Das Pfaffenhütchen ist, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, in allen Teilen giftig. Die Pflanze hat sich so durch den Selektionsdruck an ihre Fressfeinde angepasst und kann es sich deshalb leisten, schon sehr früh im Jahr grüne Knospen zu bilden, wenn frische Vitamine nach der eintönigen Winterkost eine begehrte Abwechslung darstellen. Diese Strategie wird spätestens dann von durchschlagendem Erfolg gekrönt sein, wenn die Blaumeise ihrerseits auf ihrem Entwicklungsweg so weit fortgeschritten ist, das sie Wikipedia-Einträge lesen kann. Bis dahin kann man nur sagen: Die Evolution ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.
Kategorie: Vögel
Die Möwen mausern sich
Seit ich die Lachmöwen Ende November das erste Mal gezeigt habe, waren sie mir auf meinem Weg zur Arbeit ein ständiger Begleiter. Wenn ich mit dem Fahrrad den Donaukanal entlang fuhr, flogen sie parallel zu mir über dem Wasser dahin. Oft hatte ich die Kamera dabei. Es sind zahllose Aufnahmen für den Papierkorb entstanden, denn die wendigen Flieger sind bei schlechten Lichtverhältnissen nur schwer zu erwischen.
Anfangs war ich ja nicht ganz sicher, ob es sich wirklich um Lachmöwen handelt. Auf den meisten Abbildungen im Netz findet man sie nämlich mit einem dunklen Kopf. Die Augen sind weiß umrandet, wobei der Rand vorne unterbrochen ist. Das ist das Sommerkleid.
Ich kenne Möwen nur mit weißem Kopf, denn bei uns zeigen sie sich hauptsächlich im Winter. Erst in den letzten Wochen sind vereinzelt auch Exemplare mit brauner Sommerhaube aufgetaucht. Die Mauser setzt ein und kündigt den Abflug in die Brutreviere an. Die Zeit der Möwen wird für dieses Jahr bald zu Ende sein.
Der Radweg am Donaukanal führt unter zahlreichen Brücken hindurch. Dort kreisen die Möwen am liebsten. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass hie und da jemand Brotstücke von einer der Brücken in den Donaukanal wirft. Im Wasser landen die Brocken nur selten, viel zu geschickt kurven die Möwen durch die Luft und fangen, was ihnen zufliegt.
Die für die Wiener Gewässer zuständige Magistratsabteilung 45 sieht solche Fütterungen nicht so gern. Der zusätzliche Nährstoffeintrag belastet die Wassergüte, aber mit der Kamera hat man unter der Brücke wenigstens eine kleine Chance, die Tiere im Flug zu fotografieren.
Bis zu 30.000 Möwen besuchen jedes Jahr Wien. Sie schätzen den milden Winter, die offenen Wasserflächen und die vielen Sitzgelegenheiten mit Aussicht wie zum Beispiel diese Laterne bei der U-Bahn-Station Schottenring mit Blick Richtung Schwedenplatz. Das zweite Exemplar von rechts ist übrigens zum ersten Mal hier. Diese Möwe trägt noch die Zeichnung der Jungvögel.
Zwei Krähen, zwei Tauben
Manchmal könnte ein und dieselbe Tierart unterschiedlicher nicht sein. Die Krähe auf dem linken Bild sitzt vielleicht zwanzig Meter entfernt auf einem Baum. So vorsichtig konnte ich sie gar nicht anvisieren, dass sie es nicht bemerkt hätte. Unmittelbar nach dem Auslösen ist sie weggeflogen und hat sich einen bequemeren Platz gesucht.
Ganz anders die Krähe auf dem rechten Bild. Sie verscheucht gerade resolut eine Gruppe Enten und Möwen und lässt sich dabei auch von einem Fotografen nicht beirren. Die Fluchtdistanz ist mit drei, vier Metern noch lange nicht unterschritten. Aber worin liegt der Unterschied?
Es sind beides freilebende Nebelkrähen, und trotzdem sind sie in ihrem Verhalten so verschieden wie Nacht und Tag oder – Stadt und Land, genau. Die linke Krähe ist in Unterkärnten zu Hause. Sie hat gelernt, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Auf dem Land gilt sie als Schädling, der die Felder plündert. Wenn ihre Art überhand nimmt, werden Abschussquoten festgelegt. Für sie ist es deshalb besser, unauffällig zu bleiben. Auf die rechte Krähe schießt niemand. Im Wiener Stadtpark würden sich sofort die Pensionisten beschweren. Schließlich müssten sie sonst mit ihren Essensresten direkt die Ratten füttern, wenn es keine Vögel gebe.
Wenn man sich in einem Wiener Park auf die Erde kniet, um Vögel zu fotografieren, läuft der Zoomschalter in die falsche Richtung. Ständig muss man Brennweite reduzieren, um das Motiv im Bild zu behalten. Das gilt für Enten, Krähen und Tauben gleichermaßen. Bei den Tauben ist der Kontrast zwischen Stadt und Land fast noch größer, und das hat einen zusätzlichen Grund, wie man auf den folgenden Bildern erkennen kann.
Stadt- und Landtauben gehören meist unterschiedlichen Arten an. Das linke Bild zeigt eine Türkentaube auf der Stromleitung sitzend, die über unseren Garten verläuft. Auch hier hat das Teleobjektiv nachhelfen müssen, und ein zweites Foto gab es nicht. Da war der Vogel schon weg.
Die Stadttaube auf dem rechten Bild ist eigentlich eine verwilderte Haustaube, und diese stammt wiederum von der Felsentaube ab. Verwildert sind diese Tauben schon in der Antike, aber das Haustiergen wohnt ihnen immer noch inne. Wenn sie einen Menschen sehen, der sich vor ihnen niederkniet, stellen sie sich in erster Linie die Frage, was der gute Onkel mitgebracht hat.
Die Zuchtauswahl bei der Domestikation erklärt aber nicht alles. Schließlich gibt es eine Reihe von Tierarten, die in der Stadt ihre Menschenscheu verlieren, und es ist faszinierend, wie genau sie wissen, wem sie sich nähern können und um wen sie besser einen Bogen machen. Es scheint so, als könnten nicht nur Haustiere, sondern auch ihre wildlebenden Verwandten unsere Stimmungen ziemlich gut einschätzen. Man kann davon ausgehen, dass Emotionen eine Erfindung sind, die die Evolution schon vor uns gemacht hat, und deshalb verstehen uns diesbezüglich auch Tauben und Krähen.
Frühlingspläne
In den letzten Tagen hat sich die Sonne immer wieder sehen lassen, und heute schien sie dann wirklich von früh bis spät. In den Nächten friert es fleißig, aber untertags stieg das Thermometer heute kräftig ins Plus, und als ich am Vormittag durch den Garten spazierte, lag fast schon ein Hauch von Frühling in der Luft.
Das mag am ersten Jänner übertrieben anmuten, aber die Vögel sahen es irgendwie genauso, und als ich zum Nistkasten hoch sah, entdeckte ich zwei Blaumeisen, die ihn aufmerksam inspizierten. Sie setzten sich auf die Äste davor, probierten die Anflugmöglichkeiten und warfen einen Blick hinein. Ein schnelles Foto ließen sie zu, dann waren sie wieder weg.
In den nächsten Wochen werden sie öfter kommen. Selbstverständlich ist es noch zu früh für den Nestbau, die nächste Kaltfront ist bereits für diese Woche angesagt, und auch die Meisen wissen, dass der Winter noch einige Zeit hin geht. Aber sie sind sicher nicht die einzigen Interessenten für diesen Nistkasten, und man kann nie früh genug damit anfangen, sich sein Revier abzustecken.
Mit der Zeit werden ihre Ausflüge dann immer kürzer. Ein Blaumeisenpaar ist zu Frühlingsbeginn immer in der Nähe. Praktisch, dass der Futterplatz gleich vor dem Nistkasten liegt. Die Sonnenblumenkerne sind immer in Griffweite. Und wenn dann das eigentliche Brutgeschäft beginnt, räume ich den Futterspender auch schnell wieder weg, um die Spatzenbande los zu werden und den Blaumeisen etwas Ruhe im Revier zu gönnen.
Bis dahin sind es noch mehr als zwei Monate. Trotzdem hatte ich heute irgendwie das Gefühl, die Blaumeisen planen schon für den Frühling. Keine schlechte Idee, eigentlich. Die Obstbäume gehören geschnitten, neue Stecken für die Paradeiser sollte ich mir organisieren und ein Kübel Pferdemist wäre auch nicht schlecht. Frische Nisthilfen für die Wildbienen wollte ich basteln…
Der Winter ist wie jedes Jahr fast zu kurz, um alles vorzubereiten, was man für den Frühling braucht. Man kann nicht früh genug mit dem Planen anfangen. Mag sein, dass ich sie vermenschliche, wenn ich behaupte, die Blaumeisen denken genauso. Aber warum hätten sie sonst an einem sonnigen Wintervormittag so aufmerksam den Nistkasten beäugt? Vorausschauendes Denken ist ein Selektionskriterium, also behaupte ich mal, die Blaumeisen haben heute erste Pläne für den Frühling geschmiedet. Einen möglichen Nistplatz haben sie zumindest schon einmal ins Auge gefasst.
Massenausspeisung
Was die Gartenfauna betrifft, ist der Winter nicht besonders abwechslungsreich. In letzter Zeit fotografiere ich hauptsächlich Feldspatzen. Sie scheinen uns dieses Jahr regelrecht zu überlaufen. Das war nicht immer so. Vor vier, fünf Jahren waren die Kohlmeisen in der Überzahl. Damals ging bei uns die Zahl der Feldspatzen plötzlich zurück, vielleicht durch Krankheit. Mittlerweile haben sich die Bestände wieder erholt. Mehrmals täglich fallen die Feldspatzen in Trupps von zwanzig, dreißig Exemplaren über die Futterstellen her.
Mit der Futtermischung gegenzusteuern, hilft relativ wenig. Die Meisen bevorzugen bei uns ungeschälte Sonnenblumenkerne, mit denen die Spatzen nichts anfangen können. Würde ich ausschließlich Sonnenblumenkerne füttern, hätte ich aber deswegen nicht mehr Meisen im Garten, sondern nur sehr schnell einen großen Haufen mit Sonnenblumenkernen auf dem Boden. Das können Feldspatzen sehr geschickt. Und schimpfen wie die Spatzen geht selbstverständlich gleichzeitig. Nomen est omen. So weit sind ihre Lautäußerungen problemlos verstehbar. Also nehme ich den Massenauflauf, wie er kommt, auch wenn Auflauf sicher das falsche Wort ist. Schließlich kommen sie ja geflogen, nicht gelaufen.
Sobald die Brutphase beginnt, ist alles wieder vorbei. Während sich die Feldspatzen im Winter zu geselligen Trupps zusammenfinden, sind sie in der warmen Jahreszeit monogam unterwegs. Angeblich bevorzugen sie fixe Zweierbeziehungen, und vielleicht ergeben sich deshalb manchmal solche Schnappschüsse wie das parallel ausgerichtete Paar am Meisnknödel. Ihre Nistplätze sind jedenfalls eher nicht in Gartennähe. Am Haus brüten bei uns nur die Hausspatzen – wird auch am Namen liegen.
Früher waren die Trupps gemischt. Gemeinsam mit den Feldspatzen zogen immer zwei Hausspatzen, zwei Blaumeisen, mehrere Kohlmeisen und ein Rotkehlchen. Dieses Jahr sind es so viele Feldspatzen, dass sie meist unter sich bleiben. Das Fotografieren ist dabei eine zwiespältige Sache. Zuerst denkt man sich: Noch mehr Feldspatzenfotos brauche ich jetzt wirklich nicht. Dann macht sich der Finger doch wieder krumm, und beim Durchsehen der Bilder stellt man anschließend jede Menge Details fest, die einem sonst nicht aufgefallen wären.
Ich mag zum Beispiel den Unfriesierten auf dem Bild rechts. Dem steht das „Giftschipperl“ nach oben, als hätte er schlecht geschlafen. Und dann der unten in der Mitte, der einen direkt anzuschauen scheint. Das ist natürlich eine Täuschung, denn die Kamera beachtet er gar nicht, die steht allein auf dem Stativ, während ich im Haus sitze und von fern den Auslöser betätige. Die Spatzen sind aber eine sehr aufmerksame Truppe. Nicht alle fressen gleichzeitig. Es sind immer welche drunter, die die Lage erkunden, und so blickt auf vielen Fotos ein Exemplar gerade direkt in die Kamera.






