Die Möwen mausern sich

Möwe in der Mauser

Seit ich die Lachmöwen Ende November das erste Mal gezeigt habe, waren sie mir auf meinem Weg zur Arbeit ein ständiger Begleiter. Wenn ich mit dem Fahrrad den Donaukanal entlang fuhr, flogen sie parallel zu mir über dem Wasser dahin. Oft hatte ich die Kamera dabei. Es sind zahllose Aufnahmen für den Papierkorb entstanden, denn die wendigen Flieger sind bei schlechten Lichtverhältnissen nur schwer zu erwischen.

Lachmöwe im Sommerkleid Anfangs war ich ja nicht ganz sicher, ob es sich wirklich um Lachmöwen handelt. Auf den meisten Abbildungen im Netz findet man sie nämlich mit einem dunklen Kopf. Die Augen sind weiß umrandet, wobei der Rand vorne unterbrochen ist. Das ist das Sommerkleid.

Ich kenne Möwen nur mit weißem Kopf, denn bei uns zeigen sie sich hauptsächlich im Winter. Erst in den letzten Wochen sind vereinzelt auch Exemplare mit brauner Sommerhaube aufgetaucht. Die Mauser setzt ein und kündigt den Abflug in die Brutreviere an. Die Zeit der Möwen wird für dieses Jahr bald zu Ende sein.

Der Radweg am Donaukanal führt unter zahlreichen Brücken hindurch. Dort kreisen die Möwen am liebsten. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass hie und da jemand Brotstücke von einer der Brücken in den Donaukanal wirft. Im Wasser landen die Brocken nur selten, viel zu geschickt kurven die Möwen durch die Luft und fangen, was ihnen zufliegt.

Die für die Wiener Gewässer zuständige Magistratsabteilung 45 sieht solche Fütterungen nicht so gern. Der zusätzliche Nährstoffeintrag belastet die Wassergüte, aber mit der Kamera hat man unter der Brücke wenigstens eine kleine Chance, die Tiere im Flug zu fotografieren.

Möwen auf LaterneBis zu 30.000 Möwen besuchen jedes Jahr Wien. Sie schätzen den milden Winter, die offenen Wasserflächen und die vielen Sitzgelegenheiten mit Aussicht wie zum Beispiel diese Laterne bei der U-Bahn-Station Schottenring mit Blick Richtung Schwedenplatz. Das zweite Exemplar von rechts ist übrigens zum ersten Mal hier. Diese Möwe trägt noch die Zeichnung der Jungvögel.

 

Möwen in Wien

Möwen in der Stadt

Heute Morgen schien zum zweiten Mal hintereinander von in der Früh weg die Sonne. Für Wien ist das im November eine Seltenheit. Dementsprechend frostig war es auf dem Weg zur Arbeit.

Als ich mit dem Fahrrad am Donaukanal entlang gekommen bin, habe ich kurz die Handschuhe ausgezogen und ein paar Fotos von den Möwen geschossen, die mich dort seit einiger Zeit jeden Morgen erwarten. Das habe ich auf dem weiteren Weg bereut, weil es mir gründlich die Finger abgefroren hat, aber mit den Fotos hatte ich dann doch meine Freude. Wenn ich Möwen so eng beieinander sitzen sehe, quasi Emma neben Emma, fällt mir immer das Möwenlied von Christian Morgenstern ein:

Möwen in der StadtDie Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

LachmöweIch hatte weder Brot noch Rosinen dabei und hätte die Möwen auch dann nicht gefüttert, wenn dem so gewesen wäre. Sie sind zahlreich genug und kommen ohne falsches Futter besser zurecht.

Möwen scheinen an karge Landschaften mit Felsen gewöhnt zu sein und alles zu akzeptieren, wo Wasser in der Nähe ist. Der Donaukanal ist jener Arm der Donau, der am Zentrum vorbei fließt, und er ist seit über hundert Jahren so gut wie naturbefreit. Das Wasser ist an beiden Seiten von einer mehrere Kilometer langen Kaimauer reguliert. Im Sommer dominiert hier die Gastronomie mit ihren Schanigärten, im Winter übernehmen die Lachmöwen. Den ganzen Winter über sitzen sie am Abgrund über dem Wasser und warten, dass es wieder wärmer wird, um in die Brutregionen zu ziehen.

Möwen vor GraffitiDass diese künstlichen Felsen großteils mit Graffitis überzogen sind, stört sie genauso wenig, wie die Tatsache, dass ständig Radfahrer vorbeiziehen. Und sie werden von Jahr zu Jahr mehr, kommt mir vor. Es gibt sogar eine kleine Population, die auch im Sommer hier bleibt. Die meisten sind aber Zugvögel, die neben den Saatkrähen in Wien zu den auffälligsten Wintergästen gehören. Und sie eignen sich gut als Fotomotiv. Ich hätte noch viele Fotos schießen können, wenn meine Finger nicht nach einiger Zeit völlig taub gewesen wären. Im Büro verging eine gute halbe Stunde, bis sich meine Hände wieder normal anfühlten. Schon komisch, dass die Natur das Wärmegefühl so unterschiedlich verteilt hat. Die Möwen landen ungerührt auf dem Wasser, und ich bin sicher, sie haben den heutigen Morgen für einen der wärmeren gehalten.

Möwen in der Stadt