Harte Arbeit

Rotkehlchen

Meinem Gefühl nach sind Rotkehlchenfotos die Katzenvideos der Wildtierbeobachtung. Man könnte glauben, auf jedem Spaziergang wartet ein neugieriges Rotkehlchen, um fotografiert zu werden. Wie das funktioniert, ist mir schleierhaft, denn in unserem Garten wohnen solche Rotkehlchen nicht. Wenn eines posiert, ist es auf der Durchreise. Ortsansässig gibt es nur zwei: Das dominante und das zur Paarung geduldete, und beide sind scheu.

Seit Winterende sehe ich jeden Morgen durchs Fenster ein Rotkehlchen bei der Ansitzjagd. Das nistet zweifellos ganz in der Nähe. Sobald ich mit der Kamera draußen bin, ist es weg. So geht das seit Wochen, aber mittlerweile sind wahrscheinlich die Jungen zu versorgen, und bei der Futtersuche wird das Elterntier unaufmerksam.

Ok, zuerst ist es noch hinter dem Zaun. Dann ist es auf der richtigen Seite vom Zaun aber hinter der Deutzie. Und zum Schluss komme ich doch noch zu meinem Foto. Auf unserer Seite schmecken die Spinnen halt doch am besten. Nach Wochen harter Arbeit ist das somit mein Beitrag zu den Rotkehlchenfotos. Aber objektiv betrachtet ist mein Exemplar natürlich das schönste von allen. Zumindest ist es sicher der Vogel, den ich immer beim Frühstück durchs Fenster sehe, denn Rotkehlchen halten sich an ihre Reviere, und das ist der Grund, warum ich dieses Exemplar immer zur gleichen Zeit an den gleichen Stellen bei der Jagd beobachten kann.

Die Rotkehlchen kommen

Rotkehlchen

Seit der Herbst da ist, sind die Rotkehlchen die häufigsten Vögel in unserem Garten. Den ganzen Sommer über habe ich kein einziges gesehen. Rotkehlchen bevorzugen halboffene Höhlen als Nistplätze, und natürlich habe ich einen geeigneten Nistkasten im Garten montiert, aber bislang blieb er unbenützt.

RotkehlchenIm Winter sehe ich fast jeden Tag ein einzelnes Rotkehlchen. Es ist schätzungsweise immer dasselbe. Nicht dass ich ein Rotkehlchen vom anderen unterscheiden könnte, aber es zieht mehrmals am Tag mit einer Bande von, sagen wir, zehn Feldspatzen, zwei Hausspatzen, zwei Blaumeisen und fünf Kohlmeisen vorbei. Während die anderen Vögel die Futtersäule ansteuern, interessiert sich das Rotkehlchen für den Komposthaufen. Es ist ein geschickter Jäger und findet dort auch im Winter verschiedene Krabbeltiere. Das Körnerfutter wird meist verschmäht.

Rotkehlchen gelten als Einzelgänger, die ihr Revier oft aggressiv verteidigen. Wenn der Frühling kommt, sieht man allerdings hie und da einen zweiten Vogel. Welcher von beiden das Männchen und welcher das Weibchen ist, lässt sich leider nicht unterscheiden. Das könnte man maximal am Verhalten erkennen. Im Normalfall kommt das Weibchen ins Revier des Männchens und nähert sich ihm unterwürfig. Irgendwann haben sich dann die Pärchen gefunden, und anschließend sind sie, wie gesagt, den ganzen Sommer über verschwunden.

RotkehlchenMan könnte fast meinen, die Rotkehlchen wären Zugvögel, und zum Teil sind sie das ja auch. Die Populationen aus Nord- und Osteuropa überwintern im Mittelmeerraum. Bei uns in Mitteleuropa sind sie jedoch sesshaft und ziehen maximal über kurze Strecken.  Am wahrscheinlichsten ist, dass die umliegenden Wälder im Sommer ein besseres Nahrungsangebot für die Aufzucht der Jungen bieten. Im Herbst dann, wenn der Speiseplan mit Beeren und anderen Früchten ergänzt wird, zieht es die Familien in die Gärten. Bei uns werden mit Vorliebe der Wilde Wein und die Pfaffenhütchen abgeerntet.

Von Einzelgängern kann im Moment übrigens nicht die Rede sein. Es sind immer mehrere Vögel gleichzeitig unterwegs. Sie sind genauso gesellig und kommunikativ wie die anderen Singvögel, melden sich gegenseitig ihre Position und meiden geschickt jeden Kontakt mit Katzen und anderen Gefahren. Es heißt, Rotkehlchen hätten eine kurze Fluchtdistanz. Von weniger als einem Meter liest man. Ich kann das nicht bestätigen. Unsere Rotkehlchen sind scheu und sie verstecken sich geschickt. Nur manchmal verrät sie ihr orangeroter Latz.

Rotkehlchen

Und sie sind neugierig. Sie beobachten uns genau so aufmerksam wie wir sie. Menschen neigen nämlich im Herbst dazu, ihre Beete umzugraben oder neue Pflanzen einzusetzen. Bei uns kann man im Moment fast sicher sein, dass dann ein Rotkehlchen irgendwo im Gebüsch sitzt und darauf wartet, dass ein Leckerbissen aus der Erde auftaucht.