„Do you know what the most frightening thing in the world is? It’s fear.“
Peeping Tom
Es kann durchaus vernünftig sein, vor Schlangen Angst zu haben. Wer eine Grüne Mamba fotografiert, tut das am besten durch eine Glasscheibe. Das ist nicht gut für die Bildqualität, erhöht aber die Lebenschancen des Fotografen.

Die Ringelnattern in unserem Gartenteich sind hingegen harmlos. Es sind ungiftige, zierliche und scheue Schlangen. Die meisten sind jung, das heißt ihr Kopf hat ungefähr die Größe eines kleinen Fingernagels, und der Körper ist maximal 40 Zentimeter lang.

Normalerweise besteht keine Möglichkeit, den Tieren nahe zu kommen, denn ihre Fluchtdistanz liegt irgendwo bei fünf Metern. Dringt man in diesen Bereich ein, so verziehen sie sich in den hinteren Teil des Teichs oder tauchen ab. Es muss aber auch einen zweiten, konzentrischen inneren Zirkel geben, den sie nicht mehr überwachen. Hier fühlen sie sich sicher, wie ich neulich feststellte.
Vor ein paar Tagen wollte ich schwimmen gehen, stand bis zum Bauch im Wasser und wartete darauf, dass es wärmer wird. In diesem Moment sah ich eine kleine Schlange ins Wasser gleiten und den Teichrand nach Beute absuchen. Sie bewegte sich in meine Richtung und war bald in Griffweite ohne mich zu bemerken. Selbst wenn ich mich reflexartig kratzte oder den Kopf drehte, schwamm sie nicht davon. Sie verharrte nur eine Minute regungslos und setzte dann ihre Suche fort.
Irgendwann schwamm sie direkt auf mich zu, und ich musste erstaunt feststellen, dass es in diesem Zusammenhang noch eine zweite Fluchtdistanz gibt, nämlich meine eigene! Kurz bevor mich die Ringelnatter erreichte, schlug die Stimmung um. Aus der Freude über die unerwartete Naturbeobachtung wurde plötzlich blanke Panik. Vor allem, weil sich die Schlange beim besten Willen nicht zur Flucht bewegen ließ. Sie fühlte sich sicher und drehte erst allmählich ab, um zwischen nahegelegenen Pflanzen darüber nachzudenken, was ihr gerade passiert war. Für mich war das Wasser mittlerweile warm genug, und ich schwamm in die andere Richtung, um es ihr gleich zu tun.
Was hatte diese Reaktion ausgelöst? Aus der Nähe fokussiert man nur noch auf den sich windenden Ruderschwanz, und der hat etwas Wurmartiges. Womit wir beim Guineawurm wären. Ich weiß, der Übergang hinkt jetzt, aber diese Art, die man auch Medinawurm nennt, drängt sich auf, wenn man Wurm und Schlange verwechselt. Der Guineawurm sieht aus wie ein weißer Bindfaden und zählt zu den Parasiten, die den Menschen seit Jahrtausenden begleiten.
Während ich durchs Teichwasser schwimme, sind rund um mich wahrscheinlich zahlreiche Hüpferlinge. Das sind winzige Krebse, die man mit freiem Auge kaum erkennen kann. In den tropischen Regionen wären sie der Zwischenwirt des Guineawurms. Die Larven werden mit dem Trinkwasser aufgenommen, verwandeln sich im Bauchraum zum fertigen Tier und leben dort etwa ein Jahr. Sie wandern herum, paaren sich, die kleineren Männchen sterben und werden abgekapselt. Von all dem bekommt der Wirt nichts mit, denn diese Parasiten sind perfekt an uns Menschen angepasst und täuschen unser Immunsystem. Wie sie die Abstoßreaktion vermeiden, würden Transplantationschirurgen gern wissen.
Am Ende wandern die Weibchen, die ungefähr einen Meter lang sind, meist in die Beine, wo sich eine Beule bildet. Zur Linderung taucht man die Wunde ins kühle Wasser, und so gelangen die Larven wieder in die Hüpferlinge.
Aber was hat das mit den Schlangen zu tun? Infektionen mit dem Guineawurm sind mittlerweile selten. Wenn man die Zusammenhänge kennt, kann man die Übertragung leicht vermeiden, indem man das Trinkwasser durch ein feines Nylongewebe filtert. Die Behandlung ist aber auch heute noch so wie im Altertum: Man zieht den Wurm in wochenlanger Kleinarbeit aus dem Körper und wickelt ihn dabei auf ein kleines Holzstäbchen. Das machen Ärzte in den Tropen seit Jahrtausenden, und seit der Antike ist die um einen Stab geschlungene Schlange ihr Symbol. Man findet sie im Logo der WHO und in allegorischen Darstellungen der Medizin wie auf dem folgenden Deckenfresko um 1730, das den Bibliothekssaal der alten Wiener Jesuitenuniversität ziert.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass die antiken Darstellungen des Gottes Asklepios mit der um einen Stab geschlungenen Schlange auf diese Behandlungsmethode zurück gehen. Klar ist aber, dass dem ekligen Wurm die Werbewirksamkeit gefehlt hätte, während die Äskulapnatter, der man Heilkräfte zuschrieb, zu einem positiven Symbol der Medizin stilisiert werden konnte.

Tatsächlich sind die Bewegungen einer Schlange anmutig und elegant. Wenn sie entspannt durch den Teich schwimmt, bewegt sich der an der Oberfläche befindliche Kopf auf einer geraden Linie durchs Wasser. Das ist perfekte Koordination der Körpermuskulatur und hat wenig mit dem eher ziellosen sich Winden eines Wurmes zu tun. Solange man auf die richtige Distanz achtet. Aber Schlangen sind ja nicht nur schön, sondern auch intelligent und lernfähig. Seit unserer Begegnung kommt mir unsere Teichbewohnerin nicht mehr zu nahe. Der Fehler, mich zu übersehen, passiert ihr nicht noch einmal.











































