Die Klettermeister

Libellen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens als Larve im Wasser. Die Atmung erfolgt über Kiemen, die sich entweder am Hinterende oder im Enddarm befinden. Bei der letzten Häutung durchlaufen die Tiere eine seltsame Metamorphose. Die Larve klettert aus dem Wasser und aus ihr schlüpft das fertige Insekt, um sich am Ende der Prozedur in die Luft zu erheben. Es ist wie ein seltsamer Triathlon: Schwimmen, Klettern, Fliegen.

Wenn ich daran denke, wie mühsam es oft ist, sich nach längerem Schwimmen aus dem Becken zu hieven, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie die Libelle diese Belastung meistert: Zuerst verliert sie den Auftrieb des Wassers, und anschließend überwindet sie auch noch die Schwerkraft und erhebt sich in die Luft. Die Natur hat sie mit drei verschiedenen Fortbewegungsarten ausgestattet, von denen sie eine eigentlich nur kurz vor ihrer letzten Häutung ausübt: Das Klettern über Land.

Dabei entwickeln manche Arten wie die Plattbauchlibelle gerade bei dieser ersten Klettertour einen ungeheuren Eifer. Die leeren Häutungshemden haften oft viele Meter vom Teich entfernt hoch über dem Boden an Gebäudeteilen oder Pflanzen. Die Libelle auf dem folgenden Bild hat einen Weg von mehreren Metern zurück gelegt, um den Platz ihrer Wahl zu finden:

Plattbauch Wanderweg

Warum tut sie sich das an? In dieser Phase ihres Lebens muss sie lernen, die Sauerstoffversorgung von Wasser- auf Landatmung umzustellen. Auch die Häutung erfordert viel Kraft. Also warum dann diese zusätzliche Belastung? Und woher nimmt sie die Geschicklichkeit?

Klettern und kleinere Wege über Land zurück legen können Plattbauchlibellen schon, bevor sie sich der Phase ihrer letzten Häutung nähern. Diese Libellenlarven sind keine großen Schwimmer, sie sehen eher aus wie Spinnen und kriechen die meiste Zeit versteckt durch den Schlamm. Hier lauern sie auf ihre Beute. Entfernt man Algen oder Pflanzenteile aus dem Wasser, hat man fast immer eine Plattbauchlarve dabei. Legt man sie dann neben den Teich, wandert sie so geschickt und zielstrebig wieder ins Wasser, dass man kaum zum Fotografieren kommt:

Plattbauch-Larve

Libellen haben kein Puppenstadium. Sie verändern sich nicht so radikal wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird. Trotzdem dauert die letzte Häutung länger und ist deutlich mühsamer als die vorhergehenden. Aus der relativ kleinen Hülle schlüpft ein großes, fertiges Insekt mit beeindruckender Flügelspannweite. Die Flügel sind zunächst klein zusammen gelegt, ihre Adern werden erst langsam mit Luft gefüllt, so breiten sie sich zu ihrer endgültigen Größe aus, und am Ende müssen sie noch luftgetrocknet und gehärtet werden, bis die fertige Libelle endlich startklar ist.

Plattbauch Larvengröße

Der gesamte Vorgang kann bis zu 24 Stunden in Anspruch nehmen. In dieser Zeit ist die Libelle völlig wehrlos. Oft findet man am Morgen nur noch die Flügel. Die schmecken unserem Igel nicht. Der restliche Körper liefert gute Proteine. Und das ist der Grund, warum manche Libellenlarven den langen Kletterweg auf sich nehmen. Wahrscheinlich ist das Insekt in keiner Phase seines Lebens so verletzlich wie bei dieser letzen Häutung.

Es ist auch nicht so leicht, mit den neuen Gliedmaßen zurecht zu kommen. Selbst eine Libelle muss das Fliegen erst lernen. Das Exemplar vom Titelfoto, das sich in der rötlichen Morgensonne fotografieren hat lassen, tat sich mit dem Losfliegen schwer. Es landete nervös im Staub. Da daneben Spinnweben hingen, habe ich die Libelle auf den Zeigefinger genommen und in die Luft gehalten. Die Flügel schienen gerade. Manchmal entfalten sie sich nicht richtig und das Insekt ist dann flugunfähig. Aber diese Libelle hatte nichts. Mit dem nächsten Luftzug erhob sie sich und flog ganz gerade dahin. Am Apfelbaum vorbei gegen den Himmel. Ungefähr zehn Meter. Dort erblickte sie ein Vogel, ich denke, es war ein Spatz, aber gegen das Licht konnte ich es nicht genau sehen, er hielt im Flug inne, vollführte eine rasche Kurve und schnappte sich sein Opfer aus der Luft.

Ich stand nur ungläubig da und dachte mir: Hätte ich mich nur nicht eingemischt. Auf der anderen Seite: Es sind noch genug Larven im Teich und die Singvögel brauchen um diese Zeit auch reichlich Proteine.

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