Wiedersehen und -hören

Wasserfrosch

Als gewissenhafter Betreiber einer Amphibienbadeanstalt überprüfe ich in jeder Saison die Besucherzahlen und vergewissere mich, dass es den Beständen gut geht. Mit dem Wasserfrosch ist dieses Wochenende auch die letzte der sieben Arten wieder am Teich eingetroffen. Ich vermute, dass es eines der drei Exemplare ist, die schon 2022 zu Gast waren, denn während der Pionier vom letzten Jahr zuerst alles lautlos erkundete, wird im zweiten Anlauf von Anfang an musiziert. Hier eine Bilderserie, wie der Kleine Wasserfrosch seinen Ruf erzeugt:

Auf dem ersten Bild sieht man, dass er seitlich die Muskeln anspannt, um anschließend die Luft mit voller Kraft in die Schallblasen und in die Kehle zu drücken. Nützt aber nichts. Wenn ich ein paar Meter weiter stehe, höre ich vor lauter Motorsensen und Rasenmähern meinen eigenen Frosch nicht. Der Schall ist sicher ein sehr praktisches Kommunikationsmedium, aber am Samstag Nachmittag hört man bei uns nur, wie über die Woche hinweg das Gras gewachsen ist und jetzt niedergemacht werden muss.

Trotzdem hat sich der Wasserfrosch am Anfang vor allem an den lauen Nachmittagen bemerkbar gemacht. Ich denke, das liegt an den bislang eher niedrigen Temperaturen. In der nächsten Zeit wird sich sein Tagesrhythmus ändern, und wenn er sich auf die Nächte konzentriert, hat er den Kanal wieder mehr für sich – außer nächstes Wochenende, da ist das jährliche Feuerwehrfest im Rüsthaus gegenüber.

Aber irgendwann werden die Menschen rundum auch wieder leise sein, damit ein einsamer Frosch telefonieren kann.

Die Krötensitzung

Erdkröte Männchen

Man kann jetzt wieder abends durch unseren Garten gehen, ohne mit der Stirnlampe vor jedem Schritt das Terrain erkunden zu müssen. Während der Laichzeit sind die Männchen der Erdkröten auf den Wegen herumgesessen und haben auf die Weibchen gewartet.

Erdkröte Männchen

Man unterschätzt oft, wie schnell menschengemachte Strukturen auch von Tieren angenommen werden. Wege und Straßen sind nicht nur für uns praktisch, und das ist mit ein Grund, warum jedes Jahr so viele Erdkröten dem Autoverkehr zum Opfer fallen. Die Männchen haben auf der freien Fläche einen guten Überblick, und wärmer ist es auf einer asphaltierten Straße wahrscheinlich auch.

Bei uns im Garten stört nur die eine oder andere Streunerkatze. Etwas lästig ist auch der Typ, der sich hie und da mit der Kamera auf den Boden legt, um zu fotografieren. Aber wenn man still sitzen bleibt, verschwindet er wieder. Subjektiv denkt sich das Krötenmännchen auf dem Foto wahrscheinlich gerade, dass es Pech hat, weil es von mir gestört wird. Objektiv betrachtet sind die Wege in unserem Garten aber eine sehr gute Wahl für die jährliche Krötensitzung, und wenn man die jetzt zahlreich im Teich verteilten Laichschnüre berücksichtigt, dann hatten manche der wartenden Männchen sogar wirklich Glück.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.

Saisonauftakt

Erdkrötenpaarung

Die Eröffnung der Amphibienbadeanstaltssaison ist fast so kompliziert wie das Wort lang ist. Normalerweise entgeht mir der Auftakt. Ich sehe immer nur einen ersten Laichballen der Grasfrösche. Die Tiere selbst bleiben unentdeckt.

Nicht so dieses Jahr. Vor einer Woche war der Teich noch zugefroren, doch dann ging alles schnell. Eine kräftige Westströmung brachte deutlich wärmeres Wetter und gleichzeitig leichten Regen. Das sind ideale Bedingungen für unsere Frühlaicher, und sie haben mich nicht enttäuscht.

So sehen sie also aus, die ersten abendlichen Badegäste und ihr Laich, der am nächsten Morgen im Teich schwimmt. Am selben Tag habe ich auch die ersten Erdkröten entdeckt. Man liest in der Fachliteratur viel über den gestaffelten Beginn der Laichsaison: Die Braunfrosche kommen zuerst, zwei bis drei Wochen später die Erdkröten.

Tatsächlich kommen bei uns Springfrösche, Grasfrösche und Erdkröten gleichzeitig. Bei den Erdkröten dauert die Paarung nur etwas länger. Während die Frösche alles in einer Nacht erledigen, klammern die Kröten bis zu einer Woche.

Das Erdkrötenpärchen auf dem letzten Foto wirkt noch nicht ganz munter. Wenn man bedenkt, dass sie gerade erst aufgestanden sind und davor fünf Monate geschlafen haben, kann man aber verstehen, dass sie noch nicht mit voller Leidenschaft bei der Sache sind. Dafür steht ihnen jetzt ein langer Sommer bevor, um frische Kraft zu tanken. Der Winter ist vorbei, und was aussieht wie ein Anflug von Schnee, sind nur noch die Samen des letzten Rohrkolbens.

Einsam, männlich, laut

Wasserfrosch

Seit Ende Juni weiß ich, dass unser neuer Badegast wirklich ein männlicher Kleiner Wasserfrosch ist. Damals ließ er zum ersten Mal anklingen, was er kann. Er singt laut, falsch und voller Begeisterung. Und es kommt halt doch auf die Größe an – und zwar nicht auf die des Frosches, sondern auf die der Schallblasen.

Wasserfrosch

Anfangs hatte ich einerseits Bedenken, dass es die Nachbarn stören könnte, andererseits Angst, dass sich Mrs. Colombo aufregen könnte. Sie hat einen leichten Schlaf und behauptet sogar, dass sie mein Schnarchen stört, obwohl ich maximal tief atme.

Tatsächlich gab es im ganzen Umkreis nur eine Person, die um zwei in der Früh wach lag und dem Frosch beim Quaken zuhörte, und das war ich. Im Halbschlaf bedauerte ich, dass Ringelnattern kein Trommelfell haben, sonst wäre akustische Ortbarkeit bei Amphibien ein negatives Selektionskriterium und mein Problem vor vielen Millionen Jahren bereits gelöst worden. Aber an mich hatte bei der Evolution wieder einmal niemand gedacht.

Mittlerweile kann ich das Froschquaken in die Reihe der Geräusche einordnen, die man im Schlaf automatisch ausblendet, so wie ein vorbeifahrendes Auto, Hundegebell oder die Vögel am Morgen. Man hat mich auch dezent darauf hingewiesen, dass ich froh sein soll, nicht in der Einflugschneise eines Flughafens zu wohnen, weil Flugzeuge definitiv lauter sind als ein Wasserfrosch.

Wirklich überzeugt hat mich aber der Frosch selbst mit seinem unterhaltsamen Charakter. Es ist ihm halt oft langweilig und er sucht Anschluss. Dann sitzt er beispielsweise in einer selbstgebastelten Kuhle im Moos, gleich neben der Treppe, und wartet, dass ich schwimmen gehe.

Wenn ich dann im Wasser stehe und versuche, mich an die kühlere Temperatur anzupassen, springt er mir plötzlich vor die Füße. Meinen Aufschrei quittiert er mit einem breiten Grinsen und macht es sich dann auf einem Seerosenblatt bequem.

Sein Lieblingsplatz ist aber auf den Steinplatten zwischen Teich und Erdbeeren. Da laufen ihm immer irgendwelche Insekten vor die Zunge. Die ist übrigens mehrere Zentimeter lang, lachsrosa, und es bleibt nicht nur die Beute daran hängen, sondern auch kleine Steinchen, die dann wieder ausgespuckt werden.

Auf seinem Lieblingsplatz am Teichrand lässt er sich auch gut fotografieren. Zwischen den folgenden Bildern liegen zwei Wochen, und wer aufmerksam hinsieht, merkt einen entscheidenden Unterschied.

Das erste Bild ist eine Teleaufnahme, da waren wir noch auf Distanz. Mittlerweile kann ich meine Fotos aus einem halben Meter Entfernung machen. Wir sind jetzt Freunde. Er hat sich aus Solidarität auch ein kleines Bäuchlein angefressen. Man kann uns von der Statur her kaum noch unterscheiden, wenn wir nebeneinander am Wasser sitzen – beide etwas rundlich um die Mitte. Einsam am Teich ist halt wie Lockdown: Keine Sozialkontakte und stattdessen immer was zu Essen in Griffweite.

Warum er keine Frau findet, verstehe ich trotzdem nicht. Es gibt ja in jedem Schwimmbad diese muskelbepackten Typen, die sich vor den Mädchen am Beckenrand aus dem Wasser ziehen, um Eindruck zu schinden. Unser Frosch kann das ohne Anhalten. Der springt schwimmend zehn Zentimeter nach oben auf den Weg. Da kann man im Fitnesscenter Gewichte drücken, so viel man will, das kriegt Mensch nicht hin. Und dann dieses Grün und der tiefsinnige Blick mit der goldschillernden Iris. Es gibt meiner Meinung nach nur einen Grund, warum sich keine Partnerin findet: Er singt halt wirklich grottenschlecht.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.

Vorne vier, hinten fünf

Erdkröte

Wer zuverlässig Molche von Eidechsen unterscheiden möchte, braucht nur einen Blick auf die vorderen Gliedmaßen zu werfen: Den Amphibien fehlt ein Finger.

Richard Owen war ein Zeitgenosse Darwins und der erste, der die Gliedmaßen der Tetrapoden, also der vierfüßigen Landwirbeltiere, systematisch untersuchte. Er fand bei allen Vertretern dieser Gruppe das gleiche Prinzip: Zuerst ein Knochen, Beispielsweise der Oberarm, dann ein Gelenk, anschließend zwei Knochen wie Elle und Speiche, gefolgt von vielen kleineren Knöchelchen und am Ende bis zu fünf Finger oder Zehen.

Owen sah darin den göttlichen Bauplan für Gliedmaßen, an den sich der Schöpfer bei all diesen Lebewesen hielt. Leicht nachvollziehbar, dass Darwin und die späteren Evolutionsbiologen anderer Meinung waren. Wo die Natur nicht zweimal das selbe hervorgebracht hat, steht hinter Parallelen im Körperbau ein gemeinsamer Vorfahre, und so trennen wir beispielsweise die Paarhufer wie das Reh von den Unpaarhufern wie dem Pferd, weil wir davon ausgehen, dass die Zahl der Zehen Rückschlüsse auf die Verwandtschaft der Arten zulässt.

Ursprünglich gingen Finger und Zehen aus den Flossenstrahlen der Fische hervor. Je fünf davon an einer Extremität sind uns geblieben, weshalb wir Klavier spielen oder auf der Tastatur tippen können. Und Rechnen lässt sich auch damit. Dass wir so schön greifen können, hat aber auch ein bisschen mit Glück zu tun. Bei den Amphibien hat die Evolution einen Finger vergessen, wie man auf den folgenden Fotos sehen kann:

Für Amphibien gilt, sie haben zwar fünf Zehen aber nur vier Finger – Ausnahmen sind der Grottenolm mit drei Fingern und zwei Zehen und die gliedmaßenlosen Schleichenlurche. Die dafür verantwortliche Mutation muss irgendwann in der Stammesgeschichte der Temnospondyli passiert sein, da ist den Lurchen der fünfte Finger verloren gegangen, und dieses Merkmal hat sich durchgesetzt.

Kaum vorzustellen, was aus den Amphibien hätte werden können, wenn sie bis zehn zählen könnten! Auf der anderen Seite wären sie aber nicht so niedlich. Die klobigen, kleinen Händchen verstärken diese Wirkung. Auch viele Zeichentrickfiguren haben ja verkürzte und zahlenmäßig reduzierte Finger. Das gehört zum Kindchenschema.

Mehr zum Thema findet sich in meinem Buch Amphibienbademeister – Zweitberuf am naturnahen Gartenteich.


Dargestellte Amphibien: zwei Erdkrötenmännchen, Alpen-Kammmolchweibchen, Teichmolchweibchen
Literatur:
Neil Shubin: Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers, Frankfurt am Main 2018
Dorota Konietzko-Meier, Elżbieta M. Teschner, Adam Bodzioch, P. Martin Sander: Pentadactyl manus of the Metoposaurus krasiejowensis from the Late Triassic of Poland, the first record of pentadactyly among Temnospondyli, https://doi.org/10.1111/joa.13276