Wenn Königinnen arbeiten

Dass Hummelmütter Königinnen heißen, ist ziemlich daneben gegriffen und wurde von den Honigbienen übernommen. Die Bienenkönigin genießt von Anfang an eine Sonderstellung, sie bekommt eine größere Brutzelle, eigenes Futter und später aufwändige Pflege mit eigenem Personal. Arbeiten muss sie ihr Leben lang nicht.

Ackerhummel in KolkwitzieWie viel anders verläuft das Leben einer Hummelkönigin! Sie ist im Frühling ganz auf sich allein gestellt. Sobald der Boden nicht mehr gefroren ist, macht sie sich an die Arbeit. Und die Aufgaben, die sie zu erledigen hat, sind zahlreich. Sobald sie den ersten Hunger gestillt hat, heißt es, einen geeigneten Unterschlupf zu suchen, um den Bau anzulegen. Sie formt aus Wachs die ersten Zellen, legt die Eier hinein, schafft Vorräte herbei und sorgt auch noch brütend dafür, dass die Larven im kalten Frühjahr bei gleichbleibender Temperatur heranwachsen. Erst Ende Mai kann sie sich in den Untergrund zurück ziehen und der nächsten Generation die Arbeit überlassen. Bis dahin ist das Fortkommen des Hummelstaats ausschließlich von ihr abhängig. Mit einem Ausfall der Königin geht die Kolonie zu Grunde.

Seit den 1980er-Jahren werden Hummeln kommerziell zur Bestäubung eingesetzt. Dabei werden Nester künstlich vorgezogen, die Bestäubung erfolgt also von Anfang an durch Arbeiterinnen, nicht durch die Königin. In der Natur läuft das anders ab: In kaum einer Jahreszeit sind Hummeln so präsent wie im Vorfrühling. Sobald die Erde aufgetaut ist, brummen die fleißigen Königinnen durch den Garten und übernehmen einen Gutteil der Bestäubungsarbeit. Viele Arten sind nur in dieser Zeit auffällig, weil die Arbeiterinnen im Sommer dann deutlich kleiner sind.

Und die Zahl der Hummeln in unserem Garten nimmt im Jahresverlauf nicht wirklich zu. Das hängt damit zusammen, dass das Leben der Königinnen nicht nur anstrengend sondern auch gefährlich ist. Der Konkurrenzdruck ist hoch, und nur wenige schaffen es, einen Staat zu gründen. Viele bleiben ihr Leben lang Arbeiterinnen und nur wenige erreichen die Phase, in der sie ihrem Namen gerecht werden und wirklich als Königinnen in ihrem unterirdischen Bau von ihren Töchtern versorgt werden.

AckerhummelkoeniginDer April war dieses Jahr ungewöhnlich warm. Oft habe ich den Nachmittagskaffee draußen im Garten getrunken. Neben meinem Sitzplatz ist ein kleines Loch im Boden, das unter eine Holzterasse führt. Hunderte Male habe ich dort die rechts abgebildete Ackerhummel verschwinden sehen. Nach ihr konnte man die Uhr stellen. Anfangs hat sie viel Zeit im Bau verbracht, aber zum Schluss war sie nur noch ein paar Minuten unter der Erde, dann war sie wieder unterwegs. Um die zwanzig Minuten dauerte ein Sammelflug, dann huschte sie erneut in den Untergrund, um ihre Brut zu versorgen. Sie war eine fleißige Arbeiterin. Ich habe die Präzision bewundert, mit der sie immer am gleichen Punkt gelandet ist, um dann flugs in ihrem Bau zu verschwinden. Nicht alle Hummeln können sich so perfekt orientieren. Trotzdem hat sie es nicht geschafft. Seit Pfingstmontag ist es neben meinem Sitzplatz ruhig.

Mittlerweile ist die nächste Geration am Zug. Die Zeit, in der die Königinnen arbeiten, ist vorbei. Die jungen Ackerhummeln, die im Moment unsere Himbeeren bestäuben, stammen aus einem mir unbekannten Nest. Das passiert mir eigentlich jedes Jahr, dass ich im Frühling zahlreiche Hummelköniginnen beobachte, deren fleißige Arbeit unbelohnt bleibt. Auch das ist in der Natur so vorgesehen. Im März graben sich viele aus der Erde, und nur die wenigsten schaffen es, sich zu vermehren. So bleibt die Zahl der Hummeln über den Sommer halbwegs konstant. Nur für den Blog bleibt halt nichts, worüber man berichten kann. Darauf vergisst die Natur in unserem Garten leider öfters.

Aber glücklicherweise gibt es auch Erfolgsgeschichten. Sobald die ersten Arbeiterinnen ausfliegen, wird der Hummelstaat eine stabile Population. Mit der Königin unter der Erde, die von ihren Töchtern bedient und beschützt wird, kann nicht mehr viel passieren, so wie mit der Steinhummel, die vorher eine Erdhummel war. Das ist jetzt ein Cliffhanger, ich weiß, aber ich verspreche, in diesem Sommer wird noch einiges über unsere Hummeln zu berichten sein, auch wenn die Ackerhummel, die sich unter unserer Holzterrasse eingenistet hat, leider aus dem Rennen ist.

24 Köpfe in einer Wanne

Die lästigen Wegschnecken nehmen in unseren Gärten unter anderem auch deshalb überhand, weil wir ihnen ideale Bedingungen liefern: Wir lockern ihnen die Erde auf, damit sie leichter ablaichen können, und wir füttern sie, wo wir nur können.

24_koepfeDen Zugang zu schmackhafter Nahrung kann man ihnen erschweren, indem man Salat und andere empfindliche Pflanzen in geschützten Hochbeeten anbaut. Der Kauf eines handelsüblichen Hochbeets amortisiert sich meist erst in einer der übernächsten Generationen, deshalb empfiehlt sich, dafür einen alten Bottich oder ein großes Gefäß zu verwenden, das sonst im Sperrmüll landen würde.

Unsere alte Standbadewanne war in mehrerlei Hinsicht praktisch. Der überstehende Rand ist für die Schnecken eine zusätzliche Kletterbarriere, und ein geeigneter Abfluss zur Vermeidung von Staunässe ist auch vorhanden. Diesen schützt man gegen Wühlmäuse mit einem Gitterrest. Anschließend schlichtet man ein paar große Steine hinein, um eine kleine Drainage zu schaffen. Auf diese kommen klein geschnittene Äste und eine Schicht Laub oder Rasenmulch. Diese Unterlage deckt man mit einer Mischung aus Erde und Kompost ab.

Im Laufe des Jahres sinkt die Füllung etwas ein. Die Differenz füllt man vor der nächsten Saison wieder mit Komposterde auf. Hochbeete stehen meist etwas exponiert, das heißt, sie sind im Winter verstärkt dem Frost ausgesetzt. Für Wintersalate eignen sie sich also weniger. Diese kann man beruhigt in normalen Beeten ziehen, weil die Schnecken im Winter keine Gefahr darstellen.

Das Foto ist übrigens vom letzten Jahr. So schön in Reih und Glied steht der Salat heute nicht mehr. Die setze ich mittlerweile gestaffelt. Wer will schon haben, dass 24 Salatköpfe gleichzeitig reifen.

Das Leben unter der Erde

Wer nicht alles im Garten dem Zufall überlassen und an manchen Stellen auch sein eigenes Gemüse anbauen möchte, muss hie und da Erde bewegen. Das eine oder andere Beet will umgestochen werden, der Kompost muss aufgetragen oder die Kartoffeln angehäuft werden. Es ist jedesmal ein kleines Drama mit Spaten und Schaufel.

In einer Ecke unseres Gartens ist ein Erdhaufen, auf dem auch Äste und Pflanzenteile landen. Ich nehme mir immer wieder vor, Teile davon abzutragen, aber er wird eher größer als kleiner. Kaum habe ich eine Schaufel voll Erde hochgehoben, schaut mich irgend etwas an. Und damit meine ich nicht nur die unausweichlichen Regenwürmer, die im Laufe der Evolution ihre unglaubliche Regenerationsfähigkeit entwickelt haben, um später dagegen gerüstet zu sein, dass sie von Schaufeln zweigeteilt werden. Es sind nicht nur die Hunderfüßer, Asseln und Insekten, die überall herumkriechen. Einmal habe ich mit der Arbeit sofort wieder aufgehört, weil mich eine Erdkröte vorwurfsvoll anstarrte. Und dann sind da noch die pelzigen Erdbienen, die mich im Frühjahr immer umkreisen, sobald ich eine Schaufel in die Hand nehme. Mir ist nie ganz klar, ob sie sich über die aufgelockerte Erde freuen, weil sie darin ihre Brutbauten anlegen können, oder ob sie verzweifelt nach bereits angelegten Bauten suchen, die ich ihnen gerade abgedeckt habe.

Fest steht jedenfalls, dass unter der Erde mindestens genauso viel lebt wie auf ihr und dass uns das in den seltensten Fällen bewusst ist. Wir legen uns „unter“ einen Baum in den Schatten und ruhen doch auf einem Wurzelballen, der vielleicht so groß ist wie die Krone über uns. Wir sprechen von Erdoberfläche und meinen die Trennlinie zwischen oben und unten, dabei hat jedes Erdkorn eine eigene Oberfläche und auf jedem Quadratmillimeter sitzt unter uns eine Unzahl von Bakterien und Mikroorganismen, die permanent Biomasse abbauen, um über der Erde Leben zu ermöglichen. Es ist ein riesiges Filtersubstrat, das darauf spezialisiert ist, unseren Dreck zu verarbeiten, und es ist gut möglich, dass unter der Erde mehr lebt als über ihr.

Letzte Woche habe ich im Garten eine Blindschleiche gesehen. Die erste seit Jahrzehnten. Neugierig habe ich recherchiert, wovon sie sich ernährt: Regenwürmer. Diese Vorliebe teilt sie sich mit Igeln, Maulwürfen, Kröten, Fröschen, Vögeln und vielen anderen. Es ist unglaublich, wie viel unter der Erde lebt und wie viel von dem lebt, was unter der Erde lebt. Und es ist genauso unglaublich, wie nachlässig wir mit diesen Erdbewohnern umgehen. Wir kippen haufenweise Gülle, Dünger und Pestizide über unsere Felder und denken, es wird schon passen. Solange oben der Mais nur möglichst schnell in die Höhe schießt, muss ja alles richtig sein.

Kartoffelbeet

Mag sein, dass ich beim Anhäufeln meiner Kartoffel den einen oder anderen Regenwurm zerkleinert und die Brutplätze der Erdbienen durcheinander gebracht habe. Mag auch sein, dass an der Stelle, wo unsere Gemüsebeete sind, genauso gut Raupenfutterpflanzen und eine Blumenwiese für Wildbienen gedeihen könnten. Fix ist aber auch, dass in einem Garten diese Dinge viel kleinteiliger passieren als beim Landwirt auf dem Feld. Ein Kartoffelfeld ist eine großflächige Monokultur, ein Gemüsegarten ist nur ein flächenmäßig kleiner Teil, der manchmal sogar die Biodiversität insgesamt erhöht. Und das merkt man am Ergebnis. Mit ein bisschen Kompost und Erfahrung wächst eigentlich alles von selbst, ganz ohne zusätzlichen Dünger und Chemie.

Vieles von dem, was in unserem Garten wächst, tut dies mit der Hilfe unserer  unterirdischen Gartenbewohner. Aber auch diese profitieren von dem, was wir hier heroben machen. Nirgends in unserem Garten ist so viel Leben unter der Erde wie auf dem Komposthaufen. Die Würmer mögen nämlich in Wirklichkeit unseren Dreck, aber es kommt wie immer auf die richtige Dosis an.

Abendliche Flugshow

Wenn sich ein Schwarm Tauben in die Luft erhebt, ist das ziemlich laut. Eine Krähe, die über uns hinweg fliegt, können wir relativ leicht am Geräusch ihrer Schwingen identifizieren. Wenn ich einen Vogel sehe, ohne ihn zu hören, erregt er meine Aufmerksamkeit. Oft ist es ein Falke. Räuber fliegen lautlos.

Die Evolution ist ein permanentes Wettrüsten von Jägern und Gejagten. Will man nicht verhungern, muss man bei der Jagd leise, schnell und wendig sein. Schwalben können in der Luft atemberaubende Haken schlagen, um ihre Beute zu erwischen. Aber ihre Fertigkeiten werden weit übertroffen von dem, was sich an lauen Abenden über unserem Gartenteich abspielt.

Der Teich zieht den ganzen Tag über eine Unzahl von Insekten an. Die einen laichen ab, die anderen steigen auf. In der Nacht ist das nicht anders, und die Fledermäuse der Umgebung wissen das. Ich habe keine Ahnung, welcher Art sie angehören, und ich weiß auch nicht, wo sie hausen. Jeder Versuch, ihnen einen Fledermauskasten zur Verfügung zu stellen, war bislang erfolglos. Vielleicht brauchen sie ja auch eine Höhle oder einen alten Dachstuhl.

Ich weiß nur, was sie machen, wenn die Dämmerung einsetzt. Dann patrouillieren sie durch die Gärten. Sie kommen jeden Abend und fliegen ihre Runde zwischen den Obstbäumen und über dem Teich, um das Nahrungsangebot abzuschätzen. Manchmal sind sie gleich wieder weg. Und manchmal kreisen sie eine halbe Stunde über dem Teich, um die an- und abfliegenden Insekten abzuernten. Wie sie sich dabei durch die Luft bewegen, ist eine bizarre Akrobatik jenseits der physikalischen Grenzen. Sie können Höhe und Richtung beliebig ändern, lassen sich bis auf die Wasseroberfläche hinunter fallen, um im nächsten Moment wieder fast senkrecht nach oben zu steigen. Dabei flattern sie permanent mit den Flügeln, um diese Beweglichkeit zu ermöglichen. Die Gleitflugphasen der Vögel fehlen völlig. Und die Stille ist gespenstisch. Ständig dieses hochfrequente Flügelschlagen und kein einziger Ton.

Aber Moment: Aus dem Physik- und Biologieunterricht wissen wir, dass Fledermäuse sehr wohl Töne erzeugen. Während sie ihre Sonargeräusche ausstoßen, müssen sie sogar kurzfristig ihre eigenen Ohren ausschalten, um nicht selbst taub zu werden. Die Echoortung spielt sich nur in einem Frequenzbereich ab, den wir nicht mehr hören. Aber ist das für ihr Funktionieren zwingend notwendig? – Nein. Auch Menschen können sich mittels Echoortung orientieren, dafür reichen mit der Zunge ausgestoßene Klicklaute. Diese Orientierungstechnik für Blinde wird mittlerweile in vielen Ländern erfolgreich unterrichtet. Der Hochfrequenzbereich kann durchaus Tarnung sein. Schweinswale benützen für ihr Sonar einen Frequenzbereich, der von Killerwalen nicht mehr gehört werden kann. Andernfalls wären sie deren leichte Beute.

Aber wie gut hören Insekten eigentlich? Ist es wirklich von Vorteil, wenn man sie lautlos jagt?

Wenn ich die Kreissäge anwerfe und beobachte, wie eine Hummel daneben ungerührt weiter die Blüten abklappert, würde ich sagen, Insekten sind taub. Tatsächlich kommunizieren viele Arten aber akustisch. Grillenmännchen zirpen sich ihre Partnerinnen über weite Strecken herbei. Also müssen sie auch über geeignete Gehörorgane verfügen. Deren Aufbau ist kompliziert. Im Laufe der Evolution haben die verschiedenen Ordnungen auch unterschiedliche akustische Rezeptoren entwickelt. Die meisten sind auf gewisse Frequenzbereiche spezialisiert. Wahrscheinlich ist es so, dass Grillenweibchen genau jenen Ton hören, den Grillenmännchen ausstoßen. Außerhalb dieses Bereichs sind sie vielleicht taub.

Es gibt übrigens nur eine Insektengruppe, die stumm ist und trotzdem gut hört. Das sind die Nachtfalter. Ihre Gehörorgane sind auf Hochfrequenz ausgelegt und dienen ausschließlich der Feindabwehr. Die Evolution ist ein permanentes Wettrüsten, und wenn die Jäger Ultraschall einsetzen, rüsten einige der Gejagten einfach nach.
Ich sitze am Gartenteich und beobachte, wie die Fledermäuse in völliger Stille Insekten jagen, aber in Wirklichkeit ist das, was ich wahrnehme, nicht das, was sich tatsächlich abspielt. In einer Parallelwelt sind Fledermäuse laut, und das macht sie für einen Teil ihrer Beute wahrnehmbar.

Dass Fledermäuse mit den Ohren sehen, wissen wir seit 1798. Damals hat der Schweizer Forscher Charles Jurine einigen Fledermäusen die Ohren verstopft und beobachtet, dass sie sich anschließend in dunklen Räumen nicht mehr orientieren konnten. Das hat dann 140 Jahre niemanden interessiert. Erst 1938 entwickelte man in Harvard ein Gerät, um die Fledermaustöne hörbar zu machen. Quasi pünktlich zur Eröffnung des zweiten Weltkriegs erfand man das Echolot zur U-Boot-Ortung. Heute werden mit Hilfe von Sonartechnik die Meere leer gefischt und ihr militärischer Einsatz tötet Delfine und Wale. Wie hat schon Heinz Erhardt über die braunsche Erfindung des Fernsehens gesagt: „Wir wär‘n ihm alle sehr verbunden, hätt‘ er was anderes erfunden.“


Literatur:

Carl Safina: Die Intelligenz der Tiere. Wie Tiere fühlen und denken. C.H.Beck: München 2017

die_intelligenz_der_tiereCarl Safinas Buch liefert anhand von Elefanten, Wölfen und Walen eine umfangreiche Darstellung der Gefühls- und Gedankenwelt von Tieren. Es hat dabei nichts gemein mit dem Bauchgefühl, dass der Hund, mit dem wir sprechen, jedes Wort versteht. Carl Safina hat nicht nur den momentanen Stand der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema zusammen getragen, er hat auch noch viele Forschende im Feld besucht und ihnen bei der Arbeit zugesehen. Entstanden ist so auch ein Werk über Menschen, die einem den Glauben an die menschliche Intelligenz zurück geben. Ein umfangreiches, überzeugendes und gut recherchiertes Buch.

Im Kapitel über Wale beschreibt Safina auf den Seiten 386ff. die Erforschung des Sonars. Von dort stammen die oben zitierten Fakten und Jahreszahlen.

Der Trampelpfad

In unserem Garten, gleich neben dem Teich, dort wo es zum Zaun geht, ist ein kleiner Trampelpfad. Es lohnt nicht, hier ein Foto zur Verfügung zu stellen, weil er auf Fotos kaum zu erkennen ist. Wenn man daneben steht, sticht er einem hingegen sofort ins Auge. Das ist der Vorteil des dreidimensionalen Sehens. Dieser Pfad ist vielleicht zehn Zentimeter breit und führt zielgenau zu einem kleinen Loch im Zaun, das dort schon seit Jahrzehnten besteht und hinter der Hecke verborgen ist.

Die Katzen benützen den kleinen Pfad, wenn sie am Boden und somit unentdeckt bleiben wollen. Notfalls könnten sie auch über den Zaun klettern. Die Igel hingegen sind bei ihren nächtlichen Streifzügen auf diesen Zaundurchgang angewiesen, und ich bin sicher, dass auch andere Tiere des Nachts diesen Pfad benutzen, nur sind sie geschickt genug, um sich dabei nicht beobachten zu lassen.

Unser Zaun ist auch an anderen Stellen durchlässig. Entweder weil ihn wer untergraben hat, die Maschen aufgetrennt sind oder der Draht nicht mehr straff genug gespannt ist. Für viele Tierarten sind alte, schadhafte Zäune ein Segen. Noch besser sind Hecken ohne Zäune. Das Revier eines männlichen Braunbrustigels kann bis zu einem Quadratkilometer groß sein,*) mit einem kleinen, dicht eingezäunten Garten fängt er nichts an. Wer Igel schätzt, sollte also für geeignete Durchgänge sorgen.

Bevor Sie jetzt zur Drahtschere greifen, empfiehlt sich allerdings ein klärendes Gespräch mit den Nachbarn. Die könnten Ihre Tierliebe als Sachbeschädigung auffassen. Bedenken sollten Sie auch, dass in manchen Fällen ein mit einer Mauer abgegrenztes Grundstück ein Rückzugsort sein kann. Wenn Sie hier die Möglichkeit für regen Durchzug schaffen, stören Sie vielleicht andere Arten.