Speed Dating

Letzte Woche habe ich mich noch beschwert, dass die Frühlingsknotenblumen erst zögerlich die Blätter aus dem hart gefrorenen Boden strecken, weil in Südkärnten der Frühling immer ein paar Wochen später kommt als beispielsweise in Wien. Und plötzlich ist alles anders. Den Unterschied machen drei, vier sonnige Tage mit Windstille und Tageshöchsttemperaturen über 10 Grad.

Der Boden ist immer noch hart gefroren, denn die klaren Nächte waren frostig kalt. Die Blätter der Frühlingsknotenblumen sind auch noch nicht weiter gewachsen, maximal fünf Zentimeter ragen die Pflanzen aus dem Boden, aber sie haben den Auftrag der Sonne verstanden und erste Blüten hervor gebracht, wohl wissend, dass die Honigbienen bereits darauf warten.

Tatsächlich haben die ersten Bienen nicht auf das Öffnen der Blüten gewartet, sondern sind zwischen Blütenansatz und Hochblatt von oben in den Stängel gekrochen, um von dort ausdringende Pflanzensäfte abzusaugen. Es war wie ein hektisches Abtasten, bevor die Kälte noch einmal zurück kommt. Später, wenn die Frühlingsknotenblumen dann in voller Blüte stehen, werden die Pflanzen gut viermal so hoch sein, und die Bienen werden sich die Zeit nehmen, von unten in die geöffneten Glocken zu klettern, aber jetzt muss es erst einmal schnell gehen – Speed Dating halt.

Die kluge Biene baut vor

Biene auf Zwetschkenblüte

Kaum ein Insekt ist so eine beliebte Projektionsfläche für menschliche Eigenschaften wie die Honigbiene: Fleißig und selbstlos fliegt sie von Blüte zu Blüte, um mit ihrer Bestäuberleistung unsere Ernte zu sichern. Ganz nebenbei sammelt sie dabei Pollen und Nektar für ihre Nachkommen – und was übrig bleibt, dürfen wir uns zum Frühstück als Honig aufs Brot schmieren. Gut, dass die Bienen so fleißig sind.

Biene auf Zwetschkenblüte

Zur Zeit sind sie wieder unermüdlich im Obstgarten unterwegs. Dass sie dabei selbstlos handeln, ist aber nur eine Möglichkeit der Interpretation. Genauso gut könnte man sagen, sie sorgen für ihre zukünftigen Schwestern vor, wie die folgenden zwei Aufnahmen aus dem vergangenen Herbst zeigen.

Es ist ein hartnäckiges Gerücht, dass sich Bienen ausschließlich von Nektar und Pollen ernähren. Wenn im Herbst die reifen Zwetschken aufplatzen, sind fast mehr Bienen in den Bäumen als jetzt während der Blütephase. Bienen interessieren sich für fast alles, was Zucker enthält, sei es Nektar, Honigtau oder der Saft überreifer Früchte.

Vermenschlichende Attributszuweisungen wie fleißig oder vorausplanend sind in diesem Zusammenhang irreführend. Die Biene spult einfach nur ihre vorprogrammierte Nahrungsbeschaffungsroutine ab, wie sie das seit Millionen von Jahren tut. Dass sie uns dabei eine Projektionsfläche für unsere Interpretationen liefert, liegt an den komplexen Formen symbiotischen Zusammenlebens, wie sie im Laufe der Evolution entstanden sind. Und zu einem nicht geringen Teil hat auch der Mensch zu dieser Komplexität beigetragen, denn die Obstbäume in unserem Garten gäbe es ohne menschliche Zuchtauswahl genauso wenig wie die Honigbiene in ihrer heutigen Form.

Die vom Menschen angelegten Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Landschaften, die wir in unseren Breiten haben. Auch kleinteilige Landwirtschaft mit abgrenzenden Hecken und Feldrainen bieten einer Vielzahl unterschiedlicher Arten Lebensraum. Es war irgendwie alles auf dem richtigen Weg, Schritt für Schritt wurde auf dem Weg der Evolution das symbiotische Zusammenleben immer komplexer – bis zu dem Zeitpunkt, wo irgendwer beschlossen hat, Ordnung zu machen. Seither ist innerhalb des Zauns ein akkurat geschnittener englischer Rasen und außerhalb ein Maisfeld.


Literaturtipp:

Johann Brandstetter, Josef H. Reichholf: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur, Mathes & Seitz: Berlin 2016

Brandstetter/Reichholf: SymbiosenDie Beziehung zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern ist vielleicht die bekannteste Symbiose. Zahlreiche andere Beispiele über das Zusammenleben in der Natur bietet das Buch von Reichholf und Brandstetter. Die Texte des Biologen Reichholf orientieren sich dabei an Brandstetters Illustrationen und durch dieses Miteinander von Text und Bild gelingt eine nachhaltige Vermittlung des umfangreichen Themas. Eine ausführliche Rezension gemeinsam mit vielen anderen lesenswerten Buchbesprechungen findet sich auf dem Blog „Elementares Lesen“ von Petra Wiemann.

Das Urteil

Honigbiene

Im Moment habe ich viel Freude mit den Honigbienen in unserem Garten. An den Herbstastern herrscht mehr Betrieb als in einem Bienenstock. Auch bei Windstille halten die Blüten niemals still, so aufgeregt ist das Treiben der Insekten, die versucht sind, die letzten Futterquellen vor dem Winter abzuweiden.

Aber was, wenn die Bienen plötzlich ausbleiben? So passiert im Mai letzten Jahres, vielleicht 50 Kilometer von unserem Garten entfernt. Mehrere Imker beklagten den Tod von 800.000 Bienen oder 66 Völkern und einen finanziellen Schaden von über 20.000 Euro. Ein Obstbauer hatte das hochgiftige Mittel Chlorpyrifos auf seine blühenden Bäume gesprüht und dadurch das Bienensterben verursacht.

Der Mann wurde gestern am Landesgericht Klagenfurt – noch nicht rechtskräftig – zu 12 Monaten Haft verurteilt, davon vier Monate unbedingt. Er war außerdem Obmann des Kärntner Landesobstbauernverbandes und hielt Schulungen ab. All diese Funktionen wurden ihm mittlerweile von der Landwirtschaftskammer entzogen.

Das Urteil ist hart. Wie das endgültige Strafmaß aussieht, wird sich in der Berufungsverhandlung zeigen. Ich bin nicht fürs Einsperren aber für alles, was zum Umdenken führt, und ein Satz aus dem Urteil der Richterin ist bemerkenswert: Sie hob die generalpräventive Wirkung ihrer Entscheidung hervor. Da sind Richter am Werk, die wissen, dass ihr Tun unsere Gesellschaft und unsere Zukunft beeinflusst. Und sie nehmen verstärkt Rücksicht auf Umweltbelange.

Noch ist dieses Urteil ein Einzelfall, dem verschiedene Faktoren zugrunde liegen: Bienen haben einen ökonomischen Wert, der die Finanzierung eines Prozesses erst ermöglicht. Sie sind Sympathieträger, hinter denen eine Lobby steht. Ohne die Öffentlichkeit und den Einsatz der Imker wäre diese Anklage wahrscheinlich von Anfang an im Sand verlaufen. Die Anzeichen häufen sich aber, dass dieser Gerichtsentscheid einer von vielen ersten Schritten in die richtige Richtung ist. Und wir können alle etwas dazu Beitragen, um die „generalpräventive Wirkung“ dieses bemerkenswerten Urteils zu verstärken.

Was ist mit den zahlreichen anderen Bestäubern in unseren Gärten, den Wildbienen, Wespen und Schwebfliegen? In unserem Garten erfüllen all diese Insekten eine Funktion, die nicht nur zu meinem persönlichen Wohlbefinden bei der Naturbeobachtung beiträgt, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat. Gerade diese Arten brauchen eine Lobby, denn ihr Ruf ist sehr oft ungerechtfertigt schlecht. Wildbienen sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt, aber bei den Wespen ist noch viel zu tun, denn sie leisten nicht nur bei der Bestäubung, sondern auch bei der Schädlingsbekämpfung einen wichtigen Beitrag.

Ein Urteil wie das oben geschilderte muss ein Extremfall bleiben. Es kann nicht die vordergründige Hauptaufgabe des Naturschutzes sein, uneinsichtige Bauern vor den Kadi zu zerren. Das würde auch nur Einzelfälle vermeiden. Viel wichtiger ist die Prävention durch Information. Das kann jeder in seinem Umfeld leisten, sei es durch persönliche Gespräche oder über Social Media.

In diesem Zusammenhang bleibt mir nur noch eine Frage, die ich jedem Fan von Schädlingsbekämpfungsmitteln gern stellen würde. Ich erinnere mich, dass bei uns vor ein paar Jahren die Honigbienen als Bestäuber stark abgenommen haben. Das hatte negativen Einfluss auf unsere Obsternte. Ich habe mich dann bemüht, verstärkt Wildbienen zu fördern, mittlerweile sind auch die Honigbienen wieder zahlreich und die Obstbäume voll mit Früchten. Warum riskiert ein Obstbauer, dessen wirtschaftliche Existenz von Bestäuberinsekten abhängt, ein Massensterben genau dieser Tiere? Der Apfelwickler ist grausam, ich weiß das, ich muss immer wieder Früchte wegschmeißen, aber diese Aktion ist doch ein Schuss in beide Knie gleichzeitig.

Im Film „More Than Honey“ gibt es eine Passage, die dokumentiert, wie chinesische Obstbauern ihre Bäume mit der Hand bestäuben, weil in ganzen Landstichen die Bienenvölker fehlen. Es muss Leute geben, denen diese Horrorvorstellung gefällt. Man möge sie darauf hinweisen, dass das eine Dystopie ist, keine Utopie! Mit dem Pinsel durch die Bäume zu klettern, kann ganz schnell in Arbeit ausarten – eine Arbeit, die im Moment noch die Insekten gratis für uns erledigen.


Weblinks:
https://kaernten.orf.at/news/stories/2938010/
https://kaernten.orf.at/news/stories/2912010/
https://derstandard.at/2000088150142/Urteil-gegen-Bienentod

Das ganz normale Bienensterben

Wespenspinne

Im Sommer ist der ganze Garten voller Honigbienen. Sie sind auffälliger und vielleicht auch zahlreicher als die Wildbienen. Als Generalisten sind sie nicht anspruchsvoll und plündern, was gerade blüht – von der wilden Möhre über den Klee bis zum Buchweizen. Vor allem die Küchenkräuter haben es ihnen angetan. Deren Aroma schätzen sie genauso wie wir.

Wir haben Glück, unser Garten liegt in der Mitte des Dorfes, die nächsten Felder mit möglicher Spritzmittelbelastung sind ein paar hundert Meter entfernt, und auch unsere Nachbarn halten nicht viel von Chemie im Garten. Hinzu kommt, dass es immer noch Imker in der Gegend gibt, die sich diese Arbeit antun, und so sind die Bienen bei schönem Sommerwetter allgegenwärtig.

Die Bedeutung dieser Tiere fällt einem dann besonders auf, wenn man sieht, wie viele Fressfeinde sie haben. Zwischen den Oreganoblüten hat sich eine wohlgenährte Wespenspinne breit gemacht. Diese Art ist eigentlich auf Grashüpfer spezialisiert. Sie spannt ihr Netz dafür knapp über dem Boden. Die Exemplare in unserem Garten lassen aber keinen Zweifel daran, dass sie auch Bienen schmackhaft finden und die wehrhafte Beute geschickt in Proviantkokons packen können. Mit Vorliebe bewachen sie dazu Kräuterbeete oder Brombeerblüten. Sie wissen genau, wo die Bienen hinsteuern.

Wespenspinne

Schmutzige Arbeit

Biene mit Pollen

It’s a dirty job but someones gotta do it
Faith No More

Diese Honigbiene, die sich hier auf dem Ribiselblatt ausruht, hat zuvor unsere Zucchini bestäubt und dabei etwas zu tief in die Blüte geschaut. Anschließend ist sie über den Salbei geklettert und hat versucht, ein Spinnennetz als Hängematte zu benützen. Ich habe der heraneilenden Spinne die Überdosis Vitamine erspart und ihre Beute befreit. Nach einer kurzen Pause hat die erschöpfte Biene all ihre Kräfte zusammen genommen und sich auf den Heimweg gemacht. Und wenn jetzt noch jemand sagt, Blümchensex sei nicht anstrengend, haben wir zwei was anderes zu berichten. We care a lot!