Leben im Gemeindebau

Kohlmeise im Gemeindebau

Der Wiener Gemeindebau wird dieser Tage hundert Jahre alt. Er war in der Zwischenkriegszeit Vorzeigeprojekt des Roten Wien und machte moderne Wohnstandards auch für Arbeiterfamilien verfügbar. Zwischen 1919 und 1934 entstanden 65.000 Wohnungen in 382 Bauten, deren Architektur bis heute das Stadtbild prägt, und bei jungen, weniger betuchten Familien haben die mittlerweile großteils sanierten Anlagen nichts an Attraktivität verloren.

Kohlmeise im GemeindebauBei uns gegenüber ist beispielsweise vor ein paar Wochen eine junge Kohlmeisenfamilie in ein Lüftungsrohr eingezogen. Frühere Generationen lebten noch in Baumhöhlen im Wald, meist als Nachmieter von Spechten. Die Bausubstanz war oft minderwertig und bei Schlechtwetter regnete es in die Kinderstube.

Demgegenüber ist die neue Bleibe vollständig wasserdicht, eingepackt in Vollwärmeschutz und hat Morgensonne. Mit Warmluftheizung aus dem Gebäudeinneren machen Schlechtwettereinbrüche Anfang Mai keine Probleme mehr, und das Aufzuchtfutter für die Jungen holt man sich aus den beiden Kugeleschen vorm Fenster. Nahversorgung wurde ja schon vor hundert Jahren im Gemeindebau groß geschrieben.

Kohlmeise im GemeindebauWährend die alten Wohnhäuser der Gründerzeit noch geprägt waren von Bassena und Gangtoiletten, verfügte im sozialen Wohnbau des Roten Wien jede Wohnung über fließendes Wasser und Sanitäranlagen. Auch die Kohlmeisen achten auf Sauberkeit. Die Ausscheidungen der Brut werden vom Weibchen immer gleich ausgeflogen. Sie kommt kaum zur Ruhe, aber ihr Partner ist fast noch fleißiger. Unermüdlich schaffen die beiden frisches Futter herbei. Die Bedingungen scheinen für das Kohlmeisenpärchen  perfekt zu sein, aber natürlich hat das Leben „im Bau“ auch seine Schattenseiten.

KohlmeiseKaum tauchen die Krähen auf, wird lautstark protestiert. Dann sitzt das Männchen ganz oben in der Kugelesche und schlägt einen schärferen Ton an. Und manchmal gibt es wahrscheinlich auch Handgreiflichkeiten, denn wenn man genau hinschaut, fehlt dem Männchen im Nacken ein gutes Stück vom Federkleid. Der Umgangston im Gemeindebau war immer schon etwas ruppiger als anderswo.

In diesem Zusammenhang muss ich mich entschuldigen, dass die Fotos nicht von besserer Qualität sind, aber wenn man in der Wiener Vorstadt mit dem Teleobjektiv am Fenster steht und über die Gasse fotografiert, bleiben unten auf dem Gehsteig schnell die Passanten stehen und zeigen mit dem Finger hoch. Dann ist es angebracht, die Kamera schleunigst wieder wegzupacken, bevor die zwischenmenschlichen Interaktionen voranschreiten und den üblichen Verlauf nehmen.

Das Federkleid der Jungvögel hat übrigens ziemlich sicher einen deutlich wahrnehmbaren Geruch zwischen Fritterfett und gerösteten Ziebeln, denn der Raum dahinter ist eine Küche und das Lüftungsrohr mit großer Wahrscheinlichkeit der Ausgang einer Dunstabzugshaube. Aber auch das ist typisch für den Wiener Gemeindebau. In der Hauptstadt von Schnitzel und Gulasch kriegt man das mit dem „Kuchldunst“ am Gang seit hundert Jahren nicht in den Griff.

Bis die Jungen selbst ins heiratsfähige Alter kommen, wird sich das Problem allerdings längst wieder verzogen haben. Sobald sie flügge sind, steht ihnen ja die ganze Welt offen. Aber wer weiß, vielleicht kehren sie als erwachsene Vögel zurück, um selbst im Gemeindebau zu brüten. Sie wären sicher nicht die ersten, bei denen es diesen Verlauf nimmt.

Magisches Denken

Schwalbenschwanz

Der Glaube kann ja angeblich Berge versetzen. Es gibt Leute, die lassen ganze Wälder von Wilder Möhre im Garten stehen in der Hoffnung, irgendwann ein schönes Foto von einem Schwalbenschwanz zu ergattern. Und was soll man sagen: Es scheint zu funktionieren.

Wilde MöhreDie Wilde Möhre ist natürlich noch nicht heraußen. Das Foto ist vom letzten Jahr. Und Raupen habe ich in dem Gestrüpp damals auch keine gefunden. Das tut man aber selten. Wir haben jede Menge Admiral, Tagpfauenaugen und C-Falter, aber außer vereinzelten Admiralraupen habe ich auf unseren Brennesseln noch nie Fraßspuren oder ähnliches gesehen. Trotzdem braucht es halt irgendwo die richtige Raupenfutterpflanze und ohne passende Doldengewächse gibt es keinen Schwalbenschwanz.

Heute Nachmittag war es dann so weit: Liebstöckel und Dille haben es diesem Schwalbenschwanz angetan, sie luden zu einem Sonnenbad, und so sind mir ein paar schöne Fotos gelungen. Zur Not tut es die Dille als Raupenpflanze übrigens auch, wenn keine Wilde Möhre vorhanden ist.

Zum Abschluss unten noch ein Suchbild: Links der Schwalbenschwanz von heute Nachmittag an der Dille, rechts ein Segelfalter, den ich vor drei Wochen in der Umgebung von Wien fotografiert habe. Beide Arten sind etwa gleich groß und haben am hinteren Körperende die gleichen orangen Augenattrappen, wahrscheinlich um Vogelangriffe in die falsche Richtung zu leiten. Bei beiden Arten überwintert die Puppe, sie haben also ähnliche Flugzeiten, und tatsächlich sind sie im Flug so gut wie gar nicht zu unterscheiden. Erst wenn sie sich hinsetzen und die Flügel ausbreiten, erkennt man den Formunterschied.

Die ersten Libellen

Frühe Adonislibelle

Die Frühe Adonislibelle macht ihrem Namen alle Ehre, sie ist immer schon einen Ticken vor dem ersten Plattbauch und den Azurjungfern unterwegs und markiert den Beginn der Libellensaison. Das linke Bild stammt vom ersten Mai, das rechte Bild vom 16. Juni letzten Jahres. Man kann sehr schön erkennen, dass sich die frisch geschlüpfte Libelle noch kräftiger färben wird, bevor sie im Juni zum Ablaichen an den Teich zurückkehrt.

Adonislibelle heißt sie übrigens nicht nur, weil sie schön ist. Als Aphrodite den Tod des Adonis beweinte, haben ihre Tränen kleine Röschen wachsen lassen, und das Blut des Adonis hat diese rot gefärbt. Analog zu den Adonisröschen tragen die Adonislibellen wegen ihrer rot-schwarzen Färbung den Namen des griechischen Schönlings.

Es gab Zeiten, da hat man Pflanzen und Tiere noch nach der griechischen Mythologie benannt. Das System war aber zu aufwändig und hat sich nicht gehalten, die Späte Adonislibelle heißt ganz profan auch Scharlachlibelle. Dass beide Namen auf die rote Farbe anspielen, ist übrigens kein Zufall. Sie erlaubt eine eindeutige Bestimmung, denn unter den Kleinlibellen gibt es bei uns nur diese zwei Arten in Rot. Die Späte Adonislibelle hat auch noch rote Beine, während sie bei der Frühen Adonislibelle schwarz sind. Man kann es auf den Fotos sehr schön sehen. Ich wünschte, Libellen zu bestimmen wäre immer so einfach.

Die kluge Biene baut vor

Biene auf Zwetschkenblüte

Kaum ein Insekt ist so eine beliebte Projektionsfläche für menschliche Eigenschaften wie die Honigbiene: Fleißig und selbstlos fliegt sie von Blüte zu Blüte, um mit ihrer Bestäuberleistung unsere Ernte zu sichern. Ganz nebenbei sammelt sie dabei Pollen und Nektar für ihre Nachkommen – und was übrig bleibt, dürfen wir uns zum Frühstück als Honig aufs Brot schmieren. Gut, dass die Bienen so fleißig sind.

Biene auf Zwetschkenblüte

Zur Zeit sind sie wieder unermüdlich im Obstgarten unterwegs. Dass sie dabei selbstlos handeln, ist aber nur eine Möglichkeit der Interpretation. Genauso gut könnte man sagen, sie sorgen für ihre zukünftigen Schwestern vor, wie die folgenden zwei Aufnahmen aus dem vergangenen Herbst zeigen.

Es ist ein hartnäckiges Gerücht, dass sich Bienen ausschließlich von Nektar und Pollen ernähren. Wenn im Herbst die reifen Zwetschken aufplatzen, sind fast mehr Bienen in den Bäumen als jetzt während der Blütephase. Bienen interessieren sich für fast alles, was Zucker enthält, sei es Nektar, Honigtau oder der Saft überreifer Früchte.

Vermenschlichende Attributszuweisungen wie fleißig oder vorausplanend sind in diesem Zusammenhang irreführend. Die Biene spult einfach nur ihre vorprogrammierte Nahrungsbeschaffungsroutine ab, wie sie das seit Millionen von Jahren tut. Dass sie uns dabei eine Projektionsfläche für unsere Interpretationen liefert, liegt an den komplexen Formen symbiotischen Zusammenlebens, wie sie im Laufe der Evolution entstanden sind. Und zu einem nicht geringen Teil hat auch der Mensch zu dieser Komplexität beigetragen, denn die Obstbäume in unserem Garten gäbe es ohne menschliche Zuchtauswahl genauso wenig wie die Honigbiene in ihrer heutigen Form.

Die vom Menschen angelegten Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Landschaften, die wir in unseren Breiten haben. Auch kleinteilige Landwirtschaft mit abgrenzenden Hecken und Feldrainen bieten einer Vielzahl unterschiedlicher Arten Lebensraum. Es war irgendwie alles auf dem richtigen Weg, Schritt für Schritt wurde auf dem Weg der Evolution das symbiotische Zusammenleben immer komplexer – bis zu dem Zeitpunkt, wo irgendwer beschlossen hat, Ordnung zu machen. Seither ist innerhalb des Zauns ein akkurat geschnittener englischer Rasen und außerhalb ein Maisfeld.


Literaturtipp:

Johann Brandstetter, Josef H. Reichholf: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur, Mathes & Seitz: Berlin 2016

Brandstetter/Reichholf: SymbiosenDie Beziehung zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern ist vielleicht die bekannteste Symbiose. Zahlreiche andere Beispiele über das Zusammenleben in der Natur bietet das Buch von Reichholf und Brandstetter. Die Texte des Biologen Reichholf orientieren sich dabei an Brandstetters Illustrationen und durch dieses Miteinander von Text und Bild gelingt eine nachhaltige Vermittlung des umfangreichen Themas. Eine ausführliche Rezension gemeinsam mit vielen anderen lesenswerten Buchbesprechungen findet sich auf dem Blog „Elementares Lesen“ von Petra Wiemann.

Die übers Wasser laufen

Wasserläufer mit Beute

Ein Gartenteich ist nicht nur ein Lebensraum für Tiere, die im Wasser leben, auch die Oberfläche ist ein eigenes Habitat, das sich verschiedene Arten zunutze machen. Die bekannteste ist wahrscheinlich der Wasserläufer. Er zählt zu den Wanzen und verbringt fast sein ganzes Leben auf der Wasseroberfläche.

Wasserläufer

Durch Zusammenschlagen des hintersten Beinpaares kann er sich relativ schnell fortbewegen und über das Wasser gleiten. Großer Jäger ist er aber keiner. Seine Nahrung ist der ertrinkende Anflug – er ist quasi der Aasgeier des Gartenteichs und so wie die Vögel in der Wüste stürzt er sich in Gruppen auf seine Beute.

Acht Wasserläufer mit Falter

Vor lebenden Opfern hat er Respekt. Manchmal scharren sich mehrere Wasserläufer um eine Biene, die versucht ans rettende Ufer zu schwimmen. Vorsichtig lenken sie sie im Kreis, bis die Kräfte nachlassen. Anschließend wird sie verspeist.

Aktiver gehen die zahlreichen Spinnen vor, die am Ufer leben. Sie gleiten auch nicht auf dem Wasser, sie laufen in hüpfenden Bewegungen darüber hinweg. Das Prinzip ist aber das gleiche: Die Wasseroberfläche ist gefährlich, sie ist quasi ihr Netz und alles, was irrtümlich auf dem Wasser landet, wird an Land geholt und dort verspeist. Es wäre aber auch zu schade, wenn etwas verloren geht.

Spinne auf dem Wasser