Baumeister aus dem Orient

Im Sommer zeigt sich am Gartenteich oft eine grazile Wespe mit langer Taille, die in der feuchten Erde nach Baumaterial sucht. Es ist die orientalische Mörtel- oder Mauerwespe, Sceliphron curvatum.

Mörtelwespe GelegeIch kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Spezies vor Erfindung des Rollladens besonders erfolgreich vermehren konnte. Sie legt ihre kunstvollen Gelege mit Vorliebe in den Zwischenräumen von Rollokästen an. Meist positioniert sie die Lehmtönnchen dabei so unter der Styroporisolation, dass sie im Winter gut gegen die Kälte geschützt sind und möglichst viel von der Abwärme des Hauses profitieren. Die orientalische Mörtelwespe ist ein raffinierter Kulturfolger, der seine Bautätigkeit am liebsten dort eintfaltet, wo der Mensch schon vorgewerkt hat. Und mit Hilfe des Menschen hat sie so auch die Welt erobert.

In Europa wurde die ursprünglich aus Indien und Nepal stammende Art das erste Mal 1979 gesichtet, und zwar in der Steiermark. Dass alle in Europa verbreiteten Exemplare über den Grazer Flughafen eingewandert sind, ist meiner Meinung nach aber eine Unterstellung. Diese Wespe baut ihre Gelege notfalls auch hinter der Karniese, unterm Lampenschirm oder in einer Küchenrolle. Selbst in Schuhkartons hat man ihre Nachkommen schon importiert. Mittlerweile werkt sie auch in Südamerika.

Gefährlich ist die orientalische Mörtelwespe nicht. Zumindest nicht für Menschen. Für Spinnen schaut die Sache anders aus. Die lähmt sie mit einem Stich und packt sie als Proviant für ihre Larven in die Gelege. Mit dieser Unsitte haben Spinnen aber schon länger zu kämpfen, manche heimischen Wespen machen das nämlich auch. Am ehesten steht die Mörtelwespe also mit anderen Wespen in Nahrungskonkurrenz und könnte diese verdrängen.

Die erwachsenen Insekten ernähren sich pflanzlich. Sie sind also nützliche Blütenbestäuber. Dass ihre Migration so erfolgreich funktioniert, liegt auch daran, dass sie Generalisten sind, die an die besuchten Blüten keine besonderen Ansprüche stellen. Auch bei der Auswahl der erbeuteten Spinnen ist die Mörtelwespe flexibel. Um welche Art es sich handelt, ist ihr egal. Hauptsache, dem Nachwuchs schmeckt’s. Und so wird sich das kleine Insekt überall dort weiter ausbreiten, wo das Klima halbwegs passt und etwas feuchte Erde für den Nestbau vorhanden ist. Und menschliche Behausungen, die man erweitern kann, wären auch nicht schlecht. Regenfest sind die kleinen Lehmtönnchen nämlich nicht. Insofern trifft es sich gut, dass wir die kleinen Tiere mit unseren Warentransporten überall einschleppen. Egal, wo die Mörtelwespe hinkommt, wir sind schon dort, und ein geeigneter Rollokasten wartet.

4 Kommentare zu „Baumeister aus dem Orient

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