Nicht jeder Wurm zählt

Amselmännchen

Unser Amselpärchen gönnt sich keine Pause. Das zweite Nest der Saison ist immer noch auf Nachbars Grundstück, aber diesmal auf unserer Seite der Hecke. Die Jungen sehe ich zwar immer noch nicht, aber ich will auch nicht stören und bleibe auf Distanz.

Dem scheuen Männchen passt das so, aber das Weibchen ist eindeutig von der geselligeren Sorte. Es hüpft einem direkt vor die Füße und ist mittlerweile in der ganzen Nachbarschaft als „Die freche Amsel“ bekannt.

Neulich habe ich sie in der Morgensonne beim Einsammeln von Würmern fotografiert, und als ich dann am Nachmittag die Kohlrabi eingesetzt habe, ist mir genauso ein Wurm untergekommen, den ich ihr in die Wiese gelegt habe. Kommunikativ wie sie ist, hat die Amsel meine auffordernden Gesten verstanden, ist näher gehüpft, hat sich den Wurm angesehen – und ihn liegen gelassen.

Für dieses Verhalten habe ich nach Tagen immer noch keine hinreichende Erklärung gefunden. War der Wurm doch nicht von der gleichen Sorte? Gibt es genießbare und ungenießbare Würmer? Oder werden Amseljunge nach einem strengen Diätplan groß gezogen, der Würmer nur fürs Frühstück und am Nachmittag leichtere Kost vorsieht, weil die Kinder sonst in der Nacht nicht schlafen können? Ist es vielleicht gar so, dass selbst gesellige Amseln von fremden Männern keine Würmer annehmen dürfen, weil ihnen das von ihrer Mutter, in diesem Fall also eigentlich schon der Großmutter, so beigebracht wurde? Oder war mein Wurm einfach nur nicht sauber genug? Die Amsel hat den Kopf geschüttelt und gedacht, der kann ja nicht einmal einen Regenwurm so aus dem Boden ziehen, dass keine Erde daran haftet.

Wer hätte gedacht, dass so eine einfache, freundschaftlich gemeinte Geste so viele komplizierte Fragen aufwirft. Und weit und breit wieder einmal keine Antwort in Sicht.

Der Lohn der Schmerzen

Segelfalter

Der ursprünglich aus dem Südosten stammende Feuerdorn ist mittlerweile bei uns eine allseitsbeliebte Garten- und Parkpflanze. Er gilt wegen seiner Dornen als Vogelschutzgehölz und seine Beeren sind, wie ich bestätigen kann, im Herbst vor allem bei den Amseln als Futter begehrt.

Für mich persönlich ist es eine Traumapflanze, ein Erbstück, das mir Alpträume bereitet und mich immer öfter schweißgebadet aufwachen lässt, desto weiter das Gartenjahr voranschreitet. Unser Feuerdorn wächst nämlich vor einem Fenster, und er macht, immergrün wie er ist, im Winter ziemlich finster. Deshalb wird er von mir jeden Herbst geschnitten, und diese Prozedur ist äußerst schmerzhaft. Ich benütze dafür dicke Handschuhe und eine Astschere mit extralangen Griffen. Die Stücke, die ich mit gestreckten Händen abschneide, sind deutlich kürzer als die Scherenhebel, und sie werden anschließend auf Distanz über der Scheibtruhe in Kleinteile zerlegt, aber alle Vorsicht nützt nichts. Irgendwann erwischt mich einer dieser Dornen, die sich mühelos durch Schuhsohlen bohren können, weil sie nicht nur spitz und lang, sondern auch entsprechend hart sind.

Es ist also nur würdig und recht, wenn diese Pflanze für all die Schmerzen auch eine Entschädigung bereit hält. Während der Blüte ist sie nicht nur ein Anziehungspunkt für unzählige kleine Wildbienen, sondern auch für den einen oder anderen Schmetterling, wie zum Beispiel für diesen Segelfalter, der vom Nektar so betört war, dass er sich durch mich nicht stören ließ. Das Exemplar ist zwar schon leicht ramponiert, aber so nah war ich diesen mittlerweile eher seltenen Faltern noch nie.

Algen im Teich – Frühjahrsputz

Kaulquappen der Erdkröte

Im Mai ist der Teich so schön und gepflegt wie das ganze Jahr sonst nicht. Das Wasser ist vergleichsweise klar, am Boden ist kaum Schlamm, die Algen-Urwälder sind verschwunden und jeder Stein ist blank gewischt und von schleimigem Belag befreit.

Das war nicht vom Jahresanfang an so. Nach dem Auftauen der winterlichen Eisschicht trieben schlatzige, teilweise abgestorbene Algenteppiche auf dem trüben Wasser, und am Boden bildeten abgestorbene Pflanzenteile eine dicke Schlammschicht.

Das Chaos stört die Amphibien beim Ablaichen nicht, die Algenreste dienen ihnen als Versteck, und die Insekten benützen sie als Landeplatz beim Wasserholen, aber schwimmen möchte man halt in der ekligen, schlatzigen Masse nicht. Der Anblick ist auch nicht berauschend, und über allem lastet zusätzlich der vorwurfsvolle Blick meiner Mitbewohner: Der Teich gehört wieder einmal geputzt!

Mittlerweile ist, wie gesagt, alles sauber. Zwischen den oberen und den unteren Bildern wurde viele Wochen fleißig geputzt, und das beste daran ist, ich habe keinen Finger gerührt. Für die Arbeit hatte ich Hilfe, und damit meine ich nicht den Teichstaubsauger aus dem Baumarkt oder das Algenmittel aus dem Regal daneben, sondern ich spreche von zigtausenden kleinen Erdkröten-Kaulquappen, die in mühevoller Kleinarbeit die Algenmasse entfernt haben und davon kugelrund geworden sind.

Irgendwo zwischen den Steinen am Ufer ist immer gerade eine große schwarze Wolke fleißig beim Putzen, während ich daneben im Liegestuhl sitze, die Beine hochlege und meiner Lieblingsbetätigung fröne: Ich schaue zu.

Mittlerweile sind sogar die vorwurfsvollen Blicke meiner Familie verschwunden. Ich habe zwar noch kein Lob für die geleistete Arbeit bekommen, obwohl ich regelmäßig einstreue: Schau, wie sauber der Teich geworden ist. Aber das kommt schon noch, ich bleibe dran, und irgendwann in den nächsten zwei Wochen wird man dann auch wieder im Teich schwimmen können. Im Moment spürt man noch lauter kleine Kügelchen, wenn man mit der Hand durchs Wasser streicht, aber bald ist die Metamorphose der Kaulquappen abgeschlossen, und dann gehört die Acht-Meter-Schwimmbahn wieder mir.

Man findet im Netz viele Tipps gegen Algen im Teich, meist mit einem Bestelllink für irgend ein mehr oder weniger teures Gadget, aber die einfachste Lösung für einen naturnahen Teich lautet: Algen gehören in einem bestimmten Umfang dazu. Sie binden die überzähligen Nährstoffe, und indem sich die Kaulquappen damit den Bauch vollschlagen, bevor sie Ende Mai den Teich verlassen, verschwindet auf diesem Weg ein Teil der Nährstoffe auch wieder aus dem Wasser. So ist es in jedem naturbelassenen Tümpel der Umgebung, wo man oft beeindruckend klares Wasser ohne Algen findet, und im Gartenteich ist es genauso, sobald sich das natürliche Gleichgewicht eingespielt hat.

Die Kaulquappenmasse lässt sich übrigens nur schwer fotografisch darstellen. Am Schluss noch ein kleines Bild, das quasi die analoge Umsetzung des Computerspielklassikers Snake darstellt. Die betroffene Fläche umfasst zirka drei Meter im Quadrat und die schwarze Schlange ist ein Schwarm von Kaulquappen, die sich ihren Weg durchs Wasser bahnen.

Kaulquappen-Schlange

 

Kaffee gegen Lilienhähnchen

Lilienhähnchen

Ende April, Anfang Mai gibt es in den Blättern der Lilien oft halbrunde Fraßstellen. Verantwortlich dafür ist dieser leuchtend rote Käfer: Das Lilienhähnchen.

Dieses schmucke Insekt zeichnet sich durch einen unstillbaren Appetit nach Lilienblättern aus. Zuerst sind es nur einzelne ovale Löcher, später verschwinden ganze Blätter und die so malträtierte Pflanze gelangt nie zur Blüte. Noch gefräßiger sind die Larven des Lilienkäfers. Die haben außerdem die unappetitliche Angewohnheit, sich ihren eigenen Kot auf den Rücken pappen. Das schützt sie gegen Fressfeinde.

Aber was schützt dann unsere Lilien? Die Antwort ist: Kaffee! Er ist mir nicht nur am Morgen ein guter Freund, wenn ich mehr tot als lebendig in die Küche wanke. Nie stellt er Fragen. Kein: Wo warst du gestern? Kein eifersüchtiges: Hast du außer mir sonst noch was getrunken? Stattdessen holt er mich zurück unter die Lebenden, und anschließend retten seine Reste unsere Lilien. Man muss sie nur rund um die Pflanzen auf der Erde verteilen, die kleinen roten Käfer verziehen sich kurz darauf, und unsere Lilien blühen in voller Pracht.

Dieses alte Hausmittel funktioniert bei uns seit vielen Jahren. Die Kaffeereste vertreiben nicht nur den kleinen roten Käfer ganz ohne Spritzmittel, sie sind auch ein guter Dünger für die Blumen.

Zeit der Hamsterer

Eichelhäher

Neulich wollte ich am Nachmittag in den Garten, um die Sonne zu genießen, da sitzt vor mir ein Eichelhäher auf dem Boden. Ich also zurück ins Haus, mit den Schuhen  unauffällig durchs Wohnzimmer – aus China habe ich gehört, dass sich Frauen nach zwei Monaten Quarantäne gern scheiden lassen, das will Mann nicht riskieren – ich greife mir die Kamera vom Schreibtisch, zurück durchs Wohnzimmer – hier gehört wieder einmal aufgewaschen – durch die Tür ins Freie, und da sitzt überraschenderweise noch immer der Eichelhäher und wartet.

Der Vogel bearbeitet eifrig eine Walnuss und lässt sich dabei nicht stören. Laut hörbar hämmert er mit dem Schnabel auf die Schale ein. Die Nuss muss aus einem seiner Depots stammen, denn ich füttere schon seit einiger Zeit nicht mehr. Was da vor mir abläuft, ist gleichsam das Ergebnis jahrtausendelanger Evolution: Der Baum hat seine Samen mit immer härterer Schale haltbar gemacht. Das macht sie für den Eichelhäher als Vorräte attraktiv. Und weil er nicht alles verbraucht, was er im Herbst versteckt hat, wachsen rundum zahlreiche Nussbäume weit weg von ihren Vorfahren. Symbiose pur.

Zum Hamstern muss man aber auch geboren sein. Bei mir funktioniert das gar nicht. Wenn mein Kühlschrank doppelt so voll ist, heißt das nicht, dass die Vorräte doppelt so lange halten – ich fresse einfach nur mehr. Das kann dem Eichelhäher auch passieren, im Gegensatz zu mir nimmt er aber nicht zu. Sein Organismus arbeitet auf einem Temperaturniveau, mit dem unsereiner zur Zeit besser nicht aus dem Haus gehen sollte, und sein Körper verbrennt die fette Kost sofort wieder. Für Vögel wäre Übergewicht aber auch eine wirklich schlechte Idee.