Das Urteil

Im Moment habe ich viel Freude mit den Honigbienen in unserem Garten. An den Herbstastern herrscht mehr Betrieb als in einem Bienenstock. Auch bei Windstille halten die Blüten niemals still, so aufgeregt ist das Treiben der Insekten, die versucht sind, die letzten Futterquellen vor dem Winter abzuweiden.

Aber was, wenn die Bienen plötzlich ausbleiben? So passiert im Mai letzten Jahres, vielleicht 50 Kilometer von unserem Garten entfernt. Mehrere Imker beklagten den Tod von 800.000 Bienen oder 66 Völkern und einen finanziellen Schaden von über 20.000 Euro. Ein Obstbauer hatte das hochgiftige Mittel Chlorpyrifos auf seine blühenden Bäume gesprüht und dadurch das Bienensterben verursacht.

Der Mann wurde gestern am Landesgericht Klagenfurt – noch nicht rechtskräftig – zu 12 Monaten Haft verurteilt, davon vier Monate unbedingt. Er war außerdem Obmann des Kärntner Landesobstbauernverbandes und hielt Schulungen ab. All diese Funktionen wurden ihm mittlerweile von der Landwirtschaftskammer entzogen.

Das Urteil ist hart. Wie das endgültige Strafmaß aussieht, wird sich in der Berufungsverhandlung zeigen. Ich bin nicht fürs Einsperren aber für alles, was zum Umdenken führt, und ein Satz aus dem Urteil der Richterin ist bemerkenswert: Sie hob die generalpräventive Wirkung ihrer Entscheidung hervor. Da sind Richter am Werk, die wissen, dass ihr Tun unsere Gesellschaft und unsere Zukunft beeinflusst. Und sie nehmen verstärkt Rücksicht auf Umweltbelange.

Noch ist dieses Urteil ein Einzelfall, dem verschiedene Faktoren zugrunde liegen: Bienen haben einen ökonomischen Wert, der die Finanzierung eines Prozesses erst ermöglicht. Sie sind Sympathieträger, hinter denen eine Lobby steht. Ohne die Öffentlichkeit und den Einsatz der Imker wäre diese Anklage wahrscheinlich von Anfang an im Sand verlaufen. Die Anzeichen häufen sich aber, dass dieser Gerichtsentscheid einer von vielen ersten Schritten in die richtige Richtung ist. Und wir können alle etwas dazu Beitragen, um die „generalpräventive Wirkung“ dieses bemerkenswerten Urteils zu verstärken.

Was ist mit den zahlreichen anderen Bestäubern in unseren Gärten, den Wildbienen, Wespen und Schwebfliegen? In unserem Garten erfüllen all diese Insekten eine Funktion, die nicht nur zu meinem persönlichen Wohlbefinden bei der Naturbeobachtung beiträgt, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat. Gerade diese Arten brauchen eine Lobby, denn ihr Ruf ist sehr oft ungerechtfertigt schlecht. Wildbienen sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt, aber bei den Wespen ist noch viel zu tun, denn sie leisten nicht nur bei der Bestäubung, sondern auch bei der Schädlingsbekämpfung einen wichtigen Beitrag.

Ein Urteil wie das oben geschilderte muss ein Extremfall bleiben. Es kann nicht die vordergründige Hauptaufgabe des Naturschutzes sein, uneinsichtige Bauern vor den Kadi zu zerren. Das würde auch nur Einzelfälle vermeiden. Viel wichtiger ist die Prävention durch Information. Das kann jeder in seinem Umfeld leisten, sei es durch persönliche Gespräche oder über Social Media.

In diesem Zusammenhang bleibt mir nur noch eine Frage, die ich jedem Fan von Schädlingsbekämpfungsmitteln gern stellen würde. Ich erinnere mich, dass bei uns vor ein paar Jahren die Honigbienen als Bestäuber stark abgenommen haben. Das hatte negativen Einfluss auf unsere Obsternte. Ich habe mich dann bemüht, verstärkt Wildbienen zu fördern, mittlerweile sind auch die Honigbienen wieder zahlreich und die Obstbäume voll mit Früchten. Warum riskiert ein Obstbauer, dessen wirtschaftliche Existenz von Bestäuberinsekten abhängt, ein Massensterben genau dieser Tiere? Der Apfelwickler ist grausam, ich weiß das, ich muss immer wieder Früchte wegschmeißen, aber diese Aktion ist doch ein Schuss in beide Knie gleichzeitig.

Im Film „More Than Honey“ gibt es eine Passage, die dokumentiert, wie chinesische Obstbauern ihre Bäume mit der Hand bestäuben, weil in ganzen Landstichen die Bienenvölker fehlen. Es muss Leute geben, denen diese Horrorvorstellung gefällt. Man möge sie darauf hinweisen, dass das eine Dystopie ist, keine Utopie! Mit dem Pinsel durch die Bäume zu klettern, kann ganz schnell in Arbeit ausarten – eine Arbeit, die im Moment noch die Insekten gratis für uns erledigen.


Weblinks:
https://kaernten.orf.at/news/stories/2938010/
https://kaernten.orf.at/news/stories/2912010/
https://derstandard.at/2000088150142/Urteil-gegen-Bienentod

6 Kommentare zu „Das Urteil

    1. Danke. Dass einem, der vom Obstbau lebt, nicht klar ist, wie wichtig die Bienen für sein Geschäft sind, ist schon erschreckend. Die Richterin hat ihm auch nicht abgenommen, dass er von den Konsequenzen vorher keine Ahnung hatte. Sie ist von Vorsatz ausgegangen, weshalb das Urteil entsprechend streng ausfiel. Wir müssen alle lernen, deutlich längerfristig zu denken als nur bis zur nächsten Ernte.

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      1. Die Herausforderung, ökologisch-planerisch vorauszudenken, vor allem unter Berücksichtigung der bisher ungewohnten Wetter-Extreme, hat erschreckender Weise in der Landwirtschaft überhaupt noch keine Aufmerksamkeit bekommen. Es sind ja nicht allein die Insekten, die bisher unterschätzt werden, sondern die die gesamte Raumordnung müsste überdacht werden, um vor Erosion zu schützen, bessere Lebensraums-Strukturen für „Nützlinge“ zu bieten und gleichzeitig Massenvermehrung unerwünschter Pflanzen und Tiere durch die Unterbrechungen auch ohne Chemie leichter einzugrenzen.

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      2. Es ist schon auffällig, dass man Wildtiere wie Füchse, Dachse, Marder und Biber immer häufiger in Großstädten antrifft. Die Landwirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten hochindustrialisiert geworden, und sie ist weit weniger reguliert und überwacht als die Industrie. Ich denke aber, dass sich auch hier schon sehr viel geändert hat und noch ändern wird. Ohne Umdenken auch in der Landwirtschaft werden wir unsere ökologischen Probleme, vor allem die rund um den Klimawandel, nicht in den Griff bekommen. Und Dreiecksbeziehungen sind immer kompliziert: Neben den Bauern und Konsumenten bestimmt die Politik die Subventionen.

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    1. Diese Geschichte rund um den Prozess ist eigentlich wie ein Blick zurück in die 70er. Damals hat man bei uns in den Naturschutzgebieten rund um den Neusiedler See die Campingplätze jeden Abend mit Giftspritzen gelsenfrei gemacht. Ich dachte, man geht heute mit Pestiziden verantwortungsvoller um und das Problem ist mehr die Überdüngung und Auslaugung der Böden.

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