Einer für alle

Bei Schwärmen denkt man zunächst an Fische oder Stare, aber die Kaulquappen der Erdkröten können das genauso beeindruckend und bilden im Teich dichte Knäuel, um sich dadurch vor Fressfeinden zu schützen. Bei den Erdkröten hat sich die Evolution aber noch einen zweiten Trick einfallen lassen: Sie haben in der oberen Hautschicht einen eingelagerten Botenstoff, der bei Verletzung frei gesetzt wird und bei den Artgenossen eine Fluchtreaktion auslöst. Wird also eine Kaulquappe zum Beispiel von einer Libellenlarve erbeutet und gefressen, warnt sie als letzte Aktion noch einmal ihre Kollegen.*)

Hilft aber nichts. Von über 100.000 Kaulquappen schließen maximal ein paar hundert die Metamorphose ab. Auf schwache Jahre folgen meist stärkere. Letztes Jahr waren Mitte Mai alle Kaulquappen schon weg, und die Libellenlarven blieben hungrig zurück. Deshalb stehen dieses Jahr die Chancen etwas besser, dass es doch ein paar an Land schaffen.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.


*) Silke Schweiger, Georg Gassner, Jürgen Rienesl, Günther Wöss: Wien: Amphibien & Reptilien in der Großstadt. Die spannende Vielfalt der urbanen Herpetologie, Wien 2021, S. 146

Dreierlei Molche

In unserem Teich finden sich sechs verschiedene Amphibienarten, die sich je zur Hälfte auf Frosch- und Schwanzlurche verteilen. Erstere, nämlich Erdkröte, Springfrosch und Grasfrosch, gehören bei uns zu den Explosivlaichern, das heißt, sie besuchen uns von Mitte März bis Anfang April, setzen ihren Laich ab und verschwinden wieder. Danach gehört der Teich den Molchen. Sie paaren sich das ganze Frühjahr über, wobei das Weibchen die Samenpakete aufnimmt und die befruchteten Eier anschließend einzeln in Blättern und welken Pflanzenteilen versteckt.

Neben den Salamandern gibt es in Österreich südlich der Alpen drei verschiedene Schwanzlurcharten: Teichmolch, Bergmolch und Alpen-Kammmolch. Alle drei sind bei uns im Teich zahlreich zu finden, am häufigsten aber der Bergmolch. Auf dem ersten Bild sieht man ein Männchen, auf dem zweiten ein Weibchen.

Normalerweise sind Molche nachtaktiv, insofern wirkt die orange Signalfarbe wie eine Themenverfehlung, aber in der Fortpflanzungszeit sind die Tiere auch tagsüber unterwegs, und man kann davon ausgehen, dass ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen zumindest bei der Partnerwahl auch Sinn für Ästhetik zulassen. Anders ließe sich kaum erklären, wie die natürliche Auslese so bezaubernde Zeichnungen hervorbringen konnte. Ein männlicher Bergmolch in der Wassertracht steht einem Singvogel an Farbenpracht um nichts nach.

Mit dem Schwanz sind die Bergmolche so um die zehn Zentimeter lang, die Weibchen etwas länger, die Männchen etwas kürzer. Der Teichmolch ist kleiner und unscheinbarer, dafür hat der Alpen-Kammmolch schon mehr die Dimensionen eines kleinen Krokodils. Die Weibchen werden zwischen 15 und 20 Zentimeter lang.

Das Teichmolch-Männchen hat auf dem Foto die typischen dunklen Streifen am Kopf. Außerdem verläuft der Rückenkamm gleichförmig von Kopf bis Schwanz, während bei den Kammmolch-Männchen Rückenkamm und Flossensaum voneinander getrennt sind. Das Alpen-Kammmolch-Weibchen auf dem zweiten Foto hat gar keinen Kamm, nur eine helle Rückenlinie. Der namensgebende Kamm bleibt den Männchen vorbehalten.

Die obigen Fotos stammen teilweise vom letzten und von diesem Jahr. Mehr an Nahaufnahmen habe ich nicht. Für diese muss ich nämlich das jeweilige Exemplar aus dem Teich fischen und für fünf Minuten in ein kleines Plastikbecken setzen. Selbstverständlich kommt es anschließend sofort wieder in den Teich. Molche sind neugierig und selten aufgeregt. Die kurze Aktion scheint sie weniger zu stressen als mich.

Selbstverständlich habe ich auch Fotos in natürlicher Umgebung. Auf diesen kann man aber nur in den seltensten Fällen etwas erkennen:

Das Weibchen des Alpen-Kammmolchs auf dem ersten Foto ist an der hellen Rückenlinie und in Natura vor allem an der beeindruckenden Größe zu erkennen. Mit etwas Phantasie sieht man beim Teichmolch-Männchen auf dem zweiten Bild einen hellblauen und einen orangen Streifen an der Schwanzunterseite, und das letzte Foto zeigt wahrscheinlich ein Bergmolch-Weibchen beim Luftholen. So präsentieren sich die Molche bei uns normalerweise: Kurz und kaum richtig zu bestimmen.

Es gibt im Netz übrigens auch zahlreiche perfekte Fotos von Molchen in „natürlicher“ Umgebung mit Wasserpflanzen im Hintergrund. Dafür braucht es ein gut ausgeleuchtetes Aquarium. Mir geht es aber nur ums Bestimmen. Ich will wissen, welche Arten da sind und wie sie sich entwickeln. Mit der Zeit bekommt man dann einen geschulten Blick, und es reicht ein kurzes Auftauchen, um sich Gewissheit zu verschaffen, dass auch dieses Jahr wieder alle eingetroffen sind und sich gesund und munter der Arterhaltung widmen.

Gruppenbaden

Erdkrötenpaarung

Das Paarungsverhalten der Erdkröten ist klar geregelt: Gleichgeschlechtlich eher nicht, Nekrophilie manchmal und in der Gruppe eigentlich immer. Dahinter stehen aber keine Moralvorstellungen, sondern einzig das Bedürfnis, seine Gene möglichst erfolgreich weiterzugeben.

Die Erdkröten haben keine Schallblasen, ihr Ruf ist deshalb leise, aber dafür beherrschen sie nicht nur einen Lockruf, sondern auch einen deutlich anders klingenden Abwehrruf. Diesen hört man an einem überfüllten Teich ständig, denn die unverpaarten Männchen klammern sich an alles, auch an andere Männchen, und sobald das Opfer lautstark protestiert, lässt das zweite Männchen wieder los.

Oft verteidigen die abwehrenden Männchen weniger sich selbst als vielmehr das Weibchen, auf dem sie sitzen, und dabei geht es um Leben und Tod, denn ein Weibchen, an dem zu viele Männchen hängen, läuft Gefahr, das Fortpflanzungsgeschehen nicht zu überleben. Da hilft nur noch, das Knäuel mit dem Kescher aus dem Teich zu holen und außerhalb vom Wasser wieder abzuladen. Anschließend lassen die seitlich anhängenden Männchen los, bis nur noch das ursprüngliche Pärchen überbleibt. Nach einer kurzen Verschnaufpause wirft sich das Weibchen mit Anhang wieder ins Wasser – todesmutig für die Arterhaltung.

Zumindest bei den Erdkröten ist die Liebe manchmal stärker als der Tod. Der eine oder andere Galan hält seine bleiche Schönheit noch im Arm, obwohl sie sich längst nicht mehr regt und langsam unangenehm zu riechen beginnt. So ein amouröses Abenteuer kann nachhaltig traumatisieren. Und wie der Held in der klassischen Tragödie weiß auch dieser kleine Kerl nichts von seiner Mitschuld am eigenen Unglück.

In moderatem Umfang führt das Paarungsgedränge aber auch zu einem besseren Fortpflanzungserfolg. Von den bis zu 5000 Eiern, die eine heimische Erdkröte ablegt, sind eigentlich immer alle befruchtet, und das nicht ausschließlich vom selben Männchen. Untersuchungen haben gezeigt, dass bis zu 30 Prozent aller Laichschnüre verschiedene Väter haben. Das kann daran liegen, dass ein stärkeres Männchen seinen Vorgänger im Laufe der Paarung verdrängt, oder daran, dass ein zweites klammerndes Männchen ebenfalls erfolgreich befruchtet.

Ich bin sicher, dass vor allem für Neulinge unter den Gartenteichbesitzern die Ausfallsquote bei den Krötenweibchen psychisch belastend sein kann, denn in der Zugriffsstatistik dieses Blogs dominiert jedes Frühjahr der Beitrag „Wie Kröten sterben“ aus dem Jahr 2019, und mich erreichen auch immer wieder Anfragen zu diesem Thema. Umso mehr Kröten sich im Gewässer treffen, desto geringer ist allerdings die Opferzahl. Oft sitzen die verpaarten Tiere im Rund an einer Stelle des Teichs zusammen, wie auf dem letzten Foto zu sehen. Dadurch fällt es den Männchen leichter, etwaige Angriffe abzuwehren.

Erdkröten setzen bei der Fortpflanzung auf eine ausgeprägte r-Strategie, das heißt, sie versuchen, so viele Nachkommen wie möglich in die Welt zu setzen, damit wenigstens ein paar durchkommen. Da ist es nur konsequent, wenn Gruppenpaarung zusätzliche Sicherheit und somit einen weiteren Vorteil bringt.

Reich mir die Hand

Erdkröte mit Hand

Vorab muss ich etwas klarstellen: Für diesen Beitrag wurde kein Tier zu irgend etwas gezwungen – wenn man von mir absieht. Beim ersten Mal musste ich mich schon ein bisschen zwingen, der Kröte die Hand zu geben. Vor allem, wenn man weiß, was sich die kleinen Klammeraffen denken, während sie hingebungsvoll die Augen schließen: Ich hab‘ so ein Glück. Das ist die fetteste Braut vom ganzen Teich, und gerade die krieg‘ ich ab.

Erdkröten sind sehr scheue, nachtaktive Wesen. An Land verhalten sie sich unauffällig, und im Wasser tauchen sie sofort weg, wenn man sich nähert. Nur einmal im Jahr gehen ihnen die Sicherungen durch. Und da die Männchen am Laichgewässer in der Überzahl sind, klammern sie sich an allem fest, was sich nicht wehrt und irgendwie einer weiblichen Kröte ähnelt. So viel zu meinem Erscheinungsbild.

Man muss nur die Hand ins Wasser halten, schon schwimmt ein Erdkrötenmännchen auf einen zu. Charmant und zaghaft berührt es einen zuerst mit den vorderen Gliedmaßen, und wenn man die Hand nicht zurück zieht, greift es schnell zu. Man will sich die Eroberung im letzten Moment ja nicht durch einen Kollegen abspenstig machen lassen.

Natürlich wissen die Kröten, dass meine Hand nur ein notdürftiger Ersatz ist, und nach einem kurzen Moment lassen sie auch wieder los. Sobald sie wieder nüchtern sind, ist ihnen die ganze Aktion wahrscheinlich peinlich. Aber während die Hormone hochkochen, ist so eine Erdkröte halt auch nur ein Mensch.

Stechmücke frisst Kröte

Erdkröten mit Stechmücken

Im Journalismus gibt es eine alte Faustregel: Hund beißt Mann ist keine Schlagzeile, Mann beißt Hund schon. In diesem Sinne ist der Titel dieses Beitrags zu verstehen. Dass Erdkröten sich mithilfe ihrer langen Schleuderzunge auch von Fluginsekten ernähren, ist wahrscheinlich bekannt. Wer hätte aber gedacht, dass die Nahrungskette in diesem Fall eine minimalistische Kreislaufwirtschaft ist? Kröten fressen Stechmücken. Stechmücken fressen Kröten.

Dabei ist die Sache naheliegend. Vor ein paar Jahren nahm ich auf einem Radausflug ein kühles Bad im Donau-Oder-Kanal. Das verschwitzte T-Shirt hing einstweilen zum Trocknen auf der Radstange. Bei meiner Rückkehr war das weiße Kleidungsstück plötzlich schwarz. Unzählige Gelsen erwarteten mich bereits sehnsüchtig. Warum sollte es den Erdkröten bei ihren Badeausflügen anders ergehen?

In den letzten Jahren habe ich hunderte Aufnahmen von sich paarenden Erdkröten gemacht. Mein Analytiker hätte dazu seine eigene Theorie, aber tatsächlich sind die meisten Amphibien nachtaktiv. Sie scheuen die Sonne, weil ihre Haut nicht austrocknen darf, und nur im Frühjahr machen sie den Tag zur Nacht. Dann hat man die einzige Chance auf gute Fotos bei Tageslicht, weil die Tiere mit fortschreitendem Paarungsgeschehen auch ihre Scheu verlieren. Regungslos lassen sie einen ganz nah an sich heran, und die Gelegenheit auf eine Großaufnahme ist unwiderstehlich.

Einem dieser Fotos verdanke ich die geschilderte Entdeckung. In der Ausschnittvergrößerung sieht man zwei Gelsen auf dem Kopf des Weibchens sitzen. Um welche Spezies es sich genau handelt, lässt sich nicht sagen, schließlich gibt es in Mitteleuropa über hundert verschiedene Stechmücken, aber ich gehe davon aus, dass beide Exemplare der gleichen Art angehören. Dadurch fällt deutlich auf, dass der Hinterleib des linken Tiers bereits rötlich verfärbt ist. Diese Gelse saugt sich gerade ihre Dosis Extranahrung aus dem Krötenweibchen.

Nach dieser Erkenntnis habe ich meine Fotosammlung durchgeackert. Genau vor einem Jahr habe ich unwissentlich das gleiche Geschehen schon einmal fotografiert. Damals wurde das Männchen Opfer des Blutsaugers. Stechmücken haben bei ihrem Rachefeldzug gegen die Erdkröten anscheinend keine Geschlechterpräferenz.

Erdkröten mit Stechmücke

Wir haben in unserer Gegend kaum Mückenplagen. Man kann auch an Sommerabenden ungeschützt draußen sitzen, ohne zerfressen zu werden. Im März wurde ich noch nie von einer Gelse gestochen, und ich dachte bislang, dass es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine gibt, aber das ist natürlich ein Fehler. Nur die Männchen sterben im Herbst, die begatteten Weibchen überwintern an geschützten Stellen und werden mit zunehmenden Temperaturen wieder lebendig. Dass wir davon nichts mitbekommen, liegt einfach nur daran, dass die Stechmücken in dieser Zeit mit den Kröten beschäftigt sind. Die liefern frisches Blut direkt ans Gewässer und schmecken vielleicht auch besser!

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.