Das Schmetterlingsdilemma

Kleiner Kohlweißling Raupen

Der Kohlrabi ist bei uns eine bedrohte Art. Im Garten fressen ihn die Schnecken, also wächst dieses Gemüse auf dem Balkon, gleich neben dem Salat. Das hilft zwar gegen Schnecken aber nicht gegen Schmetterlinge.

Neulich waren die Kohlrabiblätter regelrecht skelettiert. Die Übeltäter waren kleine grüne Raupen. Auf dem folgenden Bild sieht man zahlreiche von ihnen, wenn man sie sieht, denn farblich unterscheiden sie sich kaum von den Blattresten.

Kohlrabi

Zum Kleinen Kohlweißling weiß Bellmanns Insektenführer: „Die Eier werden einzeln auf den Futterpflanzen […] abgelegt.“1 Davon weiß der Falter aber nichts. 50 Raupen habe ich schon abgeklaubt und in die Wiese übersiedelt.

Ich habe keine Ahnung, ob sie dort geeignete Ersatznahrung finden, aber wenn ich Ersatz für meine Kohlrabi suchen muss, hat der Spaß ein Ende. An den Schmetterlingen hätte man ja seine Freude, aber ihre Kinder nerven und sind gefräßig. Die gründliche Metamorphose zwischen Raupe und Imago hilft uns beim Verdrängen, aber es bleibt ein Dilemma.

Das eigentliche Problem ist, dass wir uns im Laufe unserer Evolution dazu entschlossen haben, all die guten, wohlschmeckenden und nahrhaften Pflanzen zu verzehren, die auch so vielen anderen Arten als Nahrung dienen. Leider macht halt erst das, was wir essen, uns zu dem, was wir sind. Hätten wir uns vor Jahrmillionen für Bambus entschieden, würde jetzt wahrscheinlich ein Pandabär diesen Blog schreiben, und ich wäre im Zoo ausgestellt. Na ja, wenigstens hätte ich dort mehr Besucher.

Der Held der Geschichte ist aber sowieso der Kohlrabi. Wenn man ihn nicht völlig platt macht, lässt er sich für jedes amputierte Blatt einfach ein neues wachsen, und weil Pflanzen duldsam sind, wird das sogar noch was mit meiner Ernte.


  1. Heiko Bellmann: Der Kosmos Insektenführer, Stuttgart 2018, S. 410 ↩︎

Der Gelbrandkäfer

Kaum sind die Larven des Gelbrandkäfers verschwunden, tauchen Ende Juni, Anfang Juli die umgewandelten Käfer auf. Wir tendieren dazu, aus zeitlichen Zusammenhängen kausale abzuleiten, aber das führt in diesem Fall auf eine falsche Fährte. Sobald sich die Gelbrandkäferlarven im Frühling an den Kaulquappen die richtige Größe angefressen haben, verpuppen sie sich am Teichgrund und überwintern dort. Die Käfer, die man im Sommer sieht, stammen vom letzten Jahr. Sie paaren sich wiederum im Herbst und laichen im nächsten Frühling ab. Bei uns im Teich paaren sich manche aber auch erst im April. So ein variabler, mehrjähriger Fortpflanzungszyklus hat den Vorteil, dass die Population nicht ausstirbt, wenn in einem Jahr das Nahrungsangebot fehlt.

Der fertige Käfer hat vor allem eine beeindruckende Größe von drei bis vier Zentimetern. Es gibt beide Geschlechter in allen Farbschattierungen von olivgrün bis dunkelbraun. Die Weibchen sind meist gerippt, die Männchen glatt. Früher waren sie weit verbreitet, mittlerweile sind sie eher selten, weil die gefräßigen Larven auf Kaulquappen als Nahrung angewiesen sind, und mit den Amphibien verschwindet auch der Gelbrandkäfer.

Das letzte Beinpaar bildet perfekt ans Leben im Wasser angepasste Ruder. Die Borsten stellen sich bei der Vorwärtsbewegung mit der Strömung automatisch flach, während sie sich beim Rückstoßen aufstellen und so für einen kräftigen Antrieb sorgen. Diese Mechanik funktioniert rein passiv. Der Käfer bewegt die Beine mit seiner Muskulatur nur vor und zurück.

Untertags sind die Tiere muntere Schwimmer, die sich auch einmal längere Zeit mit einem auf dem Wasser treibenden Schneckenhaus spielen. In der Nacht verlassen sie manchmal das Wasser und können weite Strecken im Flug zurücklegen. Bei Überbelag wandern so einige Exemplare im Laufe der Saison ab, während neue Gewässer zügig besiedelt werden.

Über den Gelbrandkäfer finden sich im Internet Horrorgeschichten. Er tritt manchmal in Massen auf, kann empfindlich zwicken und verleidet so die Freude an Pool und Schwimmteich. Das kann ich nicht bestätigen. Wir haben die Tiere seit Jahren und sie haben mich beim Schwimmen noch nie gestört. Dass ihre Zahl mit jeder Saison ein bisschen zunimmt, deute ich eher als Signal für einen ausreichenden Amphibienbestand, der auch diesem Fressfeind genügend Nahrung bietet.

Noch mehr Schmetterlinge

Wachtelweizen-Scheckenfalter

Die Zusammensetzung der Schmetterlinge im Garten ist jedes Jahr anders. Den Kohlweißlingen, die normalerweise immer in kleinen Gruppen herumflattern, muss man dieses Jahr für ein Foto regelrecht hinterherlaufen.

Dafür sehe ich jeden Tag mehrere Landkärtchen. Dieser Falter ist bei uns zwar jedes Jahr zu Gast, aber selten sieht man zwei auf einmal wie die folgenden Exemplare auf den Blüten des Oregano. Deutlich erkennbar sind die unterschiedlich eingerissenen Flügel, die zeigen, dass es wirklich zwei verschiedene Individuen sind.

Schmetterlinge sind selten unversehrt. Dem Wachtelweizen-Scheckenfalter auf dem nächsten Bild fehlen nicht nur Teile der Flügel sondern auch ein Fühler. Wie der übliche Gewitterschaden sieht das nicht aus. Entweder hat ihn ein Rasenmäher erwischt, oder er ist nur knapp einem Fressfeind entkommen. Auch sein Kollege hat eine kleine Macke im rechten Hinterflügel.

Der Zitronenfalter macht in heißen Sommern oft eine Ruhepause. Dann verschwindet er für einige Zeit von der Bildfläche. Dieses Jahr ist das anders, und man sieht immer wieder Exemplare durch den Garten flattern. Das Männchen auf den folgenden Fotos verköstigt sich an den Blüten des Natternkopfs.

Im Schatten der Kornelkirsche konnte ich diese Woche auch eine Schornsteinfegerpaarung beobachten. Das Wort habe ich vor dem Beitrag gegoogelt, um sicher zu gehen, dass die Suchmaschine es richtig versteht. Sonst hätte ich für diesen Falter sicherheitshalber die alternative Bezeichnung Brauner Waldvogel verwendet. Schornsteinfeger heißt er wegen der ringförmigen Flecken, die an die Knöpfe der Berufskleidung erinnern.

Das Highlight der Woche war aber der nächste Kerl, der bei einem missglückten Landeversuch nass wurde und sich anschließend auf einem Seerosenblatt trocknete, bevor er wieder weiterflog. Das ist ein Weißer Waldportier, wenn mich nicht alles täuscht. Dieser relativ große Falter gilt in manchen Regionen als ausgestorben. Es ist immer wieder überraschend, was im Garten so alles vorbei flattert.

Noch mehr Ochsenaugen

Großes Ochsenauge

Das Große Ochsenauge ist ein Schmetterling, den ich normalerweise ignoriere, wenn ich mit der Kamera durch den Garten gehe. Es hat sich in den letzten Jahren bei uns zum häufigsten Schmetterling entwickelt und diesbezüglich dem Kohlweißling längst den Rang abgelaufen. Wie so oft läuft man dem Seltenen hinterher und übersieht, was man täglich vor der Nase hat. Mittlerweile haben wir aber so viele Ochsenaugen im Garten, dass sie sich schon aufgrund ihrer Menge wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit drängen.

Früher war die Beobachtung einer Schmetterlingspaarung etwas Besonderes. Beim Großen Ochsenauge sehe ich fast jeden Tag Exemplare, die dafür sorgen, dass es nächstes Jahr wahrscheinlich noch mehr von ihnen geben wird. Die Fotos in diesem Beitrag stammen alle vom letzten Wochenende, und es war nicht immer dasselbe Paar, das ich mit der Kamera von Rastplatz zu Rastplatz gescheucht habe.

Diese Art scheint in vielen Regionen vom Klimawandel zu profitieren. Noch wichtiger sind aber die zahlreichen Wieseninseln, die ich im Garten stehen lasse. Die Raupen des Großen Ochsenauges ernähren sich von Gräsern, und sie sind dabei nicht anspruchsvoll. Wenn man gewisse Stellen nur einmal im Jahr mäht, dann reicht ihnen das schon.

Von früh bis spät flattern die Schmetterlinge knapp über dem Boden oder in den Sträuchern. Bei der Paarung sind sie fast leichter zu fotografieren, weil sie in der Bewegung gehandikapt sind. Zwischendurch müssen sie aber auch Nahrung aufnehmen, und dann gibt es die Gelegenheit für ein schönes Portrait.

Großes Ochsenauge

Wenn Allerweltsarten zahlreicher werden, dann ist das nicht unbedingt ein beruhigendes Signal für die Artenvielfalt. Auf der einen Seite werden manche Schmetterlinge immer mehr und auf der anderen viele Arten immer weniger. Ich habe an diesem Wochenende aber auch vereinzelte Landkärtchen, Zitronenfalter und andere gesehen. Fotografieren wollte ich diesmal nur die Ochsenaugen. Sehr schön machen sie sich zum Beispiel mit Weichsel im Hintergrund.

Großes Ochsenauge Paarung

Es heißt, dass Schmetterlinge früher in vielen Regionen massenhaft vertreten waren. Beim Ochsenauge bekomme ich einen kleinen Einblick, wie das funktioniert haben kann. Jeder Falter auf den obigen Fotos hat seine Raupenphase in einem Garten mit Nistkästen von Blaumeisen, Kohlmeisen und Hausspatzen überstanden. Von den anderen Vogelarten, die in den umliegenden Hecken nisten und meiner Aufmerksamkeit oft entgehen, ganz zu schweigen. Trotzdem haben sich diese Schmetterlinge durchgesetzt und sorgen jetzt dafür, dass es nächstes Jahr wieder zahlreiches Proteinfutter für die Jungvögel geben wird, und mir macht das eifrige, paarweise Flattern ganz nebenbei gute Laune.

Gelbrandkäferlarven im Teich

Gelbrandkäferlarve

In diesem Frühjahr sieht man viele gekrümmte Insektenlarven an der Teichoberfläche hängen, um mit dem Hinterleib Luft zu tanken, und am anderen Ende hängt meist eine Kaulquappe zwischen den unnachgiebigen Greifzangen.

Das sind die Larven der Gelbrandkäfer, die sich durch die Ruderbewegung der Beine beim Schwimmen und das fast immer gekrümmte Hohlkreuz deutlich von Libellenlarven unterscheiden. Dass man sie ständig fressen sieht, liegt nicht nur an ihrem Appetit, sondern auch daran, dass sie ihre Nahrung außen verdauen müssen. Dazu spritzen sie Verdauungssäfte in das Opfer, und es dauert seine Zeit, bis sich deren Wirkung entfaltet und sie anschließend den entstandenen Nahrungsbrei einsaugen können.

Trotz dieser heimtückischen Fressfeinde gibt es dieses Jahr nicht weniger Kaulquappen als sonst. In der Natur ist alles immer mehrfach verwoben, und das ist der Grund, warum die Lotka-Volterra-Regeln über die zahlenmäßige Beziehung zwischen Beute und Beutegreifer zwar theoretisch richtig, aber in der Praxis kaum nachweisbar sind. Gelbrandkäferlarven fressen, was sie kriegen können, auch Artgenossen und Libellenlarven, wie auf dem nächsten Bild zu sehen ist.

Gelbrandkäferlarve

So reduzieren sie nicht nur die Kaulquappen, sondern auch deren Fressfeinde. Die Gelbrandkäferlarven werden übrigens noch länger ihrem gefräßigen Tagwerk nachgehen. Sie verpuppen sich im Herbst, um so im Schlamm zu überwintern, und der fertige Käfer zeigt sich erst im nächsten Jahr.

Gelbrandkäfer

Dieses Männchen habe ich vor fünf Jahren aufgenommen. Es muss eines der ersten Exemplare im Teich gewesen sein, und ein besseres Foto habe ich immer noch nicht, denn die erwachsenen Tiere sind im Gegensatz zu den Larven deutlich scheuer und unauffälliger.