Reich mir die Hand

Erdkröte mit Hand

Vorab muss ich etwas klarstellen: Für diesen Beitrag wurde kein Tier zu irgend etwas gezwungen – wenn man von mir absieht. Beim ersten Mal musste ich mich schon ein bisschen zwingen, der Kröte die Hand zu geben. Vor allem, wenn man weiß, was sich die kleinen Klammeraffen denken, während sie hingebungsvoll die Augen schließen: Ich hab‘ so ein Glück. Das ist die fetteste Braut vom ganzen Teich, und gerade die krieg‘ ich ab.

Erdkröten sind sehr scheue, nachtaktive Wesen. An Land verhalten sie sich unauffällig, und im Wasser tauchen sie sofort weg, wenn man sich nähert. Nur einmal im Jahr gehen ihnen die Sicherungen durch. Und da die Männchen am Laichgewässer in der Überzahl sind, klammern sie sich an allem fest, was sich nicht wehrt und irgendwie einer weiblichen Kröte ähnelt. So viel zu meinem Erscheinungsbild.

Man muss nur die Hand ins Wasser halten, schon schwimmt ein Erdkrötenmännchen auf einen zu. Charmant und zaghaft berührt es einen zuerst mit den vorderen Gliedmaßen, und wenn man die Hand nicht zurück zieht, greift es schnell zu. Man will sich die Eroberung im letzten Moment ja nicht durch einen Kollegen abspenstig machen lassen.

Natürlich wissen die Kröten, dass meine Hand nur ein notdürftiger Ersatz ist, und nach einem kurzen Moment lassen sie auch wieder los. Sobald sie wieder nüchtern sind, ist ihnen die ganze Aktion wahrscheinlich peinlich. Aber während die Hormone hochkochen, ist so eine Erdkröte halt auch nur ein Mensch.

Unter Dach und Fach

Amselweibchen mit Nistmaterial

Der Beruf des Amselweibchens ist ja hauptsächlich eine sitzende Tätigkeit – der des Fotografen eine suchende. Für die Amsel ist deshalb der Nestbau eine willkommene Abwechslung, und für den Fotografen ist das eine gute Gelegenheit, sich die Suche zu sparen. Wenn die Amsel mit der ganzen Last zielstrebig auf den Querträger unter dem überstehenden Dachsparren zufliegt, dann ist dieses Jahr dort das Nest.

Es ist schon witzig, wie sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht, als wollte sie mir zeigen, wo sie nistet. Wenn sie mich dann von oben beim Fotografieren beobachtet, wirkt das zwar weniger entspannt, aber ich denke trotzdem, dass diese Form des Zusammenlebens so etwas wie eine Symbiose ist. Ich bekomme meine Fotos, und die Amsel hat einen wettergeschützten Platz, an den sich auch Fressfeinde nicht so leicht herantrauen. Es kommt ja immer wieder vor, dass kleinere Tiere neben ganz großen brüten, um vor den mittelgroßen geschützt zu sein. Und der Garten gehört auch aufgeräumt. Was da nach dem Winter noch alles herumliegt!

Mittlerweile ist die Amsel jedenfalls fertig und sitzt die meiste Zeit ruhig oben unter dem Dach. Das Fach gehört im Sprichwort übrigens nicht nur deshalb zum Dach, weil es sich reimt, sondern auch, weil es in diesem Fall Wand bedeutet. Man denke an das Fachwerk. Dach und Fach sind also das, was die schutzbedürftige Amsel gesucht hat: Wände mit einem Deckel drauf.

Verkehrte Temperatur

Bei uns fiel Anfang Dezember Schnee, und der blieb bis in den März hinein liegen. Auch der Gartenteich war mehr als drei Monate durchgehend tragfähig zugefroren. So Winter wie diesen Winter war schon lange nicht mehr Winter. Dementsprechend wenig war im Garten los. Alles ruhte unter einer dicken, weißen Schicht, wie auf folgendem Bild zu sehen ist:

Reh im Garten

Dieses Foto habe ich durchs Fenster aufgenommen. Ich kenne einige Leute, die regelmäßig Rehe im eigenen Garten sehen, aber die wohnen am Waldrand und haben keinen Zaun rund ums Grundstück. Unser Garten ist mitten in Dorf. Und dann steht da plötzlich zu Mittag ein Reh und knabbert an unseren Rosen. Das zweite Foto war das erste und ist wegen dem Fliegengitter technisch misslungen, aber es gibt die Situation realistischer wieder:

Reh im Garten

Wer genau schaut, sieht rechts oben die Füße einer Person, die auf Nachbars Terrasse sitzt. Und über den Zaun muss das Reh gekommen und zehn Minuten später auch wieder gegangen sein. Was tut man nicht alles auf der Suche nach Nahrung, wenn der Winter lang ist.

Ich habe übrigens nur Fotos durchs Fenster. Der Garten ist nicht groß genug für uns zwei. Dieses Reh hatte eine Fluchtdistanz, die deutlich größer war als unser Garten lang. Wir haben im Haus gewartet, bis es in Ruhe wieder verschwunden ist. Zurück blieben nur ein paar Spuren im Schnee.

Und wenn jetzt jemand fragt, ob wir vom Klimawandel ausgenommen sind: Auch bei uns war dieser Winter einer der wärmsten in der Aufzeichnungsgeschichte. Des Rätsels Lösung, wie das zusammen passt, ist konsequente Inversionswetterlage im Klagenfurter Becken. Auf dem Berg war es oft bis zu 20 Grad wärmer als im Tal. Ich konnte das selbst auf einer nächtlichen Fahrt über die Pack beobachten. Oben zeigte das Thermometer plus zehn Grad und unten minus sieben. Dazwischen lagen 30 Kilometer horizontal und 600 Meter vertikal.

Wenn der Wind die kalte Luft nicht aus dem Becken treibt, bildet sich oben eine Dunstschicht, die die gesamte Sonneneinstrahlung reflektiert. Der Talboden wärmt sich nicht, und so hatten wir einen Winter mit durchgängigen Minustemperaturen. Zu Silvester ging beispielsweise eine Warmfront übers Land, in Wien hatte es 17 Grad, bei uns knapp unter Null. Rundum spielte das Wetter verrückt, und wir hatten Winterpause. Aber wenigstens hat der kalte, graue Winter unter der Schneedecke den Rosen gut getan.

Kaisermantelpaarung

Kaisermantelpaarung

Der Kaisermantel ist ein Schmetterling, der mir nicht oft, aber dafür jedes Jahr im Garten begegnet, und so, wie es ausschaut, wird das auch nächstes Jahr so sein. Die beiden Falter, die mir letzte Woche vor die Nase geflogen sind, haben sich jedenfalls redlich bemüht, dass meine Freude an diesen Geschöpfen auch in Zukunft gewahrt bleibt.

Hätten die Tiere während der Paarung nicht so eine große Fluchtdistanz, wären sie mir gar nicht aufgefallen, aber da ich sie im Vorbeigehen aufgeschreckt habe, konnte ich sie gar nicht übersehen – zu groß und auffällig war dieses flatternde Tandem aus ineinander verhakten Faltern.

Das Weibchen ist mir am nächsten Tag noch einmal begegnet, als es sich auf dem Sonnenhut verköstigte. Zumindest nehme ich an, dass es dasselbe Exemplar war, denn allzu viele Kaisermäntel haben wir auch wieder nicht. Leider sind die Aufnahmen, wo das Männchen die Flügel öffnet, unscharf geworden. Aber das macht nichts, so bleibt mir eine Aufgabe für nächstes Jahr, wo ich dann ihre Nachkommen fotografieren werde. Da diese Schmetterlinge nur in einer Generation fliegen, sieht man hier quasi den Anfang der nächstjährigen Schmetterlingspopulation.

Stridulation einer Feldgrille

Männliche Feldgrille

Normalerweise sitzen die männlichen Feldgrillen relativ verschämt vor ihrem Bau. Der frei gelegte Platz lässt auch kaum mehr zu. Dementsprechend sieht man immer nur einen Teil des Tiers, der Rest ist hinter Gras oder durch den Baueingang verborgen.

Nicht so das Exemplar hier. Unser Freund, weiß, dass es auf die Größe ankommt. Er hat eine breite Schneise leer geräumt, und man hört ihn laut und deutlich quer durch den Garten zirpen, oder – wie es in dem Film „This is Spinal Tap“ über einen Gitarrenverstärker heißt – „This one goes to eleven, it’s one louder!“

Wenn er nicht gefressen wird, müsste seine Taktik eigentlich von Erfolg gekrönt sein. Ich wünsche ihm trotzdem nicht wirklich viel Glück dabei, weil wenn er sein musikalisches Geschick weitergibt, haben wir nächstes Jahr eine etwas lautere Generation in unserem Garten.

Aber wenn er schon so eine große Bühne angelegt hat, dann will ich sie wenigstens nützen, um einen kurzen Auftritt herzuzeigen. Dass er dabei zunächst verkehrt heraus kommt, ist nicht die Regel, aber es ermöglicht gleich zu Beginn einen genauen Blick unter die aufgestellten Flügel. Der rechte liegt bei allen Exemplaren oben. Er hat eine Leiste mit vielen kleinen Zähnchen, die er über die Kante des linken Flügels zieht. Dadurch entsteht der Klang. Für mehr sind die Flügel übrigens nicht gut. Fliegen können Feldgrillen nicht.