Meisenspeise

Tannenmeise

Vogelfutter war bei uns dieses Jahr eher ein Ladenhüter. Der Winter zeigte sich bislang von der milden Seite, und die Singvögel haben sich lieber rundum in den Sträuchern und an den Staudenresten bedient.

Seit dem Wochenende ist das anders. Am Freitag Nachmittag legte sich eine fünfzehn Zentimeter dicke Schneedecke über den Boden, und jetzt ist an den Futterstellen Hochbetrieb.

Eine Schüssel mit aufgeknackten Walnüssen war innerhalb von ein paar Stunden leer geräumt. Zuerst kamen die dieses Jahr besonders zahlreichen Kohlmeisen, dann gesellten sich die Blaumeisen dazu.

Besonders frech waren die Tannenmeisen. So viele von denen habe ich überhaupt noch nie im Garten gesehen. Und alle haben sie sich kurz Zeit genommen, um freundlich in die Kamera zu linsen, bevor sie sich eine Walnuss schnappten.

Wobei die Nuss wohl gewählt sein will. Gründlich wird alles umgedreht, bis man endlich das richtige Stück im Schnabel hat. Man will sich ja nicht lächerlich machen und am Ende mit einer Walnuss dazustehen, bei der man sich vielleicht etwas übernommen hat.

Es soll nämlich Nüsse geben, die so groß sind, dass selbst die kräftigste Kohlmeise damit nicht abheben kann, und zur Hoffnung gesellt sich dann schnell die Enttäuschung. Es sei denn, man wechselt kurzerhand auf ein kleineres Exemplar. Als Meise muss man halt nehmen, was man kriegen kann. Das geht uns Menschen ja ähnlich: Wir würden uns auch gern weiße Weihnachten wünschen, aber das wird sich durch den angekündigten Föhn wahrscheinlich wieder nicht ausgehen. Man kann halt nicht alles haben.

Und eines noch, bevor jetzt alle schreiben: Jö, Schnee, ich will auch! Das Zeug schaut nur auf Fotos gut aus. In Wirklichkeit muss man vor allem einmal kräftig schaufeln, und wenn er schwer ist, reißt es einem dabei fast das Kreuz ab.

Die Filiale

Hornissen

Die heutigen Bilder sehen vielleicht nicht besonders spektakulär aus. Ein idealer Blogleser mit perfektem Gedächtnis würde aber sofort wissen, dass sie etwas Außergewöhnliches zeigen. Der abgebildete Nistkasten ist nämlich ein alter Bekannter und normalerweise Unterschlupf für unsere Hausspatzen. Sie haben eine eigenartige Vorstellung von Innenarchitektur und verwenden reichlich Cellophan als Nistmaterial, wie ich letzten Herbst berichtet habe.

Auch dieses Jahr haben sie mindestens zweimal erfolgreich gebrütet. Einer ihrer Jungvögel stattete mir Anfang Juni sogar einen Besuch im Wohnzimmer ab. Danach war es knapp zwei Monate still im Nistkasten, und ab August gehörte er den Hornissen. Das Ergebnis sieht man auf den folgenden Fotos: Eingelagert in das Nistmaterial der Hausspatzen sind die Waben der Hornissen.

Und das ist jetzt, wie gesagt, wirklich außergewöhnlich. Welche Hornissenkönigin wartet schon geduldig bis zum Sommer, um als Nachmieterin bei den Hausspatzen einzuziehen, sobald diese den Nistkasten nicht mehr brauchen? Die Antwort lautet: Keine! Die Dinge sind nicht immer so, wie sie aussehen.

Bei Hornissen beeindruckt zunächst einmal die Größe. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich manchmal bis zu 200 Tiere gleichzeitig in einem Hornissennest zu schaffen machen und so im Laufe eines Sommers vielleicht 1500 Zellen entstehen, kann man sich ungefähr den Platzbedarf so eines Baus vorstellen. Deshalb beherrschen Hornissen als einzige Art innerhalb der Faltwespen die Filialbildung. Dabei beginnen Arbeiterinnen an einem neuen Standort mit dem Wabenbau, wenn die alte Bruthöhle zu klein wird. Kurze Zeit später übersiedelt die Königin, neue Eier werden folglich nur noch am zweiten Nistplatz gelegt, die Arbeiterinnen betreuen aber während der Übergangszeit an beiden Standorten die Brut.

In unserem Nistkasten war also nur ein kleiner Teil des Hornissenbaus, vielleicht 200 Zellen maximal. Vermutlich wurden hier hauptsächlich die Königinnen fürs nächste Jahr großgezogen. Nicht nur, dass mir dieses Jahr zum ersten Mal ein Hornissennest auf unserem Grundstück aufgefallen ist, es war auch noch ein ganz außergewöhnliches Nest, eine Filiale, und es hat mich, muss ich zugeben, ein bisschen Hirnschmalz und Recherchearbeit gekostet, bis ich drauf gekommen bin, wie dieses Rätsel zu lösen ist.

 

 

Im Mulmloch

Blaumeisenkopf im Baum

Dass der Strauß den Kopf in den Sand steckt, ist genauso unwahr wie die Geschichte, dass Newton die Gravitation entdeckt hat, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Wahr ist vielmehr, dass Blaumeisen ihren Kopf in den Apfelbaum stecken und die Geschichte der Gravitation mehr mit Nüssen zu tun hat als mit Äpfeln. Nicht nur, dass der erste namenlose Physiker höchstwahrscheinlich die Erdanziehungskraft entdeckt hat, als ihm eine Kokosnuss auf den Kopf fiel, und er diese Erkenntnis nur deshalb nicht weitergeben konnte, weil er unmittelbar danach an den durchschlagenden Folgen dieser Einsicht verstorben ist, auch heute noch ist der Werdegang so einer Nuss geprägt von ihrem Verhältnis zur Gravitation.

Bei uns im Garten folgen die Walnüsse zunächst der Erdanziehungskraft auf ihrem Weg zu Boden. Um den Weitertransport in entgegengesetzter Richtung kümmern sich dann unter anderem Eichhörnchen und Eichelhäher, die man anscheinend vergessen hat, in Walnusshörnchen und -häher umzubenennen, als die Römer die Nussbäume in Mitteleuropa verbreiteten. Die Bezeichnung ihrer Beute ist da schon akkurater – Welschnuss hieß die Walnuss früher, weil sie eben von den Römern kommt.

Diese Beute wird dann herumgeschleppt, versteckt, gehortet und irgendwann auch verspeist. Normalerweise wird sie dabei in zwei Hälften geteilt, von denen man im Moment nur eine brauchen kann, weswegen die zweite wieder zu Boden fällt, wo sie schließlich für den Buntspecht interessant wird. Der schleppt sie zu seiner Schmiede, dem Mulmloch im Apfelbaum. Und da er beim Fressen eher schlampig ist, landen Teile der Nuss am Ende doch noch dort, wo – zumindest nach Meinung der Blaumeise – von Anfang an immer schon ihre höhere Bestimmung war, nämlich im Magen derselben.

Die Rückkehr der Fischer

Kormoran Portrait

Kormorane sind in Wien immer noch selten. Man sieht sie einzeln oder paarweise an der Donau oder am Donaukanal. Kaum zu glauben, dass es laut Wikipedia vor 100 Jahren in der Lobau noch eine stattliche Kolonie mit 300 Brutpaaren gab. Die Vögel genießen einen schlechten Ruf als Fischereischädlinge und wurden in ganz Europa zuerst bis zur Ausrottung bejagt und dann, bei der Rückkehr in ihre angestammten Siedlungsgebiete, als invasive Art verleumdet. Tatsächlich ist der Kormoran ein Kosmopolit und in verschiedenen Unterarten überall dort anzutreffen, wo es fischreiche Gewässer gibt.

In Wien ist die Kormoranjagd mittlerweile verboten, im umliegenden Niederösterreich ist sie nur in ausgewählten Gebieten als letzte Maßnahme erlaubt, um die Fischerei zu schützen. Dabei zeigen die meisten Untersuchungen, dass die Fischbestände in erster Linie von der Wasserqualität abhängen und nicht von der Zahl der jagenden Kormorane, aber da kann man forschen so viel man will – der Kormoran wird seinen schlechten Ruf nicht los.

Die Vögel scheinen das zu wissen. Sie bleiben scheu. Mehrfach habe ich auf der Donauinsel beobachtet, dass sich Kormorane verziehen, wenn sie merken, dass sie beobachtet werden – und die Tiere haben ein sehr scharfes Auge, sie bemerken einen sofort.

Die besseren Fotos macht man wie so oft in der Innenstadt. Es gibt nicht viele Kormorane, die sich bis in den ersten Bezirk vorwagen, um im Donaukanal zu fischen, aber diese Exemplare haben dann deutlich weniger Scheu und sind an Fußgänger und Radfahrer gewöhnt.

Das Gefieder des Kormorans hat eine Eigenheit, es wird nass. Ist der Vogel gerade erst ins Wasser gegangen, schwimmt er noch obenauf wie eine Ente, aber sobald er Flüssigkeit im Gefieder eingelagert hat, liegt er deutlich tiefer. Nur so kann er effizient tauchen und erfolgreich nach Fischen jagen.

An Land sieht man dann oft Kormorane mit ausgebreiteten Flügeln. Das ist kein Imponiergehabe, sondern hilft, das Gefieder schneller trocken zu bekommen. Hat man so ein Foto im Kasten, sollte man die Kamera übrigens nicht gleich wieder im Rucksack verstauen. Der Vogel hat ja die Absicht, abzuheben, und mit etwas Glück fliegt er anschließend in die Richtung des Betrachters. Da ärgert man sich nur, wenn die Kamera schon weggepackt ist und einem die Chance auf ein gutes Foto entgeht. Das entsprechende Bild denken wir uns mit etwas Fantasie an dieser Stelle einfach dazu.

Die meiste Zeit fotografiert man aber sowieso nur leere Wasseroberflächen, wenn man Kormorane abbilden möchte. Typischerweise sieht der Vogel nämlich so aus wie auf dem nächsten Bild. Und was sich dann unter Wasser abspielt, entzieht sich endgültig unserer Beobachtung. Zirka eine Minute dauert so ein – oft erfolgloser – Tauchgang. Kaum zu glauben, dass man im trüben Donaukanal überhaupt erfolgreich fischen kann, aber das wird wohl irgendwie mit diesen türkisgrünen Radaraugen und dem nach unten gebogenen Hakenschnabel zusammenhängen.

Die Halbhöhle

Gartenrotschwanz-Weibchen in Halbhöhle

Mein erster Nistkasten war für Kohlmeisen und wurde relativ schnell angenommen. Später habe ich eine kleinere Variante gebastelt, in der seit Jahren die Blaumeisen brüten. Lange Zeit waren Nistkästen für mich künstliche Höhlen mit einer kleinen Einflugöffnung. Irgendwie entspricht das am ehesten unserer Vorstellung einer schützenden Behausung.

Dabei bevorzugen viele Arten die offene Variante. Die Halbhöhle ist ein Nistkasten, auf den gern vergessen wird, dessen Anbringung sich aber lohnt, weil man damit ausgefallenere Gäste in den Garten locken kann. Meine Variante hat eine Grundfläche von zwölf mal zwölf Zentimetern. Das kann man aber von den Holzresten abhängig machen, die man zur Verfügung hat. Ich richte mich auch noch nach der Dachneigung unseres Schuppens, denn die Nistkästen montiere ich am liebsten witterungsgeschützt unter dem Vorsprung eines Gebäudedachs. In die Bodenplatte bohrt man noch zwei Ventilationslöcher, und wenn man die Teile mit Holzdübeln verleimt, sollte man nicht vergessen, eine Platte abnehmbar mit Schrauben zu befestigen, sonst hat man im Herbst beim Säubern Probleme. Wie jeder Nistkasten wird auch dieser vor dem Winter mit klarem Wasser ausgewaschen.

Anschließend braucht man vielleicht ein wenig Geduld. Bei uns hat es zwei Jahre gedauert, bis die Konstruktion angenommen wurde. Und dann sollte man sich nicht erwarten, dass man das Nest besser einsehen kann, nur weil die Halbhöhle vorne offen ist. Das überstehende Dach schützt nicht nur vor plündernden Krähen, sondern auch vor neugierigen Fotografen. Die Elternvögel konnte ich trotzdem zuordnen, es waren diese hier:

Gartenrotschwänze sind eher unauffällige Vögel, die ihre Jungen groß ziehen, ohne dass man viel mitbekommt. Man beobachtet sie aus der Distanz und freut sich, dass sie da sind. Diese Art ist in ihrem Bestand gefährdet und ein Indikator für intakte Umweltbedingungen. Vor allem unsere naturbelassene Wiese hatte es ihnen angetan. Von einem kleinen Ansitz aus haben sie sich hier immer wieder Spinnen und Insekten geholt und sind anscheinend gut satt geworden. Ich hoffe, dass sie auch den Zug über die Sahara erfolgreich überstehen und im nächsten Jahr wiederkommen. Die Halbhöhle ist jedenfalls frisch geputzt und wartet.

Gartenrotschwanz in Halbhöhle