Ich bin ein C

Neulich hatte ich wieder einen mir unbekannten Falter im Garten, der beim Modellsitzen die Flügel nicht öffnen wollte. Ich war gerade bei der Apfelernte, als er sich neben mir auf den Boden setzte. Er flatterte mit den Flügeln und ich wusste, den habe ich noch nicht in meiner Sammlung, also ging ich zum Tisch, um meine Kamera zu holen, und als ich ihn im Sucher hatte, stellte er pünktlich das Flügelöffnen ein. Wir starrten uns minutenlang an, wer mehr Geduld hat, und er gewann das Duell um Längen. In meiner Verzweiflung machte ich ein paar Aufnahmen in eingeklapptem Zustand, wohl wissend, dass diese Aufnahmen Ausschuss werden würden. Genauso gut könnte ich ein Blatt in die Erde stecken. In der Tarnhaltung würde man kaum einen Falter erkennen, geschweige denn sinnvolle Details für die Bestimmung.

Ich legte die Kamera weg, ging wieder zurück zu meiner Leiter unterm Apfelbaum und sah gerade noch, wie der Falter von der obersten Stufe aufflog. „Du bist ein Kasperl“, entfuhr es mir, und im gleichen Moment überprüfte ich, ob auch kein Nachbar in einem der umliegenden Gärten unterwegs war. Soweit ist es also schon, ich spreche mit Schmetterlingen.

Unbeeindruckt setzte sich der Falter wieder auf den Boden und begann an einer weichen Zwetschke zu saugen. Ich holte mir einen Plastiksessel in die Wiese und machte es mir mit der Kamera bequem. Er würde schon noch flattern, dachte ich, aber da sollte ich mich irren. Sobald er die Flügel geschlossen hatte, blieb er auch reglos so sitzen.

Ich setzte meine Apfelernte fort und beachtete den Falter eine Zeitlang nicht. Irgendwann fiel mir dann auf, dass er es sich auf meinem Gartensessel bequem gemacht hatte. Es schien, als würde er genau die Plätze aufsuchen, die ich gerade verlassen hatte. Dass Schmetterlinge manchmal mit einem spielen wollen, hatte ich in „Mein Schmetterlingsjahr“ von Peter Henning gelesen, geglaubt hatte ich es nur bislang nicht. Ich stand auf, ging hin und tat so, als wollte ich den Falter mit dem Zeigefinger anstupsen. Erst als ich ihn fast berührte, öffnete er die Flügel, aber er flog nicht weg.

Jetzt war die Sache einfach. Ich wartete, bis er wieder auf dem Boden saß, und ging dann mit der Kamera näher ran. Er öffnete brav die Flügel und ich konnte meine Fotos schießen.

C-Falter

Die Bestimmung ist für mich mühselige Arbeit, und die schiebe ich gern vor mir her. Als es dann am Sonntag Vormittag ein bisschen regnete, holte ich Bellmanns Insektenführer aus dem Regal und begann zu blättern. Normalerweise dauert die Suche lang, aber nach weniger als fünf Minuten hatte ich die Lösung. Und im gleichen Moment blätterte ich schon meine Fotosammlung durch auf der Suche nach den nutzlosen ersten Fotos von der Unterseite.

C-Falter UnterseiteIch hatte mich immer schon gewundert, warum der C-Falter so einen komischen Namen trägt. Dabei ist der schlicht und einfach auf der Unterseite mit einem Monogramm versehen. Den haben sie extra für mich mit einem leuchtend weißen C versehen. Wenn doch nur alle Schmetterlinge beschriftet wären! Mich würde das nicht stören.

Es gibt übrigens auch hellere Farbvarianten, wo das C nicht so deutlich zu erkennen ist. Dass unser Exemplar so dunkel ist, deutet darauf hin, dass er überwintern wird. Es kann also sein, dass wir uns im Frühjahr wiedersehen. Ich vermute aber, dass wir Menschen für einen Schmetterling alle gleich aussehen. Umgekehrt ist es auf jeden Fall so.


Lesetipp:

Peter Henning: Mein Schmetterlingsjahr. Ein Reisebericht, Theiss 2018

Mein Schmetterlingsjahr In seinem Buch „Mein Schmetterlingsjahr“ erzählt Peter Henning unter anderem, wie er mit einem Admiral spielt. Ich habe das natürlich ausprobiert, aber bislang hat kein Admiral-Falter auf mich reagiert. Umso überraschender war das oben beschriebene Foppen des C-Falters.

„Mein Schmetterlingsjahr“ ist ein Reisebericht zu ausgewählten Orten Europas, wo bestimmte Falter auftreten oder Station machen, geschrieben von einem, der seit seiner Jugend von diesen Insekten fasziniert ist. Es ist dabei eine der seltenen Gratwanderungen zwischen Sachbuch und literarischem Text. Es bietet nicht nur Wissenswertes über die Welt der Schmetterlinge, sondern auch autobiographische Einschübe, die erklären, warum sich Menschen für Falter begeistern können und wie sich diese Begeisterung im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt hat. Aus den Schmetterlingssammlern mit ihren Vitrinen sind längst Raupenzüchter mit einem tieferen Verständnis für die Lebensbedürfnisse der Falter geworden.

Bei aller Sachkunde legt Henning weniger Wert auf wissenschaftliche Exaktheit, er möchte vor allem Begeisterung wecken und uns die Schmetterlinge auch emotional näher bringen. Ich habe mir vor der Lektüre nicht zu viel erwartet, aber das Konzept geht auf: Das Buch ist nicht nur lehrreich, sondern auch sehr kurzweilige, unterhaltsame Lektüre.

10 Kommentare zu „Ich bin ein C

  1. Du sprichst mit Schmetterlingen, ich auch. Ausserdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sie unsereinen manchmal gehörig verwegen ansehen, als wäre die Sache mit dem Schmetterlingseffekt nicht nur ein Vergleich, sondern die Macht jedes einzelnen Falters – wenn er nur wollte.

    Gefällt 1 Person

    1. Irgendwer muss ja mit den Schmetterlingen reden, sonst lernen die nie, uns zu verstehen. 😉 Und dann immer diese Tornados, weil irgendwo ein Schmetterling unbedacht mit den Flügeln schlägt.
      Ich hatte früher einen Hund, zu dem habe ich gesagt: Wenn du auch dieser Meinung bist, heb jetzt die rechte Pfote. Er hat von all dem nichts verstanden außer das Wort Pfote, und er – eigentlich sie – war Rechtshänder. Der Rest hat so ausgesehen, als würde sie jedes Wort verstehen.
      Ich glaube natürlich nicht, dass Hunde oder Schmetterlinge uns verstehen. aber das sie auf uns reagieren und so etwas wie ein rudimentäres Bewusstsein besitzen, das uns als eigenständige Individuen mitdenkt, erscheint mir irgendwie logisch. Würde ein Tier nicht wissen, dass es von anderen denkenden Individuen umgeben ist, die ihre eigenen Interessen verfolgen, wäre es sehr schnell Jagdbeute. Eine rudimentäre Fähigkeit der Empathie ist lebensnotwendig und somit ein Selektionskriterium in der Evolution. Insofern kann ich mir schon vorstellen, dass ein Schmetterling auf uns reagiert, wenn wir ihm die richtigen Signale senden.

      Gefällt 3 Personen

  2. Schöner Beitrag! Ich finde auch, dass viel mehr Insekten „beschriftet“ sein könnten – hihi“´! Sehr lustige Vorstellung, Insekten mit Namensschildern ;-)!

    Bei der Sache mit den Hunden muß ich allerdings ein bißchen widersprechen ;-). Hunde verstehen mit Sicherheit nicht jedes GESPROCHENE Wort, aber sie verstehen uns sehr gut, sehr viel besser als wir oft denken – unsere Gefühle, unsere Stimmung, die aktuelle Situation und die Stimmungslage insgesamt… Die wissen ganz genau, was los ist! Wir drücken ja sehr viel mehr aus als nur das, was wir sagen :-). Und auch wir reagieren auf das Nonverbale. Wenn zum Beispiel jemand zur Tür reinkommt und eine bestimmte Stimmung mitbringt, nehmen wir sie wahr, noch bevor ein Wort gesagt wurde. Was wird da der Hund erst wahrnehmen? Er hat schließlich den ganzen Tag nichts anderes zu tun als uns zu studieren :-).
    Der Kluge Hans, das berühmte rechnende Pferd, ist auch ein sehr gutes Beispiel: Es hatte so ein gutes Gespür für seinen Besitzer, dass er an minimalsten Zeichen erkannte, wann es aufhören mußte, mit den Hufen zu klopfen. Das ist eine enorme Leistung für ein zwischenartliche Kommunikation auf nonverbaler Ebene, von der übrigens der Besitzer nichts ahnte. Man könnte fast provokativ fragen: Wer versteht da wen am besten ;-)?

    Man weiß außerdem mittlerweile, dass Tiere ein Ich-Bewusstsein haben und sie sich selbst und ihrer Umwelt sehr wohl sehr bewusst sind. Es ist noch nicht von allen explizit nachgewiesen, aber bei immer mehr Tieren kann man das nicht mehr wegleugnen. Und wenn man z. B. weiß, dass Schweine, Hühner und wohl auch Fische eins haben, warum soll dann ausgerechnet der Hund keins haben? Ähnliches gilt übrigens auch bei der Empathie. Bei immer mehr Tierarten entdeckt man, dass sie mitleiden, helfen und andere Verhaltensweisen zeigen, die nur durch Empathie zu erklären sind.
    🙂

    Gefällt 1 Person

  3. 🙂 sorry! Da ist mein verhaltensbiologisches Wissen aufgewacht 😉 Deine Gespräche mit deinem Hund gaben das Stichwort – wuffwuff! und schon sind die Finger nur so über die Tasten gesprungen ;-). Jetzt gehe ich raus zu unserer Wölfin, auch genannt Cleverle (weil sie so clever ist) und dreh mit ihr ne ganz non-verbale Runde durch den herbstlichen Wald.
    Schönen Tag dir noch! Und viel Spaß beim Falter fotojagen!

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