Wofür Pfaffenhütchen gut sind

Pfaffenhütchen setzt man nicht, die hat man, und normalerweise wird man sie auch nie wieder los. Dieses Gewächs, das von der Größe her ein Strauch und vom Wuchs her ein Baum ist, heißt mit bürgerlichem Namen Gewöhnlicher Spindelstrauch und zeichnet sich durch eine gewisse Fruchtbarkeit aus. Die Blüten sind unscheinbar und von Mai bis Juni zahlreich. Aus diesen Blüten entwickeln sich im Oktober genauso zahlreiche, dunkelrosa Früchte. Sie haben die namensgebende Form eines kleinen Pfaffenhuts, und wenn sie aufplatzen, werden die orangen Samen sichtbar, die im Jahr darauf im ganzen Garten keimen. Sie sind zwar giftig, aber anscheinend nicht für Vögel, von denen sie gern im Umland verteilt werden – wegen seiner Attraktivität als Herbsfutter heißt das Pfaffenhütchen auch Rotkehlchenbrot.

Faszinierend, dass ein Strauch, der in allen Teilen giftig ist, so viele Fressfeinde anzieht wie das Pfaffenhütchen. Im Herbst sind es die Singvögel, die immer wieder vorbei schauen und sich die orangen Samen aus den aufplatzenden Früchten picken. Dabei ist ihre Körpertemperatur deutlich höher als unsere, dadurch sollten sie eigentlich anfälliger sein für die Wirkung des Giftes, aber die kürzere Verweildauer der Nahrung im Darm hilft ihnen offensichtlich.

Von den Blättern ernährt sich wiederum die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte. Im Mai finden sich im Blattwerk der Pfaffenhütchen zahlreiche Spinnweben, die nur auf den ersten Blick so aussehen, aber in Wirklichkeit gar keine sind. Im Inneren dieser Gespinste fressen sich kleine gelbe Raupen mit braunen Punkten am Laub der Sträucher satt. Das spinnwebenartige Gewebe rundum soll wahrscheinlich Fressfeinde abhalten, denn die Raupen werden gern von parasitären Fliegen befallen. Sonst hilft es ihnen aber wenig.

Im Mai sind Proteine ein gefragtes Aufzuchtfutter. Im Minutentakt fliegen die Kohlmeisen zwischen Nistkasten und Pfaffenhütchen-Strauch hin und her. Die kleinen Raupen haben die ideale Größe und werden gern verfüttert. Sollten doch ein paar durchkommen, freuen sich die Fledermäuse über die geschlüpften Nachtfalter. Allerdings nicht über alle, denn im nächsten Frühjahr geht alles wieder von vorne los.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte gilt als Schädling. Zur Bekämpfung werden die befallenen Äste herausgeschnitten, die restliche Pflanze mit Insektengift besprüht. Wahrscheinlich von den gleichen Leuten, die sich dann beschweren, dass die Zahl der Singvögel und Fledermäuse ständig abnimmt. Entweder verhungern die Fressfeinde der Raupen, oder sie werden ebenfalls vergiftet. In beiden Fällen braucht man ein Jahr später eine höhere Dosis Gift.

Zugegeben, so ein Nest mit kleinen gelben Raupen sieht ziemlich eklig aus. Die Gespinste können zahlreich werden. Angeblich fressen die Schädlinge sogar ganze Sträucher kahl. Bei uns war das noch nie der Fall, dafür sind die keinen Kohlmeisen viel zu hungrig. Und selbst wenn der Befall einmal ausufert, stirbt der Strauch nie ab, denn die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte entwickelt immer nur eine Generation pro Jahr. Wahrscheinlich brauchen die Jungen Raupen das zarte Grün der frischen Blätter, älteres Laub hätte eine stärkere Giftwirkung, und so ist der Spuk im Juni wieder vorbei.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte ist einer der nützlichsten Schädlinge, die ich kenne. Sie liefert den Singvögeln wertvolles Proteinfutter genau dann, wenn sie es für die Aufzucht ihrer Jungen am dringendsten brauchen. Und der angerichtete Schaden ist minimal. Er besteht mehr oder weniger nur in unserer Einbildung. Wenn wir uns an den Anblick der Raupen im Mai erst einmal gewöhnt haben, lösen sie kaum noch Ekel aus, stattdessen liefert uns die Natur Vogelfutter gratis, CO2-neutral und frei Haus.

 

6 Kommentare zu „Wofür Pfaffenhütchen gut sind

    1. Danke. Freut mich. Diese Pfaffenhütchen-Gespinstmotte ist auch bei den Wissenschaftlern sehr beliebt. Ich habe zum Beispiel einmal von einem Experiment gelesen, wo jemand gezeigt hat, dass sie in der Stadt nicht so oft ins Licht fliegen wie auf dem Land. Es gibt quasi eine evolutionäre Anpassung an die städtische Umgebung mit ihren künstlichen Lichtquellen. Es freut mich dann immer, wenn ich die Tiere aus den Büchern im Garten wiederfinde.

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      1. Man könnte meinen, jede Pflanze hat ihre eigene Gespinstmotte. Ich kann mich auch darin verlieren, herauszufinden, um welches Insekt es sich handelt, wenn ich ein mir unbekanntes Exemplar entdecke.
        Dass selbst Insekten dazulernen, ist schon bemerkenswert.
        Hier an der Lübecker Bucht ist irgendwie nichts mehr los in Sachen Insekten. Alle schon abgetaucht, im „Winterschlaf.“

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  1. Allein der einleitende Satz hat mich schon begeistert. Immer wieder haben die Pfaffenhütchen versucht, „einen Fuss in den Garten zu setzen“, aber erst in diesem Jahr habe ich einem gutgebauten, irgendwie überzeugenden Sämling einen Platz eingeräumt.
    In der Feldmark gibt es etliche, die zu Zeiten durch die Gespinnstmotten weniger attraktiv aussehen, aber nie ernsthaft geschädigt daraus hervorgehen und meistens bis zum Herbst wieder aussehen, als sei nichts geschehen: das überzeugte mich von beidem und ich hoffe sehr, die Vögel wissen das zu schätzen, dann soll mir das gelegentlich Unansehnliche gleich sein.

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    1. Wir haben zwei wirklich sehr große, alte und zwei, die auch schon recht stattlich sind und sich vor ein paar Jahren selbst angesetzt haben. Und kleine Sämlinge entfernen wir mittlerweile haufenweise. Wir haben schon genug.
      Unansehnlich werden die bei dir nie aussehen, dafür gibt es zu viele Meisen, die dir die Motten wegputzen. Bei uns wechseln Jahre mit Gespinstmotte und solche ohne miteinander ab. Dieses Jahr hatten wir viele Gespinste, nächstes Jahr wird man kaum welche finden. Das regelt sich in der Natur ja oft so.

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