Vom Winter gezeichnet

Trauermantel auf Salbei

Wenn einem Mitte März im Garten ein stattlicher Falter vor die Füße fliegt, den man noch nie gesehen hat, weiß man zweierlei: Diese Art ist selten und sie überwintert als Imago. Zunächst zählt aber jede Sekunde, denn ohne Foto ist so eine Sichtung nur der halbe Spaß. Und tatsächlich hält es den Neuzugang nicht lange auf dem noch winterdürren Salbei. Nach drei hektischen Aufnahmen hat sich der Schmetterling genug aufgewärmt und erhebt sich über Nachbars Hecke wieder in die Luft.

Trauermantel

Das Exemplar war groß, kaum kleiner als ein Schwalbenschwanz. Da kann das Bestimmen nicht schwer sein. Einmal durch Bellmanns Insektenführer geblättert, und die Sache ist geklärt: Der Trauermantel fliegt in einer Generation von Ende Juli bis in den Juni. Er überwintert also als fertiges Insekt. „Ziemlich selten“, steht auch da. Na, sag ich’s doch.

Der Name erklärt sich dadurch, dass Trauerkleidung früher helle Ränder hatte. Der Flügelsaum ist ursprünglich gelb, aber die Farbe ist nicht beständig und bleicht im Winter aus. Raupen und Falter bevorzugen Birken, manchmal auch Weiden. Beides wäre in unserem Garten eigentlich vorhanden, ich mache mir aber wenig Hoffnung, dass wir zwei uns noch einmal begegnen. Der Trauerfalter ist ein Wanderer und bevorzugt feuchte Laubwälder. Ich bin schon froh, dass mir zur Erinnerung ein Foto gelungen ist. Schön war er. Trotz hohen Alters unversehrte Flügel. Was will man mehr. Uns bleibt quasi Paris – oder halt der Garten im März 2021.

Das Schmetterlingsjahr 2020

Schachbrettfalter

Es fällt mir schwer, im Garten an einem Schmetterling vorüber zu gehen ohne die Kamera zu zücken, obwohl man dabei oft frustriert wird, weil sie wegflattern, bevor man abgedrückt hat. Manchmal freue ich mich über eine neue Art, nur um dann im Archiv festzustellen, dass sie mir schon letztes Jahr begegnet ist.

Trotzdem ist jedes Schmetterlingsjahr anders. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, jemals so viele Taubenschwänzchen gesehen zu haben wie dieses Jahr. Und das nicht nur in unserem Garten. Dieser Falter war anscheinend in ganz Europa zahlreicher und ist auch in anderen Blogs aufgetaucht. Neu waren bei uns der Segelfalter und der Wachtelweizen-Scheckenfalter, die beide ihren eigenen Beitrag hatten. Die anderen Besucher fasse ich hier zusammen.

Admiral, Tagpfauenauge und den Kleinen Fuchs habe ich mehrmals vor die Kamera bekommen. Den Kohlweißling sowieso. Auch das Große Ochsenauge unten, der Zitronenfalter und der Schornsteinfeger sind Stammgäste. Das Waldbrettspiel fällt mir nicht jedes Jahr auf, das letzte Mal habe ich es 2018 fotografiert.

Die Highlights 2020 waren aber die nächsten drei. Der Schachbrettfalter ist mir zum ersten Mal vor die Linse geflattert. Der war neu im Garten, und der Russische Bär genauso. Der hat mich an einen Griechenland-Urlaub auf Paros erinnert, wo es wie auf Rhodos ein Tal der Schmetterlinge gibt, und im Gegensatz zu Ephraim Kishon habe ich dort auch zahlreiche Spanische Flaggen – so der Zweitname des Russischen Bären – gesehen.

Der Kaisermantel rechts unten ist ein Dauergast im Garten, den sehe ich jedes Jahr. Er ist auch im Flug an seiner Größe zu erkennen, setzt sich aber nie lange genug hin, um schöne Fotos zu machen. Ich habe diesen Frust schon im Bericht zum Schmetterlingsjahr 2019 erwähnt, dieses Jahr kann ich aber ein akzeptables Foto nachtragen. Das abgebildete Weibchen war Anfang September unterwegs und wahrscheinlich schon etwas müde. Es hat zumindest kurz stillgehalten, und das rührt den Fotografen. Leider hat sich der Schmetterling nicht auf ein Zentimetermaß gesetzt, sonst würde man auch noch sehen, wie beeindruckend groß so ein Kaisermantel ist, aber man kann halt nicht alles haben.

Beengter Wohnraum

Französische Feldwespe

Seit Jahren nisten die Französischen Feldwespen bei uns unter der Abdeckkappe des Flüssiggastanks. Die Kappe aus dickem Stahlblech hat einen Durchmesser von 35 Zentimetern, und die Feldwespen beginnen eigentlich immer an der gleichen Stelle mit dem Nestbau. Im April sind es nur ein paar Waben, die von der Decke hängen, und bis zum Sommer wächst sich der Bau dann zu einer knapp zehn Zentimeter großen Konstruktion aus, die die Form einer flachgedrückten Kugel hat.

Dieses Jahr musste der Tank frisch gestrichen werden, und ich habe mich schon gefragt, was ich jetzt mit den Wespen machen soll, aber die Tiere denken ja mit und ließen den gewohnten Nistplatz im Frühjahr aus. Französische Feldwespen sind recht wärmeliebend, und ich vermute, die kühle Witterung zu Beginn der Saison hat den Stellungswechsel bedingt.

Der neue Nistplatz liegt im Inneren eines Zaunstehers, was insofern erstaunlich ist, als dieser einen Außendurchmesser von kaum vier Zentimetern hat. Die genaue Form der Konstruktion kann man leider nicht erkennen, aber der Hohlraum zwingt zu einer vertikalen Anordnung, und mir kommt vor, dass die Kolonie nicht so groß ist wie in den Jahren zuvor.

Es ist interessant, wie anpassungsfähig diese Insekten sind. Nur daran, dass auch der Zaunsteher zu Mittag in der prallen Sonne liegt, hat sich nichts geändert, denn Französische Feldwespen haben es halt in erster Linie gern warm.

Ohne Genitaluntersuchung

Wachtelweizen-Scheckenfalter

Wachtelweizen-Scheckenfalter ist ein sehr lustiger Name für einen Schmetterling. Das liegt am K: „Words with a K in it are funny. […] Alka-Seltzer is funny. Chicken is funny. All with a K. Ls are not funny, Ms are not funny“, wie Walter Matthau in The Sunshine Boys erklärt.

Es könnte übrigens auch ein Ehrenpreis- oder Baldrian-Scheckenfalter sein. Laut Wikipedia kann man den Unterschied nur mittels Genitaluntersuchung sicher feststellen. Würde ich aber nie machen. Ich verlasse mich auf mein Gehör, und Wachtelweizen-Scheckenfalter kling einfach mit Abstand am besten, während Genitaluntersuchung ein absolut hässliches Wort ist, das man aus dem deutschen Sprachgebrauch lieber verbannen sollte. Es ist nicht einmal lustig. Liegt am L. „Ls are not funny“, wie wir ja bereits wissen.

Das Seil

Plattbauch Männchen

Die Flugzeit des Plattbauchs geht bei uns langsam zu Ende. Diese Libelle ist eine der ersten, die im Frühjahr am Teich erscheint. Es gibt immer ein dominantes Männchen, das sich den besten Platz am Wasser sichert. Die anderen Männchen und die Weibchen sitzen etwas abseits in der Hecke oder im Gemüsebeet auf der Ansitzlauer.

Dieses Jahr gibt es für den stärksten Plattbauch einen ganz besonderen Platz, und das hängt mit den Brombeeren zusammen, die hinter dem Teich wachsen. Die Ranken finden den Platz am Wasser super und beugen sich immer weiter vor, um möglichst viel vom reflektierten Sonnenlicht abzubekommen. In den letzten Jahren musste ich die Früchte deshalb vom Schlauchboot aus ernten, das ich mit einer Schnur am Zaun fixiert habe.

Heuer haben es die Brombeeren aber übertrieben. Die schweren Ranken hingen tief in den Teich, also habe ich ein Seil gespannt, um sie aus dem Wasser zu heben. Ich war kaum fertig, da saß das dominante Männchen schon auf der Schur. Es war einfach der beste Platz, um das Revier zu überwachen. Man konnte die Libelle richtig jubeln hören: Mein Herrli hat mir ein Seil gespannt! Der weiß, was ich brauche.

Mir soll es recht sein. Hauptsache, die Brombeerernte im Herbst ist gerettet. Bis dahin wird sich hoffentlich auch das Seil wieder finden, mit dem ich immer das Schlauchboot am Zaun festmache. Wohin das nur plötzlich verschwunden ist? Das Gärtnerleben stellt einen immer wieder vor kaum zu bewältigende intellektuelle Herausforderungen.