Beim zweiten Anlauf

Nicht immer geht die Aufzucht der Jungvögel gut aus. Letztes Jahr hatte ich den Nistkasten direkt unter dem Dachvorsprung montiert. Da scheint er in Reichweite eines hungrigen Jägers gewesen zu sein. Ob es Nachbars Katze war oder ein Marder auf seinem nächtlichen Streifzug, kann ich nicht sagen, ich fand nur die Federn am Boden.

Solche Misserfolge können dazu führen, dass sich ein Paar trennt. Außerdem habe ich dieses Jahr den Nistkasten einen Meter nach hinten versetzt, wo er eigentlich nicht zu finden war. Ich bin deshalb davon ausgegangen, dass er nicht wieder benützt wird, aber ich habe mich geirrt. Die Kohlmeisen scheinen meine Idee verstanden zu haben, sie besetzten den Nistkasten nicht nur erneut, sie waren auch noch so unauffällig, dass ich selbst erst gegen Ende der Brutsaison bemerkte, wie eifrig sie dieses Jahr am Werk waren.

Kurz bevor die Jungen flügge wurden, konnten die Eltern den Brutbetrieb nicht mehr verheimlichen. Im Minutentakt flogen sie ein und aus, um den Nachwuchs zu versorgen. Dann kam der große Moment – und ich habe natürlich alles versäumt. Plötzlich waren die Jungen weg.

Kurz davor hatte ich sicherheitshalber einen Spender mit zerstückelten Walnüssen aufgehängt. Normalerweise füttere ich unsere Vögel im Sommer nicht. Meiner Meinung nach können die Jungen von den Eltern ruhig lernen, wie man „echtes“ Futter findet. Es gibt bei uns in Garten und Umgebung genug. Der Spender ist im Grunde genommen nur Fastfood und macht bequem. Aber so kam ich wenigstens zu meinen Belegfotos, dass die Aufzucht erfolgreich war, und auch der Umgang mit der Futtersäule kann so einen Jungvogel vor schwierige Aufgaben stellen.

Junge Kohlmeise
„Der Sitzplatz ist zu weit weg vom Loch!“
Junge Kohlmeise
„So geht’s, aber auf dieser Seite sind nur Brösel!“
Junge Kohlmeise
„Da sind die großen Stücke, aber die gehen nicht raus!“
Junge Kohlmeise
„Dann halt zu Fuß!“

Diese Technik, dass sich die Meise das Futter mit den Krallen aus dem Spender holt, habe ich noch nie gesehen. Das ist wahrscheinlich die nächste Generation. In ein paar Jahren essen sie mit Messer und Gabel.

Die Eltern wollen aber nicht nur, dass der Nachwuchs brav isst und wächst, auch die Körperpflege muss gelernt sein. Das Baden kostet nicht nur eine gewisse Überwindung, das ist auch richtig gefährlich, wenn man sich eine Stelle aussucht, wo das Wasser viel zu tief ist.

Junge Kohlmeise
„Hier soll ich angeblich baden können.“
Junge Kohlmeise beim Baden
„Bin das ich?“
Junge Kohlmeise beim Baden
„Geht es da noch weit hinunter?“

Dieses Junge ist wirklich kreativ. Ich habe noch keinen Singvogel im Garten gesehen, der zum Baden den Ast hinunter ins Wasser rutsch. Am Ende hüpfte die Meise auf die Wasseroberfläche und startete wild flatternd direkt von dieser, was gar nicht so einfach war.

Die Brutsaison der Kohlmeisen war jedenfalls ein voller Erfolg. Die Jungen sind schon so flink und geschickt, dass sie durchkommen werden und die meisten Jäger keine Chance mehr haben, ihrer habhaft zu werden.

13 Kommentare zu „Beim zweiten Anlauf

  1. Zuckersüss ist der kleine Flauschball ❤️
    Bei mir ist auch der Garten voller Kleiner. Kohlmeisenbällchen, Amselkinder und ein Minispecht ist auch wieder da. Wir füttern allerdings das ganze Jahr durch. Machen wir seit ein paar Jahren, weil es rundherum immer kahler und vogelunfreundlicher wird. Noch vor 10 Jahren war das nicht nötig, da hatten alle um uns herum hohe Bäume, die Gärten waren ziemlich natürlich und wir hatten viel freie Fläche. Bei jedem Eigentümerwechsel geht ein Stück Paradies verloren.

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    1. Ja, da haben wir Glück, die Nachbarn sind langlebig, und bei den paar, die wechseln, herrscht der gleiche Schlendrian. Die Natur darf ihren Lauf nehmen, nur der Gartenmäher kreischt einmal pro Woche. Das scheint samstags Dorfbrauch zu sein.

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  2. Wie schön! Wir haben letzten Herbst auch ein Vogelhäuschen an einem Pfosten unseres Balkons aufgehangen (die einzige Stelle die ging, wo aber auch kein Fressfeind rankommen sollte) und schon im Winter nächtigte dort immer ein Kohlmeisenmännchen, das wir Sheldon getauft haben. Als die Brutsaison im Frühjahr anfing (hier in Köln schaffen die Tiere in der Regel zwei Brutdurchgänge) wurde der Kasten zunächst weitgehend aufgegeben. Wir dachten schon: Ok, das war’s. Aber seit Mai ist dort wieder mehr Flugverkehr und nachdem wir eine Rankenhilfe für Rankepflanzen auf dem Balkon aufgestellt hatten, setzten sich die Meisen gerne dorthin zum Balzen und bevor sie weiter ins Häuschen flogen. Das Nestbau haben sie trotzdem irgendwie an uns vorbeigemogelt auch! 🙂 Aber seit gestern wissen wir: Sie brüten tatsächlich. Reger Rein-Raus-Flugverkehr und man hörte es leise im Innern piepsen. Und nicht nur wurde Futter gebracht, es wurde auch Kacke aus dem Häuschen rausgebracht. Es sind definitiv Küken drin. Ich muss mal noch die Zeit finden mich mit der Kamera auf die Lauer zu legen. Wir sind mal gespannt wie viele Ästlinge dann da raus hüpfen in etwa drei Wochen 🙂

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    1. Super! Das ist immer spannend. Bei den Amseln, die bei uns manchmal drei Bruten durchziehen, bin ich ganz sicher, dass das Weibchen schon auf den Eiern im nächsten Nest sitzt, während das Männchen noch die alten Jungen betreut. Wenn die Kohlmeisen bei euch zwei Bruten schaffen (was bei uns durch den strengen Winter eher selten ist), dann brauchen sie für die Überlappung vielleicht auch zwei Plätze. Das passt zu deiner Beschreibung. Du wirst nicht mehr lange warten müssen, bis du weißt, was rauskommt. Bei den Vögeln geht das ja schnell. Viel Spaß!

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  3. Toll! Ich habe da dieses Jahr Pech gehabt mit meinem Nistkasten und den Kohlmeisen. 10 Eier haben sie einfach liegen lassen. Aber die Jungvögel kamen und kommen aus der Nachbarschaft. Ich durfte fast aus der Hand füttern bei einer Kohlmeise, die selbst wohl fütterte. Plötzlich hat sich aber alles geändert, sie sind allesamt unglaublich scheu geworden, fast von jetzt auf gleich. Das wird sich wieder geben und wir finden ein Mittelmaß der Nähe zueinander, wie jedes Jahr.

    Du hast auch feine Beobachtungen gemacht. Ich finde es total spannend, wie man die Charaktere der Vögel kennenlernen kann, wenn man sie so nah bei sich hat. Deine kleine Kohlmeise scheint echt clever zu sein. 😉

    Liebe Grüße,

    Syntaxia

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    1. Ja, bei uns geht auch nicht immer alles gut aus. Manchmal passiert den Elternvögeln etwas, und dann verwaist ein Nest. Das ist ja das Spannende, man weiß beim Garten und in der Natur nie, was man kriegt.

      Liebe Grüße
      Richard

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