Die kluge Biene baut vor

Kaum ein Insekt ist so eine beliebte Projektionsfläche für menschliche Eigenschaften wie die Honigbiene: Fleißig und selbstlos fliegt sie von Blüte zu Blüte, um mit ihrer Bestäuberleistung unsere Ernte zu sichern. Ganz nebenbei sammelt sie dabei Pollen und Nektar für ihre Nachkommen – und was übrig bleibt, dürfen wir uns zum Frühstück als Honig aufs Brot schmieren. Gut, dass die Bienen so fleißig sind.

Biene auf Zwetschkenblüte

Zur Zeit sind sie wieder unermüdlich im Obstgarten unterwegs. Dass sie dabei selbstlos handeln, ist aber nur eine Möglichkeit der Interpretation. Genauso gut könnte man sagen, sie sorgen für ihre zukünftigen Schwestern vor, wie die folgenden zwei Aufnahmen aus dem vergangenen Herbst zeigen.

Es ist ein hartnäckiges Gerücht, dass sich Bienen ausschließlich von Nektar und Pollen ernähren. Wenn im Herbst die reifen Zwetschken aufplatzen, sind fast mehr Bienen in den Bäumen als jetzt während der Blütephase. Bienen interessieren sich für fast alles, was Zucker enthält, sei es Nektar, Honigtau oder der Saft überreifer Früchte.

Vermenschlichende Attributszuweisungen wie fleißig oder vorausplanend sind in diesem Zusammenhang irreführend. Die Biene spult einfach nur ihre vorprogrammierte Nahrungsbeschaffungsroutine ab, wie sie das seit Millionen von Jahren tut. Dass sie uns dabei eine Projektionsfläche für unsere Interpretationen liefert, liegt an den komplexen Formen symbiotischen Zusammenlebens, wie sie im Laufe der Evolution entstanden sind. Und zu einem nicht geringen Teil hat auch der Mensch zu dieser Komplexität beigetragen, denn die Obstbäume in unserem Garten gäbe es ohne menschliche Zuchtauswahl genauso wenig wie die Honigbiene in ihrer heutigen Form.

Die vom Menschen angelegten Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Landschaften, die wir in unseren Breiten haben. Auch kleinteilige Landwirtschaft mit abgrenzenden Hecken und Feldrainen bieten einer Vielzahl unterschiedlicher Arten Lebensraum. Es war irgendwie alles auf dem richtigen Weg, Schritt für Schritt wurde auf dem Weg der Evolution das symbiotische Zusammenleben immer komplexer – bis zu dem Zeitpunkt, wo irgendwer beschlossen hat, Ordnung zu machen. Seither ist innerhalb des Zauns ein akkurat geschnittener englischer Rasen und außerhalb ein Maisfeld.


Literaturtipp:

Johann Brandstetter, Josef H. Reichholf: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur, Mathes & Seitz: Berlin 2016

Brandstetter/Reichholf: SymbiosenDie Beziehung zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern ist vielleicht die bekannteste Symbiose. Zahlreiche andere Beispiele über das Zusammenleben in der Natur bietet das Buch von Reichholf und Brandstetter. Die Texte des Biologen Reichholf orientieren sich dabei an Brandstetters Illustrationen und durch dieses Miteinander von Text und Bild gelingt eine nachhaltige Vermittlung des umfangreichen Themas. Eine ausführliche Rezension gemeinsam mit vielen anderen lesenswerten Buchbesprechungen findet sich auf dem Blog „Elementares Lesen“ von Petra Wiemann.

19 Kommentare zu „Die kluge Biene baut vor

  1. Eine sehr wichtige Insektenart. Gerade auch für uns Menschen. Den Gedanken … „was wäre wenn es sie nicht mehr gäbe“, darf man nicht zu Ende denken. Deshalb ist es für mich umso unverständlicher, wie manchmal mit Insekten umgegangen wird.
    LG Jürgen

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  2. Ein sehr interessanter Beitrag . Für mich eine unvorstellbares Szenario, wenn die Biene und hier ins Besondere die Wildbiene in unsere Artenliste fehlen würde. Der Mensch und hier bedonders die Agraindustrie, sollte endlich begreifen, wie abhängig unser eigenes Leben von der Biene ist.

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    1. Danke. Mich hat letzten Herbst die Beobachtung, wie viele Bienen an unseren Zwetschken naschen, auch überrascht. Schön ist, dass die Biene so viel Sympathie wecken kann. Hoffen wir, dass sich ein Teil auf die anderen Insekten überträgt. Wir brauchen sie alle.
      Liebe Grüße, Richard

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  3. Ich bin froh um jede einzelne fleißige Biene.
    Bei uns haben sie sich vor zwei Jahren am Birnenbaum gelabt.
    Auch die Wespen. Ich habe sie aber gelassen, so hatten wir auf der Terrasse relativ Ruhe. Die Natur gibt und nimmt. Das sollte man respektieren.

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    1. Früher gab es im Sommer an jedem Limonadeglas Wespen. Mittlerweile fängt man an, sogar die Quälgeister zu vermissen. Es gibt nur wenige Tiere, die wir vielleicht gar nicht brauchen. Die meisten haben ihre Aufgabe und ihren Platz.

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      1. Wenn dafür Zecken, Bremsen und Gelsen verschwinden würden, täte ich den aggressiven Wespen eine Nisthilfe basteln.
        Obwohl: Ich habe gelesen, es gibt südliche Regionen, wo diese Wespen eingeschleppt wurden. Dort bilden sie mangels Winter riesige Staaten. Das kann im Zuge des Klimawandels noch lustig werden.

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      2. Ja das wäre was. Das würde ich durchaus begrüßen.
        Ich hatte jetzt schon 3x eine allergische Reaktion auf ein Insektenstich.
        Das ist überhaupt nicht mehr lustig. Leider weiß ich bis heute noch nicht welches Insekt es war.

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      3. Anaphylaktische Reaktionen sind nicht ohne. Selber habe ich nur allergisches Asthma. Aber ich habe jemanden in der Familie, der immer seinen Pen dabei hat. Ich will nicht tauschen. Da war mein Borreliose-Zeck letztes Jahr ein Lercherlschaß dagegen. Aber diese Dinge gehören halt leider auch dazu.

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      4. Ich muss jetzt immer Cortison dabei dabei haben.
        Wenn ein Körperteil doppelt so dick wird, sind es einfach nur noch Schmerzen. Das gönne ich keinem.
        Asthma kenn ich auch aus der Familie.

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      5. Ja, da müssen die richtigen Medikamente her. Besser gleich als anstehen lassen. Warten belastet den Kreislauf, sobald sich Flüssigkeit ansammelt. Es ist gut, dass es Cortison gibt. Liebe Grüße, Richard

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      6. Ist bei Asthma ja noch schlimmer, wenn kein Cortison zur Hand ist.
        Mein jüngster Sohn hatte es als Kleinkind.
        Zum Glück hat es sich rausgewachsen.

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  4. Vielen Dank, dass du mein Blog hier empfiehlst. Momentan lese ich gerade das Buch „Die Wiese“ vom Tierfilmer Jan Haft, über die reichhaltige Flora und Fauna auf den Blumenwiesen, und über ihren Schwund durch die industrialisierte Landwirtschaft. Es ist traurig, was da alles verloren geht!
    Liebe Grüße, Petra

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    1. Dein Blog ist für mich sehr praktisch. Die Lektüreauswahl deckt sich teilweise mit einem Regal in meiner Bibliothek erweitert um Bücher, die dort noch fehlen. Das Buch über die Symbiosen hatte ich beispielsweise schon. Reichholfs Buch über die Schmetterlinge habe ich nach deinem Beitrag gekauft und erst nach dem Lesen beim Einsortieren bemerkt, dass es vom selben Autor ist.
      Die Wiese ist auch ein interessantes Thema, über das ich noch viel zu wenig weiß. Bin schon gespannt, was deine aktuelle Lektüre kann und freue mich auf deinen Beitrag dazu.
      Liebe Grüße, Richard

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    1. Ende Februar habe ich die letzten Äpfel aus der Garage in den Garten unter den Baum getragen. Die Amseln bedienen sich an den Resten immer noch. Ich war gerade mit der Kamera draußen. Rund um die Äpfel ist Bewegung. Ameisen und Fliegen sind da, und in einem Apfelrest fraß eine Hornisse. Ich denke, das Foto ist gut geworden. Fallobst ohne Fressgäste ist ungewöhnlich, würde ich auch sagen.

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