig, einen Blog-Beitrag über einen Misserfolg zu schreiben, dabei wären vielleicht auch solche abschreckenden Beispiele sinnvoll, also habe ich mir gedacht, ich verbinde die Beschreibung der Fehlkonstruktion mit ein paar spektakulären Bildern aus dem Inneren einer Brutröhre. Die Aufnahmen waren allerdings mäßig. Dass die erste Kammer oft leer bleibt, ist keine tolle Erkenntnis, das mussten unsere Kohlmeisen schon vor Jahren beim Aufpecken frustriert feststellen. Und mit den tollen Aufnahmen von geöffneten Brutkammern, wie man sie aus Wildbienen-Büchern kennt, waren meine Fotos nicht vergleichbar. Also verwarf ich den Beitrag wieder und legte alles auf die Seite.

Gestern Nachmittag fiel mir auf, dass die ersten Bienen bereits geschlüpft waren. Und nicht nur das. Der nächste Kokon hatte auf der Seite ein Loch und die Biene darin schien sich zu bewegen. Ich fertigte ein Foto an und konnte tatsächlich ein Bein erkennen, das bereits herausgestreckt wurde.

Schlüpfende Gehörnte Mauerbiene #1

Als nächstes sah ich einen Fühler und ein Auge. Auch ihre Beißwerkzeuge, die Mandibel wurden sichtbar. Die Biene begann ihren Kopf aus dem Kokon zu strecken.

Schlüpfende Gehörnte Mauerbiene #2

Zuerst war ich ganz aufgeregt, um nur ja kein Foto zu versäumen, aber mit der Zeit wurde ich entspannter. Geburten dauern immer lange, auch wenn diese quasi ein Kaiserschnitt war, weil die Biene sich seitlich herauszwängen konnte und sich nicht auch noch durch die vor ihr liegende Kammer durchbeißen musste.

Ich holte mir einen Kaffee. Die Biene hatte es nicht eilig, sie zog sich während des Schlüpfprozesses immer wieder zurück und verfiel in Starre. Mittlerweile schritt der Nachmittag voran und es wurde auch langsam wieder kühler. Ich fürchtete schon, dass die Mauerbiene es an diesem Tag nicht mehr schaffen würde, doch dann schob sie auch noch einen zweiten Fühler durch die Öffnung, die Augen wurden sichtbar, und dann war der Kopf soweit durch, dass man eine männliche Gehörnte Mauerbiene identifizieren konnte.

Schlüpfende Gehörnte Mauerbiene #3

Sie sah direkt in die Kamera. Der erste Blick auf die Welt galt quasi mir. Es ist immer ein erhebendes Gefühl, eine Geburt mitzuerleben, und man weiß ja, wenn erst einmal der Kopf durch ist, kann nichts mehr passieren, dann ist der Rest eine Kleinigkeit. Man kann quasi schon den Sekt einkühlen, bei Menschen – nicht so bei Mauerbienen. Das kleine Kerlchen zog sich wieder in seinen Kokon zurück und verharrte für den Rest des Nachmittags bewegungslos.

Schlüpfende Gehörnte Mauerbiene #4

Nur ein Fühler und ein Auge linsten noch durch das Loch. Der erste Aufbruch wurde auf einen der nächsten Tage verschoben, wenn kein lästiger Fotograf vor der Brutkammer wartet. So eine Biene liegt aber auch fast ein Jahr fertig verpuppt in ihrem Kokon. Da kommt es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht an. Ich werde den entscheidenden Moment jedenfalls nicht mitbekommen. Eine 40-Stunden-Woche und mangelnde Geduld hindern mich daran.

Vor eineinhalb Jahren habe ich diese Konstruktion entworfen und darüber nachgedacht, wie ich sie in einem Blog-Beitrag präsentieren kann. Die Mauerbienen haben letztes Jahr die Annahme verweigert, aber ich habe nicht aufgegeben. Die ersten Bilder der zerlegten Röhren waren zwar eine Enttäuschung, aber dann, als sich doch noch ein Happy End abzeichnete – das Schlüpfen einer Mauerbiene, die Entfaltung der Flügel, der erste Abflug – ist die Biene zu faul den nächsten Schritt zu tun und legt sich einfach wieder hin. Man kann im Leben machen, was man will: Manches wird halt nichts!