Specht in der Schmiede

Buntspecht

Für die einen ist es einfach nur ein Loch in einem Baum. Für die anderen ist es eine Spechtschmiede. Der Specht ist eine Art Anti-Greifvogel. Seine Krallen sind dafür gebaut, sich an einem Baumstamm festzuhalten. Er kann nicht geschickt einen Sonnenblumenkern mit den Füßen festhalten und dann mit dem Schnabel so lange auf ihn eindreschen, bis die Schale herunten ist, wie das die Meisen machen. Dafür braucht er eine geeignete Vertiefung, wo er das Futter einklemmen kann.

spechtschmiede2Seit vielen Spechtgenerationen war das bei uns ein spezielles Loch in einem Apfelbaum. Man konnte eine Walnuss darin einklemmen und anschließend den Inhalt mit dem Schnabel herauspiken. Das Loch übte eine magische Anziehungskraft auf Buntspechte aus. Zu Mittag im Winter brauchte man nur eine halbe Stunde zu warten, um mindestens einen Buntspecht bei der Mahlzeit zu beobachten.

Solche Löcher haben aber einen Nachteil. Bei jedem Regen sammelt sich Wasser. Ich habe im Sommer in einem unserer Apfelbäume schon eine kleine Pfütze mit Mückenlarven gesehen. Mit der Zeit weicht sich dann das Holz auf, das Loch wird größer, und irgendwann ist es als Spechtschmiede nicht mehr zu gebrauchen. Macht aber nichts. Erstens können sich Spechte relativ leicht eine neue Schmiede klopfen, und zweitens sind sie sehr geschickt, bestehende Vertiefungen auszunützen.

Unser Nussbaum ist alt und hat jede Menge Ritzen. Letztes Wochenende habe ich ein Buntspechtweibchen vor dem Fenster beobachtet, das voller Hingabe in einer Astgabel auf einer Nuss herumhämmerte. Gelegenheitsschmiede nennt man das, wenn der Specht sich keine eigenen Vertiefungen schafft, sondern bestehende Einkerbungen verwendet. Fotografieren hat sich das Buntspechtweibchen übrigens nicht gerne lassen. Die eine Nusshälfte hat sie mitgenommen, was darauf hindeutet, dass sie anderswo eine andere Schmiede zur Verfügung hat. Die zweite Hälfte hat sie zurück gelassen, aber nicht lange. Ein paar Stunden später war auch diese weg, was darauf hindeutet, dass sie doch noch Hunger hatte.

Buntspecht

Möwen in Wien

Möwen in der Stadt

Heute Morgen schien zum zweiten Mal hintereinander von in der Früh weg die Sonne. Für Wien ist das im November eine Seltenheit. Dementsprechend frostig war es auf dem Weg zur Arbeit.

Als ich mit dem Fahrrad am Donaukanal entlang gekommen bin, habe ich kurz die Handschuhe ausgezogen und ein paar Fotos von den Möwen geschossen, die mich dort seit einiger Zeit jeden Morgen erwarten. Das habe ich auf dem weiteren Weg bereut, weil es mir gründlich die Finger abgefroren hat, aber mit den Fotos hatte ich dann doch meine Freude. Wenn ich Möwen so eng beieinander sitzen sehe, quasi Emma neben Emma, fällt mir immer das Möwenlied von Christian Morgenstern ein:

Möwen in der StadtDie Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

LachmöweIch hatte weder Brot noch Rosinen dabei und hätte die Möwen auch dann nicht gefüttert, wenn dem so gewesen wäre. Sie sind zahlreich genug und kommen ohne falsches Futter besser zurecht.

Möwen scheinen an karge Landschaften mit Felsen gewöhnt zu sein und alles zu akzeptieren, wo Wasser in der Nähe ist. Der Donaukanal ist jener Arm der Donau, der am Zentrum vorbei fließt, und er ist seit über hundert Jahren so gut wie naturbefreit. Das Wasser ist an beiden Seiten von einer mehrere Kilometer langen Kaimauer reguliert. Im Sommer dominiert hier die Gastronomie mit ihren Schanigärten, im Winter übernehmen die Lachmöwen. Den ganzen Winter über sitzen sie am Abgrund über dem Wasser und warten, dass es wieder wärmer wird, um in die Brutregionen zu ziehen.

Möwen vor GraffitiDass diese künstlichen Felsen großteils mit Graffitis überzogen sind, stört sie genauso wenig, wie die Tatsache, dass ständig Radfahrer vorbeiziehen. Und sie werden von Jahr zu Jahr mehr, kommt mir vor. Es gibt sogar eine kleine Population, die auch im Sommer hier bleibt. Die meisten sind aber Zugvögel, die neben den Saatkrähen in Wien zu den auffälligsten Wintergästen gehören. Und sie eignen sich gut als Fotomotiv. Ich hätte noch viele Fotos schießen können, wenn meine Finger nicht nach einiger Zeit völlig taub gewesen wären. Im Büro verging eine gute halbe Stunde, bis sich meine Hände wieder normal anfühlten. Schon komisch, dass die Natur das Wärmegefühl so unterschiedlich verteilt hat. Die Möwen landen ungerührt auf dem Wasser, und ich bin sicher, sie haben den heutigen Morgen für einen der wärmeren gehalten.

Möwen in der Stadt

Die Rotkehlchen kommen

Rotkehlchen

Seit der Herbst da ist, sind die Rotkehlchen die häufigsten Vögel in unserem Garten. Den ganzen Sommer über habe ich kein einziges gesehen. Rotkehlchen bevorzugen halboffene Höhlen als Nistplätze, und natürlich habe ich einen geeigneten Nistkasten im Garten montiert, aber bislang blieb er unbenützt.

RotkehlchenIm Winter sehe ich fast jeden Tag ein einzelnes Rotkehlchen. Es ist schätzungsweise immer dasselbe. Nicht dass ich ein Rotkehlchen vom anderen unterscheiden könnte, aber es zieht mehrmals am Tag mit einer Bande von, sagen wir, zehn Feldspatzen, zwei Hausspatzen, zwei Blaumeisen und fünf Kohlmeisen vorbei. Während die anderen Vögel die Futtersäule ansteuern, interessiert sich das Rotkehlchen für den Komposthaufen. Es ist ein geschickter Jäger und findet dort auch im Winter verschiedene Krabbeltiere. Das Körnerfutter wird meist verschmäht.

Rotkehlchen gelten als Einzelgänger, die ihr Revier oft aggressiv verteidigen. Wenn der Frühling kommt, sieht man allerdings hie und da einen zweiten Vogel. Welcher von beiden das Männchen und welcher das Weibchen ist, lässt sich leider nicht unterscheiden. Das könnte man maximal am Verhalten erkennen. Im Normalfall kommt das Weibchen ins Revier des Männchens und nähert sich ihm unterwürfig. Irgendwann haben sich dann die Pärchen gefunden, und anschließend sind sie, wie gesagt, den ganzen Sommer über verschwunden.

RotkehlchenMan könnte fast meinen, die Rotkehlchen wären Zugvögel, und zum Teil sind sie das ja auch. Die Populationen aus Nord- und Osteuropa überwintern im Mittelmeerraum. Bei uns in Mitteleuropa sind sie jedoch sesshaft und ziehen maximal über kurze Strecken.  Am wahrscheinlichsten ist, dass die umliegenden Wälder im Sommer ein besseres Nahrungsangebot für die Aufzucht der Jungen bieten. Im Herbst dann, wenn der Speiseplan mit Beeren und anderen Früchten ergänzt wird, zieht es die Familien in die Gärten. Bei uns werden mit Vorliebe der Wilde Wein und die Pfaffenhütchen abgeerntet.

Von Einzelgängern kann im Moment übrigens nicht die Rede sein. Es sind immer mehrere Vögel gleichzeitig unterwegs. Sie sind genauso gesellig und kommunikativ wie die anderen Singvögel, melden sich gegenseitig ihre Position und meiden geschickt jeden Kontakt mit Katzen und anderen Gefahren. Es heißt, Rotkehlchen hätten eine kurze Fluchtdistanz. Von weniger als einem Meter liest man. Ich kann das nicht bestätigen. Unsere Rotkehlchen sind scheu und sie verstecken sich geschickt. Nur manchmal verrät sie ihr orangeroter Latz.

Rotkehlchen

Und sie sind neugierig. Sie beobachten uns genau so aufmerksam wie wir sie. Menschen neigen nämlich im Herbst dazu, ihre Beete umzugraben oder neue Pflanzen einzusetzen. Bei uns kann man im Moment fast sicher sein, dass dann ein Rotkehlchen irgendwo im Gebüsch sitzt und darauf wartet, dass ein Leckerbissen aus der Erde auftaucht.

 

 

Wo der Meisenkasten hinkommt

nistkasten

Bauanleitungen für Nistkästen findet man genug im Netz. Aber wo hängt man sie am besten hin? Und brauche ich einen Kompass, um die Öffnung exakt nach Südsüdost auszurichten?

Wenn Meisen nur solche Bruthöhlen beziehen würden, die in eine exakte Himmelsrichtung zeigen, wären sie sicher schon ausgestorben. In etwa sollte die Öffnung aber schon nach Südosten zeigen. Ich habe zu Versuchszwecken einmal einen Nistkasten mit Blick nach Westen aufgehängt und er wurde prompt nicht besiedelt.

Wir haben zwei Nistkästen, die jedes Jahr erfolgreich benützt werden – der eine von Kohlmeisen und Hausspatzen, der andere von Blaumeisen. Beide zeigen nach Süden. Der eine links vom Haus, der andere rechts davon. Wichtig ist, dass der Kasten stabil ist und vor Fressfeinden schützt. Im Italo-Western würde man sagen: Hängt ihn höher. Fünf, sechs Meter über dem Boden dürfen es schon sein. Nehmen Sie die lange Leiter, aber bedenken Sie, dass der Kasten mindestens einmal im Jahr geputzt werden muss. Wenn Sie nicht schwindelfrei und sicher ran kommen, ist es der falsche Platz.

Allzu viel Natur muss auch nicht sein. Meisen wissen ein gut gedecktes Dach mit Ziegeln vom Marktführer durchaus zu schätzen. Der Dachüberstand bietet zum Beispiel einen willkommenen Schutz gegen die Witterung. Sie müssen nicht in die Bäume klettern, um Ihren Nistkasten zu montieren. Dort ist er auch nicht so gut gegen die Kletterkünste Ihrer Katze geschützt. Vor Jahren, als ich den ersten Nistkasten für Kohlmeisen montiert habe, dachte ich mir, der müsste „naturnah“ in den Apfelbaum. Das ist damals für die Meisen nicht gut ausgegangen:

Wann Sie den Kasten aufhängen, ist übrigens egal. Je nach Klima gibt es bei Ihnen vielleicht eine erste und eine zweite Brut. Er muss also nicht im Februar schon hängen, aber wenn Sie ihn erst Ende April montieren, wird er frühestens im nächsten Jahr bezogen.

Man weiß nie

Ein Nistkasten ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt. In der Fachliteratur und im Netz gibt es zwar viele verschiedene Bauanleitungen und Tabellen, die sich vor allem an Form und Dimension des Einflugloches orientieren, aber damit lässt sich nur begrenzt steuern, wer sich einmietet.

Vor Jahren habe ich einmal einen Nistkasten für Mauersegler geschenkt bekommen. Er ist entsprechend groß – Mauersegler bevorzugen angeblich eine Art Landeplatz im Kasten neben dem eigentlichen Nest – und hat eine abnehmbare Frontplatte mit ovalem Loch.

Jetzt weiß ich zwar ziemlich genau, wie Mauersegler von unten aussehen, wenn sie in gefühlt zwei Kilometern Höhe vorüberziehen, aber auf Dachhöhe eines Einfamilienhauses habe ich noch nie einen gesehen. Ich habe folglich nicht damit gerechnet, dass sie in unseren Nistkasten einziehen werden, aber einem geschenkten Barsch schaut man bekanntlich nicht in die Kiemen.

In den ersten Jahren hat ein Kohlmeisenpärchen für uns den Mauersegler gemacht. Mit einer dicken Schicht Moos findet man sich auch in einem viel zu großen Zimmer zurecht. Letztes Jahr haben den Kasten die Spatzen übernommen. Die nisten auch bei den Nachbarn gegenüber unter dem Dach, und da die Feldspatzen sowieso überhand nehmen, habe ich die Frontplatte über den Winter getauscht. Ich dachte mir, wenn ich das ovale Loch durch ein rundes ersetze, werden sich wieder Kohlmeisen einfinden.

Das hat natürlich nicht funktioniert. Es sind wieder Spatzen eingezogen, und das ist gut so. Diesmal habe ich sie mir genauer angesehen und festgestellt, dass es Hausspatzen sind. Die sind an und für sich bei uns nicht so häufig wie die Kohlmeisen, außerdem sind sie im Rückgang begriffen, also dürfen sie bleiben. Und wenn sie es nicht dürften, wäre es ihnen wahrscheinlich auch egal. Auf mich wird bei solchen Entscheidungen relativ wenig Rücksicht genommen.

Beim zweiten Nistkasten, der auf der anderen Seite des Hauses angebracht, lief es besser. Der war für die kleineren Meisen gedacht, und hier nisten auch seit Jahren nur Blaumeisen. Es gibt wohl nicht so viele Arten, die bei diesen Dimensionen noch durchs Einflugloch passen, und in Menschennähe setzen sich die Blaumeisen gegen ihre Konkurrenten wie Sumpfmeise und Tannenmeise durch.

Die kursierenden Tabellen und Anleitungen kann man maximal als Empfehlung auffassen. Es siedelt sich an, was in der Gegend unterwegs ist und gerade keinen besseren Platz findet. Umso größer die Öffnung ist, desto mehr verschiedene Vögel kommen in Frage und desto weniger genau weiß man vorher, was man kriegt.