Die friedliebenden Wespen

Feldwespennest

Wespen haben zwei Probleme: Sie sehen fast alle aus wie Wespen und ihr Ruf ist schlecht. Verantwortlich sind zwei Arten, die ziemlich lästig sein können, die germanische und die gemeine Wespe. Vor ein paar Jahren hatten wir einmal hinter den Gemüsbeeten ein Wespennest im Boden. Wie Kampfgeschwader stiegen die Insekten aus der Erde, sobald man sich mit Essen oder einem Getränk in den Garten setzte. Im Volksmund nennt man diese Quälgeister „Zwetschkenkuchenwespen“. Sie sind zwar auch nützlich, weil sie unter anderem Fliegen dezimieren, aber sie bringen mit ihrer lästigen Art alle anderen Wespen in Verruf.

Und alle Jahre wieder kommt die Sauregurkenzeit. Die Schädlingsbekämpfer wittern ihre Chance und absolvieren reihenweise Gastauftritte im Fernsehen, wo sie den Ruf der Wespen noch schlechter machen. Und wieder ist dieses Jahr ein Wespenjahr – eh, sollen sie 2018 auslassen? Auch der ORF hatte neulich die einschlägige Branchenwerbung in einem seiner Online-Beiträge:

„Ein Wespennest sollte ausschließlich von Profis, also Schädlingsbekämpfern, entfernt werden.“ (https://noe.orf.at/news/stories/2930861/)

Im gleichen Beitrag steht, dass ein Wespennest „umgehend entfernt werden“ sollte, und das Beitragsbild zeigt dann prompt die falsche Wespenart, die französische oder gallische Feldwespe. Logisch: Wer macht sich schon die Mühe, für einen Webbeitrag die aggressiven Wespen zu fotografieren, wenn es auch friedliebende gibt.

TankdeckelMit den Feldwespen habe ich diesen Sommer sehr viel Freude. Unter dem Deckel unseres alten Flüssiggastanks haben sie ihr Nest angelegt. Der Deckel lässt sich hochklappen, und dann kann man ihre Bruttätigkeit aus nächster Nähe beobachten. Das ist besonders interessant, weil das Feldwespennest keine Außenhülle hat. Man kann den großen, schlanken Wespen direkt bei der Arbeit zusehen. Natürlich stört sie das, und wenn man mit seiner Neugier den Wespen zu lästig wird, verziehen sie sich, aber selbst dann werden sie nie aggressiv. Feldwespen bleiben immer ruhig und unauffällig.

Feldwespe auf dem WasserUnd noch etwas beherrscht die französische Feldwespe: Sie kühlt ihr Nest im Hochsommer mit Wasser. Im Gegensatz zu Honigbienen und Hornissen braucht sie dafür keinen geeigneten Landeplatz. Sie hat lange Beine und fliegt nicht so schwerfällig, deshalb kann sie elegant auf der Wasseroberfläche landen. Wie ein Wasserläufer macht sie sich dabei die Oberflächenspannung zu Nutze. Und während sie geruhsam Wasser aufnimmt, lässt sie sich auch ganz leicht bestimmen: Ihre Taille läuft spitz zusammen, während sie beispielsweise bei Hornissen gerade abgeschnitten ist, und am zweiten Hinterleibssegment befinden sich zwei charakteristische gelbe Flecken.

Als Allergiker will ich die Gefahr, die von einem Wespenstich ausgeht, nicht klein reden. Ich weiß aus der Verwandschaft, wie ein allergischer Schock abläuft und wie wichtig ein EpiPen in so einer Situation ist. Aber gerade deshalb sollte man die friedliebenden Wespen in Ruhe lassen. Sie besetzen die gleiche ökologische Niesche und stehen damit in Konkurrenz zu den lästigen Wespen. Hornissen und mittlere Wespen halten die Zwetschkenkuchenwespen sogar aktiv fern, weil sie größer sind als diese und ihnen gefährlich werden.

Allgemein gilt: Wenn man ein Nest leicht entfernen kann, ist es das falsche. Sowohl die germanische als auch die gemeine Wespe bauen ihre Nester in alten Mauslöchern und anderen schwer zugänglichen Hohlräumen, während die Nester der friedliebenden Wespenarten oft leicht erreichbar sind. Nur weil in den Medien alljährlich etwas anderes steht, ist es deshalb noch lange nicht richtig.

 

Das Paarungsrad

Manche Libellen realistisch zu fotografieren, ist relativ schwierig. Vor allem die großen Arten sitzen kaum und schwirren fast ständig hin und her. Sie jagen im Flug und die Männchen verteidigen ihr Revier. Eine Königslibelle oder eine Mosaikjungfer im Flug zu fotografieren, ist aber etwas, was meine Fähigkeiten überschreitet. Neulich bin ich daran wieder gescheitert. Erfolglos habe ich versucht, der weiblichen Königslibelle mit dem Objektiv zu folgen, und habe dabei nicht einmal erkannt, dass es sich in Wirklichkeit um ein Männchen der blaugrünen Mosaikjungfer handelt.

PlötBlaugrüne Mosaikjungfer Paarungsradzlich war das charakteristische „Zing“ zu hören, wenn Libellenflügel gegeneinander schlagen, das Männchen hatte ein vorbeihuschendes Weibchen eingefangen und beide glitten im Paarungsrad durch die Luft. Keine Ahnung, warum das „Paarungsrad“ heißt, mit einem Rad hat die Form wenig zu tun, es ist mehr ein Dreieck. Das Männchen fliegt oben, das Weibchen abgeknickt darunter.

Gesehen habe ich das bei den Plattbäuchen schon oft, genau beobachten konnte ich es nie. Die Plattbauchpaarung dauert nur zwei, drei Minuten und spielt sich ausschließlich in der Luft ab. Die Mosaikjungfern haben mir hingegen eine Freude gemacht und sich im Zwetschkenbaum niedergelassen. Wenn man zu nahe ran geht, fliegen sie im Paarungsrad davon. In der Kolkwitzie konnte ich sie dann besser fotografieren.

Blaugrüne Mosaikjungfer Paarungsrad

Blaugrüne Mosaikjungfer AblaichenDas Ablaichen selbst erledig das Weibchen allein. Hier stimmt also die Bezeichnung „Jungfer“. Wer nur den Ablaichvorgang beobachtet, sieht ein einzelnes Weibchen, das die Eier sorgfältig mit dem Hinterleib in Moospolstern verteilt. Der Vorgang dauert bis in die Abendstunden, die Eier werden gründlich verteilt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Libellenarten laicht die blaugrüne Mosaikjungfer nicht direkt ins Wasser, die geschlüpften Larven müssen sich erst selbst den Weg dorthin suchen.

Die blaue Invasion

Hufeisen-Azurjungfer Paarung

Die schlanken, blauen Libellen gehören im Sommer zu jedem Gewässer. Manchmal fliegen sie einzeln übers Wasser, manchmal im Tandem, die leuchtend blaue Libelle vorne, eine dezentere, grünliche hinten. Jeder glaubt, diese Allerweltslibellen zu kennen, aber wenn man versucht, sie zu bestimmen, stellt man bald fest, dass das ein Irrtum ist. Die Kombination Buberl blau, Mäderl grün ist bei den Libellen eine der häufigsten Farbvarianten. Es gibt gut zehn verschiedene Arten, die hier in Frage kommen und die sich manchmal nur durch kleine Merkmale in der Zeichnung unterscheiden.

Meist sind die Männchen zahlreicher. Sie tragen die blaue Signalfarbe und warten auf die Weibchen. Diese sind mit ihrer Tarnfarbe besser gegen Fressfeinde geschützt. An unserem Teich sind die zierlichen Libellen im blau-grünen Tandem fast ausschließlich Hufeisen-Azurjungfern. Warum sie Jungfern heißen, weiß ich nicht. Das Ablaichen erfolgt im Tandem. Das Weibchen taucht den Hinterleib ins Wasser, während das Männchen leicht aufgerichtet und startklar wartet, um bei Gefahr die Flucht einzuleiten. Schließlich gibt es größere Libellen, die sich im Sommer am Wasser umtreiben.

Die einzeln wartenden Männchen haben eine Vorliebe für Blüten. Sie sind Ansitzjäger und lauern dort, wo sich Insekten einfinden. Ihr Jagdrevier beschränkt sich nicht auf den Teich. Man findet sie bei der Gartenarbeit überall, in der Hecke und beim Gemüse. Den ganzen Sommer über schwirren die leuchtend blauen Nadeln durch die Luft, solange nur ein Gewässer in der Nähe ist. Anfangs traten sie nur vereinzelt auf, aber seit wir den Teich haben, werden sie von Jahr zu Jahr mehr.

Leichen pflastern ihren Weg

Steinhummel zwischen Latten

In unserem Holzschuppen brummt es im Moment wie in einem Bienenhaus. Die Steinhummelpopulation, die sich ganz hinten im Eck unter dem Brennholzstapel angesiedelt hat, erreicht gerade ihr Maximum. Zeitweise schwirren fünf, sechs Hummeln gleichzeitig rein oder raus. Manche von ihnen sind richtige Brummer, mehr als doppelt so groß wie die erste Generation der Arbeiterinnen.

Hummel im SpinnennetzDie älteren Hummeln kennen den Weg durch den Schuppen genau. Sie wählen immer den gleichen Zwischenraum durch die Front aus Ziegellatten und umfliegen geschickt die Spinnennetze im düsteren Schuppeninneren. Die anderen sind zögerlich und vorsichtig. Und das mit gutem Grund, denn überall lauern Spinnennetze. Zur Not kann eine Hummel zwar über ein Spinnennetz klettern, solange sie es nur mit den Beinen berührt und rechtzeitig weg ist, bevor die Spinne kommt. Aber wenn sie sich erst einmal in den Fäden verfangen hat, gibt es keine Rettung mehr. Der Tod kommt langsam, denn auch die Spinne ist vorsichtig. Wenn die Hummel zusticht, gibt es zwei Verlierer in diesem grausamen Wettstreit.

Bei all den Gefahren kann ich mir gut vorstellen, wie die Arbeiterinnen hinter ihrem Rücken über die Königin schimpfen: Was hat sie sich dabei nur gedacht? Einen dümmeren Platz hätte sie sich nicht aussuchen können! Dabei spricht der Erfolg für diese ungewöhnliche Wahl. Wir hatten diesen Sommer auch ein Erdhummelnest direkt unter dem Hausdach. Dort war bis Anfang Juli viel mehr los. Dann war plötzlich Schluss. Ich denke, die Hitze hat diesem Volk nicht gut getan. Im Gegensatz zu Honigbienen, Wespen und Hornissen habe ich noch nie Hummeln am Teich Wasser holen gesehen. Sie scheinen ihr Nest nur durch Belüftung zu kühlen, und insofern ist es wichtig, schon im März einen Platz zu wählen, der auch für den Sommer geeignet ist.

Eine andere Gefahr droht den Hummeln durch Wachsmotten und andere Parasiten. Die Spinnennetze sind also nicht nur Gefahr, sondern auch Schutz. Honigschlecken ist das Hummelleben trotzdem keines. Ich habe im Dunklen versucht, den Gegenverkehr vor dem Eingang zu fotografieren, und habe erst auf der Blitzaufnahme bemerkt, wie makaber der Weg ist, den die beiden Hummeln da zurück legen mussten. Am Boden verstreut liegen mehrere tote Artgenossinnen, über die man klettern muss, um ins Nest zu gelangen.

Hummeln klettern über Leichen

Im Gegensatz zu den Königinnen ist das Leben der Arbeiterinnen ziemlich kurz. Nach ein paar Wochen fallen sie der Erschöpfung zum Opfer und bleiben einfach liegen. Am Ende zählt aber auch nur, wie viele zukünftige Königinnen der Staat hervor gebracht hat, und dafür schaffen die Arbeiterinnen Pollen und Nektar heran bis zum Umfallen.

Baumeister aus dem Orient

Orientalische Mörtelwespe

Im Sommer zeigt sich am Gartenteich oft eine grazile Wespe mit langer Taille, die in der feuchten Erde nach Baumaterial sucht. Es ist die orientalische Mörtel- oder Mauerwespe, Sceliphron curvatum.

Mörtelwespe Gelege

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Spezies vor Erfindung des Rollladens besonders erfolgreich vermehren konnte. Sie legt ihre kunstvollen Gelege mit Vorliebe in den Zwischenräumen von Rollokästen an. Meist positioniert sie die Lehmtönnchen dabei so unter der Styroporisolation, dass sie im Winter gut gegen die Kälte geschützt sind und möglichst viel von der Abwärme des Hauses profitieren. Die orientalische Mörtelwespe ist ein raffinierter Kulturfolger, der seine Bautätigkeit am liebsten dort eintfaltet, wo der Mensch schon vorgewerkt hat. Und mit Hilfe des Menschen hat sie so auch die Welt erobert.

In Europa wurde die ursprünglich aus Indien und Nepal stammende Art das erste Mal 1979 gesichtet, und zwar in der Steiermark. Dass alle in Europa verbreiteten Exemplare über den Grazer Flughafen eingewandert sind, ist meiner Meinung nach aber eine Unterstellung. Diese Wespe baut ihre Gelege notfalls auch hinter der Karniese, unterm Lampenschirm oder in einer Küchenrolle. Selbst in Schuhkartons hat man ihre Nachkommen schon importiert. Mittlerweile werkt sie auch in Südamerika.

Die nervösen Tierchen sind ständig in Bewegung, lassen sich aber relativ leicht beobachten. Mit etwas Wasser weicht man an einer lehmigen Stelle die Erde auf, und schon werden die Weibchen magisch angezogen. Meist versammeln sich mehrere Exemplare, um kleine Kügelchen für den Nestbau einzusammeln.

Gefährlich ist die orientalische Mörtelwespe nicht. Zumindest nicht für Menschen. Für Spinnen schaut die Sache anders aus. Die lähmt sie mit einem Stich und packt sie als Proviant für ihre Larven in die Gelege. Mit dieser Unsitte haben Spinnen aber schon länger zu kämpfen, manche heimischen Wespen machen das nämlich auch. Am ehesten steht die Mörtelwespe also mit anderen Wespen in Nahrungskonkurrenz und könnte diese verdrängen.

Die erwachsenen Insekten ernähren sich pflanzlich. Sie sind also nützliche Blütenbestäuber. Dass ihre Migration so erfolgreich funktioniert, liegt auch daran, dass sie Generalisten sind, die an die besuchten Blüten keine besonderen Ansprüche stellen. Auch bei der Auswahl der erbeuteten Spinnen ist die Mörtelwespe flexibel. Um welche Art es sich handelt, ist ihr egal. Hauptsache, dem Nachwuchs schmeckt’s. Und so wird sich das kleine Insekt überall dort weiter ausbreiten, wo das Klima halbwegs passt und etwas feuchte Erde für den Nestbau vorhanden ist. Und menschliche Behausungen, die man erweitern kann, wären auch nicht schlecht. Regenfest sind die kleinen Lehmtönnchen nämlich nicht. Insofern trifft es sich gut, dass wir die kleinen Tiere mit unseren Warentransporten überall einschleppen. Egal, wo die Mörtelwespe hinkommt, wir sind schon dort, und ein geeigneter Rollokasten wartet.