Schein und Wirklichkeit

Höckerschwäne

Neulich war es mir vergönnt, eine Höckerschwanfamilie beim Ausflug mit ihren Jungen zu beobachten. Die stolzen Eltern hatten nicht viel Mühe, die sechs Kücken diszipliniert zusammen zu halten.

Die meiste Zeit waren die Jungen nämlich damit beschäftigt, sich im Fressen zu üben. Fleißig tauchten sie Pflanzenteile nach oben. Manchmal blieb was am Schnabel hängen wie bei Loriot, aber bis zum Heiratsantrag wird das sicher noch besser.

Es sind idyllische Bilder, aber die Wirklichkeit sah eher so aus wie auf dem nächsten Foto unten. Nur die Gesichter der anderen Fotografen habe ich mit dem Weichzeichner unkenntlich gemacht.

Höckerschwäne mit Fotografen

Die Besucher im Floridsdorfer Wasserpark haben sich übrigens alle an das Fütterungsverbot gehalten, und die Schwäne haben die Umstehenden komplett ignoriert. Es waren einfach nur parallele Familienausflüge zweier Spezies, die zufälligerweise den gleichen Ort ansteuerten.

Aber es geht noch besser. Die folgenden Fotos sind von heute Morgen. Seit Tagen beobachte ich Höckerschwäne mit drei Jungen am Donaukanal auf der Höhe des ersten Bezirks, also direkt im Zentrum. Das Männchen sitzt meist abseits, aber das Weibchen hat sich mit den Küken einen Platz direkt neben dem Rad- und Gehweg ausgesucht.

Manche Radfahrer machen einen Bogen, andere fahren  direkt an den Schwänen vorbei. Fast im Minutentakt bleiben Fußgänger und Radfahrer stehen, um ihre Handys zu zücken und ein Foto zu machen. Ich habe auch schon beobachtet, dass Passanten die Jungen vor Spaziergängern mit Hunden abgeschirmt haben, während das Muttertier einmal nicht direkt daneben war.

Den Schwänen macht der ganze Trubel nichts aus. Sie sind mehr als nur Kulturfolger, sie haben sich quasi selbst domestiziert. Dass sie die Scheu vor den Menschen komplett verloren haben, scheint ihnen im Kampf um die Brutplätze einen Vorteil zu verschaffen, und dafür nehmen sie das Risiko durch den Radverkehr und die Hunde in Kauf.

Besuch aus Afrika

Gartenrotschwanz Männchen

Der Gartenrotschwanz ist mir bei uns zum ersten Mal Ende April aufgefallen. Der Grund war sein Gesang. Das Männchen saß die meiste Zeit auf den Stromleitungen und trällerte lautstark vor sich hin. Zusätzlich ist der kleine Kerl auch noch hübsch, hat also alles, um die Damenwelt zu beeindrucken.

Irgendwann schien sich dann ein Weibchen seiner erbarmt zu haben. Mittlerweile ist er nicht mehr ganz so lautstark, sitzt aber trotzdem die meiste Zeit herum und schaut bei jeder passenden Gelegenheit neugierig in die Kamera. Ich habe schon ein eigenes Archiv mit Fotos vom Männchen, während das Weibchen die meiste Zeit mit Nestbau und Aufzucht beschäftigt ist. Da gehen sich zwischendurch nur kurze Fotositzungen aus.

Wo das Nest genau ist, kann ich nicht sagen. So auffällig die beiden sich auch im Garten bewegen, beim Anflug des Unterschlupfs sind sie vorsichtig und lassen sich nicht beobachten. Man will seine Gäste aber auch nicht stören.

Die unscheinbaren kleinen Vögel sind nämlich weit gereist. Ihr Winterquartier liegt in den Savannen südlich der Sahara. Früher nannte man die Gegend Schwarzafrika, heute spricht man von Subsahara-Afrika – das Wort wird aber nicht besser, nur weil man schwarz durch unten ersetzt, die europäische Perspektive geht davon nicht weg.

Ob die Vögel jetzt gebürtige Europäer sind, die den Winter in Afrika verbringen, oder Afrikaner, die im Sommer zu uns auf Besuch kommen, ist den Tieren selbst übrigens egal. Sie sind in beiden Regionen zu Hause und das ist ihnen angeboren. Im Herbst werden sich die Jungen vor den Eltern auf den Weg nach Süden machen und sie werden es ganz allein fertig bringen, die Sahara zu überfliegen. Die Reiseroute dafür liegt ihnen anscheinend in den Genen.

Leben im Gemeindebau

Kohlmeise im Gemeindebau

Der Wiener Gemeindebau wird dieser Tage hundert Jahre alt. Er war in der Zwischenkriegszeit Vorzeigeprojekt des Roten Wien und machte moderne Wohnstandards auch für Arbeiterfamilien verfügbar. Zwischen 1919 und 1934 entstanden 65.000 Wohnungen in 382 Bauten, deren Architektur bis heute das Stadtbild prägt, und bei jungen, weniger betuchten Familien haben die mittlerweile großteils sanierten Anlagen nichts an Attraktivität verloren.

Kohlmeise im GemeindebauBei uns gegenüber ist beispielsweise vor ein paar Wochen eine junge Kohlmeisenfamilie in ein Lüftungsrohr eingezogen. Frühere Generationen lebten noch in Baumhöhlen im Wald, meist als Nachmieter von Spechten. Die Bausubstanz war oft minderwertig und bei Schlechtwetter regnete es in die Kinderstube.

Demgegenüber ist die neue Bleibe vollständig wasserdicht, eingepackt in Vollwärmeschutz und hat Morgensonne. Mit Warmluftheizung aus dem Gebäudeinneren machen Schlechtwettereinbrüche Anfang Mai keine Probleme mehr, und das Aufzuchtfutter für die Jungen holt man sich aus den beiden Kugeleschen vorm Fenster. Nahversorgung wurde ja schon vor hundert Jahren im Gemeindebau groß geschrieben.

Kohlmeise im GemeindebauWährend die alten Wohnhäuser der Gründerzeit noch geprägt waren von Bassena und Gangtoiletten, verfügte im sozialen Wohnbau des Roten Wien jede Wohnung über fließendes Wasser und Sanitäranlagen. Auch die Kohlmeisen achten auf Sauberkeit. Die Ausscheidungen der Brut werden vom Weibchen immer gleich ausgeflogen. Sie kommt kaum zur Ruhe, aber ihr Partner ist fast noch fleißiger. Unermüdlich schaffen die beiden frisches Futter herbei. Die Bedingungen scheinen für das Kohlmeisenpärchen  perfekt zu sein, aber natürlich hat das Leben „im Bau“ auch seine Schattenseiten.

KohlmeiseKaum tauchen die Krähen auf, wird lautstark protestiert. Dann sitzt das Männchen ganz oben in der Kugelesche und schlägt einen schärferen Ton an. Und manchmal gibt es wahrscheinlich auch Handgreiflichkeiten, denn wenn man genau hinschaut, fehlt dem Männchen im Nacken ein gutes Stück vom Federkleid. Der Umgangston im Gemeindebau war immer schon etwas ruppiger als anderswo.

In diesem Zusammenhang muss ich mich entschuldigen, dass die Fotos nicht von besserer Qualität sind, aber wenn man in der Wiener Vorstadt mit dem Teleobjektiv am Fenster steht und über die Gasse fotografiert, bleiben unten auf dem Gehsteig schnell die Passanten stehen und zeigen mit dem Finger hoch. Dann ist es angebracht, die Kamera schleunigst wieder wegzupacken, bevor die zwischenmenschlichen Interaktionen voranschreiten und den üblichen Verlauf nehmen.

Das Federkleid der Jungvögel hat übrigens ziemlich sicher einen deutlich wahrnehmbaren Geruch zwischen Fritterfett und gerösteten Ziebeln, denn der Raum dahinter ist eine Küche und das Lüftungsrohr mit großer Wahrscheinlichkeit der Ausgang einer Dunstabzugshaube. Aber auch das ist typisch für den Wiener Gemeindebau. In der Hauptstadt von Schnitzel und Gulasch kriegt man das mit dem „Kuchldunst“ am Gang seit hundert Jahren nicht in den Griff.

Bis die Jungen selbst ins heiratsfähige Alter kommen, wird sich das Problem allerdings längst wieder verzogen haben. Sobald sie flügge sind, steht ihnen ja die ganze Welt offen. Aber wer weiß, vielleicht kehren sie als erwachsene Vögel zurück, um selbst im Gemeindebau zu brüten. Sie wären sicher nicht die ersten, bei denen es diesen Verlauf nimmt.

Ein beliebtes Versteck

Hausspatz

Unser Apfelbaum wird langsam hohl. In der Stammgabel hat sich eine Vertiefung gebildet, wo sich regelmäßig Wasser sammelt. Mittlerweile ist das Loch mehrere Zentimeter tief.

Der Platz ist ein beliebtes Versteck für Spinnen und Insekten. Beliebt ist die Stelle vor allem bei unseren Hausspatzen. Sie kontrollieren regelmäßig die Neuzugänge und schaffen sie weg.

Dass auf den Bildern ein Weibchen zu sehen ist, deutet schon an, warum der Futterbedarf plötzlich gestiegen ist, und die Geräusche, die aus dem Inneren des Nistkasten dringen, bestätigen es: Die erste Brut ist geschlüpft und will versorgt werden. Schon praktisch, dass unsere Hausspatzen mittlerweile Routine haben und ihr Revier kennen. Sie wissen, wo sie nach den passenden Leckerbissen suchen müssen.

Hausspatz

Nur ein Foto

Stieglitz

Der Stieglitz ist schon ein seltsamer Kerl. Er ist farblich einer der auffälligsten Vögel, die uns im Garten besuchen, und trotzdem fällt er kaum auf. Wenn er bei uns vorbei schaut, mischt er sich oft unter die Feldspatzen, dann nimmt man ihn im Gestrüpp trotz seiner bunten Zeichnung kaum wahr.

Puzzle hatte neulich auf ihrem Blog eine Serie mit tollen Fotos von Stieglitzen am Futterhaus. Für mich war das ein ungewohnter Anblick. Vielleicht aber auch, weil ich den Futterspender um diese Zeit meist schon wegräume. Der Stieglitz ist bei uns im Garten eher nur auf Durchzug und seine Auftritte konzentrieren sich auf die Übergangszeit vor und nach dem Winter. Dieses Jahr habe ich noch Sonnenblumenkerne übrig, und siehe da, auch an unserem Futterspender bedienen sich die Vögel.

Meistens sitzt der Stieglitz aber halb verdeckt im Gebüsch. Fotografieren lässt er sich dort nur schwer, weil das Geäst den Autofokus irritiert oder die schwarze Augenbinde im Schatten liegt und man die Augen nicht sieht. Im Blick hat er einen aber immer, der aufgeweckte kleine Kerl.

Das folgende ist einfach nur ein Foto, aber ein für die momentane Zeit charakteristisches. Nur die anderen drei, vier Stieglitze, die rundum verteilt sitzen, muss man sich dazu denken, denn allein unterwegs ist er selten.

Stieglitz