So klein und schon Specht

Früher war man unter der Woche beim Spaziergang in der Natur eher ungestört. Nicht so in den merkwürdigen Zeiten, die wir momentan durchleben. Leute, die normalerweise maximal bis zum Wirten um die Ecke oder ins Kino gehen, schieben sich in langen Prozessionen durch Parks und städtische Naherholungsräume. Im Wiener Prater zum Beispiel ist auf den Gehwegen manchmal mehr Verkehr als nebenan auf der Tangente. Und dabei wirken die Menschen, als gäbe es rundum nichts, was ihr Interesse wecken könnte. Es fehlt die Abwechslung.

Das ist mein Stichwort. Ein kurzer Blick über die Schulter, ob keiner überholt, dann die Lücke im Gegenverkehr nützen, runter vom Weg und raus mit der Kamera. Hektisch fuchtle ich damit in die Luft, um den Augenblick zum Verweilen einzuladen, weil ich kaum glaube, was ich sehe. Das Publikum nimmt meine spontane Live-Peformance dankbar an, ich spüre durch die Schädeldecke, wie sie hinter mir stehen bleiben und mich beobachten, aber meine Aufmerksamkeit gilt etwas ganz Kleinem, das allen anderen offensichtlich verborgen bleibt.

Ich habe einen Vogel entdeckt, der kaum größer ist als eine Kohlmeise und hoch oben ausgesprochen lebendig durch die Äste turnt. Es ist ein weiblicher Kleinspecht, die Männchen haben eine rote Kappe. Diese kleinen Verwandten des Buntspechts sind eigentlich weit verbreit, aber nirgends häufig. Der Prater mit seinem naturbelassenen Baumbestand und dem vielen Totholz bietet ihnen einen perfekten Lebensraum und mir dadurch die Gelegenheit für ein paar Fotos.

An all das denke ich aber während des Fotografierens nicht. Ich weiß nur, dass das etwas Besonderes ist, was ich da vor der Linse habe, und freue mich bei dem schönen Wetter wie Goethes Faust zu Ostern: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Und so viel Publikum und niemand fragt mich, was ich hier mache. Ich werde das Social Distancing vermissen!

18 Kommentare zu „So klein und schon Specht

    1. Ich wusste auch aus Büchern, dass es den gibt, aber selbst als ich ihn gesehen habe, wusste ich nicht, dass er bzw sie es ist, weil die Männchen oben rot sind und die Vögel auf Fotos größer wirken. Im gleichen Baum waren gleichzeitig eine Kohlmeise, ein Buntspecht und der Kleinspecht. Der Kleinspecht benimmt sich wie ein Buntspecht und ist nicht größer als die Kohlmeise. Lieb halt.

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    1. Ja, manchmal ist die Natur voll. Ich fahre auch lieber im Winter Rad, da sind die Radwege leer.
      Umso mehr habe ich mich über diesen Fund gefreut. Offensichtlich hat den Specht die Massenprozession nebenan nicht gestört.
      Liebe Grüße
      Richard

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    1. Es gab natürlich einen Grund. Nebenan hat ein Buntspecht im gleichen Baum gehämmert. Da war irgend etwas ganz Gutes zum Fressen. Und dann lässt man sich schon mal dabei zusehen, vor allem wenn man ganz oben über dem Geschehen im Baum hängt. 😉

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      1. Für den Hobbygebrauch ist die ganz ok. Vor allem das Teleobjektiv kann was. Aber eine wirklich gute Profikamera kann ich mir nicht leisten. Und ich will ja auch keine Plakate drucken, nur den Blog füttern.

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  1. Was für eine tolle Sichtung! Ich hätte mich genauso sehr gefreut wie du und in dem Moment kann man das Publikum doch bestens ausblenden oder? Ich sah jetzt schon einige Spechte, aber wie du schreibst, wohl noch nie einen Kleinspecht. Wie niedlich!! Und du hast ihn so gut aufs Bild bekommen. Echt schön. Ja, und leere Wege, die must du suchen 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke. Wenn der nicht so ungewöhnlich im Baum gehangen wäre, hätte ich ihn ja für eine Meise gehalten und übersehen, aber die Spechte bewegen sich ganz eigen, und das fällt einem auch aus dem Augenwinkel auf.

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  2. Wow! Noch nie habe ich einen Kleinspecht gesehen! Der ist ja süß! Mittelspecht, Buntspecht und Schwarzspecht toben ja auch bei uns in Hannover in der Eilenriede rum. Meine Stadtteilnachbarin Almuth von Pflanzwas hat einige wunderbare Aufnahmen von einigen dort gemacht.
    Ich könnte mir vorstellen, dass es ihn auch bei uns gibt und ich ihn einfach wegen seiner kleinen Größe übersehe. Da muss ich mal drauf achten.

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    1. Ja, über den habe ich mich auch sehr gewundert und gefreut. Mir ist er nur aufgefallen, weil er, eigentlich sie, einen Ast von unten bearbeitet hat, und das hätte eine Kohlmeise so nicht gemacht. Die Bewegungen waren auffällig, wie bei den größeren Verwandten.

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    1. Wobei man dazu sagen muss, dass erst die Technik und die Fotos zeigen, wie schön der Vogel ist. Im Moment der Sichtung versucht man nur, möglichst viele Aufnahmen zu machen. So klein, wie der ist, wäre mir die Schönheit mit freiem Auge nicht bewusst gewesen.

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