Gestern Vormittag war ich am Goldberg in Wien-Oberlaa spazieren. Anscheinend ist die erste Weinlese schon im Gange, zumindest wird probiert, wie die Trauben schmecken. Vielleicht sind es auch die Weinblätter, die sich das Reh hier einverleibt. In der Reihe daneben liegt das Kitz im hohen Gras, und deutlich abseits habe ich einen stolzen Rehbock gesehen. Beeindruckend war die entspannte Grundhaltung der Rehe. Die machen sich noch einen Lenz im Spätsommer, jetzt, wo die ärgste Hitze vorbei ist.
Kategorie: Tiere
Jungstieglitzsommer
Seit Ende August tauchen in unserem Garten immer wieder kleine Gruppen von Stieglitzen auf, die man nur akustisch eindeutig als solche erkennt, weil ihnen die typische bunte Zeichnung noch fehlt. Dieses Jahr scheint in Südkärnten ein gutes Jahr für Stieglitze gewesen zu sein. Die Jungvögel sind zahlreich unterwegs. Wobei ich denke, dass der Rückgang an Insekten dem Stieglitz eher zugute kommt. Er bevorzugt pflanzliche Nahrung, auch bei der Aufzucht der Jungen, und an die Sämereien selbst stellt er nicht besonders hohe Ansprüche.
Es heißt, dass man Stieglitze in den Garten locken kann, wenn man Disteln wie die Wilde Karde anpflanzt. Sein Zweitname Distelfink deutet darauf hin, dass er die Samen von Disteln bevorzugt, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ausreicht, einen Teil des Gartens einfach nicht zu mähen. Der Stieglitz findet sich in einer Ansammlung von wilden Stauden mit Samenständen immer genug Fressbares.
Bei uns ist es wahrscheinlich auch der Teich, der ihn anzieht, wobei diese Beziehung zum Wasser eine eher zwiespältige ist. Die Jungvögel versuchen, auf den Schwimmblättern von Seerose und Seekanne zu landen, worauf sie sehr schnell bis zu den Knien im Wasser versinken und wieder hochflattern.
In der Dämmerung ist es mir gelungen, ein Exemplar zu fotografieren, das schon etwas geschickter war. Der Jungvogel sitzt auf einem abgestorbenen Rohrkolbenhalm und beugt sich von dort ins Wasser. Später wird er lernen, dass es Plätze am Rand gibt, wo man mit festem Boden unter den Krallen trinken kann.
Vielleicht merkt er sich beim Blick aufs Wasser aber auch sein Spiegelbild und weiß, dass die schöne rote Gesichtsfärbung, die er nach der Mauser bekommt, nicht selbstverständlich ist. Ich habe nämlich noch nie einen Stieglitz baden gesehen. Sie kommen immer nur zum Trinken, und ich stelle mir deshalb vor, sie haben Angst, dass die bunte Farbe im Wasser wieder runter geht, wenn sie darin rumplantschen.
Mein Lurch des Jahres 2019
Bislang war das Amphibium des Jahres bei uns im Teich immer die Erdkröte. Mangels Gegenkandidaten war das Wahlergebnis ähnlich eindeutig wie bei der sowjetischen KP zu ihren besten Zeiten. Dieses Jahr ist alles anders. Von den Neuzugängen Grasfrosch und Springfrosch habe ich in einem anderen Beitrag schon berichtet, aber den eigentlichen Favoriten konnte ich bislang noch nicht zeigen.
Erwachsene Molche sind zu scheu, um sie mit der Kamera einzufangen. Sie leben die meiste Zeit am Grund des Teichs. Nur hie und da huscht einer nach oben, schnappt nach Luft und taucht wieder ab. Ende Juli ist mir der letzte aufgefallen. Es heißt, dass sie im Frühsommer die Wassertracht wieder ablegen und an Land gehen, aber fix ist das nicht. Manchmal bleiben sie das ganze Jahr im Wasser, da sind sie flexibel und können sich so an das Laichgewässer anpassen. Von einer ausgefahrenen Reifenspur bis zum ganzjährig gefüllten Teich ist ihnen alles recht.
Für die Larven gilt das Gleiche. Bei uns tragen sie Ende August immer noch ihre Kiemen, die aussehen wie eine Wuschelfrisur, und ich gehe davon aus, dass sie die Metamorphose dieses Jahr nicht mehr abschließen werden. Unsere Molche sind echte Lurche des Jahres, die gekommen sind, um das ganze Jahr zu bleiben.
Im Frühjahr konnte ich die Erwachsenen genauer beobachten, und nach dem leuchtend orangen Bauch zu schließen, waren es Bergmolche. An den Larven kann ich das nicht so genau erkennen, aber egal, welche Molche es sind – meine Amphibien des Jahres sind sie sowieso. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eines dieser Zwergkrokodile erblicke.
Sie sind drei bis vier Zentimeter lang. Der eine, den ich mit dem Kescher erwischt habe, war eher kleiner. Nach fünf Minuten Fotosession im Einsiedeglas durfte er wieder zurück in den Teich. Besonders gestresst scheint ihn der Ausflug nicht zu haben. Wenn ich zum Schwimmen ins Wasser steige, stieben die Larven oft aufgeregter davon.
Von oben sehen sie aus wie kleine Fische. Erst wenn man genauer schaut, erkennt man, dass sie gern auf dem Boden bleiben, weil sie keine Schwimmblase haben und nicht schweben können. Dass sie auch Gliedmaßen haben, sieht man nur, wenn sie einem die Chance dazu lassen, denn das beste Antriebsorgan unter Wasser ist immer noch eine Schwanzflosse, und damit sehen sie nicht nur aus wie Fische, sie sind auch genauso schnell.
Von allen Amphibien, die ich kenne, sind Molche wahrscheinlich am besten an das Leben im Wasser angepasst und fühlen sich dort sichtlich wohl. Manchmal behalten sie die Kiemen sogar bis ins Erwachsenenalter, und vollziehen den letzten Schritt der Metamorphose erst, wenn sie die Umweltbedingungen dazu zwingen.
Die Gesellschaft für Herpetologie wählt jedes Jahr einen anderen Lurch oder ein anderes Reptil, aber mir gefällt der Bergmolch so gut – ich denke, wenn er bleibt, werde ich ihn sicher auch nächstes Jahr wieder zu meinem Lurch des Jahres wählen. Moskau hätte an meinem Wahlverhalten seine Freude gehabt.
Tigerschnegel-Paarung im Apfelbaum
Neulich musste ich an einem Morgen nach durchregneter Nacht an die Witwe Bolte denken: „Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum!“, kam mir in den Sinn, als ich plötzlich zwei Schnecken frei schwebend in der Luft hängen sah.
Der Anblick war eher bizarr als schön und traumhaft. Nur vom Apfelbaum hingen die beiden Tigerschnegel wirklich. Eins von drei ist eine schlechte Quote, dachte ich mir, aber statt nach einem passenderen Zitat suchte ich lieber nach meiner Kamera.
Die nächsten zwanzig Minuten kamen mir vor wie fünf. Was ich sah, war eine atemberaubende Bewegungsorgie in Schleim. Ich wusste nicht, dass Schnecken so schnell sein können. Es war ein permanentes Drehen und Winden, das einer geheimen Choreografie zu folgen schien. Und darunter bewegten sich zwei weiße Astralleiber aus Schleim, als hätten sie ihr Eigenleben.
Tigerschnegel gelten ja als die Nützlinge unter den Naktschnecken. Sie verschmähen das Gemüse und plündern lieber die Gelege anderer Schnecken. Ersteres kann ich bestätigen, denn ich habe noch nie einen Tigerschnegel an unserem Gemüse knabbern sehen, für zweiteres fehlt mir noch der zwingende Beweis. Wir haben haufenweise Tigerschnegel in unserem Garten, aber die Wegschnecken werden dadurch nicht weniger.
Faktum ist jedenfalls: Sie sind die Akrobaten unter den Schnecken. Ihr Drahtseilakt ist atemberaubend. Am Ende folgt noch ein Überraschungseffekt. Sie trennen sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine Tigerschnegel klettert am Schleimfaden nach oben, der andere lässt sich in den weichen Rasenschnitt fallen, mit dem die Baumscheibe gemulcht ist.



Bleibt nur noch die Frage: Was zum Teufel war das? Und warum? Das ließe sich sicher recherchieren, aber ich will es lieber mit einer psychologischen Erklärung versuchen: Wenn man als Schnecke Nacht für Nacht über den Erdboden kriecht, die Stilaugen in die Luft gestreckt, dann beobachtet man neiderfüllt die Abendvögel, die Nachtfalter und die Fledermäuse und wünscht sich, selbst einmal den Luftraum erobern zu können.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und man findet eine Lösung: Zu zweit sollte es möglich sein, einen Schleimfaden zu spinnen, der stark genug ist, beide Tigerschnegel zu tragen. Und dann schwingen sich die Schnecken doch tatsächlich in die Luft. Werden für einen Augenblick ihres Lebens selbst zu Flugakrobaten. Sind schwerelos. Vögeln gleich.
Webtipp:
Wer noch genauer wissen möchte, was es mit diesem bizarren Tanz der Tigerschnegel auf sich hat, findet im Hollergarten-Blog eine ausführliche Punkt-für-Punkt-Darstellung des Ablaufs mit sehr schönen Illustrationen. Den Beitrag kannte ich natürlich schon vorher und auch die Beschreibungen aus den einschlägigen Gartenbüchern, aber es ist dann trotzdem überraschend, dass sich diese Choreografie wirklich Schritt für Schritt so abspielt.
Kurze Geschichte einer Luftfahrt
Bei uns schlüpfen seit Mitte Juli die Großen Heidelibellen. Jeden Morgen, wenn man am Teich vorbei geht, erheben sich zahlreiche Exemplare in die Luft. Noch sind sie blaß und gelblich. Wenn sie rot ausgefärbt zurückkehren, wird Herbst sein.
Die Großen Heidelibellen sind nicht so groß, wie ihr Name vermuten lässt, und ihre Flügel verkleben beim Schlupf selten. Das erste Auffliegen ist vielleicht noch etwas langsam und ungelenk, aber unrund torkeln sieht man sie selten. Im vorliegenden Fall war eine Spinne im Rücken der Libelle für die Schwierigkeiten beim ersten Flug verantwortlich.
Die Libelle versuchte nach der Landung den blinden Passagier loszuwerden, aber die Spinne hatte sich festgebissen. Trotzdem war sie als Hijacker nicht wirklich erfolgreich. Wenn man seinem fliegenden Untersatz Gift injiziert, sollte man bedenken, dass eine kontrollierte Landung dadurch eher unwahrscheinlich wird.
Die Libelle torkelte in das Netz einer anderen Spinne, und die „Flugzeugentführerin“ musste die Beute nach einiger Verwirrung ihrer größeren Kollegin überlassen. Die wusste zuerst gar nicht, was sie mit so viel Nahrungsüberfluss anfangen sollte, am Ende blieben aber doch nur die Flügel übrig.







