Die Filiale

Die heutigen Bilder sehen vielleicht nicht besonders spektakulär aus. Ein idealer Blogleser mit perfektem Gedächtnis würde aber sofort wissen, dass sie etwas Außergewöhnliches zeigen. Der abgebildete Nistkasten ist nämlich ein alter Bekannter und normalerweise Unterschlupf für unsere Hausspatzen. Sie haben eine eigenartige Vorstellung von Innenarchitektur und verwenden reichlich Cellophan als Nistmaterial, wie ich letzten Herbst berichtet habe.

Auch dieses Jahr haben sie mindestens zweimal erfolgreich gebrütet. Einer ihrer Jungvögel stattete mir Anfang Juni sogar einen Besuch im Wohnzimmer ab. Danach war es knapp zwei Monate still im Nistkasten, und ab August gehörte er den Hornissen. Das Ergebnis sieht man auf den folgenden Fotos: Eingelagert in das Nistmaterial der Hausspatzen sind die Waben der Hornissen.

Und das ist jetzt, wie gesagt, wirklich außergewöhnlich. Welche Hornissenkönigin wartet schon geduldig bis zum Sommer, um als Nachmieterin bei den Hausspatzen einzuziehen, sobald diese den Nistkasten nicht mehr brauchen? Die Antwort lautet: Keine! Die Dinge sind nicht immer so, wie sie aussehen.

Bei Hornissen beeindruckt zunächst einmal die Größe. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich manchmal bis zu 200 Tiere gleichzeitig in einem Hornissennest zu schaffen machen und so im Laufe eines Sommers vielleicht 1500 Zellen entstehen, kann man sich ungefähr den Platzbedarf so eines Baus vorstellen. Deshalb beherrschen Hornissen als einzige Art innerhalb der Faltwespen die Filialbildung. Dabei beginnen Arbeiterinnen an einem neuen Standort mit dem Wabenbau, wenn die alte Bruthöhle zu klein wird. Kurze Zeit später übersiedelt die Königin, neue Eier werden folglich nur noch am zweiten Nistplatz gelegt, die Arbeiterinnen betreuen aber während der Übergangszeit an beiden Standorten die Brut.

In unserem Nistkasten war also nur ein kleiner Teil des Hornissenbaus, vielleicht 200 Zellen maximal. Vermutlich wurden hier hauptsächlich die Königinnen fürs nächste Jahr großgezogen. Nicht nur, dass mir dieses Jahr zum ersten Mal ein Hornissennest auf unserem Grundstück aufgefallen ist, es war auch noch ein ganz außergewöhnliches Nest, eine Filiale, und es hat mich, muss ich zugeben, ein bisschen Hirnschmalz und Recherchearbeit gekostet, bis ich drauf gekommen bin, wie dieses Rätsel zu lösen ist.

 

 

19 Kommentare zu „Die Filiale

  1. Tolle Bilder und super interessanter Beitrag – ich wusste es bisher auch nicht.
    Man spricht bei Insekten im Allgemeinen ja nicht von Intelligenz oder siedelt deren Grad zumindest unterhalb der Warmblüter an, aber angesichts solcher Leistungen müsste man das wohl überdenken.

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    1. Mir war zweierlei auffällig: Erstens wie unauffällig sie da eingezogen sind. Und zweitens wie wenig Platz sie benötigt haben. Es war reger Flugbetrieb, aber die 200 Waben hatten wenig Volumen. Das Hauptnest muss deutlich größer gewesen sein.

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  2. In meinen Garten kommen regelmäßig zwei Hornissen und knabbern an einem Holzstab. Das knuspern ist sehr vernehmlich und wenn ich mich nährer um sie zu beobachten, lassen sie sich gar nicht stören. Ich bin jedenfalls überrascht, wieviel sie wegnagen, innerhalb Tagen war der Stab von ihnnen komplett ausgehöhlt. Vielleicht entdecke ich ihr Nest auch irgendwann.

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    1. Ich vermute mal, die holen entweder Baumaterial für die papierenen Waben oder sie zapfen die Zuckersäfte an. Sowas habe übrigens noch nie beobachtet. Ich sehe sie immer nur am Obst und im Sommer beim Wasserholen am Teich. Nach dem Nest habe ich lange gesucht, aber bis zu diesem Sommer nie eines gefunden. Die Richtung kann man aber leicht erahnen, zumindest bei uns starten die nach dem Wasserholen immer relativ gerade Richtung Bau. Vielleicht findest du euer Nest nächstes Jahr. Ich werde ihnen einen geeigneteren Nistkasten hinhängen und schauen, ob was kommt.

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      1. Auch ich wusste das nicht, danke 🙂 Bei uns sind jedes Jahr Hornissen. Wie Susanne sehen wir sie an morschem Holz, wo sie Baustoff für ihre Waben holen. Oder überm Staudenbeet, wo sie Bienen jagen. Die sie dann säuberlich vor Ort zurechttranchieren und nur den Leib, ohne Beine, Kopf, Flügel, mitnehmen. Ein Nest aber konnten wir noch nie finden.

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      2. Dafür habe ich noch nie diese brutalen Details mitbekommen. Von denen habe ich bisher nur gelesen. Bei uns am Teich holen alle gemeinsam nebeneinander Wasser. Es gibt noch so viel zu beobachten.

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    1. Für das wie groß sie sind, können die relativ dezent sein. Wir haben jedes Jahr viele Hornissen und ich habe jahrelang versucht, ihr Nest zu lokalisieren, war aber erst in diesem Sommer erfolgreich. Liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass sie mit diesen Filialen ihren Bau auf kleinere Einheiten verteilen können.

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    1. Also ich musste mir das alles erst zusammen reimen. Von Filialbildung wusste ich bislang nichts. Im Laufe des Sommers hat mir gedämmert, dass das kein normales Nest ist. Und als ich es dann zerlegt habe und da war nur eine Lage mit geschätzt 200 Waben, hatte ich dann die Bestätigung.

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