Schmutzige Arbeit

Biene mit Pollen

It’s a dirty job but someones gotta do it
Faith No More

Diese Honigbiene, die sich hier auf dem Ribiselblatt ausruht, hat zuvor unsere Zucchini bestäubt und dabei etwas zu tief in die Blüte geschaut. Anschließend ist sie über den Salbei geklettert und hat versucht, ein Spinnennetz als Hängematte zu benützen. Ich habe der heraneilenden Spinne die Überdosis Vitamine erspart und ihre Beute befreit. Nach einer kurzen Pause hat die erschöpfte Biene all ihre Kräfte zusammen genommen und sich auf den Heimweg gemacht. Und wenn jetzt noch jemand sagt, Blümchensex sei nicht anstrengend, haben wir zwei was anderes zu berichten. We care a lot!

Mehr als Jauche

In den 1960er- und 70er-Jahren waren Brennnesseln noch unzweifelhaft Unkraut. Meine Großmutter hat sie in ihrem Garten ausgerissen, wo sie sie nur finden konnte. Genauso sicher sind sie wieder nachgewachsen. Die Erinnerung daran hat sich mir in die Haut eingebrannt.

In den 1980ern kam dann die Ökobewegung auf und das Wort Unkraut wurde aus dem Sprachschatz gestrichen. Spätestens seit der Globalisierung wissen wir, dass es so etwas wie Unkraut doch gibt, nur nennt man das jetzt Neophyt.

Brennnesseln einzuschleppen lohnt sich nicht. Die Gattung ist auf der ganzen Welt verbreitet. Bei uns finden sich vor allem zwei Arten, die Große und die Kleine Brennnessel. Ihr Status schwankt mittlerweile zwischen Unkraut und Gemüse, Brennnesselspinat ist bei manchen ein beliebtes Frühjahrsgericht. Ob es für alle gesund ist, weiß ich nicht. Allergiker und Menschen mit Histaminunverträglichkeit sollten vielleicht beim Verzehr großer Mengen vorsichtig sein, die Pflanze enthält Histamine.

Raupennest in BrennesselIm Naturgarten ist die Brennnessel vor allem als Raupenfutterpflanze beliebt. Admiral, Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs sind auf sie angewiesen, aber auch viele andere Tag- und Nachtfalterraupen fressen gerne Brennnesseln. Erkennen kann man den Befall relativ leicht. Die Admiralraupe zum Beispiel rollt sich das Blatt zusammen wie auf dem Bild rechts. Auf YouTube gibt es tolle Zeitraffervideos davon. Ich öffne das Blatt jetzt nicht fürs Foto. Das Zeug brennt auch durch die dicken Handschuhe wie Feuer. Meine Zuneigung für Brennesseln ist rein platonisch, aus der Ferne. In dem Blatt ist jedenfalls eine Raupe drin, die wir nicht stören wollen, und viele Fressfeinde sind da ähnlicher Meinung.

Wenn Brennesseln so eine wichtige Raupenfutterpflanze sind, sind sie dann zu schade, um sie vergoren als Jauche zur Rosendüngung zu verwenden? – Obwohl diese Methode unfreiwillig auch der Pflanze zugute kommt. Wenn man im Sommer die großen, ausgereiften Exemplare verwendet, sind nämlich schon Samen dabei, und die verträgt man dann inklusive Düngung im ganzen Garten.

In letzter Zeit ist die Brennnessel wegen ihrer starken Verbreitung in Verruf geraten. Sie ist ein Stickstoffzeiger, der vor allem in gut gedüngten Böden gedeiht. Von diesen gibt es immer mehr, während die Magerwiesen verschwinden. Folglich nimmt der Bestand von Faltern wie dem Tagpfauenauge wieder zu, während seltenere Arten verschwinden. Wer in seinem Garten extra ein Brennnesselbeet anlegt, fördert also vor allem jene Schmetterlinge, die sowieso nicht vom Aussterben bedroht sind, geht die Argumentation.

Diese Logik hinkt: Abgesehen davon, dss wir schlicht und einfach nicht genau wissen, wie viele Individuen notwendig sind, um eine Art zu erhalten, ist meiner Meinung nach auch fraglich, ob häufige Falterarten wirklich die seltenen verdrängen. Raupen sind ein wichtiges Vogelfutter. Unseren Meisen ist es dabei reichlich egal, wie selten die Raupe ist, die sie ihren Jungen verfüttern, ganz im Gegenteil, sie bevorzugen die häufigeren Arten, weil ihnen dieses Futter vertraut ist. Gefährdete Arten bleiben so verschont.

Und dann: Stickstoffdüngung ist keine Erfindung unserer Zeit, sie ist nicht einmal eine Erfindung des Menschen. Im Boden ist Stickstoff Mangelware, aber fast vier Fünftel der Luft bestehen aus ihm, und das machen sich manche Pflanzen mit Hilfe von Knöllchenbakterien zunutze. Der Rotklee kann das zum Beispiel, und der war vor dem Silo-Mais das Haupttierfutter. Stickstoffhaltige Böden waren auch vor der Einführung von Kunstdünger keine Mangelware, und die Brennnessel war immer schon häufig, sonst hätten sich ja nicht so viele Falter auf diese Futterpflanze spezialisiert.

Brauchen wir also alle ein Brennnesselbeet in unserem Garten? Oder hatte meine Oma doch recht? Ist das Zeug unnötig und in der Natur sowieso schon im Überfluss vorhanden? Ich glaube, dass beide Varianten falsch wären, würde wir sie wirklich konsequent umsetzen. Aber solange unsere Nachbarn nicht das Gleiche machen wie wir, bleibt sowieso eine brauchbare Ausgewogenheit erhalten. Und wenn wir nicht zu unlauteren Mitteln greifen, beispielsweise mit dem Bagger anrücken, um den Boden auszutauschen, hat eh die Natur das letzte Wort. Aus einem fruchtbaren Boden macht man nämlich nicht so schnell eine Magerwiese, und ich habe noch niemanden getroffen, der es wirklich fertig gebracht hat, mit Jäten alle Brennesseln im Garten loszuwerden.

Mein Freund, der Rückenschwimmer

Rückenschwimmer
Gelsenlarven

Unsere Regentonne hat einen Deckel. Der ist notwendig, um die Stechmücken abzuhalten. Aber so ein Deckel kann sich verschieben und schließt nicht immer dicht. Dann schlüpft eine Gelse, sprich Stechmücke, durch und legt ihre Eier ab. Deshalb kontrolliere ich das Wasser in der Tonne regelmäßig, und neulich wurde ich fündig. Was aber hilft, wenn sich die schwarzen Mückenlarven einmal im Wasser tummeln?

Eine vollständige Reinigung der Tonne wäre eine Möglichkeit. Man kann auch zur biologischen Kriegsführung greifen und BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) einsetzen. Das ist ein von einem Bakterium gebildeter Giftstoff, der gezielt Stechmückenlarven angreift und zuverlässig vernichtet. Ich kann bestätigen, dass BTI funktioniert, würde es aber nur im Notfall verwenden, denn es ist trotz allem ein Toxin und schädigt auch harmlose Mückenlarven. Eine weitere Möglichkeit wäre ein Löffel Spülmittel. Gelsenlarven hängen sich zum Atmen von unten an die Wässeroberfläche. Fehlt die Öberflächenspannung, funktioniert das nicht mehr und die Larve erstickt. Das habe ich noch nie probiert, klingt aber plausibel und etwas gemein. Es geht aber noch besser.

In jedem Gartenteich findet sich Rückenschwimmer. Die Tiere gehören zur Gruppe der Wasserwanzen und sind relativ hässlich. Ihr Rückenpanzer ist glatt und glänzt silbrig, ein Tarnanstrich, damit man ihn von unten nicht sieht. Die Tiere hängen nämlich am liebsten mit der Bauchseite nach oben von der Wasseroberfläche. Man sieht schon, das ist der gleiche Lebensraum, den auch Gelsenlarven bevorzugen, nur sind Rückenschwimmer deutlich größer und recht gefräßige Räuber.

Ähnlich wie Wasserläufer über dem Wasser benützen Rückenschwimmer nur zwei Beinpaare zur Fortbewegung. Mit dem dritten Beinpaar halten sie die Beute fest und saugen sie aus. Von den Gelsenlarven bleibt nur die unverdauliche Chitinhülle übrig. Und das geht schnell. Setzt man ein paar Rückenschwimmer in die Regentonne, ist diese sehr schnell mückenlarvenfrei. Die Rückenschwimmer tauchen nicht besonders tief. Sie warten an der Oberfläche. Irgendwann müssen die Gelsenlarven ja auftauchen, um Luft zu holen. Diese Wasserwanzen sind sehr effiziente und unauffällige Jäger. Man sieht vor allem das Ergebnis, lauter ausgesaugte Mückenlarven.

Nach ihrem Einsatz kommen sie selbstverständlich zurück in den Teich. Rückenschwimmer können nämlich fliegen, um von einem Gewässer ins nächste zu gelangen. Dafür müssen sie aber an Land klettern und ihre Flügel trocknen. Den Start habe ich noch nie gesehen, aber die Landung ist witzig. Das Tier lässt sich einfach ins Wasser fallen. Es macht kurz Plopp, und dann steigt der Rückenschwimmer an die Oberfläche. Für den Auftrieb ist die Atemluftreserve verantwortlich.

Nicht immer hat man ausgewachsene Rückenschwimmer im Teich. Die Tiere überwintern im Wasser und sterben im Laufe des Sommers. Die nächste Generation sieht von Anfang an den erwachsenen Exemplaren ähnlich, ist aber zunächst nicht viel größer als ein Wasserfloh. Die Jungen erreichen erst nach mehrfacher Häutung ihre endgültige Große.

Hie und da ließt man, dass Rückenschwimmer, die deshalb auch Wasserbienen heißen, empfindlich stechen können. Das halte ich für ein Gerücht. Ich schwimme regelmäßig im Teich, und die Tiere haben einen ausgeprägten Fluchtreflex. Sie machen Platz, wenn ein Schwimmer vorbei kommt. Als Wanzen hätten sie auch gar keinen Stachel, sondern maximal ein Rostrum, das ist ein zweigeteilter Rüssel. Durch ein Rohr kommen die Verdauungssäfte heraus, durchs andere wird die Nahrung eingesaugt.

Ich vermute eher, dass die dokumentierten Stiche durch echte Bienen erfolgten. Landet eine solche auf der Wasseroberfläche, wird sie schnell von einer Gruppe Rückenschwimmern umlagert, die darauf warten, dass der Biene die Kräfte ausgehen. Sollte ein Schwimmer hier dazwischen geraten, wird er von der Biene gestochen und sieht anschließend mehrere Rückenschwimmer abtauchen. Da kann es schon zu Missinterpretationen kommen. Unsere Rückenschwimmer sind jedenfalls gute Freunde, die die Gewässer im Garten zuverlässig frei von Stechmückenlarven halten.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.

Das Leuchten zu Johannis

Die Dämmerung ist rund um die Sommersonnenwende eine ereignisreiche Zeit. Mit Einbrechen der Nacht beginnt am Teich ein beeindruckendes Leuchten. Unzählige grünliche Punkte flammen auf und senden ihre Singale. Wenn man genau hinsieht, kann man zwei Gruppen von Leuchtpunkten erkennen: Die einen gleiten langsam durch die Luft, die anderen verharren regungslos in Sträuchern und am Boden.

Bei den Gühwürmchen sind die Weibchen flugunfähig. Sie behalten auch als adulte Tiere ihre Larvenform und locken mit ihren Leuchtorganen die Männchen herbei. Dass auch die Männchen Leuchtsignale aussenden, ist eigentlich eine Verschwendung der Natur. Um die Geschlechterpaare zusammen zu bringen, würde es auch reichen, wenn nur die Weibchen leuchten, wie das bei anderen Leuchtkäfern der Fall ist. Dass wir im Frühsommer die bekannten Leuchtpunkte durch die Abendluft schwirren sehen, ist ein Zeichen dafür, dass die Kommunikation mittels Lichtsignalen komplizierter abläuft, bevor Männchen und Weibchen zusammen finden.

Wir nennen diese wunderlichen Tiere Glühwürmchen. Ein anderer, älterer Begriff ist Johanniskäfer, weil ihr Leuchten rund um den Johannistag am 24. Juni gehäuft auftritt. Tatsächlich sind es auch Käfer und keine Würmer, obwohl die larvenförmigen Weibchen kaum wie Käfer aussehen. Die erwachsenen Tiere nehmen keine Nahrung zu sich. Sie werden auch nicht besonders alt und sterben wenige Tage nach der Paarung.

Für den Gärtner ist der Anblick dieser Tiere trotzdem ein Grund zur Freude, denn ihre Larven leben bis zu drei Jahre lang und ernähren sich hauptsächlich von Schnecken. Der kleine Leuchtkäfer bevorzugt feuchte Lebenräume, ein Teich mit dichten Sträuchern in der Nähe ist daher ideal.

Die gelehrige Spinne

Spinnennetz

Es ist schon erstaunlich, wozu Tiere fähig sind. Jeden Morgen, wenn ich meinen Kaffee hinaustrage, um mich auf meinen Lieblingsplatz zusetzen, habe ich ein Spinnennetz im Gesicht – und zwar nicht Teile, sondern das große Ganze. Und jedes Mal denke ich mir, das gute Tier könnte sich doch endlich merken, dass diese Arbeit keinen Sinn hat, weil ein Netz an dieser Stelle halt nur so lange hält, bis ich wieder einmal vorbei komme. Man spricht in diesem Zusammenhang zwar von einem Gewohnheitsmenschen, aber nie von einer Gewohnheitsspinne. Folglich wäre es nicht zu viel verlangt, hier eine gewisse Flexibilität an den Tag zu legen.

Und was war heute? Irgend etwas hat mir gefehlt. Und tatsächlich! Das ganze große Kunstwerk war auf der anderen Seite vom Pfeiler. Dort, wo nie wer durchgeht. Und da sag noch einmal einer, Spinnen seien nicht gelehrig! Es geht ja doch.