Filmpremiere: Die letzten Feldhamster

Feldhamster am Meidlinger Friedhof

Wien hat eine der weltweit letzten stabilen Feldhamsterpopulationen. Über die Tiere, die hauptsächlich die Friedhöfe besiedeln, habe ich hier bereits mehrfach berichtet.1 Diese Blogbeiträge haben mich in Kontakt gebracht mit den Naturfilmern David Cebulla und Heide Moldenhauer. Sie haben für ihren Film über die letzten Feldhamster nach einem Wien-Scout gesucht, und ich habe ihnen einen Freund vermittelt, der direkt neben dem Meidlinger Friedhof wohnt und die dortige Hamsterpopulation kennt wie kaum ein anderer.

Feldhamster am Meidlinger Friedhof

Das war im August 2021. Sie hatten damals wirklich Glück mit ihren Aufnahmen. Das Wetter war perfekt, und die Hamsterkolonie, die auch auf dem Meidlinger Friedhof im wahrsten Sinne ums Überleben kämpft, war damals auf einem Höhepunkt. So viele Hamster wie im Sommer 2021 leben dort längst nicht mehr. David und Heide wussten das natürlich. Sie haben in der mehrjährigen Arbeit an ihrem Film fantastische Bilder über das Leben einer Art eingefangen, die im Schwinden begriffen ist. Von Anfang an war ihnen klar, dass sie nicht nur den ersten Film drehen, der sich weltweit auf die Suche nach den Hamstern macht, sondern vielleicht auch den letzten, der diese Tiere noch in ihrer natürlichen Umgebung antrifft.

Solche Naturfilme sind immer auch eine Gratwanderung zwischen Dokumentation der Wirklichkeit und dem Erzeugen einer Illusion. Die Filmemacher, die auf der Suche nach den letzten Hamstern bis in die Steppen Kasachstans gereist sind, wissen, wie schwer es ist, diese Tiere zu finden. Anschließend konzentrieren sie das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit in einem zweistündigen Film, der den Hamster immer noch als allgegenwärtigen Hauptdarsteller zeigt, obwohl diese Art von unseren Feldern längst verschwunden ist.

David Cebulla und Heide Moldenhauer gehen diese Gratwanderung bewusst. Entstanden ist ein außergewöhnlicher Film, für den sie jetzt auch einen ungewöhnlichen Vertriebsweg wählen. Premiere ist am 17. Jänner 2025 um 19 Uhr auf YouTube. Die Einladung dazu leite ich hier gern weiter. Das ist selbstverständlich keine Werbung, sondern eine glasklare Filmempfehlung – und ein kleiner Anflug von Komplementärnarzissmus, weil dieser Blog ein Bisschen dazu beigetragen hat, die Location auf dem Meidlinger Friedhof zu vermitteln.

Filmposter: Die letzten Feldhamster

Mit Klick aufs Poster kommt ihr direkt zu YouTube. Hintergrundinfos zum Film findet ihr unter: https://www.feldhamster.eu/die-letzten-feldhamster/, und wer schon vorher schnuppern möchte, dem sei der Trailer empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=R1E1wcmwxmw&t=2s.


  1. Die Blogbeiträge über Wiener Hamster zum Nachlesen sind:
    Hamster im Novemberglück
    Sommermorgen mit Hamster
    Der Hamster und die Rote Liste
    Mozarts Hamster ↩︎

Tarnfarben

Der folgende Schnappschuss von einem Waldspaziergang Anfang März täuscht: Das Morgenlicht war spärlich und die Tiere mit freiem Auge kaum zu erkennen. Umgekehrt fühlten sie sich aus diesem Grund zwischen den Bäumen sicher und zeigten kein Fluchtverhalten.

Rehe: Paar im Wald

Wären sie mir nicht kurz zuvor über den Weg gelaufen, hätte ich gar nicht gewusst, wo ich suchen soll. Dass es sich bei den beiden Rehen um ein Pärchen handelte, sah ich überhaupt erst zu Hause, als ich am Bildschirm die Ansätze des Geweihs entdeckte. In solchen Momenten bin ich dann sehr dankbar, dass bei mir mit zunehmendem Alter die Teleobjektive immer besser werden.

Fleißige Gärtner

Eichhörnchen

Es gibt viele Gründe, den Botanischen Garten in Wien zu besuchen. Genauso zahlreich wie die Menschen, die hier an einem schönen Herbstnachmittag spazieren gehen, ist wahrscheinlich auch ihre Motivation. Aber egal, ob man sich für die Sukkulenten interessiert, die Laub- und Nadelgehölze, die anderen systematisch angeordneten Pflanzengruppen aus aller Welt oder den acht Meter hohen Bambushain, der hier seit dem 19. Jahrhundert wächst – am Ende machen die meisten Besucher das gleiche: Sie locken und fotografieren die zahlreich vorhandenen Eichhörnchen.

Dabei ist das gar nicht so einfach. Man kommt zwar relativ nah an die Tiere heran, denn die meisten von ihnen nehmen Nüsse aus der Hand, aber zum Verweilen haben sie keine Zeit. Sie sind gestresst und ständig damit beschäftigt, ihre Schätze zu vergraben und vor der Konkurrenz zu verstecken.

Meinen Walnussvorrat habe ich bewusst zu Hause gelassen. Ich will nicht wissen, wie viele Bäume die Eichhörnchen jedes Jahr an unerwünschter Stelle im Botanischen Garten pflanzen. Die flinken Tiere sind fleißige Gärtner und richten in der wohlgeordneten Systematik sicher viel Chaos an. Die menschlichen Gärtner haben mit den Eichhörnchen nicht nur deshalb wenig Freude, denn die Tiere suchen im Winter auch nach der vergrabenen Nahrung, und das eine oder andere Gewächshaus wird dabei regelrecht umgeackert.

Betrieben wird der Botanische Garten von der Universität Wien. Er ist in erster Linie Lehr- und Forschungsstätte. Untertags ist er im zweiten Verwendungszweck ein frei zugänglicher Park mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Den Tieren steht er natürlich ganztags zur Verfügung, und so leben hier auch Fuchs und Marder, die in der Nacht dafür sorgen, dass die Eichhörnchen nicht überhand nehmen.

Mozarts Hamster

Feldhamster

Die Südosttangente ist die meistbefahrene Straße Österreichs und verbindet, wie der Name schon sagt, die Süd Autobahn quer durch Wien mit der Ost Autobahn. Die wenigsten der durchschnittlich 180.000 Fahrzeuglenker, die hier jeden Tag durch die Stadt rasen, wissen, dass sie an der Stelle, wo sie den dritten Bezirk streifen und damit dem Stadtzentrum am nächsten kommen, fast über Mozarts Grabstätte fahren.

Der Sankt Marxer Friedhof wird an drei Seiten von den Brücken der Stadtautobahn und einer ihrer Abfahrten umrahmt, und man kann sich leicht vorstellen, dass diese Grabanlage der Grund für die leichte Biegung ist, die die Tangente hier macht. Man hat quasi höflichkeitshalber eine Mozart-Schikane eingebaut, um nicht direkt über die sterblichen Überreste des Komponisten donnern zu müssen.

Sankt Marxer Friedhof
Quelle OpenStreetMap

Wo genau der vielleicht berühmteste Österreicher beerdigt wurde, weiß man nicht. Er kam 1791 in ein nicht näher gekennzeichnetes Gemeinschaftsgrab. Nur wer es sich leisten konnte, ließ damals prunkvolle Einzelgräber anlegen. Für Mozart wurde so eine Gedenkstätte erst nachträglich errichtet und zum 100. Todestag auf den Zentralfriedhof übersiedelt. Ein Friedhofswärter errichtete aus Resten später ein neues Denkmal an der Stelle, wo man das eigentliche Grab vermutete. So hat Mozart heute zwei Grabstätten: Die große, leere auf dem Zentralfriedhof und die kleine mit dem wiederverwerteten Engel, wo er irgendwo in der Nähe wahrscheinlich wirklich liegt.

Es wäre aber nicht Wien, wenn das jetzt schon Kuriosum genug wäre. Offiziell ist der Sankt Marxer Friedhof heute nämlich ein Park, als Friedhof ist er längst aufgelassen. Mozart liegt quasi in einem Naherholungsgebiet und Naturjuwel im Schatten der Tangente. Es ist eine der am besten gesicherten Grünanlagen der Stadt: Der wunderschöne Biedermeier-Friedhof steht nicht nur unter Denkmalschutz, er wird auch noch von der Autobahn bewacht.

Das taugt den Hamstern. Hamster lieben Friedhöfe – zumindest in Wien. Die Population auf dem Sankt Marxer Friedhof ist nicht so umfangreich wie die auf dem Meidlinger Friedhof, aber die Tiere wirken gut genährt und fühlen sich bei der mäßigen Besucherzahl wohl. Niemand geht in einen Park, der aussieht wie ein Friedhof, und die Verwandtschaft der hier Beerdigten liegt längst woanders. Wenn man bei schlechtem Wetter allein ist, kann es sogar passieren, dass der Hamster seine Scheu verliert und den Rucksack inspizieren möchte. Leider habe ich das Foto vor Schreck völlig vermasselt.

Bleibt die Frage, was Wiener Friedhöfe für Hamster so anziehend macht. Sicher spielt die Landschaftsgestaltung eine gewisse Rolle. Es gibt keinen dichten Baumbestand und viele Freiflächen mit einer bunten Mischung aus Wiesenkräutern. Es wird gemäht, aber nicht zu oft, und der Boden lässt sich leicht aufgraben. Die moderate Benutzerfrequenz wird auch wichtig sein. Es kommen genug, um die Fressfeinde abzuschrecken, und auch wieder nicht so viele, dass es die Hamster bei der Nahrungssuche stört.

Der Hauptgrund wird aber die ambivalente Beziehung der Wiener zu ihren Friedhöfen sein. Bis 1783 wurden die Toten der Innenstadt unter dem Stephansdom beerdigt. Danach legte man die Beerdigungsstätten immer weiter in die Peripherie. Ab 1874 versuchte man schließlich, die Gräber auf dem neuen Zentralfriedhof zusammenzufassen und die innerstädtischen Friedhöfe aufzulassen. Das scheiterte aber am Widerstand der Bevölkerung, und so hat Wien eine Reihe kleiner Friedhöfe, die kaum noch in Verwendung sind und die trotzdem als gleichsam von den Toten geschützter Grünraum erhalten bleiben. In Sankt Marx ist ein bisschen auch der berühmte Wolferl dafür verantwortlich, dass der Friedhof nicht gänzlich verschwindet, und so sind die Feldhamster, die hier wohnen, ein wenig auch Mozarts Hamster.


Kurzer, werbetechnischer Nachsatz für alle Wien:innen: Aktuell gibt es eine Petition für die Neufassung der Wiener Rattenverordnung:

https://petitionen.wien.gv.at/petition/online/PetitionDetail.aspx?PetID=6962ac1852c84869b136c6345dc53c89

Diese Petition richtet sich unter anderem gegen Rattenköderboxen im Freien, durch die nachweislich immer wieder auch Hamster vergiftet werden. Dieses Ausbringen von Giftköder in Wiener Parks habe ich hier im Blog schon vor Jahren kritisiert. Für die Unterschrift braucht man Handy-Signatur und Wohnsitz in Wien.

Verkehrte Temperatur

Bei uns fiel Anfang Dezember Schnee, und der blieb bis in den März hinein liegen. Auch der Gartenteich war mehr als drei Monate durchgehend tragfähig zugefroren. So Winter wie diesen Winter war schon lange nicht mehr Winter. Dementsprechend wenig war im Garten los. Alles ruhte unter einer dicken, weißen Schicht, wie auf folgendem Bild zu sehen ist:

Reh im Garten

Dieses Foto habe ich durchs Fenster aufgenommen. Ich kenne einige Leute, die regelmäßig Rehe im eigenen Garten sehen, aber die wohnen am Waldrand und haben keinen Zaun rund ums Grundstück. Unser Garten ist mitten in Dorf. Und dann steht da plötzlich zu Mittag ein Reh und knabbert an unseren Rosen. Das zweite Foto war das erste und ist wegen dem Fliegengitter technisch misslungen, aber es gibt die Situation realistischer wieder:

Reh im Garten

Wer genau schaut, sieht rechts oben die Füße einer Person, die auf Nachbars Terrasse sitzt. Und über den Zaun muss das Reh gekommen und zehn Minuten später auch wieder gegangen sein. Was tut man nicht alles auf der Suche nach Nahrung, wenn der Winter lang ist.

Ich habe übrigens nur Fotos durchs Fenster. Der Garten ist nicht groß genug für uns zwei. Dieses Reh hatte eine Fluchtdistanz, die deutlich größer war als unser Garten lang. Wir haben im Haus gewartet, bis es in Ruhe wieder verschwunden ist. Zurück blieben nur ein paar Spuren im Schnee.

Und wenn jetzt jemand fragt, ob wir vom Klimawandel ausgenommen sind: Auch bei uns war dieser Winter einer der wärmsten in der Aufzeichnungsgeschichte. Des Rätsels Lösung, wie das zusammen passt, ist konsequente Inversionswetterlage im Klagenfurter Becken. Auf dem Berg war es oft bis zu 20 Grad wärmer als im Tal. Ich konnte das selbst auf einer nächtlichen Fahrt über die Pack beobachten. Oben zeigte das Thermometer plus zehn Grad und unten minus sieben. Dazwischen lagen 30 Kilometer horizontal und 600 Meter vertikal.

Wenn der Wind die kalte Luft nicht aus dem Becken treibt, bildet sich oben eine Dunstschicht, die die gesamte Sonneneinstrahlung reflektiert. Der Talboden wärmt sich nicht, und so hatten wir einen Winter mit durchgängigen Minustemperaturen. Zu Silvester ging beispielsweise eine Warmfront übers Land, in Wien hatte es 17 Grad, bei uns knapp unter Null. Rundum spielte das Wetter verrückt, und wir hatten Winterpause. Aber wenigstens hat der kalte, graue Winter unter der Schneedecke den Rosen gut getan.