Der kleine Spatzenkrieg

Hausspatz frisst Buchweizen

Der Herbst ist Erntezeit. Ständig raschelt es im Buchweizenbeet, wenn sich die Spatzen ein paar Körner stibizen. Es scheint, dass sie genau wissen, wem sie den Buchweizen weg fressen, denn sie tun das heimlich und ergreifen sofort die Flucht, wenn ich mich mit der Kamera nähere. Es ist wie ein Spiel: Buchweizen gegen Foto, und ich liege aussichtslos hinten. Unser ganz privater, kleiner Spatzenkrieg.

Es ist gar nicht so wenig, was im Laufe des Jahres den Vögeln zum Opfer fällt. Erdbeeren, Brombeeren und vor allem die Weintrauben. Je weiter der Herbst voran schreitet, desto gefräßiger werden die kleinen Gäste. Sollte man da nicht zu Schutzmaßnahmen greifen?

In den 1950ern rief Mao Zedong die Chinesen zum großen Krieg gegen die Spatzen auf. Die Bevölkerung lief durchs Land und scheuchte die Vögel auf, wo sie nur konnte – die Maßnahmen wurden umfangreich dokumentiert und gefilmt. Spatzen sind Kurzstreckenflieger, die sich nicht lange in der Luft halten können. Nach wenigen Tagen fielen die erschöpften Vögel massenweise tot vom Himmel. Anschließend vernichteten nicht mehr die Spatzen, sondern die Insekten einen Großteil der Ernte. Maos Idee hatte eine schreckliche Hungerkatastrophe zur Folge. Als Notfallmaßnahme mussten Spatzen aus Russland importiert werden.

Der chinesische Spatzenkrieg ist übrigens nur der bekannteste. Auf die Idee waren zuvor schon andere gekommen, immer mit dem gleichen Ergebnis. Ohne Spatzen ist die Insektenplage vorprogrammiert. Was immer die Vögel in unseren Gärten ernten, es wäre nicht dort, wenn sie es nicht vorher gegen Raupen und andere Schädlinge verteidigen würden. Insofern ist es nur legitim, wenn sie sich ihren Teil der Ernte holen. Der Herbst ist auch eine Zeit des Überflusses. Egal wie viel es im Buchweizenbeet raschelt, es fällt kaum auf, dass an den übervollen Pflanzen etwas fehlt.

 

5 Kommentare zu „Der kleine Spatzenkrieg

  1. In unserer Gegend bestanden in früheren Jahrhunderten Teile der bäuerlichen Abgaben an den Grundherren neben Diensten, Geld und Erntegut in natürlichem und verarbeitetem Zustand in genau vorgegebenen Mengen Vogelköpfen, von Sperlinge vor allem, aber auch Elstern, Krähen und anderen.

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    1. Danke, das wusste ich noch nicht. Es gibt so einen Mythos, dass die Menschen früher naturverbundener waren, aber es ist wohl eher so, dass sie mangels technologischer Möglichkeiten weniger zerstörerischen Einfluss hatten. Ob sich jemals der Gedanke durchsetzen wird, dass Leben nur funktioniert, wenn eine möglichst hohe Zahl unterschiedlicher Arten als eine Art Supermechanismus zusammen wirkt? Wahrscheinlich eher erst gegen Ende.

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      1. Ein gewisses Verständnis für die heute nicht mehr nachvollziehbare Verfolgung kann nur aus der Alltagsgeschichte des damaligen Lebens kommen: Zur Zeit solcher Ideen waren die Kulturfolger wie Spatzen effektiver, gemessen an den menschlichen Fähigkeiten, ihre Ernte einzubringen und aufzubewahren. Mähen mit Sichel und Sense, Aufklauben mit der Hand, Lagern in Häusern, die von Mensch und Tier gemeinsam bewohnt wurden.
        In den hiesigen Hallenhäusern, Fachwerkgebäuden mit Strohdach und haben Spatzen zugleich im Dach genistet und sich im Inneren des Gebäudes genauso ungeniert an allem bedient, wie ausserhalb.
        Es ist nur schade, dass sich die Wende im Denken des Menschen nicht ebenso so schnell vollzieht, wie sein technologischer Fortschritt.

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      2. Es gab sicher mehr Spatzen und weniger Ernte. Die Spatzen sind durch die Verfolgung ja auch nicht ausgestorben. Dass wir in unserer geistigen Entwicklung der technologischen hinterher hinken, macht die Sache zusätzlich spannend: Vielleicht geht das mit der Zukunft noch einmal gut aus und wir sind Bestandteil davon. Wer weiß?

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