Die Innenarchitektur der Singvögel

Vogelnest

Einmal im Jahr werden die Nistkästen geleert und geputzt. Vögel leiden oft unter Milben, Zecken und anderen Parasiten, deshalb ist es wichtig, den Kasten immer sauber zu halten. Viele Arten brauchen auch einen leeren Brutplatz, weil der Nestbau zum Paarungsverhalten dazu gehört.

Blaumeisennest

Normalerweise sieht das alte Nest so aus wie bei den Blaumeisen dieses Jahr. Moos und Flaumfedern sind zu einer weichen Mulde verarbeitet. Wir hatten aber bei den Blaumeisen zusätzlich zur gewohnten Unterlage schon einmal einen Kranz feinster rosa Polsterwolle. Man legt als Vogel ja auch Wert auf Dekoration.

Im Nistkasten der Kohlmeisen war einmal eine homogene, fünf Zentimeter hohe Moosschicht. Das Moos schien nach der Brutzeit nicht einmal vertrocknet und wirkte mehr wie lebendiger Waldboden. Nur ganz hinten war eine kleine Vertiefung, die an ein Vogelnest erinnerte.

Richtige Innenarchitekturfreaks sind aber die Hausspatzen. Keine Ahnung, in welchem Einrichtungshaus sie das aufgeschnappt haben, aber seit zwei Jahren besteht ihr Nest ausschließlich aus langen, trockenen Grashalmen und den durchsichtigen Hüllen von Zigarettenpackungen.

Vor allem das Männchen fliegt immer wieder frisches Material herbei. Es ist schon praktisch, dass gegenüber ein Geschäft mit einem Zigarettenautomaten ist. Der Papierkorb davor birgt richtige Schätze. Auf den Kompost kann die Konstruktion jedenfalls nicht. Man muss sie im Restmüll entsorgen. Die Müllsammlung kann seltsame Wege gehen.

Plastiknest

Nachtrag 2024: Zum ersten Mal seit acht Jahren fand ich in diesem Jahr nur noch Grashalme als Nestmaterial im Kasten der Hausspatzen. Nicht nur, dass das Cellophan der Zigarettenpackungen fehlte, es waren auch drei unbebrütete Eier im Nest. Die zweite oder dritte Brut wurde vor dem Sommer aufgegeben. Anscheinend ist ein neues Pärchen eingezogen, das die Tradition aufgegeben hat, sich das Nistmaterial beim Abfallkorb gegenüber zu holen.

Der kleine Spatzenkrieg

Hausspatz frisst Buchweizen

Der Herbst ist Erntezeit. Ständig raschelt es im Buchweizenbeet, wenn sich die Spatzen ein paar Körner stibizen. Es scheint, dass sie genau wissen, wem sie den Buchweizen weg fressen, denn sie tun das heimlich und ergreifen sofort die Flucht, wenn ich mich mit der Kamera nähere. Es ist wie ein Spiel: Buchweizen gegen Foto, und ich liege aussichtslos hinten. Unser ganz privater, kleiner Spatzenkrieg.

Es ist gar nicht so wenig, was im Laufe des Jahres den Vögeln zum Opfer fällt. Erdbeeren, Brombeeren und vor allem die Weintrauben. Je weiter der Herbst voran schreitet, desto gefräßiger werden die kleinen Gäste. Sollte man da nicht zu Schutzmaßnahmen greifen?

In den 1950ern rief Mao Zedong die Chinesen zum großen Krieg gegen die Spatzen auf. Die Bevölkerung lief durchs Land und scheuchte die Vögel auf, wo sie nur konnte – die Maßnahmen wurden umfangreich dokumentiert und gefilmt. Spatzen sind Kurzstreckenflieger, die sich nicht lange in der Luft halten können. Nach wenigen Tagen fielen die erschöpften Vögel massenweise tot vom Himmel. Anschließend vernichteten nicht mehr die Spatzen, sondern die Insekten einen Großteil der Ernte. Maos Idee hatte eine schreckliche Hungerkatastrophe zur Folge. Als Notfallmaßnahme mussten Spatzen aus Russland importiert werden.

Der chinesische Spatzenkrieg ist übrigens nur der bekannteste. Auf die Idee waren zuvor schon andere gekommen, immer mit dem gleichen Ergebnis. Ohne Spatzen ist die Insektenplage vorprogrammiert. Was immer die Vögel in unseren Gärten ernten, es wäre nicht dort, wenn sie es nicht vorher gegen Raupen und andere Schädlinge verteidigen würden. Insofern ist es nur legitim, wenn sie sich ihren Teil der Ernte holen. Der Herbst ist auch eine Zeit des Überflusses. Egal wie viel es im Buchweizenbeet raschelt, es fällt kaum auf, dass an den übervollen Pflanzen etwas fehlt.

 

Finalstress

Nistkastenfütterung

Bei unseren Hausspatzen herrscht im Moment Hochbetrieb. Die letzte Brut des Sommers wird demnächst flügge und schreit aufgeregt nach Futter. Der Nistkasten ist ein einziger Resonanzraum. Im Minutentakt fliegen die Elternvögel herbei, um die Schreihälse zu stopfen. Gefüttert wird meist nur noch von außen.

Während die Meisen den Brutbetrieb längst eingestellt haben, setzen die Spatzen auf eine weitere Runde, und der Erfolg gibt ihnen Recht. Hausspatzen sind aber auch sehr geschickte Jäger und schleppen an, was sie kriegen können. Spinnen und Käfer kann man in ihren Schnäbeln genauso erkennen wie Raupen, Falter und andere Fluginsekten, die sie teilweise gleich aus der Luft schnappen. Und wenn sich gar nichts mehr findet, tun es auch die Küchenabfälle vom Kompost.

Nur fotografieren lassen sich die Spatzen dabei nicht so gern, aber glücklicherweise kann man das alles automatisieren, und die Kamera alleine stört weit weniger als der neugierige Mensch dahinter.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Klettermeister

Libellen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens als Larve im Wasser. Die Atmung erfolgt über Kiemen, die sich entweder am Hinterende oder im Enddarm befinden. Bei der letzten Häutung durchlaufen die Tiere eine seltsame Metamorphose. Die Larve klettert aus dem Wasser und aus ihr schlüpft das fertige Insekt, um sich am Ende der Prozedur in die Luft zu erheben. Es ist wie ein seltsamer Triathlon: Schwimmen, Klettern, Fliegen.

Wenn ich daran denke, wie mühsam es oft ist, sich nach längerem Schwimmen aus dem Becken zu hieven, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie die Libelle diese Belastung meistert: Zuerst verliert sie den Auftrieb des Wassers, und anschließend überwindet sie auch noch die Schwerkraft und erhebt sich in die Luft. Die Natur hat sie mit drei verschiedenen Fortbewegungsarten ausgestattet, von denen sie eine eigentlich nur kurz vor ihrer letzten Häutung ausübt: Das Klettern über Land.

Dabei entwickeln manche Arten wie die Plattbauchlibelle gerade bei dieser ersten Klettertour einen ungeheuren Eifer. Die leeren Häutungshemden haften oft viele Meter vom Teich entfernt hoch über dem Boden an Gebäudeteilen oder Pflanzen. Die Libelle auf dem folgenden Bild hat einen Weg von mehreren Metern zurück gelegt, um den Platz ihrer Wahl zu finden:

Plattbauch Wanderweg

Warum tut sie sich das an? In dieser Phase ihres Lebens muss sie lernen, die Sauerstoffversorgung von Wasser- auf Landatmung umzustellen. Auch die Häutung erfordert viel Kraft. Also warum dann diese zusätzliche Belastung? Und woher nimmt sie die Geschicklichkeit?

Klettern und kleinere Wege über Land zurück legen können Plattbauchlibellen schon, bevor sie sich der Phase ihrer letzten Häutung nähern. Diese Libellenlarven sind keine großen Schwimmer, sie sehen eher aus wie Spinnen und kriechen die meiste Zeit versteckt durch den Schlamm. Hier lauern sie auf ihre Beute. Entfernt man Algen oder Pflanzenteile aus dem Wasser, hat man fast immer eine Plattbauchlarve dabei. Legt man sie dann neben den Teich, wandert sie so geschickt und zielstrebig wieder ins Wasser, dass man kaum zum Fotografieren kommt:

Plattbauch-Larve

Libellen haben kein Puppenstadium. Sie verändern sich nicht so radikal wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird. Trotzdem dauert die letzte Häutung länger und ist deutlich mühsamer als die vorhergehenden. Aus der relativ kleinen Hülle schlüpft ein großes, fertiges Insekt mit beeindruckender Flügelspannweite. Die Flügel sind zunächst klein zusammen gelegt, ihre Adern werden erst langsam mit Luft gefüllt, so breiten sie sich zu ihrer endgültigen Größe aus, und am Ende müssen sie noch luftgetrocknet und gehärtet werden, bis die fertige Libelle endlich startklar ist.

Plattbauch Larvengröße

Der gesamte Vorgang kann bis zu 24 Stunden in Anspruch nehmen. In dieser Zeit ist die Libelle völlig wehrlos. Oft findet man am Morgen nur noch die Flügel. Die schmecken unserem Igel nicht. Der restliche Körper liefert gute Proteine. Und das ist der Grund, warum manche Libellenlarven den langen Kletterweg auf sich nehmen. Wahrscheinlich ist das Insekt in keiner Phase seines Lebens so verletzlich wie bei dieser letzen Häutung.

Es ist auch nicht so leicht, mit den neuen Gliedmaßen zurecht zu kommen. Selbst eine Libelle muss das Fliegen erst lernen. Das Exemplar vom Titelfoto, das sich in der rötlichen Morgensonne fotografieren hat lassen, tat sich mit dem Losfliegen schwer. Es landete nervös im Staub. Da daneben Spinnweben hingen, habe ich die Libelle auf den Zeigefinger genommen und in die Luft gehalten. Die Flügel schienen gerade. Manchmal entfalten sie sich nicht richtig und das Insekt ist dann flugunfähig. Aber diese Libelle hatte nichts. Mit dem nächsten Luftzug erhob sie sich und flog ganz gerade dahin. Am Apfelbaum vorbei gegen den Himmel. Ungefähr zehn Meter. Dort erblickte sie ein Vogel, ich denke, es war ein Spatz, aber gegen das Licht konnte ich es nicht genau sehen, er hielt im Flug inne, vollführte eine rasche Kurve und schnappte sich sein Opfer aus der Luft.

Ich stand nur ungläubig da und dachte mir: Hätte ich mich nur nicht eingemischt. Auf der anderen Seite: Es sind noch genug Larven im Teich und die Singvögel brauchen um diese Zeit auch reichlich Proteine.