Harte Arbeit

Rotkehlchen

Meinem Gefühl nach sind Rotkehlchenfotos die Katzenvideos der Wildtierbeobachtung. Man könnte glauben, auf jedem Spaziergang wartet ein neugieriges Rotkehlchen, um fotografiert zu werden. Wie das funktioniert, ist mir schleierhaft, denn in unserem Garten wohnen solche Rotkehlchen nicht. Wenn eines posiert, ist es auf der Durchreise. Ortsansässig gibt es nur zwei: Das dominante und das zur Paarung geduldete, und beide sind scheu.

Seit Winterende sehe ich jeden Morgen durchs Fenster ein Rotkehlchen bei der Ansitzjagd. Das nistet zweifellos ganz in der Nähe. Sobald ich mit der Kamera draußen bin, ist es weg. So geht das seit Wochen, aber mittlerweile sind wahrscheinlich die Jungen zu versorgen, und bei der Futtersuche wird das Elterntier unaufmerksam.

Ok, zuerst ist es noch hinter dem Zaun. Dann ist es auf der richtigen Seite vom Zaun aber hinter der Deutzie. Und zum Schluss komme ich doch noch zu meinem Foto. Auf unserer Seite schmecken die Spinnen halt doch am besten. Nach Wochen harter Arbeit ist das somit mein Beitrag zu den Rotkehlchenfotos. Aber objektiv betrachtet ist mein Exemplar natürlich das schönste von allen. Zumindest ist es sicher der Vogel, den ich immer beim Frühstück durchs Fenster sehe, denn Rotkehlchen halten sich an ihre Reviere, und das ist der Grund, warum ich dieses Exemplar immer zur gleichen Zeit an den gleichen Stellen bei der Jagd beobachten kann.

Unter Dach und Fach

Amselweibchen mit Nistmaterial

Der Beruf des Amselweibchens ist ja hauptsächlich eine sitzende Tätigkeit – der des Fotografen eine suchende. Für die Amsel ist deshalb der Nestbau eine willkommene Abwechslung, und für den Fotografen ist das eine gute Gelegenheit, sich die Suche zu sparen. Wenn die Amsel mit der ganzen Last zielstrebig auf den Querträger unter dem überstehenden Dachsparren zufliegt, dann ist dieses Jahr dort das Nest.

Es ist schon witzig, wie sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht, als wollte sie mir zeigen, wo sie nistet. Wenn sie mich dann von oben beim Fotografieren beobachtet, wirkt das zwar weniger entspannt, aber ich denke trotzdem, dass diese Form des Zusammenlebens so etwas wie eine Symbiose ist. Ich bekomme meine Fotos, und die Amsel hat einen wettergeschützten Platz, an den sich auch Fressfeinde nicht so leicht herantrauen. Es kommt ja immer wieder vor, dass kleinere Tiere neben ganz großen brüten, um vor den mittelgroßen geschützt zu sein. Und der Garten gehört auch aufgeräumt. Was da nach dem Winter noch alles herumliegt!

Mittlerweile ist die Amsel jedenfalls fertig und sitzt die meiste Zeit ruhig oben unter dem Dach. Das Fach gehört im Sprichwort übrigens nicht nur deshalb zum Dach, weil es sich reimt, sondern auch, weil es in diesem Fall Wand bedeutet. Man denke an das Fachwerk. Dach und Fach sind also das, was die schutzbedürftige Amsel gesucht hat: Wände mit einem Deckel drauf.

Variabler Frühlingsanfang

Krokus im Schnee

Der Frühlingsanfang ist ja bekanntlich Auslegungssache: Meteorologisch beginnt er am 1. März, astronomisch war die Tagnachtgleiche dieses Jahr am 20., phänologisch setzt der Vorfrühling mit den Schneeglöckchen ein, und persönlich ist mir sowieso bis weit in den Mai hinein noch kalt. Für mich hat das Jahr aber auch nur zwei Jahreszeiten: In der einen warte ich, dass es wärmer wird, und die zweite Hälfte des Jahres warte ich dann darauf, dass es wieder kälter wird.

Am Samstag fielen in Südkärnten gut fünf Zentimeter Neuschnee, der Sonntag begann mit knackigen minus sieben Grad unter Null, und so kämpften sich in der Früh die Krokusblüten nicht aus der Erde, sondern aus dem Schnee empor.

Krokus im Schnee

Nicht nur mir war das zu viel. Auch die Amsel, die letzte Woche noch voller Tatendrang im Schlamm nach Nistmaterial wühlte, fror sich stattdessen im Nussbaum einen Ast ab und stritt anscheinend mit ihrem Partner. Dabei war der diese Woche beim Frieren wenigstens mit von der Partie, während er sich beim Nestbau auch dieses Jahr wieder nicht beteiligte und stattdessen die letzten matschigen Äpfel vernichtete. Weil es ordentlich werden soll, baut Frau Amsel das Nest halt lieber allein.

Die echten Helden sind aber im Gartenteich zugange und es sind die Spring- und Grasfrösche. Während die Erdkröten letztes Jahr am 15. März bereits mit der Paarung beschäftigt waren, habe ich dieses Jahr noch keine einzige gesehen. Das ist nicht verwunderlich, denn die Wasseroberfläche ist nur am Tag eisfrei, während sie in der Nacht regelmäßig zufriert. Schwimmen ist da für nachtaktive Tiere nicht so leicht.

Die Grasfrösche haben vor mittlerweile mehr als zwei Wochen trotzdem das Kunststück fertig gebracht, den ersten Laichballen im Wasser zu platzieren, der dann am Morgen von einer zentimeterdicken Eisschicht bedeckt war. Nur die Harten kommen in den Gartenteich.

Die Paarung der Froschlurche ist übrigens Präzisionsarbeit und erfordert genaues Timing. Die auf dem letzten Foto sichtbare Gallerthülle dient nämlich nicht der Ernährung, sondern dem Schutz der Eier. Sie bildet sich im Laufe des ersten Tages durch Aufquellen. Unmittelbar nach der Eiablage ist diese Hülle noch durchlässig, und da muss die Befruchtung erfolgen, weil auch die Samenzellen einige Momente später nicht mehr durch die Gallerte dringen könnten. Umso erstaunlicher ist es, dass fast immer alle Froscheier zu Kaulquappen heranreifen. Selbst kurzzeitiges Einfrieren kann sie nicht stoppen.

So klein und schon Specht

Kleinspecht Weibchen

Früher war man unter der Woche beim Spaziergang in der Natur eher ungestört. Nicht so in den merkwürdigen Zeiten, die wir momentan durchleben. Leute, die normalerweise maximal bis zum Wirten um die Ecke oder ins Kino gehen, schieben sich in langen Prozessionen durch Parks und städtische Naherholungsräume. Im Wiener Prater zum Beispiel ist auf den Gehwegen manchmal mehr Verkehr als nebenan auf der Tangente. Und dabei wirken die Menschen, als gäbe es rundum nichts, was ihr Interesse wecken könnte. Es fehlt die Abwechslung.

Das ist mein Stichwort. Ein kurzer Blick über die Schulter, ob keiner überholt, dann die Lücke im Gegenverkehr nützen, runter vom Weg und raus mit der Kamera. Hektisch fuchtle ich damit in die Luft, um den Augenblick zum Verweilen einzuladen, weil ich kaum glaube, was ich sehe. Das Publikum nimmt meine spontane Live-Peformance dankbar an, ich spüre durch die Schädeldecke, wie sie hinter mir stehen bleiben und mich beobachten, aber meine Aufmerksamkeit gilt etwas ganz Kleinem, das allen anderen offensichtlich verborgen bleibt.

Ich habe einen Vogel entdeckt, der kaum größer ist als eine Kohlmeise und hoch oben ausgesprochen lebendig durch die Äste turnt. Es ist ein weiblicher Kleinspecht, die Männchen haben eine rote Kappe. Diese kleinen Verwandten des Buntspechts sind eigentlich weit verbreit, aber nirgends häufig. Der Prater mit seinem naturbelassenen Baumbestand und dem vielen Totholz bietet ihnen einen perfekten Lebensraum und mir dadurch die Gelegenheit für ein paar Fotos.

An all das denke ich aber während des Fotografierens nicht. Ich weiß nur, dass das etwas Besonderes ist, was ich da vor der Linse habe, und freue mich bei dem schönen Wetter wie Goethes Faust zu Ostern: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Und so viel Publikum und niemand fragt mich, was ich hier mache. Ich werde das Social Distancing vermissen!

Das perfekte Einflugloch

Blaumeise

Es klopft. Ein vertrauter Klang. Ich unterbreche die Gartenarbeit, hebe den Kopf und sehe gerade noch den kleinen Vogel ins Innere des Nistkasten schlüpfen. Kaum steigen die Temperaturen, beginnen die Blaumeisen mit ihrer Zimmermannsarbeit. Genauso gewohnheitsmäßig hole ich die Kamera und mache ein paar Fotos zur Dokumentation. Seit ich den Meisenkasten vor sechs Jahren montiert habe, hämmern sie daran herum. Unsere Blaumeisen müssen im früheren Leben einmal Spechte gewesen sein. Warum sie das tun, habe ich nie verstanden – bis zu diesem Wochenende. Beim Durchblättern der Fotos wurde mir dann der Plan dahinter plötzlich klar. Aber alles der Reihe nach.

Am Anfang war das Einflugloch rund. Ich habe es selbst mit der Raspel so lange bearbeitet, bis es genau 28 Millimeter im Durchmesser hatte, so wie es in den meisten Beschreibungen für Blaumeisen empfohlen wird. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nämlich bereits einen Nistkasten auf der anderen Seite des Hauses mit einer etwas größeren Öffnung für die Kohlmeisen, und noch mehr Kohlmeisen wollte ich nicht.

Der Kasten war ein voller Erfolg. Die Blaumeisen haben ihn sofort angenommen und seither keine Saison ausgelassen. Sie sind unauffällige, fleißige Untermieter, helfen bei der Gartenarbeit, räumen die Obstbäume frei von Blattläusen, kümmern sich um ihren wohlerzogenen Nachwuchs und werden selten so laut wie die Spatzen – wenn da nur das Klopfen nicht wäre.

Und, weil die unausgesprochene Frage im Raum steht: Ja, das Zimmer daneben ist unser Schlafzimmer, und ein hohler Kasten ist immer ein gewisser Resonanzraum. Man hört es. Freundlicherweise nie vor Sonnenaufgang. Aber es weckt einen schon manchmal auf. Klopfen kann man schwer ausblenden. Und dann frisst einen, also mich zumindest, ja auch die Neugier: Warum machen die das?

In den ersten Jahren blieb die Form der Öffnung gleich. Sie konzentrierten sich bei der Bearbeitung auf die Oberfläche des Holzes. Man sieht es sehr schön auf den Bildern oben: Blaumeisenzimmermann und -frau können sich seither mit ihren Krallen direkt am Holz festhalten. Wahrscheinlich war dieser bessere Halt notwendig, um weitere Veränderungen vornehmen zu können. Und ziemlich sicher sind dadurch die weiteren Arbeitsschritte meiner Aufmerksamkeit entgangen. Wer denkt schon, dass Blaumeisen mit Strategie über mehrere Jahre hinweg an ihrer Behausung herumwerkeln.

Glücklicherweise kann ich aus meinen Fotos rekonstruieren, dass das Einflugloch bis zum Jahr 2018 weiterhin rund war. Seit dem März 2019 hat es die jetzige Form, die in etwa an ein nach oben gewölbtes Auge mit hängenden Winkeln erinnert. Und der Grund dafür ist eigentlich auch klar, wenn man sich die folgenden Sommerfotos ansieht:

Der Sommer ist stressig. Im Minutentakt schleppen die Elternvögel Nahrung heran. Da zählt jede Sekunde, und für effiziente Leistung braucht man gutes Werkzeug. Da muss man selbst die kleinsten Optimierungsmöglichkeiten nützen, und so haben die Blaumeisen ein ergonomisch perfekt angepasstes Schlupfloch geschaffen. Die Höhe ist gleichgeblieben, das sperrt größere Vögel wie die Kohlmeisen weiterhin aus, aber seitlich wurde die Öffnung dem Blaumeisenkörper angepasst. Und noch etwas fällt auf, wenn man genau hinsieht: Die von uns aus rechte Ecke öffnet mehr zur Seite als die linke. Das Loch ist asymmetrisch, aber auch dafür gibt es eine Erklärung, wie das letzte Bild zeigt.

Blaumeise

Niemand fliegt gern gegen eine Hausmauer, also wirft sich die Meise von ihr aus gesehen nach links in die Luft, und ich denke, deshalb hängt die Öffnung leicht zu Seite. Sie gibt die ideale Richtung für den Katapultstart vor.

Selbstverständlich sind das alles nur Hypothesen, aber es ist doch erstaunlich: Überall in der Fachliteratur und im Netz findet man die gleichen Tabellen, wie Einfluglöcher von Nistkästen gestaltet sein müssen, um bestimmte Vogelarten anzulocken – rund, oval, vertikal oder horizontal – aber hat irgendwer dazu die Vögel befragt? Unser Pärchen scheint jedenfalls seine eigene Vorstellung zu haben, wie sein Unterschlupf gestaltet werden soll. Das ist umso erstaunlicher, als es Jahre gedauert hat, dem Brett seine heutige Form zu geben, und es ist nicht auszuschließen, dass davon bereits die zweite Generation profitiert. Unter Umständen war es nicht einmal Teamwork, vielleicht war es ein kreativer Vogel, männlich oder weiblich, der dem Werk im Frühjahr 2019 seine jetzige Form gegeben hat.

Verändert haben jedenfalls alle Bewohner ein bisschen etwas. Ich höre sie jedes Jahr klopfen. Und angesichts dieser tollen Leistung, die auf ein gewisses Maß an Intelligenz schließen lässt, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich zukünftige Generationen irgendwann auf die Vogelschulter klopfen und sagen: Gut ist es! Fertig. Lassen wir es so! Und vielleicht, bei aller Freude über die Nachbarschaft, besteht dann auch die Chance, dass das Klopfen wieder aufhört und ich in der Früh etwas länger schlafen kann.