Zeit der Hamsterer

Neulich wollte ich am Nachmittag in den Garten, um die Sonne zu genießen, da sitzt vor mir ein Eichelhäher auf dem Boden. Ich also zurück ins Haus, mit den Schuhen  unauffällig durchs Wohnzimmer – aus China habe ich gehört, dass sich Frauen nach zwei Monaten Quarantäne gern scheiden lassen, das will Mann nicht riskieren – ich greife mir die Kamera vom Schreibtisch, zurück durchs Wohnzimmer – hier gehört wieder einmal aufgewaschen – durch die Tür ins Freie, und da sitzt überraschenderweise noch immer der Eichelhäher und wartet.

Der Vogel bearbeitet eifrig eine Walnuss und lässt sich dabei nicht stören. Laut hörbar hämmert er mit dem Schnabel auf die Schale ein. Die Nuss muss aus einem seiner Depots stammen, denn ich füttere schon seit einiger Zeit nicht mehr. Was da vor mir abläuft, ist gleichsam das Ergebnis jahrtausendelanger Evolution: Der Baum hat seine Samen mit immer härterer Schale haltbar gemacht. Das macht sie für den Eichelhäher als Vorräte attraktiv. Und weil er nicht alles verbraucht, was er im Herbst versteckt hat, wachsen rundum zahlreiche Nussbäume weit weg von ihren Vorfahren. Symbiose pur.

Zum Hamstern muss man aber auch geboren sein. Bei mir funktioniert das gar nicht. Wenn mein Kühlschrank doppelt so voll ist, heißt das nicht, dass die Vorräte doppelt so lange halten – ich fresse einfach nur mehr. Das kann dem Eichelhäher auch passieren, im Gegensatz zu mir nimmt er aber nicht zu. Sein Organismus arbeitet auf einem Temperaturniveau, mit dem unsereiner zur Zeit besser nicht aus dem Haus gehen sollte, und sein Körper verbrennt die fette Kost sofort wieder. Für Vögel wäre Übergewicht aber auch eine wirklich schlechte Idee.

25 Kommentare zu „Zeit der Hamsterer

      1. Nicht nur das. Ich beobachte die Eichelhäher seit Jahren im Herbst. Den Rest des Jahres sind sie dann verschwunden. Diese Jahr war das irgendwie anders. Die sind über den Winter geblieben, und ein bisschen haben wir uns aneinander gewöhnt. So sind mir die Aufnahmen des scheuen Kerls leichter gefallen.
        Liebe Grüße, Richard

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      2. Eichelhäher sind überwiegend Standvögel und gerne im Wald unterwegs. Vögel die viel in den Gärten sind, sind natürlich nicht so scheu wie die Waldbewohner, kommen aber das ganze Jahr dort vor.
        LG Jürgen

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    1. Danke. Ich bin ja immer wieder froh, dass die Begegnungen nur Augenblicke sind und die Wildtiere sich dann doch wieder in die Selbständigkeit verziehen. Ich stelle es mir anstrengend vor, wenn man rund um die Uhr für so einen kleinen Schreihals sorgen muss.
      Liebe Grüße, Richard

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    1. Stimmt. Diese Schnabelkappe, die viele Vögel oben drauf haben, macht den Schnabel optisch kürzer. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.
      Ja, dieser unruhige Geselle bleibt selten so lange sitzen, dass man ihn schön fotografieren kann. An dem Tag haben sich die brauchbaren Eichelhäherfotos in meinem Archiv vervielfacht.

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      1. Ich glaube nicht, dass das wirklich so heißt. Ich habe mir eine Neubildung erlaubt. 😉 Aber irgendeinen Namen wird es schon haben, weil vor allem die Vögel mit kräftigem Schnabel wie Spechte und Krähen haben da so einen Aufsatz.

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  1. Das Leben mit den kleinen Risiken zu würzen ist auch eine Methode, sich nicht zu langweilen. Aber der Einsatz hat sich auf jeden Fall diesseits des Blogs gelohnt, die Aufnahmen sind toll. Gestern habe ich bei der Gartenarbeit auch noch Walnüsse ausgegraben, vermutlich vom Eichehäher hier versteckt, denn wir haben keinen entsprechenden Baum.

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    1. Danke. Bei den versteckten Walnüssen muss man wirklich aufpassen. Man hat sonst wirklich relativ viele Bäume an Stellen, wo man sie nicht brauchen kann. Und die Nüsse gehen nach einiger Zeit alle auf. Bei uns sind die ein bisschen wie Unkraut.

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  2. Ja, das mit dem mehr fressen bei vollem Kühlschrank kenne ich auch. Aber auch den zu viel gekauft, schlecht geworden. Deswegen packe ich nicht allzu viel in den Kühlschrank, dafür mehr in die Tk-Truhe. Da muss man erst daran denken etwas aufzutauen.

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      1. Halten die so lange? Tatsächlich ist die TK-Truhe ein Erbstück, das sich bewährt hat.
        Tatsächlich hätte ich nicht gedacht, dass ich als Single mal eine TK-Truhe schätzen würde.
        Ich hatte ganz früher mal eine, für’s Hundefutter. Und meine Mutter hat mich mal bei irgendeinem Besuch losgejagt, weil sie dringend eine „brauchte“. Die stand dann aber meistens fast leer und wurde auch nie abgetaut. Energieverschwendung pur.
        Aber da sie nun mal hier ist, hat sich doch mein Konsumverhalten geändert. Zum Beispiel habe ich mich mit https://www.kaufnekuh.de/?invite=59d1309299d7a aus der Massentierhaltung verabschiedet.

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      2. Manchmal sind Tiefkühltruhen sicher ganz praktisch. Dafür müsste man aber, wie du schreibst, sein Konsumverhalten ändern und Vorräte anlegen. Aber so weit bin ich noch nicht. 😉

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    1. Mit dem größeren Nüssen hat man eindeutig einen Wettbewerbsvorteil. Und dafür muss man nur den Schnabel weiter aufreißen als die anderen. Dem Darwin ist zu dem Thema ein dicker Wälzer eingefallen, wenn mich nicht alles täuscht.

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    1. Lieber Bernhard,
      noch haben wir keine chinesischen Verhältnisse, keine Sorge. Das liegt wahrscheinlich daran, dass bei uns die Quarantäne nicht so streng ist. Man darf sogar wieder vermummt aus dem Haus gehen wie früher. Und wenn man hie und da Abstand nehmen kann, werden auch Schuhabdrücke auf dem Wohnzimmerparkett toleriert.
      LG Richard

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