Die Königin

Ringelnatter

Als ich vor über vier Jahren den Teich angelegt habe, dachte ich natürlich auch darüber nach, welche Tiere sich hier ansiedeln könnten. Ich hoffte auf Kröten, Frösche und Molche und überlegte mir, dass die Krönung wohl eine Ringelnatter wäre. Sie steht am obersten Ende der Nahrungspyramide, und mit ihr wäre die Besiedelung abgeschlossen.

Tatsächlich kamen nach dem ersten Winter bereits die Kröten, und ein Jahr darauf sah ich eine kleine Ringelnatter – deutlich erkennbar an den hellen Nackenflecken, die wie ein Krönchen aussehen. Sie war nicht viel länger als ein Bleistift. Auch im Jahr darauf besuchte uns so eine junge Schlange. Beide waren wahrscheinlich erst im Vorjahr geschlüpft.

Das Exemplar auf den Fotos vom Pfingstmontag ist deutlich größer. Ich schätze es auf 40 Zentimeter. Sie ist eigentlich nicht scheu. Fotografieren ließ sie sich trotzdem nur schwer. Es ist nicht einfach, etwas bildlich darzustellen, was so lang und dünn ist.

Wie weit die Schlange an Menschen gewöhnt ist, weiß ich nicht. Ich bin am Nachmittag jedenfalls schwimmen gegangen, und sie hat sich von mir nicht stören lassen. Wir hatten wahrscheinlich beide eine ähnliche Motivation das Wasser aufzusuchen: Abkühlung. Die wechselwarmen Reptilien regeln durch ihre Umgebung die Körpertemperatur, und wegen mir wollte die Schlange den kühlenden Teich nicht verlassen.

Ringelnatter

Dass sie sich dauerhaft ansiedeln wird, glaube ich nicht. Dafür ist unser Teich zu klein. Aber im Moment fühlt sie sich bei uns wohl. Was mich dabei besonders überrascht: Irgendwie träge ist dieses Reptil gar nicht. Sobald die Sonne heraußen ist und die Temperaturen steigen, kann man sie im Wasser beobachten, wie sie alle Ritzen und Steine nach Fressbarem absucht.

 

Ein amerikanischer Albtraum

Rotwangen-Schmuckschildkröte

Keine Sorge, ich bin jetzt nicht unter die Literaturbesprecher gegangen, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Außerdem ist die Underworld Trilogie von James Ellroy zwar gut aber alt. Das hier ist eine aktuelle Feiertagshorrorgeschichte mit versöhnlichem Ausklang.

Wir haben uns zu Christi Himmelfahrt ein üppiges Mittagessen im Gasthaus gegönnt. Anschließend war ein Kontrollgang mit übervollem Magen durch den Garten angesagt. Die letzten Tage hatte es reichlich geregnet, und das Wetter war immer noch ausgesprochen schlecht – kalt, grau und zeitweise getröpfelt hat es auch.

Irgendetwas am Teich passte mir nicht. Mir fehlten Kaulquappen. Außerdem trieben abgerissene Seerosenblätter auf dem Wasser. Und dann war da eine Bewegung, die nicht hierher gehörte. Ein Schatten sah aus wie eine übergroße Kröte. Was war das? Es gibt Dinge, die sieht man, will sie aber nicht wahrhaben, weil sie unmöglich sind: Zwischen den Halmen der Seerose saß in unserem Gartenteich eine Schildkröte von gut 20 Zentimeter Länge!

Frau (aufgeregt): Die muss raus!
Ich: Und? Wohin? In die Suppe?
Frau (bestimmt): Warum nicht? Die muss jedenfalls raus, und zwar sofort!

Was frau sich einbildet, hat zu geschehen. Normalerweise unterwerfe ich mich und gehorche. Diesmal war ich zu langsam. Sie schnappte sich unsere billigen, für das Vorhaben viel zu filigranen Kescher, platzierte einen links, einen rechts der Schildkröte, zog das Vieh Richtung Rand und rief: Schnapp sie dir, schnell!

Wie gesagt, normalerweise gehorche ich, wenn frau mir etwas sagt. Aber nicht, wenn ich nach dem Mittagessen mit vollem Bauch in der Kälte am Teichrand stehe und sie mir anschafft, ich soll ein wildes Tier unbekannter Provenienz mit bloßen Händen aus dem saukalten Wasser holen.

Also machte sie es selbst. Aber nicht richtig. Wahrscheinlich weil sie mir im Jagdfieber parallel mitteilen musste, was sie gerade von meinem Zögern hielt. Der Teil war leider nicht jugendfrei. Vielleicht auch, weil die Schildkröte eine Wasserschildkröte und folglich in ihrem Element war. Jedenfalls war das Ding weg und die Bluse bis zu den Ellbogen nass.

Ich war noch trocken, kam aber zu diesem Zeitpunkt der Geschichte auch nicht wirklich gut weg, also flüchtete ich mich in Gedanken: Gelbwangen- oder Rotwangen-Schmuckschildkröte? Kann man die in einem Zoo abgeben? Wer hat die ausgesetzt? Auf einer Panikskala zwischen eins und zehn: Sind wir schon jenseits der sieben oder besteht noch eine Chance, dass wir aus diesem Schlamassel heil herauskommen?

In meiner Verzweiflung versuchte ich es mit Wunschdenken und trottete zur Nachbarin. Im Idealfall war das Reptil einfach nur ausgerissen und wurde schon wo vermisst. Nach einem kleinen Rundruf bahnte sich auch eine Lösung an: Ein paar Häuser weiter war ein kleiner Teich seit zehn Jahren das eigentliche Domizil dieser Rotwangen-Schmuckschildkröte. Bislang war sie immer brav und sesshaft, und sie wurde auch bereits verzweifelt gesucht. Jetzt mussten wir sie nur noch aus dem Wasser bekommen, aber das gelang uns trotz gemeinsamer Anstrengungen nicht. Unser Teich hat einen Durchmesser von acht Metern und eine Tiefe von über eineinhalb. Sich da zu verstecken, ist für eine Wasserschildkröte ein Leichtes, außerdem begann es wieder zu regnen, also verschoben wir die Aktion auf später und genehmigten uns in der Küche einen Kaffee.

Ich konnte das Tier dann etwas später in aller Ruhe ganz leicht allein einfangen. Man muss nur wissen, wie es geht. Ein Kescher vorn, ein Kescher hinten. Fühlt sie sich bedroht, zieht die Schildkröte die Gliedmaßen ein. Den wehrlosen Panzer kann man leicht raus ziehen und in einen Kübel packen.

Zuhause wurde sie schon verzweifelt erwartet. Gleich morgen kommt ein kleiner Zaun rund um den Teich, damit das nicht noch einmal passiert. Und dann bekam das arme, halbverhungerte Tier auch noch eine Protion Leckerli. Dass die sich bei uns im Gartenteich wahrscheinlich eine halbe Jahresration Kaulquappen einverleibt hatte, bis der Panzer über der Wampe spannte, war nicht beizubringen. Ist auch egal. Hauptsache, das Drama hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Den Teilverlust wird die Amphibienpopulation wegstecken können, solange der Übeltäter nicht dauerhaft bleibt.

Man liest viel über die Auswirkungen eingeschleppter Arten. Die in den USA und Mexiko beheimateten Rotwangen-Schmuckschildkröten waren mir aus Wiener Parks durchaus ein Begriff. Im Floridsdorfer Wasserpark oder im Dehnepark sind sie eigentlich niedlich anzusehen, und in meinem Bildarchiv findet sich das eine oder andere Foto, wie sie sich genüsslich auf einem Baumstamm sonnen.

In einem kleinen Gartenteich kommt ein mehrstündiger Aufenthalt eines einzelnen Exemplars aber bereits einer mittleren Katastrophe gleich, und ich bin wirklich froh, dass die Geschichte noch einmal glimpflich ausgegangen ist.

Die ersten Libellen

Frühe Adonislibelle

Die Frühe Adonislibelle macht ihrem Namen alle Ehre, sie ist immer schon einen Ticken vor dem ersten Plattbauch und den Azurjungfern unterwegs und markiert den Beginn der Libellensaison. Das linke Bild stammt vom ersten Mai, das rechte Bild vom 16. Juni letzten Jahres. Man kann sehr schön erkennen, dass sich die frisch geschlüpfte Libelle noch kräftiger färben wird, bevor sie im Juni zum Ablaichen an den Teich zurückkehrt.

Adonislibelle heißt sie übrigens nicht nur, weil sie schön ist. Als Aphrodite den Tod des Adonis beweinte, haben ihre Tränen kleine Röschen wachsen lassen, und das Blut des Adonis hat diese rot gefärbt. Analog zu den Adonisröschen tragen die Adonislibellen wegen ihrer rot-schwarzen Färbung den Namen des griechischen Schönlings.

Es gab Zeiten, da hat man Pflanzen und Tiere noch nach der griechischen Mythologie benannt. Das System war aber zu aufwändig und hat sich nicht gehalten, die Späte Adonislibelle heißt ganz profan auch Scharlachlibelle. Dass beide Namen auf die rote Farbe anspielen, ist übrigens kein Zufall. Sie erlaubt eine eindeutige Bestimmung, denn unter den Kleinlibellen gibt es bei uns nur diese zwei Arten in Rot. Die Späte Adonislibelle hat auch noch rote Beine, während sie bei der Frühen Adonislibelle schwarz sind. Man kann es auf den Fotos sehr schön sehen. Ich wünschte, Libellen zu bestimmen wäre immer so einfach.

Die übers Wasser laufen

Wasserläufer mit Beute

Ein Gartenteich ist nicht nur ein Lebensraum für Tiere, die im Wasser leben, auch die Oberfläche ist ein eigenes Habitat, das sich verschiedene Arten zunutze machen. Die bekannteste ist wahrscheinlich der Wasserläufer. Er zählt zu den Wanzen und verbringt fast sein ganzes Leben auf der Wasseroberfläche.

Wasserläufer

Durch Zusammenschlagen des hintersten Beinpaares kann er sich relativ schnell fortbewegen und über das Wasser gleiten. Großer Jäger ist er aber keiner. Seine Nahrung ist der ertrinkende Anflug – er ist quasi der Aasgeier des Gartenteichs und so wie die Vögel in der Wüste stürzt er sich in Gruppen auf seine Beute.

Acht Wasserläufer mit Falter

Vor lebenden Opfern hat er Respekt. Manchmal scharren sich mehrere Wasserläufer um eine Biene, die versucht ans rettende Ufer zu schwimmen. Vorsichtig lenken sie sie im Kreis, bis die Kräfte nachlassen. Anschließend wird sie verspeist.

Aktiver gehen die zahlreichen Spinnen vor, die am Ufer leben. Sie gleiten auch nicht auf dem Wasser, sie laufen in hüpfenden Bewegungen darüber hinweg. Das Prinzip ist aber das gleiche: Die Wasseroberfläche ist gefährlich, sie ist quasi ihr Netz und alles, was irrtümlich auf dem Wasser landet, wird an Land geholt und dort verspeist. Es wäre aber auch zu schade, wenn etwas verloren geht.

Spinne auf dem Wasser

Neuzugang Braunfrösche

Grasfrosch

Bislang war alles, was in unserem Gartenteich ablaicht, eine Erdkröte. Es gibt sie hell, es gibt sie dunkel, manche sind glatter, andere warzig, das irritiert manchmal, aber am Ende kommen immer zwei lange Gallertschnüre mit unglaublich vielen schwarzen Eiern heraus. So laicht außer den Erdkröten keine andere Amphibienart.

Nach vier Jahren ist plötzlich alles anders. Unter den Amphibien ist die Artenvielfalt ausgebrochen. Zuerst habe ich die Springfrösche gehört aber nicht erkannt. Erst durch den Laich fielen sie mir auf. An einem alten Halm der Schwanenblume hafteten die Eier in Kugelform. Ein paar Tage später gesellte sich die Hinterlassenschaft der Grasfrösche hinzu. Ihre Laichkugeln, unten rechts abgebildet, finden sich im flachen Teil des Teichs. Mit der Zeit quillt die gallertige Masse auf, dadurch treibt sie an der Oberfläche und wärmt sich in der Sonne. Das verschafft dem Nachwuchs einen Startvorteil. Die Grasfrösche haben die Springfrösche mittlerweile überholt und ihre Kaulquappen haben früher zu schwimmen begonnen.

Gemeinsam mit dem Moorfrosch fasst man Springfrosch und Grasfrosch unter dem Begriff Braunfrösche zusammen, und das ist gut so. Den Laich und die Laute kann man unterscheiden – der Springfrosch schnarrt dezent mehrmals hintereinander während der Grasfrosch schnurrt wie eine laute Katze – die Frösche selber wirken für mich aber alle gleich. Die gestreiften Hinterbeine haben sie gemeinsam, aber untereinander sind sie schwer zu unterscheiden. Jedesmal, wenn ich mich nach dem Aussehen festgelegt habe, hat das Exemplar dann den falschen Ruf ausgestoßen, als hätte der Frosch einen Synchronsprecher dabei.

Wer es genau wissen will und in Tirol wohnt, kann sich übrigens bei der Universität Insbruck melden. Die haben dort ein Projekt, das mithilfe von Umwelt-DNA den Amphibienbesatz in Teichen anlysiert. Dafür muss man nur eine Wasserprobe einsenden. Mir reicht, dass die Artenvielfalt bei uns langsam zunimmt. Gemeinsam mit vereinzelten Molchen, die mir auch schon aufgefallen sind, machen Kröten und Frösche zusammen mindestens vier von 20 in Österreich lebenden Amphibienarten. Das ist viel mehr als ich beim Anlegen des Teichs erwartet hätte, schließlich sind einige Arten regelrechte Lebensraumspezialisten, die sich nie in unseren Garten verirren werden.

Und was an den Braunfröschen, Kröten und Molchen noch auffällt, ist ihre mangelnde Lautstärke. Sie sind extrem leise. Ihre Schallblasen sind innenliegend, und das ist nicht nur für unsere Nachtruhe sehr angenehm, sondern auch unlogisch. Es heißt, dass laichgewässertreue Arten keine außenliegenden Schallblasen brauchen, weil die Männchen ihre Weibchen nicht über weite Distanz rufen müssen. Dementsprechend müssten neue Gewässer zuerst von lautstarken Fröschen besiedelt werden. Bei uns war es aber genau umgekehrt. Die Erdkröten, die zuerst gekommen sind, hört man kaum, und auch das Quaken der Braunfrösche ist nicht viel lauter.

Für dieses Jahr ist die Laichzeit aber sowieso vorbei. Die nächsten Wochen gehören den Kaulquappen. In großen schwarzen Wolken werden ihre Schwärme den Teich durchpflügen. Allein den Laich der Erdkröten schätze ich auf 30.000 Eier, und das ist mehr, als wir jemals hatten. Diese Überfülle ist notwendig, weil die meisten Exemplare im Laufe ihrer Entwicklung einer Unzahl von Fressfeinden zum Opfer fallen. Und spätestens Anfang Juni, wenn die Temperaturen sommerlich werden und der Sauerstoffgehalt im Teich dadurch zurück geht, ist die Metamorphose abgeschlossen und der ganze Spuk mit einem Schlag wieder vorbei.