Sprichwörtlich genommen

Speziell in den Sommermonaten bin ich Frühaufsteher. Auch an Sonn- und Feiertagen wache ich spätestens um sechs auf und beginne, vertikal zu lüften: Oben öffne ich die Balkontür und unten die Eingangstür, das ergibt auf der Stiege einen schönen Luftzug, der das Haus um mehrere Grad abkühlt, während ich meinen Kaffee trinke.

Kleiner Spatz vor der TürAls ich am Pfingstmontag die Eingangstür wieder schließen wollte, saß ein kleiner Hausspatz auf der Treppe und sah irgendwie so drein, als würde er Puppi heißen.

Sinnvollerweise wäre ich einfach vorbei gegangen und hätte die Tür dabei geschlossen. Stattdessen machte ich aus der Distanz ein Foto und stieg dann mit der Kamera durchs Fester. Anschließend ging ich auf der anderen Seite ums Haus und baute mich ganz hinten im Garten mit dem Teleobjektiv auf. Man weiß ja, dass jetzt gleich die Mama kommt und füttert. Das wird ein feines Foto.

Die Mama hatte aber mehrere Küken zu versorgen und einige waren noch oben auf dem Balkon im Nistkasten. Ich übersetze mal kurz den Dialog.

Mama: Wo seid ihr den alle?
Puppi: Hier bin ich, Mama, ich komm schon!

Wir erinnern uns: Vertikal lüften, Balkontür oben offen, Eingangstür offen. Puppi folgte dem Ruf seiner Mama schnurstracks ins Haus, weil von dort kam ja ihre Stimme. Wir erinnern uns weiter: Ich war ganz hinten im Garten. Bis ich im Vorraum stand, war von Puppi nichts mehr zu sehen. Ich ging vor dem Kasten zu Boden: Puppi, bist du da?

Kleiner Spatz neben KachelofenAber Puppi war nicht da. Ich ging den Gang entlang Richtung Küche. Puppi, bist du in der Küche? Aber Puppi war auch nicht in der Küche. Er wusste nicht einmal, was eine Küche ist, hatte auch keine Ahnung, dass er mit Puppi gemeint war, und saß außerdem im Wohnzimmer neben dem Kachelofen.

Aufmerksam sah er mich an, aber sobald ich mich ihm näherte, schloss er die Augen: Ich weiß, wer du bist. Du bist die Katze. Meine Mama hat mir alles von dir erzählt. Aber wenn ich die Augen schließe, kannst du mich nicht sehen.

Das war natürlich Blödsinn. Ich konnte ihn immer noch sehen, und ich war nicht die Katze. Ich war der Typ mit dem Vogel im Wohnzimmer. Wer in so einer Situation übrigens eine Plastikmistschaufel auf den Boden legt, mit dem Finger drauf klopft und sagt: Komm, Puppi, steig da drauf, hat irgendwie wirklich einen Vogel. Das hilft nämlich nichts, ich weiß, wovon ich spreche.

Kleiner Spatz auf der SchaufelStattdessen hilft ein gutes Langzeitgedächtnis. In Kindertagen gab es mal einen Wellensittich und da war dieser Trick mit der Decke. Ich ging in die Küche, holte ein Geschirrtuch und warf es schön mittig über Puppi. Mit sanftem Druck trippelte er auf die Schaufel. Puppi war überhaupt sehr cool. Im Garten blieb er brav sitzen und wartete artig, bis ich mein Foto gemacht hatte.

Anschließend hoppelte er ins Gras und keine fünf Minuten später kam seine Mama, um ihn zu füttern. Fotos sind mir davon keine gelungen. Wir haben es nicht so mit dem Rasenmähen, und Puppi war in der hohen Wiese gut getarnt, aber den Dialog konnte man wieder ganz deutlich verstehen.

Puppi: Mama, ich war in dem großen Haus. Dort ich habe dem Tod ins Auge geblickt, aber dann bin ich ihm noch einmal von der Schaufel gesprungen.
Mama: Du hast Hunger und fantasierst. Nimm noch Frühstück!

Kleiner Spatz im GrasIch habe dann noch das Stativ genommen und die Kamera mitlaufen lassen, aber die Erkenntnisse waren gering. Puppi hat die ganze Zeit den Schnabel offen. Wenn er nicht kommuniziert, frisst er alles, was ihm vor den Schnabel läuft. Einmal ist eine Ameise über ihn hinweg. Das hat sie nicht überlebt. Irgendwann ist er dann weggehüpft und hat sich ein besseres Versteck gesucht.

Wenn man bedenkt, dass Vogeleltern mehrere Junge versorgen müssen, kann man sich ungefähr den Stress vorstellen, den sie dabei haben. Bleibt nur zu hoffen, dass die Mühe nicht für die Katz‘ ist. Ein paar Sprichwörter haben für mich an diesem Morgen jedenfalls eine sehr konkrete bildliche Umsetzung bekommen, und ich weiß jetzt auch, warum der Hausspatz Hausspatz heißt: Der marschiert einfach ins Haus rein, wenn die Tür offen ist.

31 Kommentare zu „Sprichwörtlich genommen

  1. Ach, das war jetzt einfach nur entzückend ❤
    Dein Dialog samt Bildern haben mich zum Lachen gebracht und was gibt es Besseres, als schon am frühen Morgen zu lächeln 😀
    Hoffentlich wird Puppi groß und stark und besucht dich noch oft. Aber lieber nur im Garten 🐥
    Daaanke

    Gefällt 3 Personen

    1. Bitte. Gern geschehen. Die meisten Fotos waren leider unbrauchbar. Ich hatte Stress mit Puppi und habe viele verwackelt. Aber die Geschichte ist gut gegangen, und ich hoffe, es geht Puppi auch weiterhin gut.
      Liebe Grüße, Richard

      Gefällt 1 Person

  2. Danke für die wunderbare Geschichte. Ich erlebte gestern etwas Anderes: Am Nistkasten über der Terrassentüre hing ein junger Spatz, ein Füßchen schien im Flugloch fest zu hängen. Mit Hilfe meiner Nachbarin und einer Leiter stieg ich hinauf, legte ein Tuch über das Junge und öffnete den Nistkasten. Das Füßchen hatte sich im Nistmaterial verfangen. Herunten entfernte ich das Anhängsel, der Vogel hüpfte ins Gesträuch und versteckte sich. Einige Minuten später sah ich ihn im Maul einer Nachbarskatze ( die von der helfenden Nachbarin). So ist das Leben.

    Gefällt 2 Personen

    1. Freut mich, wenn dir die Geschichte gefallen hat. Die Fortsetzung mit der Katze kenne ich nur zu gut. Früher hatten wir einen Kater, der konnte Vogelgeräusche ziemlich genau identifizieren. Wenn er Jungvögel im Gebüsch gehört hat, ist er dem nachgegangen und hat sich meist eines der Jungen geholt. Das ist mit ein Grund, warum ich keine Katze mehr haben mag, aber es gehört auch dazu. Die Natur braucht das Gleichgewicht und ein paar Jungvögel sind halt immer für die Katze bestimmt, sonst wären sie zu viele.
      Liebe Grüße, Richard

      Gefällt 1 Person

    1. Tja, ich fürchte, auch bei Puppi stehen die Chancen nur 50:50, dass alles gut geht. Aber ich habe meinen Teil erledigt und ihn erfolgreich der Natur zurückgeben. Der Rest läuft dann wieder nach den Gesetzen der Natur.
      LG, Richard

      Gefällt 1 Person

      1. Unser Nistkasten ist jedes Jahr besetzt. Für die Hausspatzen war es meiner Meinung nach schon die zweite Brut und eine kommt vielleicht noch. Das sind jede Menge Jungvögel. Du hast sicher Recht, dass da nicht viele durchkommen. Aber das ist halt der Lauf der Natur. Alles will ich nicht wissen, und die Spatzen haben den Vorteil, dass sie für mich eh alle wie Puppi aussehen. 😉

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  3. Eine köstliche Geschichte! Ich hoffe, dass sie gut ausgeht. Einmal war in meinem Garten eine junge Kohlmeise am Boden und war offensichtlich verwirrt. Da ich Angst hatte, dass sie gefressen wird, habe ich mich vorsichtig angenähert und sie hat sich dann tatsächlich von mir nehmen lassen. Ich habe sie dann auf dem Futterhäusschen gesetzt und nach einiger Zeit flog sie sogar auf den nahen Strauch. Ich war ganz happy!!

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke. Freut mich, wenn die Geschichte gefällt. Diese Anfangsphase ist schon sehr heikel. Die fliegen aus dem Kasten und davon sind sie dann ganz fertig. Da sind sie anfällig, aber sie entwickeln sich auch schnell und nach ein paar Tagen ist das Risiko geringer. Ich hoffe also, dass alles gut geht, und da sie für mich alle gleich aussehen, wird mir das tatsächliche Schicksal eh nie bekannt werden.
      Liebe Grüße, Richard

      Gefällt 2 Personen

    1. Danke. Freut mich, wenn dir meine Geschichte gefallen hat. Für mich war es ja mehr ein Tatsachenbericht. Sobald man mal einen Vogel im Haus hat, fängt man ganz von selbst mit Tieren zu sprechen an. Es war eine überraschende Erfahrung. 😉

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  4. *kicher* Toll, ich kanns mir richtig vorstellen:
    Puppi „Du, und da war ein großer Mann, der hat mich die ganze Zeit mit einem total albernen Namen angeredet, und…“
    Mutti „halt den Schnabel und iß!“

    Gefällt 2 Personen

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