Speed Dating

Letzte Woche habe ich mich noch beschwert, dass die Frühlingsknotenblumen erst zögerlich die Blätter aus dem hart gefrorenen Boden strecken, weil in Südkärnten der Frühling immer ein paar Wochen später kommt als beispielsweise in Wien. Und plötzlich ist alles anders. Den Unterschied machen drei, vier sonnige Tage mit Windstille und Tageshöchsttemperaturen über 10 Grad.

Der Boden ist immer noch hart gefroren, denn die klaren Nächte waren frostig kalt. Die Blätter der Frühlingsknotenblumen sind auch noch nicht weiter gewachsen, maximal fünf Zentimeter ragen die Pflanzen aus dem Boden, aber sie haben den Auftrag der Sonne verstanden und erste Blüten hervor gebracht, wohl wissend, dass die Honigbienen bereits darauf warten.

Tatsächlich haben die ersten Bienen nicht auf das Öffnen der Blüten gewartet, sondern sind zwischen Blütenansatz und Hochblatt von oben in den Stängel gekrochen, um von dort ausdringende Pflanzensäfte abzusaugen. Es war wie ein hektisches Abtasten, bevor die Kälte noch einmal zurück kommt. Später, wenn die Frühlingsknotenblumen dann in voller Blüte stehen, werden die Pflanzen gut viermal so hoch sein, und die Bienen werden sich die Zeit nehmen, von unten in die geöffneten Glocken zu klettern, aber jetzt muss es erst einmal schnell gehen – Speed Dating halt.

Die Filiale

Hornissen

Die heutigen Bilder sehen vielleicht nicht besonders spektakulär aus. Ein idealer Blogleser mit perfektem Gedächtnis würde aber sofort wissen, dass sie etwas Außergewöhnliches zeigen. Der abgebildete Nistkasten ist nämlich ein alter Bekannter und normalerweise Unterschlupf für unsere Hausspatzen. Sie haben eine eigenartige Vorstellung von Innenarchitektur und verwenden reichlich Cellophan als Nistmaterial, wie ich letzten Herbst berichtet habe.

Auch dieses Jahr haben sie mindestens zweimal erfolgreich gebrütet. Einer ihrer Jungvögel stattete mir Anfang Juni sogar einen Besuch im Wohnzimmer ab. Danach war es knapp zwei Monate still im Nistkasten, und ab August gehörte er den Hornissen. Das Ergebnis sieht man auf den folgenden Fotos: Eingelagert in das Nistmaterial der Hausspatzen sind die Waben der Hornissen.

Und das ist jetzt, wie gesagt, wirklich außergewöhnlich. Welche Hornissenkönigin wartet schon geduldig bis zum Sommer, um als Nachmieterin bei den Hausspatzen einzuziehen, sobald diese den Nistkasten nicht mehr brauchen? Die Antwort lautet: Keine! Die Dinge sind nicht immer so, wie sie aussehen.

Bei Hornissen beeindruckt zunächst einmal die Größe. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich manchmal bis zu 200 Tiere gleichzeitig in einem Hornissennest zu schaffen machen und so im Laufe eines Sommers vielleicht 1500 Zellen entstehen, kann man sich ungefähr den Platzbedarf so eines Baus vorstellen. Deshalb beherrschen Hornissen als einzige Art innerhalb der Faltwespen die Filialbildung. Dabei beginnen Arbeiterinnen an einem neuen Standort mit dem Wabenbau, wenn die alte Bruthöhle zu klein wird. Kurze Zeit später übersiedelt die Königin, neue Eier werden folglich nur noch am zweiten Nistplatz gelegt, die Arbeiterinnen betreuen aber während der Übergangszeit an beiden Standorten die Brut.

In unserem Nistkasten war also nur ein kleiner Teil des Hornissenbaus, vielleicht 200 Zellen maximal. Vermutlich wurden hier hauptsächlich die Königinnen fürs nächste Jahr großgezogen. Nicht nur, dass mir dieses Jahr zum ersten Mal ein Hornissennest auf unserem Grundstück aufgefallen ist, es war auch noch ein ganz außergewöhnliches Nest, eine Filiale, und es hat mich, muss ich zugeben, ein bisschen Hirnschmalz und Recherchearbeit gekostet, bis ich drauf gekommen bin, wie dieses Rätsel zu lösen ist.

 

 

Zweimal Apfelernte

Hornisse mit Apfel

Hornissen gelten zwar als räuberische Jäger, sind aber in Wirklichkeit Vegetarier. Nur die Larven füttern sie mit erbeuteten Insekten. Die erwachsenen Tiere ernähren sich hingegen bevorzugt von süßen Baum- und Pflanzensäften sowie Obst. Bei uns haben es ihnen vor allem die Äpfel angetan.

Zwischen den beiden folgenden Bildern liegt der Sommer, das erste ist von Anfang Mai, das zweite von Ende September.

Wir hatten letztes Jahr so viele Äpfel, dass ich mir einen Destillierapparat gekauft habe, um Schnaps zu brennen. Trotzdem sind noch Reste übrig geblieben, mit denen ich dann im Frühjahr die Amseln gefüttert habe. Auch eine Hornisse hat sich daran bedient.

Ein paar Tage später kam der Frost und dementsprechend mager war die diesjährige Ernte. Ich habe keinen einzigen Apfel abbekommen. Die Hornissen und die Vögel waren schneller. Wir Menschen sind quasi der Puffer: Ist der Ertrag schlecht, müssen wir als erstes verzichten, nur im Überfluss kommen wir zum Zug.

Mittlerweile sind alle Äpfel verschwunden und auch die Hornissen haben am Nistkasten den Flugbetrieb eingestellt. Ein bisschen warte ich noch, um sicher zu gehen, dass mir keine verspätete Königin entgegenkommt, dann werde ich das Nest entfernen und den Kasten säubern. Ich bin schon gespannt, was mich erwartet.

 

Wofür Pfaffenhütchen gut sind

Pfaffenhütchen Früchte

Pfaffenhütchen setzt man nicht, die hat man, und normalerweise wird man sie auch nie wieder los. Dieses Gewächs, das von der Größe her ein Strauch und vom Wuchs her ein Baum ist, heißt mit bürgerlichem Namen Gewöhnlicher Spindelstrauch und zeichnet sich durch eine gewisse Fruchtbarkeit aus. Die Blüten sind unscheinbar und von Mai bis Juni zahlreich. Aus diesen Blüten entwickeln sich im Oktober genauso zahlreiche, dunkelrosa Früchte. Sie haben die namensgebende Form eines kleinen Pfaffenhuts, und wenn sie aufplatzen, werden die orangen Samen sichtbar, die im Jahr darauf im ganzen Garten keimen. Sie sind zwar giftig, aber anscheinend nicht für Vögel, von denen sie gern im Umland verteilt werden – wegen seiner Attraktivität als Herbsfutter heißt das Pfaffenhütchen auch Rotkehlchenbrot.

Faszinierend, dass ein Strauch, der in allen Teilen giftig ist, so viele Fressfeinde anzieht wie das Pfaffenhütchen. Im Herbst sind es die Singvögel, die immer wieder vorbei schauen und sich die orangen Samen aus den aufplatzenden Früchten picken. Dabei ist ihre Körpertemperatur deutlich höher als unsere, dadurch sollten sie eigentlich anfälliger sein für die Wirkung des Giftes, aber die kürzere Verweildauer der Nahrung im Darm hilft ihnen offensichtlich.

Von den Blättern ernährt sich wiederum die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte. Im Mai finden sich im Blattwerk der Pfaffenhütchen zahlreiche Spinnweben, die nur auf den ersten Blick so aussehen, aber in Wirklichkeit gar keine sind. Im Inneren dieser Gespinste fressen sich kleine gelbe Raupen mit braunen Punkten am Laub der Sträucher satt. Das spinnwebenartige Gewebe rundum soll wahrscheinlich Fressfeinde abhalten, denn die Raupen werden gern von parasitären Fliegen befallen. Sonst hilft es ihnen aber wenig.

Im Mai sind Proteine ein gefragtes Aufzuchtfutter. Im Minutentakt fliegen die Kohlmeisen zwischen Nistkasten und Pfaffenhütchen-Strauch hin und her. Die kleinen Raupen haben die ideale Größe und werden gern verfüttert. Sollten doch ein paar durchkommen, freuen sich die Fledermäuse über die geschlüpften Nachtfalter. Allerdings nicht über alle, denn im nächsten Frühjahr geht alles wieder von vorne los.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte gilt als Schädling. Zur Bekämpfung werden die befallenen Äste herausgeschnitten, die restliche Pflanze mit Insektengift besprüht. Wahrscheinlich von den gleichen Leuten, die sich dann beschweren, dass die Zahl der Singvögel und Fledermäuse ständig abnimmt. Entweder verhungern die Fressfeinde der Raupen, oder sie werden ebenfalls vergiftet. In beiden Fällen braucht man ein Jahr später eine höhere Dosis Gift.

Zugegeben, so ein Nest mit kleinen gelben Raupen sieht ziemlich eklig aus. Die Gespinste können zahlreich werden. Angeblich fressen die Schädlinge sogar ganze Sträucher kahl. Bei uns war das noch nie der Fall, dafür sind die keinen Kohlmeisen viel zu hungrig. Und selbst wenn der Befall einmal ausufert, stirbt der Strauch nie ab, denn die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte entwickelt immer nur eine Generation pro Jahr. Wahrscheinlich brauchen die Jungen Raupen das zarte Grün der frischen Blätter, älteres Laub hätte eine stärkere Giftwirkung, und so ist der Spuk im Juni wieder vorbei.

Die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte ist einer der nützlichsten Schädlinge, die ich kenne. Sie liefert den Singvögeln wertvolles Proteinfutter genau dann, wenn sie es für die Aufzucht ihrer Jungen am dringendsten brauchen. Und der angerichtete Schaden ist minimal. Er besteht mehr oder weniger nur in unserer Einbildung. Wenn wir uns an den Anblick der Raupen im Mai erst einmal gewöhnt haben, lösen sie kaum noch Ekel aus, stattdessen liefert uns die Natur Vogelfutter gratis, CO2-neutral und frei Haus.

 

Das Schmetterlingsjahr 2019

C-Falter

Der letzte Sommer war dominiert von Kohlweißlingen. Über den Gemüsebeeten flatterte ständig ein weißes Ballett in der Sonne. Später kam das Große Ochsenauge dazu. Auch diese Art war im Hochsommer reichlich vertreten. Dieses Jahr hat es im Mai noch einmal gefroren, die Kohlrabi konnte ich erst für den Herbst setzen, und aus dem Brokkoli ist nichts geworden. Mit den fehlenden Raupenfutterpflanzen waren die Kohlweißlinge nur vereinzelt zu finden, und der feuchtere Sommer scheint dem Großen Ochsenauge weniger gut gefallen zu haben. Die beiden Arten waren zwar auch dieses Jahr vertreten, aber nicht so dominant.

Stattdessen ist mir mehr Vielfalt bei den Schmetterlingen aufgefallen. Über die ersten Sichtungen im Frühjahr habe ich berichtet. Auch Schwalbenschwanz und Schwarzer Trauerfalter haben ihren eigenen Beitrag bekommen. Dazwischen sind mir aber noch anderer Arten ins Gesichtsfeld geflattert, deren Betrachtung sich lohnt.

An den Anfang stelle ich die Allerweltsfalter Tagpfauenauge und Admiral. Mit ihnen beginnt und endet das Schmetterlingsjahr. Der Admiral gilt als Wanderfalter, aber mittlerweile ist er so zeitig im Frühjahr und so spät im Herbst zu sehen, dass einzelne Exemplare wahrscheinlich schon bei uns überwintern, so wie es auch das Tagpfauenauge tut. Wenn nicht die Raupe oder Puppe überwintern, sondern das fertige Insekt, hat die Art im Frühling einen Startvorteil. Die ersten warmen Tage des Jahres gehören deshalb Zitronenfalter, C-Falter und Co.

Im Laufe des Sommers gesellten sich dann andere weit verbreitete Arten wie der Kleine Fuchs, der Braune Waldvogel, auch Schornsteinfeger genannt, und der eine oder andere Dickkopffalter dazu. Und dann war da noch der Kaisermantel, der regelmäßig durch den Garten flatterte, sich aber nie fotografieren ließ. Ich könnte das Foto vom letzten Jahr verwenden, aber das wäre erstens unsportlich, und zweitens gab es genug andere Sichtungen.

Das Kleine Wiesenvögelchen und das Sechsfleck-Widderchen waren mir bislang zum Beispiel völlig unbekannt. Letzteres saß direkt vor meiner Nase auf dem Sonnenhut und ich hätte es trotzdem fast übersehen. Im Gegensatz zu den bislang erwähnten Arten gehört es zu den Nachtfaltern, von denen bei weitem nicht alle in der Nacht fliegen.

Und damit wären wir schon beim Hauptgrund, warum die Beschäftigung mit Schmetterlingen frustrierend sein kann. Es gibt ihrer so viele. Vor allem bei den Nachtfaltern scheint die Zahl unbegrenzt. Repräsentativ für die vielen Fotos in meinem Archiv mit dem Zusatz „unbestimmt“ stehen die folgenden beiden Bilder.

Der erste Falter sieht aus wie ein Baum-Weißling, aber es fehlen die für Tagfalter typischen Keulen am Ende der Fühler, und der zweite gehört zur großen Gruppe derer, die sich einfinden, wenn man nachts die Beleuchtung nicht ausmacht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie detailliert und schön gezeichnet die Kreaturen der Nacht sein können.

Manchmal finde ich auch nur die Raupen, wie zum Beispiel beim Kleinen Nachtpfauenauge auf dem folgenden Bild. Dieses Exemplar war von beeindruckender Größe und offensichtlich schon kurz vor der Verpuppung.

Leichter zu bestimmen war das Männchen des Rotrandbärs. Auch er gehört zu den teils tagaktiven Nachtfaltern. Und dann war da noch das schöne Exemplar auf dem letzten Bild. Endlich einer, den man nicht verwechseln kann, dachte ich mir. So ein schönes Rot auf dem hinteren Flügelpaar hat wohl kein zweiter Falter. Stimmt aber nicht. Das Rote Ordensband, der Pappelkarmin und der Weidenkarmin sehen fast gleich aus, wobei es sich bei dem von mir entdeckten Exemplar wahrscheinlich um einen Weidenkarmin handelt. Von diesen Faltern gibt es sicher mehr, als man glaubt. Man erkennt sie nur nicht, weil sie in der Ruhestellung die Vorderflügel über die Hinterflügel klappen. Anders wären sie mit ihrer roten Signalfarbe eine viel zu leichte Beute für Vögel.

Mittlerweile geht das Schmetterlingsjahr zu Ende. Nur die Überwinterer wie Zitronenfalter, Admiral und Tagpfauenauge sind noch unterwegs. Über die Vielfalt, die dieser Sommer gebracht hat, kann ich mich aber nicht beschweren. Es waren außerdem mehr Arten als ich mit der Kamera einfangen konnte, und so bleiben noch ein paar Herausforderungen fürs nächste Jahr übrig.